Clara Zetkin: Das Verrückteste

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 3, 29. Januar 1902, S. 17 f.]

Herr Schlumberger, der steinreiche Mühlhauser Fabrikant, der von Arbeiter Dummheit und Arbeiter Schuld die Elsässer Fabrikantenkaste im Reichstag vertritt, hat eine jener Äußerungen getan, die mit der Schärfe des Scheinwerfers die Moral, die Auffassung der Kapitalistenklasse beleuchtet. Er nannte es das „Verrückteste“, dass die Gewerbeordnung die Fabrikarbeit von Kindern im Alter von 14 bis 16 Jahren auf 10½ Stunden täglich beschränkt. Diese Vorschrift macht seiner Ansicht nach den proletarischen Nachwuchs zu „Bummlern und Faulenzern“. Mit gravitätisch erhobenem Schulmeisterfinger warnte Herr Schlumberger die Reichsregierung davor, noch länger mit jener sozialpolitischen „Ungeduld“ vorwärts zu rasen, die so „Verrücktestes“ verschuldet.

Gewiss, dass die Schlauen und Einsichtsvollen in der bürgerlichen Welt von dieser Äußerung des Mühlhauser Schreckenskindes abzurücken suchen. Nichtsdestoweniger bleibt wahr, dass in ihr Denken und Wünschen der Kapitalistenklasse ihren typischen Ausdruck gefunden hat. Herr Schlumberger repräsentiert den Durchschnittsunternehmer, den das kapitalistische Ausbeutungsbedürfnis blind macht gegen jede höhere Einsicht, und dem gelegentlich auch die selbstverständlichste Alltagsklugheit mit der Profitgier durchgeht. Die Geschichte des Kapitalismus beweist, dass die Unternehmerklasse je und je die skrupelloseste Verwendung kindlicher und jugendlicher Arbeitskräfte als das „Vernünftigste“ praktiziert hat, das heißt als das Profitabelste. Unterwirft sie doch der kapitalistischen Ausbeutung die billigsten und widerstandsunfähigsten Elemente; ist sie doch ein vortrefflich bewährtes Mittel, die Löhne der Erwachsenen zu drücken; macht sie doch dem Kapital die letzten Glieder der proletarischen Familie tributpflichtig.

Im buchstäblichsten Sinne des Wortes ist die Geschichte der modernen Wirtschaftsordnung die Geschichte unerhörter und ungesühnter Verbrechen wider die Kinder und jungen Leute der arbeitenden Massen. Diese Verbrechen beginnen mit der namenlosen Ausbeutung der Eltern, zumal der Mutter, einer Ausbeutung, welche Scharen proletarischer Kleinen noch vor der Geburt zu Schwächlichkeit und Siechtum verurteilt. Sie werden fortgesetzt, indem dem Säugling die Mutterbrust und Mutterpflege entrissen, indem das Heim zertrümmert wird, welches das Kind schützend umfangen sollte. Und sie finden ihre Vollendung damit, dass Kinder zarten Alters, dass halbwüchsige Burschen und Mädchen auf den verschiedensten Gebieten der Erwerbsarbeit der gewissenlosen proletarischen Ausbeutung unterworfen werden. So fügt sich der furchtbare eherne Ring zusammen, der Vernichtung des Körpers und Geistes in sich schließt, und aus dem es für Millionen kein Entrinnen gibt.

Man lese in Marx‘ „Kapital“, in Engels‘ „Lage der arbeitenden Klassen in England“ nach, was englische Fabrikinspektoren über die barbarischen Gräuel der kapitalistischen Ausbeutung kindlicher Arbeitskräfte berichten, was Schippel in seinem „Modernen Elend“ darüber schreibt. Man beschäftige sich mit den Tatsachen, die Philanthropen und bürgerliche Reformer aus allen Ländern und von allen Erwerbsgebieten über diese Materie zusammengestellt haben. Und – um im Vaterland und in unserer Zeit zu bleiben – man studiere die Berichte und Erhebungen der deutschen Fabrikinspektoren, man vertiefe sich vor Allem in das Material, welches der Rixdorfer Lehrer Herr Agahd in verdienstvollster Weise gesammelt hat, und das erst in diesen Tagen wieder durch die Feststellungen des Schuldirektors Tippmann in Chemnitz ergänzt worden ist. Die furchtbarste Anklage gegen die kapitalistische Ordnung ist es, die sich aus all diesen Dokumenten von unserer Zeiten Schande erhebt. Von den Tatsachen ringen sich markerschütternde Schreie der Plage los, Bild auf Bild herzzerreißenden Jammers zieht vor uns auf. Da sehen wir Kleine, ehe sie schulpflichtig geworden; Kinder, die noch auf die Schulbank oder den Spielplatz gehörten, lange, viel zu lange Stunden bei spottschlecht gelohnter Erwerbsarbeit, die ihre schwache, unreife Kraft übersteigt, die in Sonnenglut und unter Regenschauer, in überfüllten Wohnungshöhlen und dumpfigen Werkstätten, im Straßengetriebe und beim Kegelaufsetzen inmitten halb Betrunkener unter Bedingungen stattfindet, die der Sittlichkeit ebenso verderblich wie der Gesundheit sind. Bei eintönigem, mechanischem Schaffen ermatten die Glieder, die Sinne werden stumpf, bleischwerer Druck legt sich auf das Gehirn, der Eifer zum Lernen erlischt, die Auffassung wird träge, es flieht die Freude am Leben und geknickt bricht der Wille zusammen. Der Mechanismus der kapitalistischen Ausbeutung ergreift den weichen, bildsamen Ton der jungen, unentwickelten Menschenleben und formt jugendliche Greise daraus, müde an Leib und Seele, welke Geschlechter, die sich in kraft- und saftlosen Kindern fortpflanzen. Ein Raubbau mit menschlicher Kraft, menschlichem Leben, wie es wahnwitziger nicht erklügelt werden kann, vernichtet Unsummen von Fähigkeiten, die den materiellen Reichtum der Gesellschaft zu wahren, ihre geistige und sittliche Kultur wertvoll zu fördern vermöchten.

Warum, ja warum? Auf dass der kapitalistische Profit wachse. Non olet, Geld stinkt nicht, auch wenn es aus dem Blute vorzeitig dem Tode überlieferter Kinder aufgehoben wird, auch wenn angenehme Jugendlust und das körperliche, geistige und sittliche Verkommen ganzer Generationen daran hängt. Kinderopfer ungezählt sind es, auf denen sich manche herrliche Villa aufbaut, und die blühende Gesundheit, die rosigen Wangen, das lachende Kinderglück und die sorgsame Erziehung Hunderter von Sprösslingen der Kapitalisten sind erkauft mit dem Siechtum, dem namenlosen Elend, dem Verkommen Hunderttausender proletarischer Kinder.

Eitel Verrücktheit dünkt es dem Durchschnittskapitalisten, dass das Gesetz die Ausbeutungsgewalt des Geldsacks den kindlichen Arbeitskräften gegenüber auch nur ein Weniges beschränkt. Eitel Verrücktheit und mehr als das – straffällige Pflichtvergessenheit – dünkt es dagegen dem Proletariat, dass die Gesellschaft die Jugend des werktätigen Volkes nicht besser gegen die kapitalistische Auswucherung schützt. Was das Gesetz bis jetzt in dieser Richtung getan hat, wie es in nächster Zeit bei uns weiter ausgestaltet werden soll, das erachtet es als durchaus ungenügend. Es fordert einen wirksamen gesetzlichen Schutz der kindlichen und jugendlichen Arbeitskräfte, der diese erfolgreich auf allen Gebieten der Erwerbstätigkeit schirmt. Es fordert die nötige Ergänzung dieses Schutzes durch Schule, Fortbildungsunterricht und Erziehungs- und Bildungseinrichtungen jeder Art. Es fordert gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit der Erwachsenen und Sicherung der Koalitionsfreiheit, damit die Eltern Muße und reichliche Mittel für die Pflege und Erziehung ihrer Kinder gewinnen. Verrückt ist es, dass die kapitalistische Ausbeutung nicht vor Kindern und halben Kindern Halt macht. Verrückter ist, dass die Gesellschaft, die mit ihrer Humanität und Kultur prunkt, der Verwüstung kindlichen und jugendlichen Lebens mit verschränkten Armen zusieht. Das Verrückteste aber ist, dass der „bethlehemitische Kindermord“ durch Herodias-Kapital sich jahraus, jahrein erneuert, damit – wie Marx sagt – „einige rohe und halbgebildete Parvenüs zu einflussreichen Spinnern, angesehenen Wurstmachern und bekannten Stiefelwichsfabrikanten werden.“ Diese Verrücktheiten sind im Wesen der kapitalistischen Ordnung begründet, diese Verrücktheiten schwinden nur mit ihr.


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