Clara Zetkin: Ein Blatt Geschichte

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 22-24, 21. Juli, 4. und 18. August 1916, S. 165 f., 171 f. und 177 f.]

I.

Die politische Freiheit Englands, namentlich die Macht des Parlaments, die so groß ist, wie kaum in einem Lande, sind im Grunde genommen Früchte der großen Revolution des siebzehnten Jahrhunderts. Damals raffte sich das englische Bürgertum auf, um die Macht des Königtums einzuschränken und das Parlament zum eigentlichen Machtfaktor des politischen Lebens zu erheben. Es stützte sich dabei auf die revolutionären Schichten des arbeitenden Volkes und stellte sich führend an ihre Spitze. Der Kampf dauerte vom ersten Augenblick der Thronbesteigung Karls I. im Jahre 1625 bis 1649. Er lief die ganze Stufenleiter des Ringens um politische Macht durch, von dem stillen Geplänkel zwischen König und Parlament, das noch in den ehrerbietigsten Formen seine „Vorstellungen“ und „Petitionen“ an den Stufen des Thrones niederlegte, bis zur offenen großen Volksrevolution, in der der König des Hochverrats angeklagt und geköpft wurde, worauf in England elf Jahre lang die Republik bestand. Einer der geschichtlich interessanten Abschnitte dieses gewaltigen Kampfes ist derjenige, als der König, noch auf seine Macht pochend, einen Streich gegen die Immunität einiger oppositionellen Abgeordneten wagte und sie mitten im Parlament verhaften wollte. Damit ward der Sturm entfesselt, der ihm den Kopf kosten sollte.

Viermal hatte Karl I. seit seiner Thronbesteigung das Parlament einberufen und hatte es immer wieder sehr bald wegen hartnäckiger Unbotmäßigkeit aufgelöst. England war damals durch die herrschende Reaktion in ein Reihe von Kriegen verwickelt: erst mit Spanien, Österreich und Frankreich, dann mit Schottland, wo ein Aufstand gegen die Willkürherrschaft Karls und seiner hohen Geistlichkeit ausgebrochen war. Die Regierung forderte vom Parlament vor allem die Bewilligung von Kriegskrediten. Das Parlament erklärte jedoch: Vor der Bewilligung irgendwelcher Mittel muss das ganze reaktionäre System reformiert, müssen die Minister in Anklagezustand versetzt und dem Volke die politischen Freiheiten gesichert werden. Angesichts der Unbeugsamkeit des Parlaments jagte Karl I. die Abgeordneten auseinander und versuchte elf Jahre lang ganz absolutistisch zu regieren. Aber die Gärung im Volke wuchs. Man weigerte sich, Steuern zu zahlen, man verbreitete massenhaft revolutionäre Flugschriften, es gab immer häufiger Straßenaufläufe und Demonstrationen. In ihrer Ratlosigkeit berief die Regierung endlich das Parlament 1640 wieder ein. Es blieb jedoch fest, und sein erstes Wort war: ehe nicht die politische Freiheit gesichert ist, keinen Pfennig zur Kriegführung. Der Konflikt spitzte sich zu, und der König entschloss sich zu einem Gewaltstreich. Fünf der angesehensten Führer der Opposition im Parlament sollten des Hochverrats angeklagt werden. Über das, was darauf folgte, erzählt der Historiker Guizot in seiner „Geschichte der englischen Revolution„:

„In der Tat begab sich noch an demselben Tage der Generalstaatsanwalt, Sir Edward Herbert, nach dem Oberhaus, und klagte Lord Kimbolton sowie die Unterhausmitglieder Hampden, Pym, Holes, Strode und Haslerig des Hochverrats an, weil sie versucht, 1. die Grundgesetze des Reiches umzustoßen und dem König seine gesetzliche Macht zu rauben; 2. das Volk dem König durch böswillige Verleumdungen zu entfremden; 3. die Armee gegen den König in Aufstand zu bringen; 4. eine fremde Macht, Schottland, zum Einfall in das Reich zu veranlassen: 5. die Rechte und selbst die Existenz der Parlamente zu vernichten; 6. gegen den König und das Parlament aufrührerische Versammlungen zu erregen, um ihre verbrecherischen Pläne mit Gewalt durchzusetzen; 7. endlich, zum Kriege gegen den König aufzureizen. Zu gleicher Zeit verlangte Sir Edward die Ernennung eines Ausschusses, um die Anklage zu untersuchen, und dass es der Kammer gefallen möge, sich der Person der Angeklagten zu versichern.

Die Lords blieben still und stumm, niemand hatte eine solche Handlung vorausgesehen, keiner wagte zuerst zu sprechen. Endlich stand Lord Kimbolton auf. „Ich bin bereit,“ sagte er, „allen Befehlen des Hauses zu gehorchen, da meine Anklage aber öffentlich ist, verlange ich, dass es meine Rechtfertigung ebenfalls sein möge,“ worauf er sich, noch immer von Schweigen umgeben, wieder setzte. Lord Digby, der neben ihm saß, flüsterte ihm ins Ohr: „Wie kläglich doch der König beraten ist; ich müsste viel Unglück haben, wenn ich nicht erfahren sollte, von wem dies alles kommt,“ und ging hinaus, wie um sich darüber zu erkundigen. Er allein war es jedoch gewesen, der den König zu diesem Unternehmen gedrängt und sich überdies verbindlich gemacht hatte, sobald die Anklage Lord Kimboltons durch den Kronanwalt erfolgt sei, dessen sofortige Verhaftung zu verlangen.

Eine Botschaft von Seiten der Lords benachrichtigte die Gemeinen schleunigst von allem, was vorgegangen war. Diese dagegen hatten soeben erfahren, dass sich Leute des Königs zu den fünf Mitgliedern begeben und alles versiegelt hätten. Sie entschieden augenblicklich, dass ein solches Verfahren alle ihre Privilegien verletzte, dass die Angeklagten das Recht und jeder Constable die Pflicht habe, sich dem zu widersetzen, und die Beamten des Königs zu verhaften und als Delinquenten vor die Schranken zu führen seien. Sir John Hotam wurde zu den Lords gesendet, um von ihnen eine Konferenz für dieselbe Stunde noch zu verlangen und zu erklären, dass die Gemeinen, wenn sich das Oberhaus noch weigerte, sich mit ihnen zu vereinigen, um eine Schutzwache vom König zu verlangen, sich an einen sicheren Ort zurückziehen würden. Während man noch die Antwort der Lords erwartete, erschien ein Wappenherold. „Ich komme,“ sagte er, „im Namen des Königs, meines Herrn, um den Herrn Sprecher aufzufordern, meinen Händen fünf Mitglieder dieser Kammer zu überliefern, die mir Se. Majestät wegen Hochverrats zu verhaften befohlen hat,“ worauf er sie nannte. Die Angeklagten waren zugegen. Niemand verließ seinen Platz, und der Sprecher befahl dem Herold, sich zu entfernen. Ohne Tumult und ohne Opposition beauftragte die Kammer ein Komitee, noch während der Sitzung zum König zu gehen und ihm sagen zu lassen, dass sie nur nach reiflicher Überlegung auf eine so ernste Botschaft antworten könne. Zwei Minister, Lord Falkland und Sir John Colepepper, gehörten zu demselben: sie hatten nichts davon gewusst. Die Konferenz mit den Lords begann, und in weniger als einer Stunde erfolgte die Verfügung, die angelegten Siegel abzunehmen und die Forderung einer Schutzwache, welche der Herzog von Richmond, der redlichste Günstling des Königs, diesem im Namen der beiden Häuser überreichte. „Ich werde morgen antworten,“ sagte der König, und die Gemeinen vertagten sich bis ein Uhr am folgenden Tage, indem sie den Angeklagten befahlen, sich, gleich ihren Kollegen, in Westminster einzufinden.

II.

Bei der Eröffnung der folgenden Sitzung hatte sich die Unruhe und der Zorn verdoppelt. Alle Gemüter waren von der Ahnung einer unbekannten, aber gewissen, neuen Gefahr bewegt. Die Royalisten saßen traurig und schweigsam auf ihren Bänken, unter ihren Gegnern waren tausend am Tage und abends vorher, wie am Morgen, verbreitete Gerüchte im Umlauf. Die Kavaliere sollten sich vereinigt haben; der König habe ihnen sagen lassen, sich bereit zu halten; zwei Pulverfässer und Waffen sollten vom Tower nach Whitehall gebracht worden sein. Man drängte sich um die fünf Mitglieder und überschüttete sie von allen Seiten mit Vermutungen, Nachrichten und Ratschlägen. Sie selbst wussten schon mehr. Der seit lange schon mit ihnen in geheimer Verbindung stehende französische Gesandte und die Gräfin Carlisle, wie man sagte, Pyms Mätresse, hatten sie von dem Staatsstreich, welchen man vorbereitete, benachrichtigt, sie sprachen jedoch nicht davon. Plötzlich erschien Kapitän Langrish, der vor kurzem aus französischen Diensten zurückgekehrt, durch seine Verbindungen mit einigen abgedankten Offizieren in den Stand gesetzt wurde, alles zu sehen. Er zeigt an, dass sich der König nähere, dass er ihn von dreihundert bis vierhundert bewaffneten Studenten, Kavalieren und Garden eskortiert, Whitehall habe verlassen sehen, und dass er die Angeklagten persönlich verhaften wolle. Es entsteht ein heftiger Sturm, der durch die Notwendigkeit schneller Beschlussfassung fast augenblicklich wieder beschwichtigt wird. Die Kammer fordert die fünf Mitglieder zur Entfernung auf, da schon mehrere zu ihren Waffen gegriffen hatten und sich zum Widerstand vorbereiteten. Pym, Hampden, Holes und Haslerig verlassen den Saal sogleich; Strode weigert sich; man bittet und drängt; schon ist der König im Hofe; endlich stößt ihn Sir Walter Carl, sein Freund, mit Gewalt hinaus. Die ganze Kammer nimmt auf ihren Bänken Platz.

Der König hatte den großen Saal von Westminster zwischen einem doppelten Spalier seiner Diener durchschritten, und seine Garde stieg mit ihm allein die Treppe zur Kammer hinein. Er erscheint, verbietet den Seinen bei Todesstrafe ihm weiter zu folgen und tritt ein mit entblößtem Haupte. Alle Mitglieder nehmen die Hüte ab und stehen auf. Der König wirft im Vorübergehen einen Blick auf den Platz, welchen Pym sonst einzunehmen pflegte, und schreitet, da er Pym nicht sieht, auf den Sprecher zu. „Mit Eurer Erlaubnis, Herr Sprecher, werde ich auf einen Augenblick Euren Sessel leihen.“ Er steigt hinauf, lässt seine Augen über die Kammer schweifen und sagt: „Ihr Herren, es tut mir leid, dass mich ein solcher Anlass hierher führt; ich habe Euch gestern einen Wappenherold zugeschickt, einige, auf meinen Befehl des Hochverrats angeklagte Personen zu verhaften. Ich habe von Euch Gehorsam, nicht aber eine Botschaft erwartet. Kein König von England hat mehr darauf gesehen. Eure Privilegien zu bewahren, als ich es tun werde, aber Ihr sollet wissen, dass es im Falle des Hochverrats für keinen ein Vorrecht gibt. Ich komme, um zu sehen, ob der eine oder andere von den Angeklagten hier ist. Solange diese hier sitzen, kann ich nicht hoffen, dass Ihr den rechten Weg, auf dem ich Euch aufrichtig wünsche, einschlagen werdet. Ich sage Euch, dass ich sie haben will, wo sie sich auch befinden mögen. Herr Sprecher, wo sind sie?“

Der Sprecher fiel auf seine Knie: „Geruhen Eure Majestät, ich habe hier nur Augen um das zu sehen, und nur eine Zunge um das zu sprechen, was mir die Kammer, deren Diener ich bin, vorschreibt. Ich bitte Eure Majestät demütig, mir zu verzeihen, wenn ich keine andere Antwort auf das, was sie mich zu fragen geruht, geben kann.“ – „Nun, ich sehe, dass die Vögel ausgeflogen sind. Ich erwarte von Euch, dass Ihr mir sie schicken werdet, sobald sie zurückkehren. Ich versichere Euch auf mein königliches Wort, dass ich nie die Absicht gehabt habe, Gewalt anzuwenden, und dass ich auf gesetzlichem Wege gegen sie verfahren werde. Da ich das nicht tun kann, was mich hergeführt hat, werde ich Euch nicht weiter stören, aber ich wiederhole Euch, dass ich darauf rechne, dass Ihr sie mir, sobald sie den Saal wieder betreten, senden werdet; wo nicht, so werde ich Mittel ergreifen, um sie zu finden.“ Also sprach der König. Er verließ den Sessel, immer noch mit dem Hute in der Hand. Die Kammer blieb stumm und unbeweglich, aus den Winkeln des Saales erhob sich im Augenblick seines Fortgehens jedoch der Ruf: „Immunität, Immunität!“

Sobald Karl l. sich entfernt hatte, vertagte sich die Kammer, ohne weiter etwas zu tun oder auch nur etwas anzukündigen, auf den folgenden Tag. Alle Mitglieder zerstreuten sich, denn es drängte sie zu erfahren, wie weit die Pläne des. Königs gegangen seien, und welche Stimmung darüber im Volke herrsche. Sie fanden draußen auf der Treppe, in dem großen Saale, an den Türen von Westminster, unter der sie erwartenden Dienerschaft und dem zusammengelaufenen Volke eine nicht weniger lebhafte Bewegung als die ihre. Man sprach von nichts als den Beleidigungen und Drohungen der Kavaliere. „Man zeige mir nur das Ziel,“ hatte der eine mit dem Pistole in der Hand gesagt, „ich werde es nicht verfehlen.“ – „Zum Teufel mit dem Haus der Gemeinen!“ schrien andere, „was kümmern wir uns um diese Leute. Führt sie vor und lasst sie hängen.“ Einige hatten sogar gefragt: „Wann kommt denn der Befehl?“ als ob sie einen blutigen Vorfall erwarteten. Und diese sich schnell verbreitenden Reden hatten überall gleiche Entrüstung erzeugt. Die fünf Mitglieder hatten sich in die City geflüchtet, die Bürger griffen plötzlich zu den Waffen; der Lordmajor (Bürgermeister) versuchte umsonst, sie zu beruhigen; zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit bildeten sich starke Patrouillen von Freiwilligen, und die ganze Nacht über zogen ganze Scharen von Lehrlingen auf den Straßen umher und riefen von Haus zu Haus, dass die Kavaliere kämen, um die City in Brand zu stecken: einige fügten sogar hinzu, dass der König sie kommandieren würde.

III.

In Whitehall (dem königlichen Palast) war die Aufregung nicht geringer. Der König und die Königin hatten auf diesen Staatsstreich die größten Hoffnungen gesetzt, er hatte seit einiger Zeit in den geheimen häuslichen Beratungen mit ihren ergebensten Günstlingen alle ihre Gedanken beschäftigt, war der Gegenstand aller ihrer Gespräche gewesen. Noch am Morgen hatte Karl, als er von der Königin Abschied nahm, ihr versprochen, dass er in einer Stunde endlich als Herr seines Reiches zurückkehren würde, und die Königin, mit der Uhr in der Hand, die Minuten bis zu seiner Rückkehr gezählt. Alles war gescheitert, und obgleich der König noch auf seiner Absicht beharrte, so geschah es doch, ohne etwas davon zu hoffen, ja selbst ohne zu wissen, wie er sie ausführen sollte. Seine verständigsten Freunde, Falkland, Hyde, Colepepper und andere hielten sich, beleidigt und betrübt, fern, und rieten zu nichts. Es wurde eine Proklamation erlassen, wodurch geboten wurde, die Türen zu schließen, und durch welche an jeden Bürger das Verbot erging, den Angeklagten Zuflucht zu gestatten: aber niemand, selbst am Hofe, täuschte sich über die Macht solcher Befehle. Man wusste recht gut, wo die fünf Parlamentsmitglieder waren, selbst das Haus in Coleman Street, worin sie sich befanden, war bekannt, aber niemand glaubte, dass man bis dorthin dringen könne. Nur Lord Digby wollte durch seine Verwegenheit seine unklugen Ratschläge und die im Augenblick der Anklage im Oberhaus bewiesene Schwäche wieder gutmachen: er erbot sich gegen den König, mit Lunsford und einigen Kavalieren, die Angeklagten persönlich aus ihrem Zufluchtsort zu holen und sie ihm tot oder lebendig zu bringen. Karl wies aber, sei es nun aus einem Überbleibsel von Achtung für die Gesetze oder aus Furchtsamkeit, den Vorschlag zurück und entschloss sich, am folgenden Tage selbst nach der City zu gehen, um feierlich von dem Kommunalrat die Auslieferung der Angeklagten zu verlangen, da er sich schmeichelte, durch seine Gegenwart und gnädigen Worte das Volk, dessen Zorn er nicht vorausgesehen hatte, besänftigen zu können.

Wirklich verließ er (5. Januar 1642) Whitehall gegen zehn Uhr morgens, ohne sich von seiner Garde begleiten zu lassen, wodurch er sein unbedingtes Vertrauen auf die Liebe seiner Untertanen beweisen wollte. Das Volk drängte sich auf den Straßen herbei, welche er durchfuhr, blieb aber kalt und düster und erhob die Stimme nur, um ihn zu beschwören, sich mit seinem Parlament zu vertragen. An einigen Stellen vernahm er drohendes Geschrei: die Worte: „Immunität! Immunität!“ erschallten um ihn her, und ein gewisser Walker warf in seinen Wagen eine Flugschrift unter dem Titel: „Zu deinen Zelten, Israel!“ (Der Empörungsruf der zehn Stämme bei der Trennung von Nehabeam.) In Guildhall (dem Rathaus) angekommen, verlangte Karl die fünf Mitglieder mit herablassenden milden Worten, indem er zugleich seine Ergebenheit gegen die protestantische Religion und die Aufrichtigkeit seiner Zugeständnisse beteuerte und nur den Gesetzen gemäß zu handeln versprach. Seine Worte wurden nicht mit dem erwarteten Beifall aufgenommen. Der Kommunalrat war ernst und düster wie das Volk. Der König wendete sich zu einem von den Sheriffen, wie es hieß, einem eifrigen Presbyterianer, und sagte ihm, dass er bei ihm speisen wolle. Der Sheriff verneigte sich und empfing nach beendigter Sitzung den König glänzend und ehrerbietig in seinem Hause. Bei der Rückkehr nach Whitehall fand Karl aber von der Menge wieder die gleiche Aufnahme und langte verstimmt und niedergeschlagen in seinem Palast an.

Die Kammer hatte sich versammelt, aber sogleich beschlossen, dass sie nicht frei beraten können bei einer so ungeheuren Verletzung ihrer Privilegien, und solange ihr nicht Genugtuung zuteil geworden und sie durch eine Wache für die Zukunft vor dergleichen Gefahren nicht sichergestellt sei. Sie hatte sich auf sechs Tage vertagt. Während ihrer Vertagung hörte sie aber nicht auf zu handeln. Ein mit großer Gewalt bekleideter Ausschuss erhielt den Auftrag, sich in die City zu begeben, eine Untersuchung über das jüngste Attentat anzustellen und im Verein mit den Bürgern, den treuen Freunden des Parlaments, die allgemeine Lage des Reiches, besonders Irlands, in Betracht zu nehmen. Das Komitee installierte sich mit großem Prunk in Guildhall, es wurde dort von einer starken Wache erwartet, eine Deputation des Kommunalrates ging ihm entgegen und stellte ihm alle Kräfte und Dienstleistungen der Bürger zu Gebote. Die Sitzungen des Ausschusses waren so lebhaft wie die der Kammer selbst, jedes Mitglied hatte das Recht, ihnen beizuwohnen. Das Haus, worin die fünf Angeklagten Zuflucht gefunden hatten, war ganz in der Nähe, und es geschah nichts ohne ihr Vorwissen und ihren Rat. Mehrere Male begaben sie sich sogar persönlich zu dem Komitee, und das Volk empfing sie auf dem Wege mit Freudengeschrei und war stolz, seine Vertreter allein zu besitzen und zu bewachen. Mitten in seinem Siege unterhielten geschickte Vorkehrungen seinen Schrecken, um seinen Eifer noch mehr anzufeuern. Mit jedem Tage wurde das Bündnis zwischen der Kammer und der City inniger, und beide wurden durch gegenseitige Aufmunterungen dreister. Endlich ließ der Ausschuss aus eigener Machtvollkommenheit, und als ob er die Kammer selbst gewesen wäre, das Resultat seiner Untersuchung in einer Erklärung veröffentlichen, und der Kommunalrat richtete an den König eine Petition, worin er sich über die schlechten Ratgeber, Kavaliere, Papisten und den neuen Gouverneur des Towers beklagte, offen die Sache der fünf Mitglieder zur seinigen machte und alle Reformen verlangte, welche die Kammern nur hatten ahnen lassen.

Der König befand sich allein und von seinen redlichsten Anhängern verlassen in Whitehall. Selbst die Kavaliere waren eingeschüchtert und zerstreuten sich oder schwiegen. Er versuchte die Petition des Kommunalrats zu beantworten und von neuen: die Verhaftung der Angeklagten zu befehlen. Seine Antworten blieben aber unbeachtet und seine Befehle wirkungslos. Er erfuhr, dass die Kammer in zwei Tagen ihre Sitzungen wieder beginnen und die fünf Mitglieder durch die Milizen, das Volk und selbst die Themseschiffer, deren Zuneigung der König bisher zu besitzen geglaubt hatte, feierlich nach Westminster zurückgebracht werden würden. „Wie,“ sagte er ärgerlich, „verlassen mich selbst die Wasserratten?“ Und dieser Ausdruck, der sich bald unter den Schiffern verbreitete, wurde von ihnen als eine Rache fordernde Beleidigung aufgenommen. Verlassen, gedemütigt und aufgereizt von dem allgemeinen Geschrei, das ihn täglich bestürmte, ohne dass sich auch nur eine Stimme zur Zurückweisung erhoben hätte, konnte sich Karl nicht entschließen, den Triumphzug seiner Feinde an seinem Palast vorüber kommen zu sehen.

Die abwechselnd wütende und zitternde Königin beschwor ihn, sich zu entfernen. Royalisten und nach verschiedenen Punkten des Reiches gesendete Boten versprachen ihm anderwärts Kraft und Sicherheit, die in London besiegten Kavaliere prahlten mit ihrem Ansehen in ihren Grafschaften, vom Parlament entfernt war der König frei, aber was konnte das Parlament ohne den König tun? Der Beschluss wurde angenommen, man kam überein, sich zuerst nach Hampton-Court und dann, wenn es nötig sei, noch weiter zu begeben. An die Gouverneure einiger Orte, von deren Ergebenheit man versichert zu sein glaubte, wurden geheime Befehle gesendet: der Graf von Newcastle reiste nach dem Norden ab, wo er überwiegenden Einfluss besaß. Am 16. Januar, dem Tage vor der Rückkehr der Gemeinen, verließ Karl, nur von seiner Gemahlin, seinen Kindern und einigen Dienern begleitet, London und den Whitehallpalast, den er nur wieder durchschreiten sollte, um sich auf das Schafott zu begeben.


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