[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 21, 8. Oktober 1902, S. 161 f.]
Der Münchener Parteitag hat bestens gehalten, was die Kämpfer für die Befreiung des Proletariats von ihm erwarteten. Das ist das frohe, erhebende Bewusstsein, in welchem die Sozialdemokratie auf seine Beratungen und Entscheidungen zurückblicken kann. Der Parteitag hat nicht bloß gewissenhafte und fleißige, er hat gute, tüchtige Arbeit geleistet, Arbeit, die jenen Doppelcharakter trägt, welcher das Sein und Tun der deutschen Sozialdemokratie in so hohem Maße auszeichnet. Und das ist es, was sie so turmhoch über das Werk der Tagungen bürgerlicher Politiker emporhebt: die Verbindung von praktischer, positiver Kleinarbeit im Dienste der proletarischen Gegenwartsinteressen mit dem klaren, grundsätzlichen Erfassen des historischen Entwicklungsganges seiner großen Gesichtspunkte und seiner weitreichenden Aufgaben; die Verbindung von kühler, nüchterner Erwägung der tatsächlichen Bedingungen für Arbeit und Kampf mit dem begeisterten Blick auf das geschichtlich bedingte Endziel und der flammenden Siegeszuversicht. Mag in den einzelnen Arbeiten des Parteitags, mag in der Stellungnahme einzelner Persönlichkeiten bald der eine, bald der andere Zug stärker hervorgetreten sein, ganz gleich. Beide fügten sich immer wieder in innerer, organischer Zusammengehörigkeit zum Ganzen aneinander. Einheitlich und geschlossen hat sich die Sozialdemokratie in München zur unscheinbaren aber unentbehrlichen und bedeutsamen Tagesarbeit gerüstet, wie zu den großen Kämpfen, deren Tragweite sich auch dem stumpfesten Verständnis aufdrängt.
Einheitlich und geschlossen! Soll damit etwa gesagt sein, dass in München Gegensätze fehlten, und dass nicht hier und da die Polemik und Kritik scharfe Pfeile hinüber und herüber schoss? Keineswegs. Die Sozialdemokratie wäre nicht die sie ist, wenn dem anders gewesen: die Partei des jugendfrischen proletarischen Klassenlebens, das immer neue und schwierigere Arbeitsgebiete erfasst und immer zahlreichere, darunter auch nicht-proletarische Elemente mit sich fortreißt; die Partei der leidenschaftlichen Überzeugungstreue von der geschichtlichen Wahrheit des Sozialismus. Aber weil sie das ist, so erwies sich auch das Gemeinsame als stärker wie die bekundeten Gegensätze, und das Bewusstsein von der Kampfesgenossenschaft für das eine große Ziel als ausschlaggebender wie der Streit um Einzelfragen. Nicht einmal die bürgerlich liberale Presse wagt es, ihrer sonstigen berufsgemäßen Gepflogenheit nach, aus den Münchener Verhandlungen den Zerfall der Sozialdemokratie zu prophezeien. Und der truppenlose Führer der gut kaiserlichen Demokratie, Pfarrer Naumann, ist vom Klepper der Hoffnung von einer theoretischen Revision des revolutionären Sozialismus zum frumben Nationalsozialismus auf den Köter des Traumes gekommen, die Revision könne sich ohne Theorie durch Hintertürchen in die Sozialdemokratie einschleichen und diese von innen heraus still korrumpieren.
Es war nicht, wie es den Anschein gehabt, die Frage der bayerischen Wahlrechtsreform, welche die gegensätzlichen Auffassungen in der Partei zum Aufeinanderplatzen brachte. Diese Frage ist – und wir bedauern das durchaus nicht – außerhalb der Erörterungen des Parteitags geblieben. Sicherlich nicht daher, weil das Münchener Milieu Die eines Besseren belehrt hätte, welche die Haltung unserer bayerischen Landtagsfraktion in der Sache für eine unrichtige hielten. Sie hatten ihre Auffassung nicht aus den Fingern gesogen, sondern auf Grund eingehender Beschäftigung mit den bayerischen Verhältnissen gewonnen. Aber eine Auseinandersetzung über den Fall konnte auf dem Parteitag unterbleiben. Was von der einen und anderen Seite zu ihm Erhebliches gesagt werden konnte, das war in der Presse bereits gesagt worden. Dass die Mehrheit der Genossen die Zustimmung der bayerischen Landtagsfraktion zu der Wahlrechtsresolution nicht billigte, stand außer Zweifel. Allein dieser Tatsache durch eine Resolution einen formellen Ausdruck zu geben, die für die bayerischen Genossen einen bitteren Beigeschmack haben musste, das widerriet mehr als ein triftiger Grund. Ob die Haltung der bayerischen Landtagsfraktion einen taktischen Rechenfehler bedeutet oder nicht, darüber wird der Erfolg entscheiden. Was aber die grundsätzliche Seite der Frage anbelangt – die Überschätzung der parlamentarischen Tätigkeit der Partei und die ungenügende Berücksichtigung ihrer außerparlamentarischen politischen Aktion – so begegnen wir ihr auch in der Haltung der Gesamtpartei der und jener Frage gegenüber. So wünschenswert uns eine klärende Erörterung des vorliegenden Problems erscheint, so wenig dünkt uns jetzt die Situation dafür geeignet. Schließlich und nicht zum Mindesten war es auch die Rücksicht auf die bevorstehende Reichstagswahl, die zum Unterlassen einer Auseinandersetzung stimmte, die nicht unabweisbar nötig, dafür aber geeignet war, die Kampfesfreudigkeit eines Teils unserer Genossen zu vermindern.
Die sogenannte „Zeitschriftendsbatte“ brachte den Zusammenprall der Gegensätze, welche die Partei umschließt. Es ist bezeichnend, dass diese Debatte durch „Praktiker“ und nicht durch „Theoretiker“ aufgerollt ward; dass ihr Ausgangspunkt das Defizit der „Neuen Zeit“ und keine Doktrin war, dass sie in der Hauptsache der Geschäftskonkurrenz zwischen dem genannten offiziellen Organ der Partei und den „Sozialistischen Monatsheften“ galt. Nichts ist deshalb unbegründeter als das Gefasel bürgerlicher Blätter, dass die heißen Erörterungen einen Kampf um die Meinungsfreiheit darstellen, die durch die Träger des „alten Dogmas“ vernichtet werden sollte. Was in weiten Kreisen der Genossen Entrüstung gegen die „Sozialistischen Monatshefte“ erregt hatte, war nicht die von ihnen vertretene revisionistische Tendenz, sondern die auf die Spitze getriebene geschäftliche Schmutzkonkurrenz, deren sich ein Kaufmann schämen würde, der auf leidliche Reputation hält. Was erbitterte, war weiter der Umstand, dass hervorragende Parteiführer diese Schmutzkonkurrenz, wenn auch sicherlich unbeabsichtigt, so doch sehr wirksam durch ihre ständige Mitarbeiterschaft an den „Sozialistischen Monatsheften“ und ihren „Boykott“ der „Neuen Zeit“ förderten. Allein wie die Dinge gelegen sind. konnte die angeschnittene Frage nicht erörtert werden, ohne dass auch die Redaktionsführung und die Tendenz der beiden Zeitschriften in den Kreis der Polemik gezogen wurden. Und so schwingen in ihr Saiten der Auseinandersetzung mit, welche vor Allem auf den Parteitagen zu Hannover und Lübeck voll angeschlagen worden sind, und die auch in Zukunft unstreitig wieder erklingen werden. Gewiss, dass den einschlägigen Debatten mancher unerquickliche Zug anhaftet. Trotzdem glauben wir, dass sie im Ganzen klärend und die Parteientwicklung fördernd gewirkt haben.
Im Mittelpunkt der übrigen Parteitagsarbeiten standen die nächsten „Reichstagswahlen„. Bebels markiges, von echter Kampfesleidenschaft durchglühtes Referat dazu gab ein scharf umrissenes Bild der Situation und der Aufgaben, welche sie für die Sozialdemokratie schafft. Es leitete in würdigster Weise die Wahlkampagne ein und bot zugleich eine wahre Musterleistung einer politisch erziehenden, agitatorisch wirksamen Wahlrede, die manchem Kämpen ein leuchtendes Vorbild sein wird. Als beachtliches Moment der Debatten sei die vorzügliche Präzisierung unserer Stellung zur Religion hervorgehoben, durch welche Genosse v. Vollmar die freidenkerische Pauke eines Delegierten beantwortete. Die Sozialdemokratie tritt gerüstet und gewappnet in den großen Kampf ein, in welchem sie zufolge des Bankrotts des bürgerlichen Liberalismus nicht bloß die proletarischen Klasseninteressen zu verfechten hat, sondern gleichzeitig die Interessen der erdrückenden Mehrheit der Nation, sowie wichtigste Bedingungen für die normale Fortentwicklung des wirtschaftlichen und politischen nationalen Lebens.
Molkenbuhrs meisterliches Referat über „Arbeiterversicherung“ und Lindemanns sachkundiger, tiefgreifender Vortrag über „Kommunalpolitik“ haben große Richtungslinien für die positive Arbeit der Partei auf ungemein wichtigen sozialen Gebieten gezeichnet und eine Fülle wertvoller Anregungen zum Studium der einschlägigen Materien und zu ihrer Klärung gebracht. Dass die Erörterungen den Inhalt der vielseitigen und schwierigen Fragen vollständig ausschöpften, war von vornherein ausgeschlossen. Mit und ohne Parteitagsbeschluss werden die aufgerollten Probleme deshalb das klassenbewusste Proletariat weiter beschäftigen.
Für besonders bedeutsam und erfreulich erachten wir die eingehende Diskussion, welche um den weiteren Ausbau des gesetzlichen Arbeiterschutzes, insbesondere aber um den Achtstundentag kreiste. Was der Parteitag in dieser Frage beschlossen, ist unseres Erachtens nur von formeller und nebensächlicher Bedeutung. Sachlich weit wichtiger und ausschlaggebender ist das bekundete entschiedene Drängen aus der Partei heraus nach einem kräftigen Vorstoß für die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit, für eine gründliche Sozialreform, deren A und O der Achtstundentag ist.
In diesem Drängen nach einem machtvollen, planmäßigen Vorstoß tritt uns ein Anzeichen mehr jener zielklaren Kampfesenergie des Proletariats entgegen, welche sich in grundsätzlicher, unversöhnlicher Gegnerschaft zu der bürgerlichen Gesellschaft weiß, eine zielklare Kampfesenergie, die dem Münchner Parteitag sein Gepräge gab. Die Entwicklung der Verhältnisse hat mehr als alles andere dazu getan, jene. Zweifel und Bedenken ihres Reizes zu entkleiden, welche spintisierende Philosophie im luftleeren Räume von Schreibtischabstraktionen über Theorie und Praxis der sozialdemokratischen Bewegung ausgeklügelt hatte. Die Einheit und Geschlossenheit der Partei, welche in München zu Tage trat, ist nicht das Resultat eines Abschwenkens nach rechts, eines schwächlichen Friedens mit der bürgerlichen Ordnung. Sie ist der Ausdruck der Tatsache, dass die Sozialdemokratie ihrem alten Ziele auf den bisherigen, geschichtlich gewiesenen Bahnen zuschreitet.
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