[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 21, 9. Oktober 1901, S. 161 f.]
Mit tiefer innerer Genugtuung kann die deutsche Sozialdemokratie auf die arbeitsreichen, verantwortungsschweren Tage von Lübeck zurückblicken. Sie haben nicht bloß gehalten, was die Partei von ihnen zu hoffen berechtigt war, sie haben in mehr als einer Beziehung diese Hoffnungen noch übertroffen.
Wie bedeutsam das Werk des Parteitags gewesen, wie zielsicher, gefestigt, in ihrem inneren Wesen kerngesund es die Sozialdemokratie gezeigt; wie förderlich es ihrer Entwicklung sein wird: das bestätigt die Beurteilung, welche es in der bürgerlichen Presse erfahren. Ihr Grundton ist katzenjämmerliches Enttäuschungsgewimmer da, wo schwächliche bürgerliche Sozialreformer und saftlose bürgerliche Demokraten von einer Mauserung und Beerbung der Sozialdemokratie träumen; ihr Grundton ist scharfmachendes Wutgeheul dort, wo brutale Politiker der gepanzerten Faust vor der wachsenden Reife und Macht des klassenbewussten, organisierten Proletariats zittern.
Und in der Tat: die Einen und die Anderen haben allen Grund zu Missmut und banger Besorgnis. Der Lübecker Parteitag brachte den imposanten Aufmarsch einer revolutionären Armee und einer einheitlichen Armee. Wie ein roter Faden zog sich die entschiedene Absage an die „hochgespannten Erwartungen der bürgerlichen Sozialreformer von Naumann über Stoecker bis Berlepsch“ durch die Verhandlungen. Der „marxistische Dogmenfanatismus“, der in reinlicher Scheidung trennt, was getrennt bleiben muss, und unlöslich zusammenschweißt, was zusammengehört, gab Debatten und Beschlüssen sein Gepräge. Wuchtig trat in Erscheinung, dass der „Kritizismus“ mit seinen unfruchtbaren Zweifeln, seinem Pessimismus im Allgemeinen nicht die grundsätzliche Klarheit und Schärfe der sozialdemokratischen Heeresmannschaft erschüttert hat.
Besonders erfreulich ist die Erledigung des Bernsteinstreits in einer Form, die, ohne Bernstein persönlich zu verletzen, doch seiner Haltung gegenüber die Auffassung und den Willen der Partei zu unzweideutigem Ausdruck bringt. Der Parteitag lehnte nicht nur mit fast hundert Stimmen Majorität die Resolution Heine ab, sondern er stimmte mit überwältigender Mehrheit der Resolution Bebel zu. Da noch die Resolution des Genossen Dr. Heinrich Braun vorlag, welche den Tadel des Parteitags auch auf Bernsteins „einseitige“ sozialistische Gegenkritiker ausgedehnt wissen wollte, so ist der Sinn der Abstimmung klar. Zu einer Konzession an den „revisionistischen Gedanken“ kann ihn mit irgendwelcher Berechtigung auch der frömmste Wunsch jener sozialpolitischen Marodeure nicht umdeuteln, die ihr Zelt an der Grenze zwischen dem kapitalistischen und dem proletarischen Lager aufgeschlagen haben und nach hüben und drüben techtelmechteln möchten. Was die erwähnte letzte Resolution erstrebte, suchten übrigens einige Freunde Bernsteins noch in der öffentlichen Debatte über die Presse zu erreichen. Die bittere, zum größten Teile unberechtigte Kritik an der „Neuen Zeit“, besonders aber an den Artikeln des Genossen Parvus und der Genossin Luxemburg, stand entschieden im Zeichen des Kampfes für und wider Bernsteins Auffassung. Den Ton seiner sozialistischen Gegner schlug man, die Tendenz ihrer Arbeiten meinte man. Die Stimmung des Parteitags besagte jedoch deutlich, dass es auch in dieser Form die Bedeutung der vorausgegangenen Abstimmung nicht mindern und verdunkeln lassen wollte. Eine politische Kampfespartei, für deren Sinn und Wirken die Losung gilt: „Feinde ringsum“, die jederzeit mitten in der Schlacht gegen eine ganze Gesellschaftsordnung, eine ganze Weltanschauung steht: kann nicht lange ertragen, dass die „Selbstkritik“ nur alte Werte auflöst, aber keine neuen, fest begründeten an ihre Stelle setzt, dass sie „alle kritischen Kratzbürsten gegen die Parteifreunde richtet, während der Gegner nur die objektiven Sammetpfoten zu spüren bekommt“; dass sie die Grenzlinie nach links mit ängstlicher Schärfe zieht, nach rechts aber in nebelhafter Verschwommenheit belässt. Nicht die Furcht vor theoretischer Ketzerei bestimmte denn auch die Haltung des Parteitags, vielmehr der Hinblick auf die praktischen Wirkungen, die politische Tragweite der Revisionsbestrebungen. Es waren diesmal nicht die Theoretiker der Partei, es waren die Praktiker, die sie in die Schranken wiesen.
Besagt das etwa, dass fortan die Selbstkritik, die wissenschaftliche Forschung keine Stätte mehr im Hause der Sozialdemokratie haben soll? Mitnichten. Was in dieser Hinsicht die Resolution Bebel ausdrücklich erklärt – lediglich um jeder tendenziösen Auslegung seitens böswilliger Gegner vorzubeugen – ist eine Wahrheit, die so alt ist, wie unsere Partei selbst, die tief in ihrem Wesen begründet liegt und gelten wird, so lange diese lebt und kämpft. Kommende Tage werden mit dem Marsche durch neue Eroberungsgebiete, mit dem Auftauchen neuer Aufgaben und dem Zuwachs an Kräften und Machtmitteln wieder und wieder Meinungsunterschiede in unseren Reihen bringen. Aber, dess‘ sind wir sicher, auch mit ihnen wird sich die Sozialdemokratie als die alte auseinandersetzen, als die revolutionäre Partei des proletarischen Klassenkampfes. Denn also will es der „historische Gang der Dinge“, den Mehring mit Recht als den „orthodoxesten Marxisten“ bezeichnet. – Was die persönliche Seite der Lübecker Klärung anbelangt, so offenbart es das volle Unverständnis der bürgerlichen Welt für die sozialistische Bewegung und ihre Träger, dass sie Bernstein als einen „Unterworfenen“ bejammert. In frei gewollter Disziplin hat unser Genosse das Votum des Parteitags angenommen, und wer seine verdienstvolle Vergangenheit kennt, der wird nicht an seinem ehrlichen, festen Willen zur entsprechenden Haltung zweifeln.
Wie die große Mehrheit der Partei über die Praxis der grundsätzlichen Auffassung unserer Stellung zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung und ihrem Staate denkt, das bekunden Debatten und Beschluss zur Frage der Budgetabstimmung in den Einzelstaaten. Gewiss: sozialdemokratische Vertreter hatten hier und da in den Landtagen dem Gesamtbudget zugestimmt, noch ehe der „revisionistische Gedanke“ aus gärenden Zweifeln geboren war. Die Haltung unserer badischen Genossen, welche den Anstoß zur Auseinandersetzung gab, war daher an sich nichts Neues. Neu war nur die Begründung, die ihr von Fendrich gegeben wurde. Nicht als Ausnahme, nicht unter Zubilligung „mildernder Umstände“ wollte sie die Annahme des Budgets erfasst und beurteilt wissen. Sie postulierte sie vielmehr als normal gültige Regel, die in einer veränderten prinzipiellen Bewertung des heutigen Staates, seines Wesens und seiner Funktionen wurzelte. Es ist bezeichnend, dass die einschlägige „Revision unserer Begriffe“, die vorher mit vollen Backen der Welt verkündet worden, auf dem Parteitag nicht einen einzigen Fürsprecher fand, nicht einmal in Fendrich selbst. Wohl suchten etliche Genossen die Freiheit der Budgetabstimmung im Namen der Taktik und der Praxis zu retten. Niemand trat für die in Baden verkündete Theorie ein. Der Parteitag hat nun in der strittigen Frage eine einheitliche, gebundene Marschroute festgelegt, eine Marschroute, die zwar gebührend etwaige Zwangslagen berücksichtigt, die aber für normale Verhältnisse von unserer alten Grundauffassung diktiert ist.
Mit besonders herzlicher Freude begrüßen wir, dass der Parteitag in der Frage der Hamburger Akkordmaurer eine befriedigende Lösung gefunden hat. Die Lösung war nicht leicht. Auf der einen Seite galt es, den Empfindungen, dem Rechtsbewusstsein Derer Genüge zu schaffen, die im harten, opferschweren, wirtschaftlichen Kampfe die Interessen der Ausgebeuteten wider den kapitalistischen Beutehunger verteidigen und für deren Erfolge die treueste proletarische Solidarität die unabweisbarste Voraussetzung ist. Auf der anderen Seite aber musste es sich darum handeln, die sachlich geschiedenen und verschiedenen Wirkungsgebiete der Partei und der Gewerkschaften auseinanderzuhalten, der einen und der anderen jene selbständige Bewegungsfreiheit zu sichern, deren sie als in sich geschlossene lebenskräftige Organismen bedürfen. Die eingehende Behandlung der Angelegenheit ermöglichte eine gewissenhafte Würdigung der wichtigsten in Betracht kommenden Umstände. Ein anerkennenswertes Entgegenkommen von beiden Seiten führte zu der Verständigung, die im Interesse erfolgreicher, wirtschaftlicher und politischer Kämpfe des deutschen Proletariats mit ganzer Seele zu wünschen war. Wie die Vorinstanzen, so hat auch der Parteitag das unsolidarische Verhalten der Akkordmaurer, ihren Disziplinbruch und ihre Sonderbündelei in schärfster Weise gebrandmarkt. Aber auch ihm drängte sich die Erkenntnis auf, dass es sich um einen Konflikt handle, der seiner tief einschneidenden Konsequenzen wegen nicht generalisiert werden dürfe, sondern lokalisiert bleiben müsse. Deshalb hob er den Schiedsspruch nicht auf, sondern verwies den Fall zur neuerlichen Prüfung und letztgültigen Entscheidung vor das Forum der Hamburger Parteigenossen. Wir sind überzeugt, dass er hier zum Besten der Gewerkschaften und der Partei seine Erledigung finden wird.
Was der Parteitag in der Frage verhandelt und beschlossen hat, reicht an Bedeutung über den Rahmen des Einzelfalls hinaus. Es wirkt klärend, vertiefend, festigend auf das allgemeine Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaften zurück und wird ihr harmonisches Nebeneinanderarbeiten fördern. Über alle Schwierigkeiten, alle ungünstigen Nebenumstände hat das unverlöschbare Bewusstsein von der inneren Zusammengehörigkeit des wirtschaftlichen und politischen Klassenkampfes gesiegt. Bachab geschwommen sind die Zwisthoffnungen der grimmen Feinde und heuchlerischen Freunde der deutschen Arbeiterklasse, die betrübten Lohgerbern gleich den Fellen nachschauen, mit deren Erlös ihr Wähnen bereits betriebsam schacherte. Die Sozialdemokratie wertet voll, was die Gewerkschaften für den Befreiungskampf des Proletariats sind und leisten. Und die Gewerkschaften erkennen klar blickend, dass die Sozialdemokratie die letzte entscheidende Schlacht in diesem Befreiungskampf schlägt. Sie wissen, dass in der Gegenwart die Sozialdemokratie ein treuerer, zuverlässigerer Bundesgenosse im Kampfe wider Unternehmertum und Zuchthauskurs ist als Naumann, der krampfhaft nach der allergnädigst befohlenen Audienz ausspäht, welche die Ehe zwischen Kaisertum und Demokratie schließen soll; als Berlepsch, der ein Ministerportefeuille verlieren musste, damit er sein arbeiterfreundliches Herz finden konnte; als Sombart, der „vernünftige Arbeiter“ und „geniale Unternehmer“ mit der gleichen inbrünstigen professoralen Liebe in seine Arme schließt. Die Referate und Resolutionen zur Zoll- und Handelspolitik und zur Wohnungsfrage präzisierten klar und eindrucksvoll die Stellung der Partei. Auch sie müssen ihrer ganzen Tendenz nach die Hoffnungen der bürgerlichen Reformler auf eine Mauserung der Sozialdemokratie und eine salonfähige, honett frisierte und parfümierte Bundesbrüderschaft mit ihr erheblich herab stimmen
In der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie wird der Parteitag zu Lübeck an Bedeutung nicht an letzter Stelle stehen. Er hat in mehr als einer wichtigen, heiß umstrittenen Frage „durch Gärung zur Klärung“ geführt. Er hat sinnenfälliger als mancher andere seiner Vorgänger dargetan, wie hoch das Durchschnittsniveau der geistigen und politischen Reife und Schulung der sozialdemokratischen Gefolgschaft ist, wie wenig ihr über der „Bewegung“ mit ihren verantwortungsreichen Aufgaben von Tag zu Tag das große „Endziel“ entschwindet. Die ungemauserte und ungeteilte Sozialdemokratie hat in Lübeck ihre Reihen gemustert, ihr Rüstzeug geprüft, die nächsten Etappen ihres Vormarsches festgesteckt. Die ungemauserte und ungeteilte Sozialdemokratie zieht von ihrem letzten Parteitag aus frohgemut neuen Kämpfen und neuen Siegen entgegen.
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