August Bebel: Die Wahlen in Deutschland

[Nr. 1096, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, II. Jahrgang, Nr. 9, 28. Februar 1890, S. 1 f.]

Berlin, 24. Februar. Sieg! Sieg! und abermals Sieg! Das ist das Resultat des 20. Februar. In Nord und Süd, in Ost und West eine kolossale, nicht für möglich gehaltene Stimmenzunahme

Das war eine Schlacht wie noch keine geschlagen worden ist und ein Sieg wie noch keiner errungen wurde.

Dreiundzwanzig Mandate auf den ersten Schlag und in nahezu sechzig Wahlkreisen die Kandidaten der Partei in der engeren Wahl. Hätten wir’s nicht schwarz auf weiß, wir glaubten’s nicht.

Die Partei hat sich bewundernswürdig gehalten. Alle bis auf den letzten Mann haben ihre volle Schuldigkeit getan, aber dennoch wäre dieses Resultat nicht möglich, hätte sich nicht langsam aber sicher in den Volkstiefen eine Umwandlung der Geister vollzogen, die jetzt bei den Wahlen ins helle Tageslicht trat.

Die Kartellmehrheit des letzten Reichstags ist zerschmettert und was noch von ihr steht, wird bis auf einige kleine Trümmer, die von der vergangenen Herrlichkeit zeugen, in den engeren Wahlen der nächsten Tage niedergeworfen werden.

Zu sagen, welche Stadt, welcher Wahlkreis den größten Sieg erfochten hat, ist unmöglich. Einer ist immer größer und kolossaler als der andere, die Überraschung ohne Ende. Und da ist auch nicht eine Gegend in Deutschland, die hinter der anderen zurückbleibt.

In den Marschen Schleswig-Holsteins wie in den Sandwüsten der Mark, in den freundlichen Gefilden Badens und Elsass-Lothringens wie im rauen Nordosten, überall wuchsen die Arbeiterbataillone wie die Myrmidonen aus der Erde. Da reicht nicht eine Million, nicht einmal ein und eine viertel Million wir kommen nahe an anderthalb Millionen Stimmen, wenn wir sie nicht voll erreichen.

Die Gesichter der Gegner kann man sich vorstellen; niedergedonnert wie arme Sünder, über die das Hochgericht hereinbrach, stehen sie da und wissen sich nicht zu fassen. Und sie haben auch alle Ursache dazu. Oder ist es nicht überraschend, wenn die Partei in überwiegend wohlhabenden Bauernbezirken wie das Herzogtum Altenburg es aus über 10.000 Stimmen bringt – und im feudal regierten Mecklenburg dieselbe in zwei Wahlkreisen mit relativer Stimmenmehrheit in die Stichwahl kommt?

Wie viel Mandate die Partei aus den engeren Wahlen davontragen wird, ist schwer zu sagen. In sehr vielen Fällen geben Deutschfreisinnige und bürgerliche Demokraten den Ausschlag und wie groß immer deren Hass gegen die Kartellparteien sein mag, noch größer ist ihr Hass und ihre Furcht vor uns. Soweit Arbeiter für diese Parteien stimmten, darf angenommen werden, dass sie nunmehr für die sozialdemokratischen Kandidaten eintreten werden, der bürgerliche Anhang fällt sicher meist den Gegnern zu.

Diese Erkenntnis hat das sozialdemokratische Zentralkomitee nicht abgehalten, folgenden Aufruf zu erlassen:

Parteigenossen!

Der 20. Februar war ein Ehrentag für die Sozialdemokratie. Zwanzig Mandate sind bereits erobert und in ungefähr 50 Wahlkreisen kommt die Partei in die engere Wahl.

Wir müssen also von Neuem den Kampf aufnehmen, um noch möglichst viele Reichstagssitze zu erobern. Es ist deshalb notwendig, dass die Wahlkreise, welche bei den engeren Wahlen nicht direkt in Mitleidenschaft gezogen werden, ihre rednerischen Kräfte und ihre materiellen Mittel denjenigen Wahlkreisen zur Verfügung stellen, welche den Kampf in den Stichwahlen zu führen haben.

Dies muss sofort geschehen, da wie verlautet, die engeren Wahlen schon am 28. Februar oder am 1. März stattfinden sollen.

Ferner ist die Partei in der Lage, in einer großen Zahl anderer Wahlkreise, in denen gegnerische Parteien engere Wahlen haben, den Ausschlag geben zu können.

Der Parteitag in St. Gallen beschloss, für diese Fälle die Stimmenthaltung zu empfehlen.

Allein wie sich die Lage unter der Herrschaft der Kartellmehrheit und durch den Antrag der verbündeten Regierungen auf Verewigung des Sozialistengesetzes gestaltet hat, erachten wir es im Interesse der Partei für absolut notwendig, soweit es in unserer Macht liegt, zu verhindern, dass sich im künftigen Reichstage eine Mehrheit für das Ausnahmegesetz zusammenfindet.

Unsere Losung muss daher sein: Nieder mit dem volksfeindlichen Kartell! Fort mit den Verewigern des Sozialistengesetzes!

Unter diesen Umständen fordern wir unsere Parteigenossen auf, überall, wo sie nicht selbst bei den Stichwahlen beteiligt sind, für den Kandidaten derjenigen gegnerischen Partei zu stimmen, welcher die bindende Erklärung abgibt, im Falle seiner Wahl

1. gegen jedes wie immer geartete Ausnahmegesetz,

2. gegen jede Verschärfung der Strafgesetze,

3. gegen jede Verkümmerung des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechts zu stimmen.

Weigert sich ein Kandidat, diese Erklärung abzugeben, so ist unter Angabe der Gründe öffentlich zur Wahlenthaltung unserer Genossen aufzufordern.

Parteigenossen!

Wir geben Euch diese Losung nicht, weil wir Gegendienste von anderen Parteien erwarten, fordert doch bereits ein Teil der gegnerischen Presse die Verbindung der gestimmten bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie, und in Breslau ist bereits in diesem Sinne ein Bündnis zwischen Freisinn und Kartell abgeschlossen – nein, wir handeln auch bei dieser Parole wie unser Parteiinteresse und das öffentliche Wohl uns zu handeln gebieten.

Frisch auf zu neuen Kämpfen, zu neuen Siegen.

Dresden, 22. Februar 1890.

Das Zentralwahlkomitee der sozialdemokratischen Partei:

Bebel. Grillenberger. Liebknecht. Meister. Singer.

Durch diese Entscheidung erhält die freisinnige Partei allein dreißig bis fünfunddreißig Mandate und bringt es dadurch auf 60–70 Sitze im Reichstag, wohingegen sie im vorigen nur 32 besaß. Ferner verhilft die Partei der bürgerlichen Demokratie zu 10 Mandaten; im vorigen Reichstag hatte sie nur eins. Die bis jetzt von uns eroberten Mandate verteilen sich auf folgende Wahlkreise und Personen: Berlin IV: Singer; Berlin VI: Liebknecht; Altona: Frohme; Hamburg I: Bebel; Hamburg II: Dietz; Hamburg III: Metzger; Elberfeld-Barmen: Harm: Solingen: Schumacher; Nürnberg: Grillenberger; München I: Vollmar; Gera: Wurm; Greiz: Förster; Leipzig-Land: Geyer; Glauchau: Auer; Zwickau: Stolle; Stollberg: Seifert; Chemnitz: Schippel; Mittweida: Schmidt; Tharandt: Harm; Offenbach: Ullrich; Geestemünde: Bruhns; Mülhausen i. E.: Hickel; Magdeburg: Vollmar. Letzterer und Harm sind doppelt gewählt und werden Nachwahlen stattzufinden haben.

Die hauptsächlichsten Wahlkreise, in welchen die Partei in die engere Wahl kommt, sind folgende: Drei in Berlin, zwei in Breslau, in Königsberg, Reichenbach-Neurode, Cottbus, Luckenwalde, Schwerin, Rostock, Lübeck, Kiel, Flensburg, Wandsbek, Frankfurt a. O., Frankfurt a. M., Braunschweig I, Kassel, Hameln, 18. Hannoverscher Wahlkreis, Bremen, Dortmund, Köln, Düsseldorf, Mainz, Darmstadt, Mannheim, Stuttgart, München II, Fürth, Würzburg, Sonneberg, Erfurt, Gotha, Halle a. S., Zeitz, usw.

Man sieht, es sind fast alle bekannteren Städte Deutschlands entweder von der Sozialdemokratie sofort auf den ersten Ruck erobert worden oder sie kommt in ihnen in die engere Wahl. In einigen dieser Wahlkreise ist die relative Mehrheit für die Parteikandidaten so bedeutend, dass der Sieg nur an wenig hundert Stimmen hing. So in Bremen, Braunschweig, Königsberg, Berlin II, Kiel usw.

In meinem nächsten Briefe werde ich über den Ausfall der Mehrzahl der Stichwahlen berichten können.

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Nach der amtlichen Feststellung wurden am 20. Februar für die Kandidaten unserer Partei 1.342.000 Stimmen abgegeben.


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