[Nr. 1142, Korrespondenz, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, II. Jahrgang, Nr. 28, 11. Jul 1890, S. 4 und 7]
Berlin, 8. Juli. Berlin schwimmt im Festjubel. Das zehnte deutsche Schützenfest, das in diesen Tagen hier gefeiert wird, hat unser Bürgertum in die festlichste Stimmung versetzt. Man ergötzt und berauscht sich an patriotischen und phrasenreichen Reden als seien damit große weltbefreiende Taten vollbracht. Und doch ist Alles innerlich faul und hohl.
Als vorige Woche für einem der verstorbenen Hauptwortführer des ehemals demokratischen Bürgertums, den alten Waldeck ein Denkmal enthüllt wurde, verlief diese Feier so sang- und klanglos, als schämte man sich sie veranstaltet zu haben. Man hatte nicht den Mut eine anständige Feier unter Heranziehung größerer Massen zu veranstalten, aus Furcht nach oben anzustoßen.
Der Vorgang kennzeichnet den männlichen Mut und die politische Charakterfestigkeit der Herren, die heute als die Säulen des bürgerlichen Liberalismus betrachtet werden. Man kämpft nur noch aus Gewohnheit und zum Schein. Innerlich ist es einem ganz anders zu Mute. Da hat Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit alles höhere Streben erstickt oder der soziale Kampf hat die ehemaligen Freiheitshelden in Kriecher nach oben und wild gewordene Ausbeuter nach unten verwandelt.
Eine Zeit des Kampfes und der allgemeinen Auflösung ist Massenfesten nicht günstig. Der permanent wütende Klassenkampf lässt keine fröhliche Feststimmung gedeihen. Wo die Einen kämpfen, um das Notwendigste zu erlangen, und die Andern sich verteidigen, um den Überfluss zu behalten, sind Misstrauen und Feindseligkeit die herrschenden Gefühle.
Mitten im Feste feiernden Berlin sind Tausende und Abertausende zur Untätigkeit und zum Elend gezwungen, weil die Überproduktion mal wieder an alle Türen klopft. Das Baugeschäft, das sonst um diese Zeit Zehntausende von Händen beschäftigte, liegt vollständig darnieder und ähnlich ist’s in andern Industrien und Gewerben. Die Unternehmer benutzen diese Periode ihrer sozialen Übermacht über die Arbeiter um letzteren fühlen zu lassen, wer die Gewalt in Händen hat. Eine Menge der für die Arbeiterbestrebungen tätigsten Kräfte liegen auf dem Pflaster und suchen vergeblich Stellung und Unterkommen.
Am heftigsten hat sich der Kampf in Hamburg zugespitzt. Die erste Maifeier war die äußere Veranlassung um Tausende auf die Straße zu setzen; in Wahrheit war die Feier für die Unternehmer die erwünschte Gelegenheit ihre Werkstätten auf einige Zeit zu schließen, nachdem sich herausgestellt, dass eine Krise im Anzuge war, die ihnen zeitweiliges Feiern als eine Wohltat erscheinen ließ. Der Hauptkampf wird mit den organisierten Maurern geführt, welche in Hamburg an der Spitze der Bewegung marschieren und durch ihre Organisation wie durch ihre Opferwilligkeit die Elite der Hamburger Arbeiterschaft bilden.
Das dieses Jahr fast überall darniederliegende Baugewerbe ermöglichte den Unternehmern die Heranziehung fremder Arbeitskräfte. Die Hamburger Arbeiter brachten immense Opfer um den Zuzug abzuwehren. Bisher mit ungenügendem Erfolg. Gelingt es den Arbeitern den Ausstand noch drei bis vier Wochen aufrecht zu erhalten, so sind sie Sieger. Gelingt dies nicht, so unterliegen sie und dann hat eine der festesten Burgen der Bewegung kapituliert. Es werden alle Anstrengungen gemacht um den Arbeitern den Sieg zu erringen, an dem nicht nur die Arbeiter selbst, sondern auch Tausende von Wiener Geschäftsleuten interessiert sind, die augenblicklich schwer leiden weil ihre besten Kunden verdienstlos sind.
Als echte Bourgeoisregierung zeigt sich hierbei das „republikanische“ Hamburger Stadtregiment, das mit allen Mitteln gegen die Arbeiter und für die Unternehmer Partei ergriff. Daher ist auch nirgends in Deutschland, Sachsen nicht ausgenommen, die Erbitterung der beiden gegenüberstehenden Lager eine so große, wie in Hamburg und Umgebung.
Auch im Saargebiet wird der Kampf immer lebhafter. Wie es heißt, stehen neue Arbeitsentlassungen in den dortigen Kohlengruben bevor und steigern den Groll der Arbeiter. Als echter Pascha hat sich dort wieder Herr von Stumm gezeigt, der auf seinen Werken einen Ukas anschlagen ließ, wonach jeder Arbeiter sofort entlassen werde, sobald einer derselben eine Versammlung besuche. Kürzlich renommierte Herr von Stumm privatim im Reichstag, dass unter seinen Arbeitern keine Unzufriedenheit herrsche, weil alle sich wohl fühlten, davon könne jeder sich überzeugen, der unter sie trete und sie befrage.
Die Unverschämtheit dieser Behauptung kann kaum schlagender bewiesen werden als durch jenen Erlass, durch den er seinen Arbeitern eines ihrer wichtigsten Rechte nimmt.
Herr von Stumm sitzt in der Arbeiterschutz-Kommission des Reichstags und so wird er noch Gelegenheit erhalten, sich wegen dieses Erlasses wie wegen anderen ähnlichen Großtaten zu verantworten. Er wird nichts geschenkt bekommen, dafür werden seine sozialdemokratischen Kollegen sorgen.
Apropos: Die Zeitungen meinen die Arbeiterschutz-Kommission werde in der Lage sein Mitte November beim Wiederzusammentritt des Reichstags ihren Bericht zu erstatten. Daran ist nicht zu denken. Die Beratungen schreiten wesentlich in Folge der Forderungen, welche die sozialdemokratischen Mitglieder der Kommission stellen, nur langsam vom Flecke und dieses Tempo dürfte sich noch verlangsamern in Rücksicht auf die Materien, die noch zu behandeln sind und ihrer Natur nach den heftigsten Widerstand von unserer Seite finden werden. Unseres Erachtens sieht der Reichstag nicht vor Neujahr den Bericht seiner Kommission, und werden alsdann die Debatten ähnlich lebhaft, wie in der Kommission, so kann er vor Mai nächsten Jahres mit der Beratung nicht fertig werden. Ob dann auch das Sprichwort: was lange währt wird gut, sich bewahrheitet, steht auf einem andern Blatt. Bis jetzt ist aller Grund vorhanden, es zu bezweifeln.–
Mit dem Fall des Sozialistengesetzes wird auch eine Persönlichkeit von der Bühne verschwinden, die unter der Herrschaft desselben die denkbar unheilvollste Rolle spielte. Wie es heißt soll der Polizeirat Krüger, der Leiter der geheimen politischen Polizei, der Spiritus rector des Lockspitzeltums mit Ende September seinen Abschied erhalten. So folgt seinem Herrn und Meister Bismarck sein Diener in die Versenkung nach, und wie jener, wohl auf Nimmerwiedersehen.
Der Sturz Krügers ist das eigenste Werk unserer Redner bei den Sozialistengesetzdebatten. Ohne die fortgesetzten Angriffe auf diesen Teufel in Menschengestalt mit Beibringung der Beweise für sein verbrecherisches Treiben wäre er noch im Amte geblieben. Insbesondere haben die Enthüllungen über die Rolle Krügers bei den Kaiserreisen in Süddeutschland, Österreich und Italien an entscheidender Stelle den nachhaltigsten Eindruck gemacht und seinen Sturz besiegelt.
Herr Krüger kann leider sein Stillleben ohne Sorgen genießen. Er hat sich mit seiner staatsretterischen Tätigkeit ein sehr bedeutendes Vermögen erworben und außerdem winkt ihm eine sehr annehmbare Pension. Sein Gewissen wird ihm auch keinen Streich spielen, sintemalen er keines hat. Für einstweilen sei er lebhaftestem Gedenken unserer Genossen empfohlen.
Der Fall des Sozialistengesetzes beunruhigt unsere guten Bürger sehr. Sie sehen den kommenden Dingen mit großem Unbehagen entgegen und rufen nach mehr– Polizei. Lieber Himmel hätte die Polizei mit uns fertig werden können, so musste sie es in den verflossenen 12 Jahren fertig bringen. Nun ihr das nicht gelungen ist, kann sie auf einen neuen Befähigungsnachweis verzichten. Dieser gelingt ihr nicht; sie erntet höchstens zu der alten eine neue Blamage.
Ein recht unangenehmes Nachspiel hat der erste Mai für zwei Angehörige des sächsischen Schützenregiments in Dresden gehabt. Als am 1. Mai ein Teil unserer Genossen auf einem Dampfer die Elbe herabfuhr und an der Schützenkaserne vorbei passierte, winkten zwei Soldaten mit bunten Taschentüchern den Vorbeifahrenden zu. Von einem wachthabenden Polizisten denunziert, wurden die armen Teufel jetzt zu ein und zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
Quält ein Vorgesetzter seine Soldaten bis aufs Blut und erlaubt er sich die größten Barbareien wider sie, so kommt er unglücklichen Falls mit einigen Monaten Festung davon. Hier aber erhielten zwei arme Teufel wegen einer sehr harmlosen Demonstration zwei Jahre Gefängnis. Das geschieht zur Sicherung der für sakrosankt erklärten militärischen „Disziplin“. Es gibt für einen Beamten und Soldaten kein größeres Verbrechen als eine Gesinnung zu haben, die oben missfällt. Eine Schlechtigkeit, eine Niederträchtigkeit kann man verzeihen, eine disziplinwidrige Gesinnung nicht.
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