[Die Neue Zeit, XXV. Jahrgang 1905-1906, 1. Band, Nr. 3, S. 81-84]
f Berlin, 17. Oktober 1906
Vor vierzehn Tagen machten wir an dieser Stelle darauf aufmerksam, wie wenig die herrschenden Klassen in Deutschland geneigt seien, von dem Jahrhunderttag der Schlacht bei Jena zu sprechen, ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit, Säkularfeste mit lärmendem Tamtam zu feiern. So spärlich indes ihre Jubiläumsliteratur zu dem Jenaer Tage war, so konnten die bürgerlichen Zeitungen den 14. Oktober doch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen, und sie leitartikelten ein Zeug zusammen, das man milde beurteilt, wenn man es haarsträubend nennt.
In erster Reihe natürlich die Junker- und Pfaffenblätter. Sie räsonierten gewaltiglich über die „Aufklärung“ und die „Humanität“, die den Sturz des altpreußischen Staates verschuldet haben sollten, so dass man es noch als eine ungewöhnliche Gnade betrachten konnte, wenn sie die Namen der Kant, Lessing und Schiller nicht ausdrücklich an den Galgen schlugen. Oder sie schwindelten, wie das Organ des Hofpredigers Stoecker, die sozialdemokratische Presse sei durch das berufene Machwerk des Generals v. d. Goltz so niedergeschmettert worden, dass sie ihre „faustdicke Lüge“ über Jena nicht mehr auszusprechen wage. Der Refrain alle der Rodomontaden war natürlich, wie herrlich weit es seitdem der preußische Staat gebracht habe und wie unmöglich ein zweites Jena sei.
Diesem Hochmut – oder genauer dieser Hochnäsigkeit, einem für borussische Überhebung wie geschaffenen Worte – ist die Strafe auf dem Fuße gefolgt. Sie lieferte gleich zwei Beweise für einen, dass der preußische Staat einem zweiten Jena nicht etwa nur entgegengehe, sondern schon mitten darin sei. Der eine dieser Beweise sind die nunmehr als Buch erschienenen Denkwürdigkeiten Hohenlohes, der zweite aber ist der Überfall der Stadt Köpenick und der Raub ihrer Stadtkasse durch einen Gauner, der mit zwei Elementen zu rechnen verstand, die vor hundert Jahren die Niederlage von Jena mit verschuldet haben: vom knechtisch-stumpfsinnigen Gehorsam des Militärs und der feigen Entnervung der bürgerlichen Klasse.
Ein Bruchstück aus den Denkwürdigkeiten Hohenlohes haben wir schon vor acht Tagen an dieser Stelle gewürdigt; heute wo das ganze Buch vorliegt, möchten wir wiederholen, dass „Onkel Chlodwig“ mit diesen Memoiren aus dem Grabe schwerlich beabsichtigt hat, „Sensation“ zu erregen. Es ist eine unglaublich nichtige Welt, die er uns vorführt, verseucht durch Eifersucht und Hass und Neid, versumpft im ekelhaftesten Klatsch und Tratsch, aber Hohenlohe, der als geborener Reichsfürst, als bayerischer Ministerpräsident, als deutscher Botschafter in Paris, als Statthalter der Reichslande und endlich als Reichskanzler all sein Lebtag in dieser Welt gelebt hat, sieht sie offenbar als eine normale Welt an. Nichts spricht für seine völlige Unbefangenheit besser, als dass er sich selbst durchaus keine erhebende Rolle zu erteilt, sondern sich ganz so kläglich gibt, wie seine Umgebung kläglich war.
Nichts richtiger, als wenn die bürgerliche Presse sagt, eigentlich Neues enthielten die Denkwürdigkeiten Hohenlohes nicht. Es ist sogar noch richtiger, als sie meint, die Denkwürdigkeiten enthalten nicht nur keine neuen Tatsachen, sondern auch das niederziehende Bild, das sie von dem Treiben hinter den offiziellen Kulissen des neudeutschen Reiches entwerfen, ist nicht neu. Man lese nur die historischen Schilderungen von dem Treiben hinter den offiziellen Kulissen des altpreußischen Staates in den Tagen vor Jena, und man hat dasselbe Bild: die Auflösung der wichtigsten Staatsinteressen in einen unentwirrbaren Knäuel persönlicher Intrigen, das, wie selbst ein bürgerliches Blatt sagt, „Kannegießern und Seichtbeuteln“ völlig leerer Persönlichkeiten, das großmäulige Getratsche, das auch nicht von dem leisesten Funken wirklicher Energie und Kraft beseelt wird. Beim Blättern in den Hohenloheschen Denkwürdigkeiten hat man immer die Charakteristik vor Augen, die seinerzeit Stein. von der Kabinettsregierung des dritten Friedrich Wilhelm entwarf; nur dass freilich der Reichsfürst nicht den markigen Stil des Reichsfreiherrn schreibt.
Am wenigsten für die klassenbewussten Arbeiter enthalten Hohenlohes Denkwürdigkeiten etwas Neues. Sie brauchen keine urkundliche Enthüllung, um zu wissen, wie es im Schoße der herrschenden Klassen aussieht und, gemäß der historischen Bedingungen, unter denen diese Klassen seit dem Erstarken der Arbeiterbewegung leben, auch aussehen muss. Mit dem revolutionären Aufstieg geht immer parallel der reaktionäre Abstieg; so war es vor hundert Jahren, als die bürgerliche Revolution das feudale Europa überflügelte und dessen herrschende Klassen der intellektuellen und moralischen Auflösung überantwortete; so ist es heute, wo die proletarische Revolution sich unwiderstehlich durchsetzt und ihre Gegner intellektuell wie moralisch entnervt.
Deshalb machen sich bürgerliche Blätter eine unnötige Sorge, wenn sie fürchten, die Denkwürdigkeiten Hohenlohes würden neues Wasser auf die Mühlräder der Sozialdemokratie treiben. Gewiss kann es uns nur willkommen sein, durch Hohenlohe bestätigt zu sehen, dass es im Schoße der herrschenden Klassen wirklich so aussieht, wie es nach unserer Theorie darin aussehen muss, aber eben deshalb haben wir dadurch keine überraschende Aufklärung empfangen, die unserer Agitation neue Antriebe geben könnte. Unser monarchisches Bewusstsein kann schon deshalb nicht erschüttert werden, weil wir längst nicht mehr mit diesem Ballast beschwert sind. Auf der anderen Seite glauben wir freilich auch nicht, dass die Skandalosa, die Hohenlohe enthüllt, wie ein sorgenvolles Gemüt der Bourgeoisie meint, die Axt an die Wurzeln der Monarchie legen würde, die es noch gibt. Wo heute noch „monarchisches Bewusstsein“ existiert, da erwächst es aus der Angst vor der proletarischen Revolution, und diese Angst verschlingt unbesehen auch den ganzen Wust von abgeschmackten und albernen, von hässlichen und wüsten Dingen, die Hohenlohes Denkwürdigkeiten enthalten. Können wir also die politische Wirkung dieser Denkwürdigkeiten nicht hoch einschätzen, so sind sie doch ein vortrefflicher Dämpfer für die ostelbischen Junker, die von der Unmöglichkeit eines zweiten Jena schnarren. Und ein noch gründlicherer Dämpfer ist der Überfall von Köpenick, der gegenwärtig ganz Europa von homerischem Gelächter erdröhnen lässt. Ein Strolch, der nichts besitzt als eine defekte Hauptmannsuniform, nimmt ein paar Kommandos Gardetruppen von der offenen Straße in Berlin, besetzt mit ihnen die Stadt Köpenick, die dicht vor den Toren der Hauptstadt gelegen ist, verhaftet Bürgermeister und Kämmerer unter dem hilfreichen Beistand der Polizei und geht mit der Stadtkasse von dannen, auf seiner Flucht gedeckt durch die biederen Vaterlandsverteidiger, die nicht den Posten zu verlassen wagen, den er ihnen angewiesen hat. Erbeutetet hat der Gauner 4.000 Mark, immerhin ein etwas geringes Honorar für einen Streich, dessen Genialität ihresgleichen sucht, in der Geschichte des Gauner- wie – und das ist die wahre Moral von der Geschichte – des Junkertums.
Die Junkerpresse ist, in sicherer Ahnung des drohenden Unheils, flink bei der Hand, die erdrückende Wucht dieses unendlich lächerlichen Abenteuers auf ihren ewigen Sündenbock abzuwälzen, auf das Bürgertum. Und sicherlich haben sich die bürgerlichen Behörden Köpenicks, einer Stadt von immerhin zwanzig- bis dreißigtausend Einwohnern, nichts weniger als heldenhaft benommen; auch den Bürgermeister hat seine Würde als Reserveoffizier nicht davor geschützt, sich von dem falschen Hauptmann übertölpeln zu lassen. Immerhin standen, als er sich gefangen nehmen ließ, zwei Füsiliere mit geladenen Gewehren hinter ihm, die nach ihrer eigenen ehrlichen Aussage ihn sofort erschossen haben würden, falls es der „Hauptmann“ befohlen hätte. Und als Märtyrer in dieser Komödie des borussischen Militarismus mitzuwirken, ist am Ende selbst ein Bürgermeister und Reserveoffizier nicht verpflichtet.
Allein auch die Mannschaften, die sich von einem Spitzbuben in Hauptmannsuniform kommandieren ließen, sind die Schuldigen nicht. Von diesen armen Teufeln wäre es zu viel verlangt gewesen, ihr kritisches Vermögen ins Spiel zu setzen, sobald ein etwaiger Fehlgriff dieses Vermögens sie auf viele, viele Jahre ins Zuchthaus spedieren konnte. Sie liefen ungleich geringere Gefahr, wenn sie einem falschen Hauptmann gehorchten, als wenn sie einem echten Hauptmann den Gehorsam verweigerten. Wozu dann noch kommt, dass jede Fähigkeit und Neigung zur Kritik systematisch durch den militärischen Drill in ihnen ertötet worden ist.
So hängt das Köpenick von 1906 ebenso an den Rockschößen der preußischen Junker, wie das Jena von 1806. Es ist möglich geworden durch alles das, was dem Junkertum als Kern und Stern der preußischen Staatsräson gilt: durch die Entmündigung und Entnervung der Bevölkerungsmasse, mag sie nun im bürgerlichen oder im militärischen Rock stecken. Vor hundert Jahren entriss ein genialer Eroberer den greisenhaften und kraftlosen Händen der preußischen Junker das Zepter, um eine Welt umzugestalten; heute spielt mit diesem Zepter schon ein geriebener Gauner, der auf keine höheren Dinge läuft als gemeinen Kassenraub.
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