Franz Mehring: Vorm Muttergottesbild

[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 41, Feuilleton, 7. Juli 1911, S. 504, Rubrik „Lose Blätter“]

Wie ein katholisches Pfäfflein vorm Bilde der heiligen Jungfrau, betet Herr Hans Delbrück in den „Preußischen Jahrbüchern“ vor den Memoiren Lily Brauns, der „vornehmen Dame“, die „ein edles Herz für die Armen und Unterdrückten in sich schlagen“ fühlt. Er empfiehlt das Buch allen „väterlichen Freunden“, die junge Herren und junge Damen von „unklarer Schwärmerei“ für die Sozialdemokratie kurieren wollen, und zeigt zugleich durch sein eigenes Beispiel, wie geeignet dies epochemachende Werk ist, selbst alten Herren den Star zu stechen. Nachdem Herr Delbrück erst vor wenigen Jahren in der Sozialdemokratie die einzige Partei erblickt hat, die unerschütterlich die deutsche Kultur wahre, sagt er jetzt: „Wir anderen, die wir dreißig Jahre in zäher, mühseliger, praktischer Sozialpolitik arbeiten, haben schließlich doch fürs Volk unendlich viel mehr getan und erreicht, als diese Schwärmer usw.“ Wozu Herrn Delbrücks spezieller Landsmann, Onkel Bräsig, sagen würde: Dass du die Nas‘ ins Gesichte behältst! Und der Rahnstädter Reformverein, dem Bräsig verkündete, das die große Armut von der großen Powertee komme, ist sicherlich das „Volk“, für das „wir anderen“ so unendlich viel gearbeitet und gerungen haben.


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