Franz Mehring: Über Aufklärungsliteratur

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 39, S. 385-390]

f Berlin, 26. Juni 1901

Auf dem Mainzer Parteitag wurde ein Antrag auf Herausgabe einer wissenschaftlichen Schrift über den katholischen Klerikalismus abgelehnt, nachdem Genosse Fischer aus Berlin ihn lebhaft bekämpft hatte. Er führte aus, eine wissenschaftliche Widerlegung der ganzen ethischen und politischen Anschauungen des Katholizismus, und des Christentums überhaupt, sei gewiss sehr wünschenswert, aber von dem Gedanken, eine solche Schrift unter dem Gesichtspunkt der Agitation für den politischen Tageskampf, namentlich in kleinen Städten und auf dem Lande, zu verlangen, müsse abgesehen werden.

Genosse Fischer meinte, viel wirksamer für die Agitation würde eine Broschüre sein, die mit aktenmäßigem Material an den politischen Aktionen des Zentrums nachwiese, wie sehr die Handlungen dieser Partei im Widerspruch zu ihren Reden und Versprechungen ständen, also ein Schriftchen, wie es der Genosse Hoch inzwischen in sehr verdienstlicher Weise herausgegeben hat. „Solche Broschüre halte ich für viel wirksamer als eine theoretische Schrift, aus der unsere Leute vielfach Mangels der nötigen Vorbildung einige Schlagworte herausgreifen und in der Hitze des Gefechtes die Gefühle der katholischen Arbeiter verletzen und damit das tun, worauf die Pfaffen in erster Linie spekulieren. Wir müssen den katholischen Arbeiter bei seinem Klasseninteresse packen, die philosophische Erkenntnis kommt dann später nach.“ So der Genosse Fischer, dessen Beweisführung zu einleuchtend ist, als dass wir sie noch durch einen erläuternden Kommentar zu verstärken brauchten.

Es ist nun aber nicht bei der Ablehnung des durch den Genossen Fischer so wirksam bekämpften Antrags geblieben; vielmehr beginnt die Verlagsbuchhandlung des „Vorwärts“ eben eine Serie von „Aufklärungsschriften über das Christentum“ herauszugeben, in deren Ankündigung es heißt: „Diese Schriften, denen weitere folgen werden, verdanken ihre Erscheinung einem Antrage am Mainzer Parteitag: eine wissenschaftliche Widerlegung der Lehren des Christentums als Agitationsschrift herauszugeben,“ Wenn wir jedoch fragen, ob die drei bereits erschienenen Schriften: „War Jesus Gott, Mensch oder Übermensch“ „Waren die Urchristen wirklich Sozialisten?“ „Das wahre Christentum als Feind von Kunst und Wissenschaft“ den ablehnenden Beschluss des Mainzer Parteitags zu entkräften vermögen, so müssen wir mit dem entschiedensten Nein antworten; man möchte eher sagen, sie seien mit einem gewissen advokatorischen Geschick wider Willen geschrieben, um zu erhärten, wie dreimal recht Genosse Fischer mit seinen Mainzer Ausführungen gehabt hat.

Selbstverständlich gehen wir sehr ungern daran, eine durchaus ablehnende Kritik an Agitationsschriften zu üben, die von einem Parteiverlag herausgegeben werden; es widerstrebt uns um so mehr, als die Gescheitelten wie die Geschorenen bereits gegen diese Broschüren mobil gemacht haben und wir also mit unserem Widerspruch in eine sehr peinliche und unangenehme Nachbarschaft kommen oder doch zu kommen scheinen. Was uns gleichwohl über alle Bedenken hinweghilft, ist die Erwägung, dass es eine Frage von der größten Wichtigkeit ist, ob eine falsche Agitationsmethode gegen das Christentum eingeschlagen wird in einer Zeit, wo, wie es in der Ankündigung der Schriftchen ganz richtig heißt, „das Muckertum in Staat und Kirche frecher als je sein Haupt erhebt und wo das Christentum mehr als je den Deckmantel bilden soll für die politische und wirtschaftliche Knechtung der Arbeiterklasse“. In solchen Tagen darf unseres Erachtens nicht schweigen, wer den Beweis erbringen zu können glaubt, dass sich die Agitationsmethode der Partei auf einen unrichtigen Weg verirrt; können der Verfasser und der Verlag der „Aufklärungsschriften“ den Gegenbeweis führen, so haben sie in der Parteipresse dazu den genügenden Raum, und es wird für die Verbreitung ihrer Erzeugnisse um so vorteilhafter sein, wenn sie unsere Kritik als eine vorwitzige Anmaßung nachzuweisen vermögen.

Was wir an diesen Broschüren auszusetzen haben, ist erstens, dass sie von einer wissenschaftlichen Widerlegung des Christentums nichts enthalten, und zweitens, dass sie als praktische Agitationsmittel nur den Gegnern in die Hände arbeiten. Natürlich gehen wir mit diesem doppelten Beweis nicht von der Annahme aus, dass eine wissenschaftlich haltlose Broschüre gleichwohl als praktisch wirksame Agitationswaffe gebraucht werden dürfe. Es ist von jeher der Ruhm der Partei gewesen, in der praktischen Agitation keine Argumente zu gebrauchen, die sie vor ihrer wissenschaftlichen Überzeugung nicht verantworten kann; eine Broschüre, die wissenschaftlich unhaltbar ist, fällt auch als praktisches Agitationsmittel zusammen. Wir sehen vielmehr eine Art melancholischen Trostes darin, dass die „Aufklärungsschriften über das Christentum“, indem sie den Boden wissenschaftlicher Diskussion verlassen, auch gleich agitatorisch so ungeschickt werden, dass die demagogische Praxis des katholischen Pfaffentums mit ihnen das denkbar leichteste Spiel haben wird.

Wir geben zunächst einmal eine Probe, die gleichermaßen zeigt, wie verwickelt die historischen Zusammenhänge sind, um die es sich bei der Entstehung des Christentums handelt, und wie unbekannt der Verfasser der Broschüren mit diesen Zusammenhängen ist. Als Beweis der Feindschaft, die das Christentum gegen Kunst und Wissenschaft hegt, führt er den Satz an: „Ob die Sonne größer ist als die Erde oder nur einen Fuß in die Breite misst? Ob der Mond mit eigenem oder fremdem Lichte strahlt? Das zu wissen bringt keinen Nutzen, nicht zu wissen keinen Schaden. Euer Wohl ist in Gefahr: das Heil nämlich eurer Seelen.“ Hierzu ist in Klammern bemerkt: Arnobius, Adv. gentes, I. II. c. 61, eine Quellenangabe, die unsere Leute besonders erleuchten und sie namentlich befähigen wird, mit katholischen Kaplänen zu disputieren. Es wird sehr eindrucksvoll sein, wenn sie auf die Frage nach der Quelle dieses oder einiger anderer, auf derselben Seite beigebrachter Zitate antworten: Arnobius, Adv. gentes, I. II. c. 61, oder Lactantius, Inst. div., I. III c. 8, oder Augustinus, De Mor. eccl. Cath., I, I. 6. 21.

Beiläufig hat auch der Verfasser die alten Kirchenväter nicht nachgeschlagen; er besitzt die anerkennenswerte Ehrlichkeit, selbst zu sagen, dass er sie aus Feuerbachs „Wesen des Christentums“ entnommen habe, in dessen erster Auflage wir sie übrigens vergebens gesucht haben. Vielleicht stehen sie in der zweiten Auflage oder sonst wo bei Feuerbach: die Richtigkeit speziell des Zitats aus Arnobius bestreiten wir durchaus nicht; was wir aber bestreiten, ist seine Beweiskraft als Argument für die Feindschaft des Christentums gegen Kunst und Wissenschaft. Der zitierte Satz hatte nämlich schon ein gutes Halbjahrtausend auf dem Buckel, als ihn der christliche Apologet Arnobius, der im Jahre 336 unserer Zeitrechnung starb, in seiner Schrift wiederholte. Er stammt nämlich von Epikur, der unter allen Philosophen des Altertums den erbittertsten und hartnäckigsten Krieg gegen alle und jede religiöse Anschauungen geführt hat. Gerade als Religionsfeind hat Epikur es für gleichgültig erklärt, zu wissen, ob die Sonne größer sei als die Erde oder nur einen Fuß in die Breite messe, ob der Mond mit fremdem oder eigenem Lichte strahle. Er ist deshalb schon vor zweitausend Jahren von Cicero als Wissenschaftshasser verhöhnt worden, aber vor sechzig Jahren schrieb ein Studiosus der Philosophie in Berlin eine durch und durch religionsfeindliche Abhandlung – mit dem äschyleischen Motto: Mit schlichtem Wort, den Göttern allen heg‘ ich Hass ––, worin er unter besonderer Bezugnahme auf Epikurs paradoxe Ansichten über Sonne und Mond nachwies, dass Cicero ein seichter Schwätzer, Epikur dagegen der größte griechische Aufklärer gewesen sei. Dieser Studiosus hieß – Karl Marx.

Seine Abhandlung wird demnächst veröffentlicht werden; wir brauchen ihr um so weniger vorzugreifen, als es uns nur darauf ankommt, zu zeigen, wie verwickelt alle diese Zusammenhänge sind und wie so gar keine Ahnung der Verfasser der „Aufklärungsschriften über das Christentum“ von ihnen hat. Es entschuldigt ihn keineswegs, dass er sich nur an die „Werke der Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts“ gehalten haben will, denn hätte er die bahnbrechenden Werke des vorigen Jahrhunderts über die Entstehung des Christentums wirklich studiert, so wäre er von selbst auf jene Zusammenhänge geführt worden. Aber freilich, wenn man Bruno Bauer nicht kennt, so kann man auch über den Zusammenhang der griechisch-römischen Philosophie mit der Entstehung des Christentums nichts wissen. Im Wesentlichen hält sich der Verfasser in der Broschüre: „War Jesus Gott, Mensch oder Übermensch?“ an David Strauß, und zwar keineswegs an den Strauß erster und epochemachender, sondern an den Strauß letzter und etwas dubioser Hand, nicht an den in seiner Art revolutionären Junghegelianer, sondern an den ängstlich-patriotischen Bourgeois Strauß.

Gleich der Eingang der Broschüre beginnt mit Zitaten aus Strauß, wonach sich die Frage nach der Wahrheit des Christentums auf die Frage nach den moralischen Qualitäten Jesu zuspitzen soll. Diese Auffassung hatte für den Theologen Strauß einen gewissen Sinn, hält aber so gut wie nichts mit der „wissenschaftlichen Widerlegung der Lehren des Christentums“ zu tun. Wenn man die Lehren des Christentums als den geistigen Niederschlag der griechisch-römischen Welt aufstellt, worin es entstand – und das ist die wissenschaftliche Auffassung, die Bruno Bauer begründet hat –, so ist die Frage, ob Jesus existiert habe oder nicht, ob er ein guter oder schlechter Mensch gewesen sei, von ganz nebensächlicher Bedeutung, Läge hier die Entscheidung, so wären wir das Christentum schon seit den Tagen des seligen Reimarus los; gründlicher als von ihm lässt sich gar nicht beweisen, dass Jesus und seine Jünger mit Lug und Trug umgegangen seien: Wie diese Auffassung aber wissenschaftlich haltlos ist, so ist sie agitatorisch nur ein Gaudium für die Pfaffen, denen gar kein größerer Dienst geleistet werden kann, als wenn die religiösen Gefühle der Arbeiter verletzt werden durch Anzapfungen des persönlichen Charakters Jesu, die vom historisch-kritischen Standpunkt niemals bewiesen werden können, weil von diesem Standpunkt aus nicht einmal entschieden werden kann, ob Jesus gelebt hat oder nicht, geschweige denn, ob er ein guter oder ein schlechter Mensch gewesen ist.

Man kann nun einwenden, und in der Tat berühren Strauß und nach ihm unsere Broschüre diesen Einwand, dass man freilich keine rechte historische Kenntnis von Jesu habe, aber dass seine Erscheinung in den Evangelien, die als göttlich verehrt werden, voller menschlichen Schwächen sei. Allein das ist eine vollkommen einseitige Beweisführung. Als geistiger Niederschlag der sehr komplizierten Zustände, die im griechisch-römischen Weltreich bestanden, enthalten die Evangelien sehr verschiedenartige Bestandteile, und eben hieraus erklärt sich die lange Dauer der christlichen Religion, dass ihre ideologischen Elemente sich den verschiedensten ökonomischen Produktionsweisen anpassen können und – angepasst haben. Auch für die moderne Arbeiterklasse hat das Christusbild der Evangelien sehr anziehende neben sehr abstoßenden Seiten, worüber schon bei Weitling das Nötige nachgelesen werden kann. Predigen nun die katholischen Geistlichen ihren Arbeiterschäflein diejenigen Reden Jesu, die in dem Klassenbewusstsein des modernen Proletariats einen lebhaften Widerhall finden, unter Verschweigung derjenigen Reden, die moderne Arbeiter abstoßen müssen, so mag das moralisch unerlaubt sein, aber es ist jedenfalls viel wirkungsvoller, als wenn solchen Arbeiterkreisen, die noch religiös befangen sind, nur die abstoßenden Seiten des Christusbildes gezeigt werden, unter Verschweigung ihrer anziehenden Seiten, wogegen sich dann auch noch die gleichen moralischen Bedenken geltend machen lassen, wie gegen die umgekehrte Taktik der Klerisei.

Bei Strauß hat diese Methode nun noch eine gewisse Logik: als ängstlichen Patrioten ärgert ihn an dem Jesus der Evangelien, dass dieser gar so ungeniert mit den herrschenden Klassen seiner Zeit umgesprungen ist, und als eingefleischter Bourgeois kränkt ihn, dass derselbe Jesus sich missliebig über den Mammon ausgelassen, den Armen das Himmelreich geöffnet, den Reichen aber verschlossen hat, ohne Rücksicht auf die moralische Würdigkeit der Einen oder der Andern, Strauß bezieht sich auf Buckle, den Historiker des Manchestertums, um die Kulturwidrigkeit dieser Anschauung Jesu zu beweisen. Buckle habe nachgewiesen, dass nächst dem Wissenstriebe keine andere Leidenschaft der Menschheit so viel Gutes getan habe, wie die sündige Liebe zum Gelde. Alles das ist bei Strauß logisch und verständlich; er sieht den Jesus der Evangelien mit den Augen des patriotischen Bourgeois an, der für seine Geldsäcke zittert, namentlich gegenüber der modernen Arbeiterbewegung.

Was soll man aber dazu sagen, dass unsere Broschüre auch hier getreulich in Straußens Fußstapfen tritt? Sie macht dem Jesus der Evangelien zum Vorwurfe, dass seine Reden „von Scheltworten förmlich übersprudeln“. Ja, das verdammte „Schimpfen“! Wird sich äußerst effektvoll machen, wenn unsere Leute ihren christlich gesinnten Kameraden den Glauben an Jesu durch den Hinweis darauf zu verekeln suchen, dass Jesus die herrschenden Klassen seiner Zeit „Blinde und Toren, Heuchler, Otternbrut“ gescholten habe. In der Tat äußerst effektvoll! Es soll nicht verhehlt werden, dass unsere Broschüre auch Einiges aus Eigenem dazu tut. Sie erinnert daran, dass die Jünger Jesu ihn gefragt hätten, ob sie auf ein ungastliches Samariterdorf Feuer vom Himmel herab beten sollten; das habe Jesus ihnen zwar verboten, „aber es ist doch höchst unwahrscheinlich, dass die Jünger ihre Frage überhaupt an ihn gerichtet haben würden, wenn ihnen in seiner Person beständig ein Beispiel unwandelbarer Milde und Sanftmut vor Augen gestanden hätte“. Freilich, freilich, wenn dies überzeugende Argument die christlichen Arbeiter nicht vom religiösen Wahne bekehrt, so ist ihnen nicht zu helfen.

Auch in dem anderen Punkte, der nach Strauß gegen Jesus spricht, nimmt unsere Broschüre einen originalen Anlauf. Sie meint, wenn Jesus den Reichen empfohlen habe, ihre ganze Habe an die Armen zu verschenken, so habe er teilen und alle Menschen zu Bettlern machen wollen, während der Sozialismus alle Menschen selbständig und reich machen wolle. Aber erläutert wird diese lichtvolle Auseinandersetzung dann durch das schöne Zitat aus Buckle über die „sündige Liebe zum Gelde“, das doch nicht umkommen darf. Es tut uns leid, allein was Buckle unter der „sündigen Liebe zum Gelde“ verstand, war wirklich etwas Anderes, als der Sozialismus der modernen Arbeiterklasse.

Diese Konfusion ist nun noch das reine Kinderspiel gegen den Schlusseffekt der ganzen Beweisführung. Das letzte Wort erhält nämlich Nietzsche, um zu sagen, dass Renan, „dieser Hanswurst in psychologicis“, die zwei ungehörigsten Begriffe in den Typus Jesu gebracht habe, nämlich den Begriff Genie und den Begriff Held. Hierzu wollen wir kurz Folgendes bemerken: 1. Man mag über Renan sonst denken, wie man will – und wir gehören nicht zu seinen Bewunderern –, so hat er jedenfalls ernsthafte Studien über die Entstehung des Christentums gemacht, wozu Nietzsche in aller Geistreichelei nie gekommen ist, 2. Wenn man sich auf Strauß als Hauptstab stützt, so hat man kein Recht, über den „Hanswurst“ Renan zu spotten, denn beide vertreten wesentlich dieselbe Stufe bürgerlicher Aufklärung. So ist denn auch‚ 3. der Begriff Genie und Held zuerst nicht durch Renan, sondern durch Strauß, und zwar den Strauß erster Hand, in den Typus Jesu gekommen; 4, aber, wenn Renan ein „Hanswurst in psychologicis“ sein soll, so war Nietzsche ein Hanswurst in philosophicis und namentlich in politicis, der das Urchristentum und die moderne Sozialdemokratie, von denen beiden er gleich wenig verstand, aus dem gleichen Grunde verlästert hat, nämlich weil er in ihnen die Bewegungen ausgebeuteter und unterdrückter Klassen gegen das von ihm verherrlichte Übermenschentum der Ausbeutung und Unterdrückung sah. …

Doch es mag daran genug sein, so viel wir noch über diese Broschüren zu sagen hätten. In der Sache fassen wir uns noch einmal dahin zusammen, dass sich, wie Genosse Fischer in Mainz ausgeführt hat, die Eroberung der von dem christlichen und namentlich katholischen Klerus missleiteten Arbeitermassen nur dadurch erreichen lässt, dass man sie an ihren Klasseninteressen packt. Der Klassenkampf des Proletariats ist nicht nur seine ökonomische und politische, sondern auch seine geistige Erziehung; wie die ökonomische und politische, so rottet er die religiöse Knechtseligkeit aus; unter seinem heißen Hauche vertrocknen die Wurzeln der religiösen Wahngebilde. Das schließt Aufklärung über das Wesen des Christentums nicht aus, aber auf keinen Fall darf die Sozialdemokratie dabei um irgend welcher utopischer Augenblickserfolge willen den wissenschaftlichen Charakter preisgeben, den sie nach ihren Kräften ihrer Literatur zu wahren hat, Tut sie es dennoch, so wird sie von ihren Gegnern dreimal geschlagen werden, eben weil diese Gegner in solchen Künsten weit erfahrener und gescheiter sind.

In dem speziellen Falle, der hier erörtert worden ist, hat der Ultramontanismus die „Aufklärungsschriften über das Christentum“ sogar schon im Voraus totgeschlagen. Man lese nur seine Agitationsschrift „Geschichtslügen“ nach, deren vierte, im Jahre 1885 herausgegebene Auflage vor uns liegt. Auf ihren ersten 90 Seiten werden etwa dieselben Fragen behandelt, wie in den „Aufklärungsschriften“, und auch nach derselben Methode, durch die kunterbunte Aneinanderreihung von Zitaten aus allen möglichen christlichen und antichristlichen Schriften, aber mit welch ganz anderer Kenntnis der Literatur und mit welch ganz anderer Dialektik! Diese Seiten sind in ihrer Art ein diabolisches Meisterstück, neben dem die „Aufklärungsschriften“ sehr schlecht bestehen, aber gerade hierin sehen wir, um diesen tröstlichen Gedanken zu wiederholen, ein Kompliment für die Sozialdemokratie und ein Verdikt gegen den Ultramontanismus.


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