Franz Mehring: Vor und hinter den Kulissen

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 36, S. 289-292]

f Berlin, 27. Mai 1896.

In der Parteiliteratur sind neben oder kurz hintereinander zwei Schriftchen erschienen, die äußerlich in gar keinem, innerlich aber in desto engerem Zusammenhang stehen. Die eine dieser Broschüren betitelt sich: „Die Arbeiterschutzheuchelei der bürgerlichen Parteien im deutschen Reichstag“, die andere: „Zur Naturgeschichte der Frankfurter Zeitung und der bürgerlichen Demokratie.“ Jene enthält die stenografischen Berichte über die Verhandlungen, die der Reichstag am 22, und 23. April ds. Js. über den Bäckerschutz geführt hat, nebst einem kräftigen Nachwort Bebels; in dieser schildert Quarck seine „Redaktionserlebnisse“ in der „Frankfurter Zeitung“, dazu provoziert durch wahrheitswidrige Angaben dieses Blattes über die Gründe, welche ihrer Zeit Quarcks Austritt aus der Redaktion veranlasst haben.

Liest man die parlamentarischen Verhandlungen über den Bäckerschutz in ihrem Wortlaut durch, so fragt man schließlich erstaunt: Wie ist nur solche Heuchelei menschenmöglich? Alle die Parteien, die zur Zeit der Reichstagswahlen mit ihrer Fürsorge für den Arbeiter, mit ihrer Bewunderung eines gesetzlichen Arbeiterschutzes einher prunken, alle diese Parteien mit der einzigen Ausnahme des Zentrums, das sich wie üblich durch eine geschicktere Taktik vor dem sonstigen bürgerlichen Geschwister auszeichnet, klammern sich krampfhaft an die altgeliebte Methode der maßlosesten Ausbeutung, sobald die Fänge des Kapitals auch nur ein ganz klein wenig beschnitten werden sollen. Wie gering die Abschlagszahlung ist, die dem Anspruch der Bäckereiarbeiter auf ein menschenwürdiges Dasein durch die Verordnung des Bundesrats vom 4. März ds, Js, geleistet werden soll, sagt Bebel zutreffend mit den Worten: „Allgemein wird angenommen, dass dreihundert Arbeitstage im Jahre genügen, um auch den anspruchsvollsten Ausbeuter zufriedenzustellen, aber der Bäckermeister verlangt eben, als guter Christ, als der er sich in der Regel gebärdet, als Mann der Sitte und der Ordnung, dreihundertfünfundsechzig Arbeitstage, jeden Tag im Minimum mit zwölf Stunden Arbeitszeit. Ja, er verlangt noch mehr, und nur dieses Mehr verweigert ihm innerhalb gewisser Grenzen die Verordnung der Regierungen.“ Zum Troste für die murrenden Kapitalistenseelen des Reichstags setzte ihnen Herr v. Berlepsch auseinander, wie ungemein dehnbar die Verordnung sei; er wies nach, dass sie nach wie vor ein tägliches Maß der Ausbeutung bis zu fünfzehn und sechzehn Stunden ermögliche, vorausgesetzt, dass die Unternehmer verstünden, die Freiheiten, welche die Verordnung ihnen gewähre, gehörig auszunutzen. Half aber alles nicht, und die bürgerlichen Arbeiterfreunde – eben mit der Ausnahme des geschickt lavierenden Zentrums – erhoben sich wie ein Mann gegen das frevelhafte Attentat auf die völlige Schrankenlosigkeit der kapitalistischen Ausbeutung. Sie waren ein Herz und eine Seele, Konservative und Liberale, Anti- und Philosemiten, feudale Großgrundbesitzer und moderne Großkapitalisten, und wie einst Herr Eugen Richter wehmütig zerflossen an die Brust des Vaters Bismarck sank, sobald sie sich im Schmutze der Profitwut fanden, so sinkt jetzt der Sohn Bismarck wehmütig zerflossen an die Brust des Herrn Eugen Richter, da sie sich abermals im Schmutze der Profitwut finden. Aber man fragt immer wieder: wie ist solche Heuchelei nur menschenmöglich? Woher nehmen diese Leute die Dreistigkeit, bei den Wahlen mit ihrer Arbeiterfreundlichkeit zu prahlen? Und wie können sie diese Heuchelei nur durchführen, da sie, wenn es zum Klappen kommt, ja doch die Maske abwerfen und sich als die ärgsten Profitwüteriche enthüllen?

Die Antwort darauf gibt Quarcks Schriftchen, und deshalb passt es vortrefflich als praktische Illustration zu der Frage, welche die Broschüre über die Arbeiterschutzheuchelei der bürgerlichen Parteien in jedem nachdenkenden Leser wachrufen muss, zu der Frage, wie’s gemacht wird, dass diese Parteien trotz ihrer besiegelten und geschworenen Anhänglichkeit an die Ausbeutungszwecke des Kapitals sich dennoch aufzuspielen wagen als die „unentwegtesten Freunde eines durchgreifenden Arbeiterschutzes“. Es ist ein Blick hinter die Kulissen, den Quarcks Schriftchen gewährt, ein Blick speziell hinter die „arbeiterfreundlichen“ Kulissen der bürgerlichen Parteien und der bürgerlichen Presse, und hier wieder speziell der bürgerlich demokratischen Presse, in welcher das bürgerliche Gerede von der Notwendigkeit eines gesetzlichen Arbeiterschutzes noch am ehrlichsten gemeint ist, oder doch von Rechtswegen am ehrlichsten gemeint sein sollte.

Es wäre unbillig, diese „Redaktionserlebnisse“ als rein persönliche Angelegenheit von Oben herab anzusehen. Weshalb Quarck mit Löb Sonnemann und dessen gehorsamen Kreuzträgern auseinander gekommen ist, das kann der Mitwelt gewiss sehr gleichgültig sein.

Wie aber ein junger Ideologe aus der bürgerlichen Klasse, der die stolzen Redensarten der bürgerlichen Demokratie ernsthaft genommen hat, von ihr abgestraft wird, das ist ein sehr lehrreiches und in seiner Art typisches Zeitbild. Hält man das soziale Programm der süddeutschen Volkspartei mit seinen pompösen Tiraden neben die wirklich sehr zahmen Artikel, wegen deren Quarck aus der Redaktion des Frankfurter „Weltblatts“ heraus gegrault wurde, so greift man den Unterschied zwischen Worten und Taten mit Händen. Quarcks Enthüllungen haben etwas Überraschendes selbst für die, denen die einschlägigen Verhältnisse sonst nicht unbekannt sind. Wenn man Quarcks Sozialpolitik zur Zeit der Februarerlasse tadeln will, so kann man es ehrlicher Weise nur tun, weil er eine zu große Vertrauensseligkeit zeigte und sich mehr von der offiziellen „Sozialreform“ versprach, als sie halten konnte oder wollte; unter diesem Gesichtspunkte haben wir damals mit Quarck eine lebhafte Fehde geführt. Aber dass Quark, obgleich er der berühmten „Realpolitik“ alle nur denkbar mögliche Rechnung trug, vorausgesetzt, dass wenigstens ein erklecklicher Fortschritt der Arbeiterschutzgesetzgebung dabei heraussprang, auch mit diesen bescheidenen Ansprüchen noch als „Anarchist“ von dem glorreichsten Bannerträger der bürgerlichen Demokratie angefahren und abgetan wurde, das ist selbst für den sonst Kundigen eine neue Enthüllung.

Quarck ist zu seinem Schriftchen herausgefordert worden und konnte die Veröffentlichung nicht wohl unterlassen, wenn er nicht den geflissentlich von der anderen Seite hervorgerufenen Verdacht auf sich sitzen lassen wollte, als sei er aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen abgehalftert worden. Auch jetzt noch bewahrt er ziemlich viel Milch der frommen Denkungsart, und wir könnten uns denken, dass cholerischere Temperamente nicht ganz so säuberlich verfahren wären. Gerade aber diese verhältnismäßige Ruhe der Beweisführung schadet der grundsätzlichen Bedeutung des Schriftchens durchaus nicht. Die einzelnen Typen der bürgerlichen Sozialreform treten um so klarer hervor, je objektiver die Darstellung ist. Ein einziges Aktenstück, wie der Brief, den der damalige freisinnige Abgeordnete Karl Funck am 15. April 1891 an den Besitzer der „Frankfurter Zeitung“ richtete, enthält den Stoff zu einer aristophanischen Komödie.

Quarck hatte an der Rolle, welche der freisinnige Abgeordnete Gutfleisch in der sogenannten „Verschlechterungskommission“ spielte, rein sachlichen Anstoß genommen, dabei aber vorausgesetzt, dass nicht Gutfleisch, sondern der brave Max Hirsch, der gegen Gutfleisch donnerte, das Mundstück der freisinnigen Partei sei. Diese Voraussetzung erklärt und entschuldigt sich allerdings nur aus der damaligen Jugend Quarcks, denn dass Max Hirsch in der freisinnigen Sozialpolitik „nix to seggen“ hat, sondern je nachdem er seine Mätzchen den Arbeitern zu gelegener oder ungelegener Zeit vormacht, gerade noch gnädig geduldet oder unbarmherzig untergeduckt wird, war seit langer Zeit bekannt, Quarck selbst nennt seine damalige Auffassung „unendlich harmlos“; um so weniger harmlos war das Echo, das seine wohlwollende Voraussetzung in der freisinnigen Partei fand. Der Brief Funcks an Sonnemann, den Quarck veröffentlicht, ist ein Meisterstück parlamentarischer Intrige und zeigt in erbaulichster Weise, womit sich unsere freisinnigen Parlamentarier hinter den Kulissen beschäftigen.

Es fehlt hier an Raum, ihn wörtlich mitzuteilen, und Auszüge daraus zu geben, hieße seine Wirkung vernichten. Natürlich fällt Herr Funck nicht mit der Türe ins Haus, natürlich sagt er nicht, was allerdings die reine Wahrheit gewesen wäre: Quarck ist auf dem Holzwege, er nimmt unsere lustige Person für unseren ernsthaften Sozialpolitiker, während er unseren ernsthaften Sozialpolitiker unverantwortlicher Weise für ein räudiges Schaf hält, von dem das „Gros der Partei“ nichts wissen will. So ehrlich ist Herr Funck nicht. Er stellt sich vielmehr als bebende Trauerweide hin aus dem Walde der bebenden Trauerweiden, welche die Arbeiterschutzpolitik Quarcks aus den Mannen der freisinnigen und süddeutschen Volkspartei gemacht hat. Ein „tiefgehendes Gefühl der Verstimmung“ hat die „weitesten Kreise meiner Fraktionsgenossen und Ihre eigenen Parteifreunde“, ja auch – man denke nur! – auch den „Kollegen Payer“ ergriffen. Wer mitten in den Beratungen stehe und die „ganz unerreichten Verdienste“ kenne, die „Kollege Gutfleisch“ sich „namentlich im Interesse der Arbeiter erworben“ habe, Verdienste, die von allen Seiten – vielleicht nur mit Ausnahme der Sozialdemokraten, fügt der kleine Schäker hinzu – „voll und ganz gewürdigt“ würden, den müsse es tief verstimmen, einen so verdienten Mann, wie den Verschlechterungskommissar Gutfleisch, ungerechtfertigten Angriffen ausgesetzt zu sehen.

Indem Herr Funck „nach Rücksprache mit vielen Freisinnigen und Freunden aus der Volkspartei“ den Ketzer Quarck dem Besitzer der „Frankfurter Zeitung“ als reif zur Abschlachtung denunziert, ist der gute Kerl „natürlich“ weit entfernt davon, dem Delinquenten ein Haar krümmen zu wollen. „Natürlich“ sei eine „böswillige Absicht ja ausgeschlossen“, der „betreffende Herr“ sei nur „meist sehr mangelhaft, vielfach sogar total unrichtig informiert“, Er, nämlich Herr Funck, sei dafür bekannt, dass er sich in seinem Urteil „stets nur von sachlichen Rücksichten leiten“ lasse; er verlange auch gar nichts von Sonnemann, sondern „überlasse“ diesem, „inwieweit er der Ehrenrettung des Kollegen Gutfleisch Folge geben“ wolle. Diese parlamentarischen Vorkämpfer des Kapitalismus sind die reinen Ketzerrichter des Mittelalters; sie verbrennen keinen Ketzer, sondern beten nur für seine bessere Erleuchtung und liefern ihn der irdischen Gerechtigkeit aus, der sie „überlassen“, ihres Amtes zu walten, Nicht lange nach Absendung dieses Briefes konnte denn auch die „Freisinnige Zeitung“ melden, dass „Herrn Quarck wegen seiner sozialdemokratisch angehauchten Artikel jüngst gekündigt worden“ sei. Dieses offenherzige Eingeständnis war etwas wider die Abrede der frommen Ketzerrichter, aber Herr Eugen Richter muss nun einmal als Gefühlsmensch und Gentleman seine schöne Seele stets in einem freudigen Juchzer entladen, wenn irgend ein unglücklicher Ideologe, der die freisinnigen und demokratischen Posaunenstöße ernst genommen hat, zur Strafe für seine Leichtgläubigkeit aufs Pflaster geschmettert wird. Jetzt, nachdem fünf Jahre Gras über die Geschichte gewachsen war, glaubte die „Frankfurter Zeitung“ wieder kecklich die an Quarck vor genommene Erleuchtungsmethode ableugnen zu können, was Quarcks Schriftchen veranlasst hat.

Auch die sonstigen Typen des „arbeiterfreundlichen“ und „demokratischen“ Zeitungsgeschwisters kommen vortrefflich heraus. Da ist der kapitalistische Verleger, der aus lauterster Begeisterung fürs demokratische Prinzip „keinen Chefredakteur hat“, nämlich seitdem ein Chefredakteur so vorwitzig gewesen ist, einen neugierigen Blick in die sauberen Geheimnisse des Börsenteils zu werfen. Da ist ferner der Börsenredakteur, mit dem sich die politischen Redakteure zu „verständigen“ haben, ein „außerordentlich nervöser Herr“, der sofort die Wände hoch geht, wenn er das Wort Arbeiterschutz hört. Da ist weiter der Nachrichtenschnorrer in Berlin, der an den Türen der Ministerhotels für eine fette Notiz zehn magere Prinzipien verhökert und die Strangulierungsgelüste der parlamentarischen „Parteifreunde“ rücksichtsloser rapportiert, als Herr Funck in seinen diplomatischen Schreibebriefen. Und nach diesen drei Gewaltigen kommt dann alles Übrige, alle die kühnen Denker und tapferen Männer, die in „nerviger Faust“ das „unentwegte Banner“ schwingen, die, wie Quarck es ausdrückt, die „schönen, manchmal auch unschönen Phrasensammlungen“ zur besseren Übertölpelung des lieben Publikums zu machen haben.

Selbstverständlich wäre es sehr ungerecht, die „Frankfurter Zeitung“ als einen Ausnahmefall hinzustellen. Sie ist nicht schuldiger, als andere ihresgleichen auch. In Frankfurt heißen sie Sonnemann, in Berlin Lessing, Mosse, Cohn, anderswo anders: es ist aber überall ganz dieselbe Couleur. Wie Quarck mit Recht sagt: jeder ehrliche Sozialpolitiker muss auch Sozialdemokrat werden, er mag wollen oder nicht. Die bürgerliche Presse bietet keinen Raum für eine ehrliche Sozialpolitik. Die Arbeiter zu nasführen, hat sie wohl oder übel längst aufgeben müssen, um so gründlicher seift sie ihr bürgerliches Publikum ein.

Das Kurze und Lange an der Sache ist eben dies, dass die Arbeiterschutzheuchelei der bürgerlichen Parteien vor den Kulissen deshalb getrieben werden kann, weil hinter den Kulissen rücksichtslos Alles abgemurkst wird, was diese Heuchelei zu kritisieren wagt.


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