Franz Mehring: Eine Jahrwoche

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 31, S. 129-133, ungezeichnet, aber laut Register der NZ von Franz Mehring]

Ein alter griechischer Dichter teilt das Leben der Menschheit in Jahrwochen, deren jede sieben Jahre umfasst, und eine solche Woche beschließt in diesem Jahre der Weltfeiertag des Proletariats. Und alles spricht dafür, das der siebente Tag ein Tag der Ruhe sein wird – in noch höherem Grade, als seine Vorgänger.

Die kapitalistische Gesellschaft steht gegenwärtig in einer jener immer seltener wiederkehrenden Perioden, in denen sie aufatmen und sich am freien Spiel ihrer ungeheuren Produktivkräfte ergötzen darf. Es ist natürlich, dass die Arbeiterklasse diese Gelegenheit ergreift, weiteres Terrain zu erobern; sie muss die günstigeren Augenblicke um so gründlicher ausnutzen, je spärlicher sie wiederkehren. Aber kaum hatte sie die Absicht ausgesprochen, den ersten Mai diesmal umfassender, als in den letzten Jahren möglich war, durch Arbeitsruhe zu feiern, als sich in der bürgerlichen Presse der alte Lärm über die proletarische Unverschämtheit erhob. Freisinnige und Konservative, Antisemiten und Ultramontane waren dabei ein Herz und eine Seele, sobald der freie Arbeiter, dieser angebliche Stolz der bürgerlichen Gesellschaft, die Miene macht zu zeigen, dass er wirklich ein freier Mann sein will, so erhebt sich ein aus Angst und Wut gemischtes Geschrei, wie es Sklavenbesitzer erheben mögen, wenn sie ihre Sklaven mit den Ketten klirren hören.

Jede Klasse hat das Recht, ihre Feste feiern zu dürfen, wie sie fallen: nur die Arbeiterklasse soll es nicht haben. Sie ist da, um zu schanzen, um ihr Blut und Mark in heckenden Mehrwert umzuwandeln; verlangt sie einen Tag im Jahre, an dem sie aus freier Machtvollkommenheit eine Klasse von Menschen sein will und nicht bloß eine Klasse von Maschinen zum Geldschlagen, so rüttelt sie an der heiligen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft. Die Proteste der bürgerlichen Parteien gegen die Arbeitsruhe am ersten Mai sind im gewissen Sinne der schlagendste Beweis dafür, das am Kerne des modernen Arbeitsverhältnisses nichts zu bessern ist. Nicht einer von den dreihundert Arbeitstagen des Jahres soll der Arbeiterklasse gehören, so dass sie frei bestimmen darf, ob sie an ihm arbeiten oder feiern will. Es ist nicht sowohl die Sorge um den geschmälerten Profit, welche die Besitzer des Kapitals so hartnäckig macht oder sie ist es doch nicht in erster Reihe; könnten sie damit den modernen Proletarier in die hoffnungslose Unterwürfigkeit des antiken Sklaven zurück bannen. Vielleicht – wer weiß es? – würden sie ihm gerne drei- oder vier- oder fünftägige Saturnalien alljährlich gewähren. Aber die Arbeiterklasse selbst darf und soll nicht entscheiden, wann sie von der Arbeit ruhen will; der freie Arbeitsvertrag, diese Blüte moderner Zivilisation, darf und soll nicht den Charakter eines Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisses verlieren.

Darin sind alle Schichten der besitzenden Klassen einig: vom König Stumm bis zum kleinen Meister, der sich redlich vom Schweiße seiner paar Gesellen und Lehrlinge nährt. Sogar die vorgeschrittensten Organe der bürgerlichen Presse, die dem Arbeiter das gleiche Wahlrecht und mancherlei politische Freiheit lassen wollen, sind in diesem Punkte unerbittlich. Und es ist auch nicht zu bestreiten, das sie damit von ihrem Standpunkt aus streng logisch verfahren. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der freie Arbeitsvertrag wirklich ein Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis. sie darf daran nicht rütteln lassen, wenn sie sich nicht selbst aufgeben will. Deshalb sind die Proteste, welche die bürgerliche Presse gegen die Arbeitsruhe am ersten Mai erhebt, durchaus mit Genugtuung zu begrüßen. Sie sprechen einfach aus das was ist; sie sind das dürre Eingeständnis der Tatsache, das auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft kein dauernder Friede möglich ist zwischen Bourgeoisie und Proletariat, das der Krieg zwischen diesen Klassen kein Ende finden darf und wird, als mit dem Sturze der Bourgeoisie und der Aufhebung aller Klassenherrschaft überhaupt. Ob sich die bürgerlichen Parteien klar darüber sind, dass sie mit ihren Protesten gegen die Arbeitsruhe am ersten Mai diese Schlussfolgerung unvermeidlich machen, ist ganz gleichgültig; die Tatsache, dass sie mit all ihren entrüsteten Redensarten über die unerträgliche Anmaßung des Proletariats den Stachel nur um so tiefer in die Herzen der Arbeiter drücken, bleibt deshalb nicht weniger bestehen.

Die viel geschmähte Mahnung, die den Arbeitern zurief, in der gegenwärtigen Zeit der aufsteigenden Konjunktur nicht zu vergessen, dass die Arbeitsruhe die würdigste Feier des Weltfeiertags sei, war ein rechtes Wort zur rechten Zeit. Die Arbeiter sind die Leute nicht, die es lieben, sich den Kopf an einer Mauer einzurennen, aber nachdem sie in einer Reihe von Jahren ihren Festtag in beschränkterem Maße hatten feiern müssen, als ihnen selbst lieb war, ist es ihnen um so willkommener, diesem Tage die Ehre zu geben, die ihm gebührt. Sie werden auch jetzt nüchterne Dinge nüchtern beurteilen, den Wert der Opfer und des Preises richtig abschätzen, aber sie werden ihren Weltfeiertag nicht zu einem gemütlichen Bierskat oder Kaffeekränzchen herabdrücken lassen, Hat die Art, wie der erste Mai im Laufe der letzten Jahre unter einem unerbittlichen Zwange gefeiert werden musste, solche Illusionen in der bürgerlichen Welt hervorgerufen, so hat sich diese Welt, wie das so ihr Los ist, von ihren Hoffnungen und Wünschen foppen lassen. Um so nützlicher ist es, sie wieder an den wirklichen Stand der Dinge zu erinnern. Auch das ist ein grundtiefer Unterschied zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat: die Hoffnungen und Wünsche der Bourgeoisie zerfließen wie eitel Schaum, die Hoffnungen und Wünsche des Proletariats werden zu Taten.

Gewiss nicht im Handumdrehen. Davon weiß auch der Weltfeiertag zu erzählen. Er hat von Jahr zu Jahr tiefere Wurzeln geschlagen, soweit der Erdball vom modernen Proletariat bevölkert wird, aber wenn man heute auf die Jahrwoche zurückblickt, die er hinter sich hat, so erkennt man, dass er in mühsamem und stetem Kampfe erobert werden musste und muss. Viele von denen, die vor sieben Jahren die proletarische Feier des ersten Mai beschlossen, mögen sich den Weg leichter und das Ziel näher vorgestellt haben. Dieser Tag, der zugleich eine große Kundgebung für eine wirksame Arbeiterschutzgesetzgebung sein soll, sieht heute noch das klägliche Schauspiel, das sämtliche Krämerseelen des Deutschen Reiches sich pomphaft verschwören gegen die Absicht der Gesetzgebung, die Arbeitszeit in den Ladengeschäften auf fünfzehn Stunden zu beschränken. All das verschimmelte Zeug von Gründen, das die maßloseste Abrackerung des Proletariats rechtfertigen soll, wird mit einem „ethischen Pathos“ vorgetragen, als handle es sich wirklich nur „um das auch den Geschäftsinhabern am Herzen liegende Wohl der Handelsangestellten“. Wenn so ein armer Teufel von Lehrling oder Gehilfe, der von fünf Uhr Morgens gearbeitet hat, um acht Uhr Abends Feierabend machen dürfe, so werde er in die Kneipe getrieben, so werde er niemals zum Prinzipal aufrücken, denn das könne „er natürlich nur durch die geeignete körperliche und geistige Tätigkeit, durch Fleiß und Ausdauer werden“. So hat dieser Tage der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller in einer großen Versammlung beschlossen, zum Beweise dafür, das „Besitz und Bildung“ sich noch immer mit dem faulsten Schwindel wehren dürfen, wenn die Ausbeutung des Proletariats durch die Bourgeoisie einmal ein ganz klein wenig eingeschränkt werden soll.

Aber vorwärts geht es doch, und je protziger sich die Bourgeoisie gebärdet, um so mehr beweist auch sie, dass es vorwärts geht. Die Flut unterwäscht die Dämme und jeder neue Tag des Kampfes führt die Stunde näher, in der sie zusammenbrechen werden. Dringt der proletarische Klassenkampf langsamer in die feindlichen Gebiete vor, als dem brennenden Eifer und der unversieglichen Kraft seiner Kämpfer zu entsprechen scheint, so vollzieht er sich doch ungleich rascher, als jede frühere Weltwende. Die Umwälzung der bürgerlichen in die sozialistische Gesellschaft wird schwerlich so viele Jahrzehnte kosten, wie die Umwälzung der feudalen in die bürgerliche Gesellschaft Jahrhunderte gekostet hat. Es ist mit der revolutionären Bewegung des modernen Proletariats wie mit einem großen Strome. Wer mitten darin schwimmt, spürt die kleinen Strudel und Wirbel am eigenen Leibe; wer ihn von der hohen Warte der historischen Erkenntnis betrachtet, sieht ihn mit unwiderstehlicher Wucht dem Meere zueilen. Und ein Rückblick auf die Jahrwoche des Weltfeiertags zeigt eben doch, um welche Strecke dieser Strom vorgerückt, um wie viel breiter und wie viel tiefer er geworden ist, mag er zugleich auch zeigen, das sich die majestätischen Fluten, gerade weil sie sich ein breites und tiefes Bett graben, langsamer fortwälzen, als es der glühenden Ungeduld derer entsprechen mag, denen es täglich unerträglicher wird, in der unerträglichen Knechtschaft des Kapitals zu leben.

Und wie sich die Kultur des Proletariats zu einem immer gewaltigeren Strome verbreitert und vertieft, so versinkt die Bourgeoisie täglich rettungsloser im Sumpfe der Unkultur. Die Debatten des Reichstags über den privilegierten Mord der „höheren Klassen“ haben noch alle schlimmen Erwartungen übertroffen, welche die ärgsten Pessimisten von ihnen hegen mochten. Die Antwort der Regierung auf die Interpellation des Zentrums war ein süffisanter Hohn, ein nonchalantes Näseln, das die Roture sich doch nicht um Dinge kümmern möge, welche nur die Noblesse richtig zu beurteilen vermöge, und auf diese Antwort brachte das Zentrum, die „maßgebende“ Partei des Reichstags, der es in ihrer Art obendrein noch Ernst ist mit dem Abscheu vor dem privilegierten Morde, einen Antrag ein, der zwar eine wirksamere Bestrafung des Duells, aber auch eine wirksamere Bestrafung der Beleidigungen und Verleumdungen verlangt. Da das Zentrum so gut wie Jedermann weiß, in welchem Umfang die Beleidigungs- und Verleumdungsparagrafen des Strafgesetzbuchs jetzt schon. benutzt werden, um die Arbeiterpresse in ihrem politischen Kampfe zu hindern, wie viele Tausende von Arbeitern für lange Monate und Jahre ins Gefängnis gesperrt worden sind wegen sogenannter Beleidigungen, in denen nach der Anschauung wirklicher Kulturvölker nicht die geringste Spur einer Ehrenkränkung gefunden werden konnte, so leuchtet der sinnige Heroismus der ultramontanen Politik von selbst ein. Sie bietet der Regierung neue Knebelgesetze gegen das Proletariat an, vorausgesetzt, das schärfere Bestimmungen gegen den privilegierten Mord auf das Papier des Strafgesetzbuchs geschrieben werden, um – nach wie vor von Fall zu Fall vom Justizminister durch Anträge auf Begnadigung ausgelöscht zu werden. Schließlich endete das Hornberger Schießen mit der Annahme eines nach Inhalt und Stil gleich verwaschenen nationalliberalen Antrags, der die verbündeten Regierungen ersucht, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dem mit den Strafgesetzen in Widerspruch stehenden Duellwesen mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Heute beschlossen, findet dieser Antrag morgen im Papierkorb des Bundesrats sein sanftseliges Ende. Das weiß Niemand besser, als die Antragsteller selbst, und sie wollen es auch nicht anders, Herr v. Bennigsen tat als nationalliberaler Redner das Menschenmögliche, um dem Antrag den letzten Schein von Böswilligkeit zu nehmen; dieser hervorragende Staatsmann hielt es für angezeigt, den privilegierten Mord in Deutschland mit einer salbungsvollen Moralpredigt über die angeblichen Mordtaten der Pariser Kommune zu bekämpfen. Vielleicht wollte er dadurch die Aufmerksamkeit von der Tatsache ablenken, das er den Vorzug besitzt, einen der ausgezeichnetsten Mordhunde des Jahrhunderts, den Meuchler des Kaisers Paul von Russland, in seiner Familie zu haben, aber deshalb brauchte er doch nicht all den alten, hundertmal abgetanen Schwindel über die Gräuel der Kommune wieder aufzuwärmen. Einem Denker seines Ranges steht das nicht wohl an.

Seltsamer noch gebärdete sich Herr v. Bennigsen, als Bebel ihn an die Rastatter Morde der preußischen Reaktion im Jahre 1849 erinnerte. Der nationalliberale Führer, der eben aus freien Stücken von den neuesten Mordgeschichten im Deutschen Reiche in die Tage der Kommune zurück gehüpft war, erklärte nun auf einmal mit jener sittlichen Entrüstung, die ihn stets so schön kleidet, auf die „alten Fälle“ von 1849, auf die Erschießung kriegsgerichtlich verurteilter Aufständischer könne er doch nicht zurückgehen. Herr v. Bennigsen ist ein so aufopfernder Kämpfer für die Herrlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft, dass er nicht einmal die Gefahr fürchtet, sich lächerlich zu machen. Was es – um nur an die in der deutschen Revolution gemordeten Parlamentarier zu erinnern – mit dem „kriegsgerichtlichen“ Urteile über Blum auf sich hatte, weiß Herr v. Bennigsen aus den unsterblichen Werken seines Parteigenossen Hans Blum, und was es mit dem „kriegsgerichtlichen“ Urteile über Trützschler auf sich hatte, weiß er ebenso gut aus den unsterblichen Werken seines Parteigenossen Bamberger. Noch achtzehn Jahre nachdem auf Befehl des Königs und des Prinzen von Preußen die Blüte deutscher Jugend standrechtlich erschossen worden war, schrieb Herrn v. Bennigsens Parteigenosse Bamberger: „Als eine heilige Pflicht eines Jeden, der von nah oder fern dieser Dinge Zeuge gewesen, betrachte ich es, die Erinnerung an die Gräuel wach zu erhalten, welche damals von den obersten Staatsgewalten an den Edelsten und Besten der Nation mit roher Grausamkeit und teuflischer Bosheit verübt worden sind. Schmach! ewige Schmach über die, so sich Beschützer von Kunst und Wissenschaft nannten, und denen es eine Wollust war, edel und fein gebildete Menschen, die für ihre Überzeugung eingestanden, Schriftsteller, Dichter, Künstler, zu allen unaussprechlichen Erniedrigungen herabzudrücken, welche ein humaneres Zeitalter dereinst nicht einmal über den gemeinsten Verbrecher verhängen wird! Schmach über sie, und niemals Pardon für sie!“ So Herr Bamberger, und Herr v. Bennigsen als sein Alters- und Parteigenosse sollte doch nicht so tun, wenn er denn schon einmal in die Vergangenheit zurück spazieren will, als ob die angeblichen Morde einer revolutionären Regierung in Frankreich, die vor fünfundzwanzig Jahren passiert sein sollen, durch die unermüdliche Arbeit unzähliger Lügenfabriken zur Wahrheit, dagegen die wirklichen Morde reaktionärer Regierungen in Deutschland, die vor bald fünfzig Jahren passiert sind, wegen Länge der Zeit zur Unwahrheit geworden seien … Indessen wenn die Bourgeoisie in ihrer Weise den Weltfeiertag des Proletariats dadurch ehren will, dass sie an seinem Vorabend ihre ganze Unkultur in schauerlicher Blöße offenbart, wohlan denn! Der Tag, an dem das Maienfest der Arbeit seine erste Jahrwoche schließt, wird dann um so heller strahlen als ein Tag der Kultur, die im roten Morgensonnenschein heraufsteigt über die wilde Wasserwüste der kapitalistischen Barbarei.


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