[Notiz, Die Neue Zeit, X. Jahrgang 1891-92, I. Band, Nr. 7, S. 219 f.]
schreibt uns unser f-Korrespondent: Als ich Ihnen vor zwei Monaten aus Stolpmünde eine Skizze von Land und Leuten in Hinterpommern einsandte, erwähnte ich auch beiläufig die damals eben beginnende Agitation für die Ersatzwahl im Wahlkreise Stolp-Lauenburg und äußerte die Ansicht, das die Konservativen den Sieg davontragen würden. Diese Ansicht stützte sich teils darauf, das der Kreis, seitdem er 1848 Lothar Bucher in die preußische Nationalversammlung gesandt hatte, im Land- wie im Reichstage immer konservativ vertreten gewesen ist, teils aber auch darauf, dass trotz der in der arbeitenden Landbevölkerung vorhandenen Gärung die soziale Macht des Junkertums noch zu stark sei für einen wirklichen Umschwung der politischen Machtverhältnisse. Gleichwohl hat sich ein solcher Umschwung vollzogen; bei der nunmehr stattgehabten Wahl ist der Großgrundbesitzer v. d. Osten mit nur 7368 Stimmen dem Bauern Dau mit 11.861 Stimmen erlegen.
Absichtlich hebe ich die soziale und nicht die politische Stellung der beiden Kandidaten hervor, denn nicht in dieser, sondern in jener liegt der eigentliche Schwerpunkt der bedeutsamen Wahlschlacht. Die Betonung dieses Punktes ist um so notwendiger, als ihn die freisinnigen und die konservativen Blätter in dem homerischen Wortstreite, in welchem sie augenblicklich liegen, gleich behutsam umgehen. Wenn in nichts anderem, so sind beide Teile doch darin einig, das der Ausfall der Wahl der Agitation der freisinnigen Partei als solcher zuzuschreiben ist. Und beide haben gute Gründe, diese Auffassung in den Vordergrund zu schieben. Die Freisinnigen wollen sich in ihrem kummervollen Dasein einmal wieder an der weltbezwingenden Macht ihrer glorreichen Prinzipien berauschen, und die Konservativen wollen viel lieber einmal von den demagogischen Teufeleien einer „revolutionären“ Partei überrumpelt sein, als – eine feierliche Absageerklärung der bäuerlichen Bevölkerung empfangen haben.
Gerade hier aber liegt ihr Hase im Pfeffer. Der Wahlkampf wurde nicht geführt: Freisinnig oder auch nur Liberal gegen Konservativ, sondern: Bauer gegen Großgrundbesitzer, Herr Dau hat sich wohlweislich gehütet, sich als freisinnigen Kandidaten zu bekennen und auch seinen Liberalismus haben er und seine Agitatoren nur ganz im Allgemeinen und nur insofern betont, als es den Gegensatz zu dem konservativen Gegenkandidaten zu markieren galt. Tatsächlich drehte sich die
Agitation ausschließlich um die Frage, ob ein Bauer oder ein Großgrundbesitzer ein besserer Vertreter der bäuerlichen Klasseninteressen sei, und nur insoweit, als die freisinnige Agitation ganz geschickt und treffend nachwies, das die Großgrundbesitzer im Land- und Reichstage die Bauerninteressen allemal verraten haben, ist der Sieg des Herren Dau der Agitation der freisinnigen Partei zuzuschreiben, die im Übrigen ihre kapitalistischen Grundsätze ebenso wohlweislich in der Tasche behielt, wie Herr Dau seine jetzt nach erfolgtem Sieg mit solchem Hallo ausposaunten freisinnigen Prinzipien.
Mit dieser Richtigstellung der Tatsachen soll keineswegs der freisinnigen Partei eins ausgewischt werden. Sie nimmt, was sie bekommen kann, und sie muss im Gegenteil gelobt werden, wenn sie die Bauern davor warnt, den Bock zum Gärtner zu machen. Nur sollte sie es nachträglich nicht gar so ängstlich vertuschen, das sie genau dasselbe getan hat, was sie den klassenbewussten Arbeitern zum bittersten Vorwurfe zu machen pflegt, das sie nämlich den – regulären Klassenkampf in den politischen Streit eingeführt hat. Wie oft ist sie in den sechziger Jahren, namentlich als Lassalle aufgetreten war und die ganze Arbeiterschaft von Berlin noch ihr anhing,
darum angegangen worden, doch auch einmal einen ihr getreuen Arbeiter namentlich in dem sechsten Wahlkreise von Berlin wählen zu lassen, und wie regelmäßig hat sie sich um dergleichen Ansinnen in derselben geistreichen Weise herumgedrückt, in welcher Herr v. Below-Soleske – vergl. den Artikel „Aus Agrarierland“ in Nr. 49 der „Neuen Zeit“ von 1890/91 – sich um das Ansinnen herumdrückte, doch auch einmal einen Bauern in dem bisher befestigtsten Wahlkreise der Junkerpartei wählen zu lassen! So sorgsam vermied sie damals selbst den Schein eines Zugeständnisses an der Auffassung, das es in politischen Fragen Klassenunterschiede geben könne. Jetzt hat sie sich eines Besseren besonnen, zwar keineswegs, soweit es sich um Fabrikanten und Arbeiter, aber wohl, soweit es sich um Großgrundbesitzer und Bauern handelt, Und dieser Fortschritt ist um so mehr anzuerkennen, als er keineswegs von heute und gestern datiert. Von anderen Provinzen ganz abgesehen, so hat die freisinnige Partei allein in Pommern, außer Stolp-Lauenburg, schon zweimal alt-angestammte Junker-Wahlkreise im Sturm genommen, nämlich Greiffenberg und Stralsund. Wohlgemerkt, nur bei Nachwahlen und nur, um sie bei den nächsten, allgemeinen Wahlen wieder im Sturm zu verlieren. Das macht: die freisinnige Partei kann sich nur bei einzelnen Wahlen und nur in ländlichen Kreisen den Luxus des Klassenkampfes gestatten; bei den allgemeinen Wahlen und namentlich in städtischen Kreisen muss sie, wenn es ihren kapitalistischen Interessen nicht von allen Seiten in die Bude hageln soll, krampfhaft daran festhalten, das es ein unverzeihliches Verbrechen sei, Klassenunterschiede in den politischen Kampf zu tragen.
Aber deshalb darf das Verdienst nicht verkannt werden, welches sie sich eben im Wahlkreise Stolp-Lauenburg erworben hat. Sie ist die Nächste zu der nächsten Aufgabe, die politisch auf dem platten Lande zu lösen ist, zu der Aufgabe, die Bauern über den Unterschied dey bäuerlichen von den junkerlichen Klasseninteressen aufzuklären. Je gründlicher sie diese Aufgabe löst, um so kräftigerer Beifall muss ihr von denen gespendet werden, welche den ländlichen Knechten und Tagelöhnern klar zu machen haben, das deren proletarische Klasseninteressen sich grundtief unterscheiden sowohl von den junkerlichen als auch von den bäuerlichen Klasseninteressen.
Die freisinnige Presse ist sehr entrüstet darüber, das sozialdemokratische Blätter ihren Sieg in Stolp-Lauenburg als „Vorfrucht““ der Sozialdemokratie angesprochen haben; sie meint, die Wähler des Herrn Dau würden niemals in das sozialdemokratische Lager übergehen. sicherlich nicht; mindestens ein Teil dieser Wähler wird im gegebenen Falle sogar lieber in das Junkerlager zurückkehren, gemäß dem Grundsatze des Herrn Virchow, das die Junker der freisinnigen Partei näher stehen, als die klassenbewussten Arbeiter. Aber deshalb wird das glückliche Vorbild, welches die freisinnige Partei mit dem Klassenkampfe in den ostelbischen Wahlkreisen gegeben hat, keineswegs verloren sein; es wird weiter wirken und den Tagelöhnern gerecht sein lassen,
was den Bauern billig ist; sollte darüber aber der freisinnigen Partei der Atem ausgehen, so wird sie sich allerdings bescheiden müssen, nur „Vorfrucht“ gewesen zu sein.
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