Franz Mehring: Brotwucherische Scharfmacherei

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, I. Band, Nr. 26, S. 801-804]

f Berlin, 27. März 1901.

Ganz so leicht, wie die Brotwucherer nach den entgegenkommenden Erklärungen des Reichskanzlers annahmen, scheint ihnen ihr Beutezug auf die Taschen des arbeitenden Volkes doch nicht zu werden. Das Ausland spricht sein Wörtlein drein, und sicherlich kann sich die Herrlichkeit des Deutschen Reiches nicht herrlicher offenbaren, als wenn die große Masse der Bevölkerung im günstigsten Falle nur noch darauf rechnen darf, durch die drohenden Erklärungen russischer oder italienischer Minister vor den langen Fingern ihrer Köckeritze und Lüderitze geschützt zu werden.

Es begreift sich aber, dass die Köckeritze und Lüderitze unter sotanen Umständen sich auf das Scharf- oder, wie es früher hieß, auf das Strammmachen verlegen, das ihnen seit fünfzig Jahren so manches liebe Mal aus der Patsche geholfen hat, Sprechende Beweise dafür sind die Ausbeutung des Unfalls, der den Kaiser durch die unzurechnungsfähige Handlung eines Epileptikers in Bremen betroffen hat, eine Ausbeutung, an deren Spitze sich zu stellen eine so hervorragende Persönlichkeit, wie der Präsident des preußischen Abgeordnetenhauses, kein moralisches Bedenken getragen hat, und noch mehr die Kapuzinade, die der christlich-soziale Demagoge Stoecker im Reichstag gegen die Sozialdemokratie losgelassen hat.

Seitdem dieser Herr, vor die Wahl gestellt, ob er ein Hofamt oder seine prahlend herausgehängte Mission als zweiter Luther beibehalten wolle, sich für das Hofamt entschieden hatte, war er ein so gänzlich toter Mann, dass man bei gelegentlicher Erwähnung seines früheren Treibens unwillkürlich nicht mehr ganz mit der Verachtung von ihm sprach, die eine gemeingefährliche Demagogie sonst verdient. Wir möchten ihm auch das Bisschen Nachsicht, das er sich durch seinen moralisch-politischen Selbstmord so sauer verdient hat, nicht um deswillen verkürzen, weil er sein Dasein als leibhaftiges Gespenst ein wenig aufzuheitern sucht, indem er sich als Henkersknecht in den Sold der Brotwucherer drängt. Er hat ohnehin seine gründlichen Prügel weg, und es ist uns nicht um ihn, sondern um seine Hintermänner zu tun, wenn wir mit einem Worte auf seine Ausdrücke gegen die Sozialdemokratie zurückkommen.

Herr v. Levetzow, der ehemalige Präsident des Reichstags und nunmehriger Nestor der konservativen Partei, erklärte nämlich, er wolle sich sonst zwar nicht mit Herrn Stoecker befassen, was man ihm bei einigem Reinlichkeitsbedürfnis gewiss auch nicht verdenken kann, aber soweit Herr Stoecker die Nummer des „Vorwärts“ vom 18. Januar gebrandmarkt habe, stimme die konservative Partei zu und auch die Mehrheit des Hauses. Im Namen der konservativen Partei zu sprechen, war Herr v. Levetzow unstreitig befugt, und aus den sonstigen Mehrheitsparteien hat ihm keine Stimme widersprochen, und auch aus den freisinnigen Fraktionen nicht, obgleich die Tendenz, die Herr v. Levetzow mit seiner Bemerkung verfolgte, nämlich die brotwucherische Scharfmacherei, offen hervortrat. Ohne diese Tendenz würde Herr v. Levetzow, der doch einmal durch die Schule gelaufen ist, nichts an den historischen Tatsachen auszusetzen gewusst haben, die der „Vorwärts“ in seiner Nummer vom 18. Januar aus höchst loyalen Historikern, in erster Reihe aus der „Preußischen Geschichte“ des Breslauer Professors Stenzel, in ganz trockener Weise zusammengestellt hat.

Wie sehr der Heißhunger des Brotwuchers diese Leute verblendet, mag nur an einem Beispiel gezeigt werden. Der „Vorwärts“ hatte die allbekannte, in hundert Geschichtswerken wiederholte Tatsache erwähnt, dass der erste preußische König, um den Glanz der Krone zu erhöhen, sich eine offizielle Mätresse gehalten habe, ohne sonst mit dieser Person ein unerlaubtes Verhältnis zu unterhalten. Dies bestritt Herr Stoecker im Reichstag, indem er behauptete, die Nachricht stamme aus einer ganz unzuverlässigen Quelle, nämlich aus den Memoiren der Hofschranze Pöllnitz. Nun geben wir bereitwillig zu, dass Hofschranzen ganz unglaubwürdige Leute find, weshalb wir auch dem Herrn Stoecker kein Wort glauben und selbst dann nicht glauben würden, wenn selbst nicht ein so erdrückendes Material für seinen Mangel an Wahrheitsliebe vorläge. Er hat nun diesen Mangel von Neuem dadurch betätigt, dass er eine Tatsache, die in einer so wenig skrupellosen Zeit, wie dem ersten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts, gleichwohl ein europäischer Skandal war, allein in den Memoiren der Hofschranze Pöllnitz gefunden haben will. Jedoch wenn die Hofprediger schweigen, so fangen die Steine königlicher Schlösser an zu sprechen? „Zu Berlin im alten Schlosse Sehen wir’s aus Stein gemetzt.“ Der als Chronist ungemein pünktliche preußische Patriot Nicolai bestätigt, im Berliner Schlosse das Badrelief gesehen zu haben, wodurch Schlüter die Mätresse des ersten preußischen Königs verherrlichen musste; es befand oder befindet sich über der Tür des Zimmers, worin das platonische Liebespaar seine Zusammenkünfte zu halten pflegte: Venus ruht auf einem entschlafenen Löwen und hält in der Linken die Keule des Herkules, mit der Cupido spielt.

In der Tat hielt diese Venus aber nicht die Keule des Herkules, sondern einen riesenhaften Geldbeutel, worin die dem hungernden Volke abgepressten Summen zusammenflossen, und mit diesem Geldbeutel spielte nicht Cupido, sondern ein ganz anderer Schlag von Leuten. Wir geben die Memoiren der Hofschranze Pöllnitz gerne preis und bezeugen den Herren Stoecker und v. Levetzow mit Vergnügen unser Entgegenkommen, indem wir eine leibhaftige deutsche Prinzess, also für sie gewiss die denkbar höchste historische Autorität, über die Mätresse Friedrichs I. urteilen lassen. Die bekannte Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans, geborene Prinzessin von der Pfalz, schreibt: „Die Gräfin von Wartenberg ist noch zu Paris und führt ein toll Leben. Ich habe sie nie gesehen, sie kommt nicht mehr nach Hof. Sie hat sich mit einem jungen Minckwitz, einem Sachsen, versprochen, der hat ihr alle Juwelen gestohlen und ist mit durchgangen. Sie hat darüber geklagt und hat ihn wieder aus Flandern holen lassen. Er hat ihr aber einen offenen Brief geschrieben, worin steht, dass was er getan, vor keinen Diebstahl passieren könne, weilen er erstlich mit ihr versprochen wäre, zum Anderen so hätte sie einem Polen wol 50.000 Franken versprochen, weil er nur einmal die Franzosen von ihr bekommen. Nun sei es gewiss, dass es ihm zweimal geschehen, also müsste er ja doppelt bezahlt werden. Der Kavalier ist losgesprochen worden mit dem Beding, dass er die Juwelen wieder geben sollte, das hat er getan; und sie hat die Unkosten bezahlen müssen. Keine ehrliche Dame sieht sie mehr, ein schändlicher Leben kann man nicht führen, als sie führt, wird von aller Welt veracht und verlacht. … Man meint, dass es nicht richtig mit ihr und ihrem Sohne geht. Es ist schon ein Junge über fünfzehn Jahre und sie wolle nicht leiden, dass er anderswo als in ihrem Bette schlafen solle. Man hat sie gewarnt, dass die Leute übel davon reden, aber sie fragt nichts danach.“ Man wird aus dieser ehrlichen Schilderung der wackeren Herzogin mit einigem Interesse ersehen, für welche edle Weiblichkeit die Herren Stoecker und v. Levetzow vor versammeltem Kriegsvolk im deutschen Reichstag ihre frommen Lanzen brechen.

Jedoch die auri sacra fames, der verfluchte Hunger nach dem Golde, das durch den Brotwucher erbeutet werden soll, rechtfertigt zwar nicht oder entschuldigt auch nur, aber erklärt wenigstens den heiligen Kreuzzug der Stoecker und Levetzow für die Dame Wartenberg. Wenn sich dagegen die liberale Presse als Dritte in dem Bunde einfindet, wenn beispielsweise die „Vossische Zeitung“ sagt, soweit Herr v. Levetzow die Rede Stoeckers anerkannt, soweit er die „Brandmarkung“ des „Vorwärts“ durch Stoecker belobt habe, müsse man ihm beistimmen, so ist es schwer, ein zutreffendes Wort für die Niedrigkeit dieser Gesinnung zu finden. Liberale Leute, die angeblich den agrarischen Brotwucher bekämpfen, hauen in dieselbe Kerbe mit diesem Wucher, wo er sich am gemeingefährlichsten und nichtsnutzigsten gebärdet. Was jeder Spatz vom Dache pfeift, das wissen die freisinnigen Staatsmänner nicht; sie wissen nicht, dass die elende Posse, die von den Stoecker und Levetzow im Reichstag aufgeführt wurde, einzig aufs Scharfmachen abzielte im Interesse des Brotwuchers! Wenn sie es aber dennoch gewusst hätten – nun so können wir uns die unparlamentarische Kennzeichnung ersparen, die ihnen dann gebührt, da jeder Leser sie von selbst finden wird.

Es ist immer das alte Leiden: die junkerliche Beutegier hat keine wirksamere Unterstützung, als die bürgerliche Feigheit. Vor uns liegt eine „Jubelschrift“, die schon im Jahre 1840 erschienen ist und doch auf die deutschen Zustände der Gegenwart passt, als wäre sie ihnen abgelesen. Sie ist verfasst von Karl Friedrich Köppen; ihr Titel lautet: Friedrich der Große und seine Widersacher, während wir auf ihrem Widmungsblatte lesen: Meinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier gewidmet. Köppen beginnt: „Es ist, als ob die ganze Hölle sich aufgetan habe, um noch einmal die Walpurgisnacht des Mittelalters, wenn auch nur als Farce, zu repetieren. Aus den Grüften und Klüften kriecht es hervor in tollem Gewimmel, aus allen Morästen grinsen Basilisken, glaubensselige Frösche quaken aus allen Pfützen, hinter jedem Dickicht lauschen katholische Wölfe in Schafskleidern und protestantische Wölfe in Schafskleidern, die alten Burgverliese öffnen sich, Nachteulen flattern um die Kirchtürme, und die Jesuiten reiben sich vergnügt die Hände und wünschen uns Guten Morgen.“ Siehe da die Lieber und Genossen! Köppen fährt dann fort: „Und sind’s etwa die Jesuiten allein? Sind unsere Dickköpfe in Christo viel besser, als jene Spitz- und Glatzköpfe? Dümmer sind sie als jene, das ist wahr, dafür aber auch langweiliger und abgeschmackter, plumper und zudringlicher. Und wer weiß, ob sie nicht bald mit jenen Brüderschaft schließen werden oder gar im Stillen schon geschlossen haben. Les extrêmes se touchent. Von dem feurigsten Leineweberpietismus, von der brutal-evangelischen Orthodoxie, von dem unflätigen Muckertum bis zum Jesuitismus ist nur ein Sprung.“ Siehe da die Stoecker und Genossen.

Daran schließt aber Köppen die Sätze: „Doch alle diese Widersacher sind noch nicht die ärgsten. Schlimmer als sie sind die Kröten des Sumpfes, jenes Gewürm ohne Religion, ohne Vaterland, ohne Überzeugung, ohne Gewissen, ohne Herz, ohne Wärme und Kälte, ohne Freunde und Schmerz, ohne Liebe und Hass, ohne Gott und Teufel, jene Elenden, die vor den Toren der Hölle umherirren, und für dieselbe zu schlecht sind, – die Indifferentisten. Jeder Arm erlahmt, jede Waffe wird stumpf an diesen Bärenhäutern, die doch so häufig, bloß durch ihre Existenz, der guten Sache schaden. Man kann einen Ochsen mit der Elektrisiermaschine töten, aber Leute jenes Gelichters zu elektrisieren, dazu gehört mehr. Und ihrer sind Legion. Es hat deren freilich immer gegeben, denn die Faulheit ist ebenso unsterblich als die Dummheit, aber niemals so viel als jetzt und nirgends so viel als in Deutschland. Früher hatten dergleichen Subjekte doch noch eine Stelle, wo sie verwundbar waren: ihre Dogmatik, ihren Aberglauben, ihre Vorurteile; doch jetzt ist es auch damit vorbei; und sie sind sicher gegen Hieb und Stich, wie der hörnerne Siegfried. Auch wenn es keine theologischen und politischen Obskuranten gäbe; sie allein würden schon durch ihre Anzahl und Vierschrötigkeit die Sonne verdunkeln, wie die Perser durch die Menge ihrer Pfeile.“ Siehe da die „Vossische Zeitung“ und Genossen!

Beiläufig – Köppen war Lehrer an einer städtischen Realschule und schrieb unter Zensur, doch ist ihm wegen dieser Schrift kein Haar gekrümmt worden. Wollte heute ein städtischer Lehrer in Berlin so gegen die Jesuiten, die Dickköpfe in Christo und die Kröten des Sumpfes schreiben, wir könnten nicht sagen, welches Schicksal ihm die drei Unholde bereiten würden, wenn auch nur aus dem Grunde nicht, weil wir nicht über die Phantasie eines Höllenbreughel verfügen.


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