Clara Zetkin: Zum 4. Kongress der Gewerkschaften Deutschlands

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 13, 18. Juni 1902, S. 97 f.]

Ein Zufall scheint es und ist doch tief im Wesen der heutigen Gesellschaftsordnung begründet, dass die Vertreter der deutschen Gewerkschaften dieses Jahr wie 1899 in Frankfurt in ungewöhnlich ernster Situation zu ihrer ernsten Arbeit zusammenkommen. Der Frankfurter Gewerkschaftskongress fiel in die Tage des heißen Ringens um die Zuchthausvorlage, die bestimmt war, die Gewerkschaftsorganisationen zu meucheln, dem wirtschaftlichen Kampfe der Ausgebeuteten unerträgliche Fesseln anzulegen, die aber kaum einen Monat später dank dem Aufmarsch des gewerkschaftlich und politisch organisierten Proletariats im Reichstag zur Strecke gebracht wurde. Der Stuttgarter Gewerkschaftskongress tritt in den Zeiten der Krise und des geplanten Zollwuchers zusammen; der Krise und des geplanten Zollwuchers, die – ebenso legitime Kinder der kapitalistischen Ordnung wie das Zuchthausgesetz – mit harter, würgender Faust das blühende Gewerkschaftsleben schädigen und bedrohen.

Und doch! Nicht verzagender und versagender Kleinmut ist es, den die Träger und Vorkämpfer der deutschen Gewerkschaftsbewegung angesichts der Schwierigkeiten empfinden, mit dem die Gegenwart die Organisationen bedenkt, welche die Zukunft für sie im Schoße birgt. Was sie beseelt, ist bei allem kühlen Wägen und Erwägen der tatsächlichen Verhältnisse leidenschaftliche Arbeitslust, siegesgewisse Kampfesenergie. Das aber mit Fug und Recht. Lehrt nicht ein noch so flüchtiger Blick auf die Geschichte, auf das Leben der deutschen Gewerkschaftsbewegung, dass ihre Entwicklung kraftvoll aufwärts geht?

Es stieg die Mitgliederzahl der zentralisierten Gewerkschaften von 277.659 im Jahre 1891 auf 680.427 im Jahre 1900. Die einzelnen Verbände bauten ihre Organisation besser aus, festigten sie immer mehr und steigerten durch geeignete Unterstützungseinrichtungen etc. ihre werbende Kraft auf die Massen und ihre Kampfestüchtigkeit. Das Anschwellen der Ausgaben spiegelt getreulich die vermehrte Leistungsfähigkeit wieder. Es verausgabten die Gewerkschaften für Unterstützungszwecke, Rechtsschutz inbegriffen, 1891: 234.208 Mk., 1900: 2.102.699 Mk.? für ihr Verbandsorgan 1891: 154.015 Mk., 1900: 713.338 Mk.; für die Streikunterstützung 1891: 1.037.789 Mk., 1999: 2.625.692 Mk. Nicht weniger als die Riesensumme von 15.598.578 Mk. haben sie insgesamt in den Jahren 1891 bis 1900 für Rechtsschutz und Unterstützungszwecke aufgewendet, und 9.237.637 Mk. flossen aus ihren Kassen in dem gleichen Zeitraum der Streikunterstützung zu. Schritt für Schritt mit der Steigerung der Leistungsfähigkeit ist die Ausdehnung des Wirkungsgebiets der Gewerkschaften gegangen, die Gründung von neuen Institutionen zum Schutze, zur Bildung des Proletariats. Arbeiterschutz- und Versicherungsgesetzgebung wurden in den Bannkreis der gewerkschaftlichen Tätigkeit gezogen und Gewerkschaftskartelle, Beschwerdekommissionen, Arbeiter- und Gewerkschaftssekretariate etc. organisiert.

Die Entwicklung der deutschen Gewerkschaften ist um so bewundernswerter, als ihr in den Anfängen Wind und Wetter so ungünstig wie nur möglich waren, als ihr bis in unsere Tage hinein – dank der politischen Rückständigkeit Deutschlands – Schwierigkeiten entgegenstehen, welche die Gewerkschaftsbewegung anderer Länder gar nicht oder wenigstens nicht in gleichem Maße kennt. Erst der langjährige brutale Druck des Sozialistengesetzes, dann die langen Schrecken einer heftigen Krise und bis heute noch keine völlig gesicherte, loyal zugestandene Koalitionsfreiheit, vielmehr ein steter Kleinkrieg gegen die Nücken und Tücken reaktionärer Vereinsgesetze, des groben Unfugs- und Erpressungsparagrafen, des Zuchthauskurses. Trotz alledem ein steter Aufstieg der Entwicklung! Der 1894 einsetzende Aufschwung des Wirtschaftslebens fand die Gewerkschaften gerüstet, die günstigen Verhältnisse dem Organisationsgedanken und seinen Zwecken nutzbar zu machen. Von 1894 bis 1899 hat sich die Mitgliederzahl der Verbände mehr als verdoppelt, sie stieg von 252.044 auf 596.419. Ihre Einnahmen und Ausgaben sind in noch stärkerem Verhältnis gewachsen, nämlich die ersteren von etwa 2,7 Millionen auf ca. 7,7 Millionen, die letzteren von etwas über 2,1 Millionen auf fast 6,5 Millionen. Für Streikunterstützung wendeten die Verbandskassen von Anfang 1895 bis Ende 1899 rund 5¼ Millionen Mark auf. Hunderttausende von Arbeitern und Arbeiterinnen wurden allein in diesen Jahren durch die Aktion der Gewerkschaften vor einer Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen bewahrt, errangen dank ihrer höheren Lohn, kürzere Arbeitszeit, gesündere Werkstatt, würdigere Behandlung, von anderen materiellen und kulturellen Vorteilen zu schweigen.

Und dass es nicht schwächliche, marklose Treibhausschösslinge sind, welche die Gewerkschaftsbewegung in der Glut der guten Geschäftskonjunktur getrieben, das erweist sinnenfällig der Stand der Dinge während der lastenden Krise. Für das Jahr 1999, in welchem doch schon einzelne Industriegebiete im Zeichen des wirtschaftlichen Niederganges standen, meldet der Bericht der Generalkommission für die Gewerkschaften eine Mitgliederzahl von 680.427, eine Ausgabe von 8.088.021 Mk., eine Einnahme von 9.454.075 Mk. Wohl muss sich das Ergebnis für das letzte Jahr ungünstiger gestalten, wo über das Proletariat die entfaltete Krise in voller Wut einher brauste. Allein soweit bereits die Jahresabschlüsse einzelner großer Gewerkschaftsverbände vorliegen, erhärten sie gleichzeitig eine andere, erfreuliche Tatsache: der Anprall der Krise hat die Organisationen nicht in ihren Grundfesten zu erschüttern vermocht, Alles in Allem haben sie ihm siegreich Stand gehalten. Hinsichtlich ihres Bestandes wie ihrer Leistungsfähigkeit haben sie die Feuerprobe glänzend bestanden, und ihre unmittelbare Aktion wie ihr mittelbarer Einfluss hat nachweislich dazu beigetragen, dass für breite Arbeitermassen die verhängnisvollen Wirkungen der Krise gemildert worden sind.

So darf sich für die deutschen Gewerkschaften zum Rückblick voll stolzer Genugtuung auf das Erreichte ein Ausblick fügen voll hoffnungsreicher Zuversicht auf das noch zu Erringende. Und wahrlich: nicht klein und nicht wenige sind die Aufgaben, welche das Arbeitsprogramm des 4. Gewerkschaftskongresses den Verbänden zu den alten Pflichten zuweist. Es ist uns unmöglich, an dieser Stelle die bedeutsamen Materien zu würdigen, welche zur Verhandlung vorgesehen sind, um die Organisationen zu kräftigen und auszubauen, ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen, ihren Wirkungskreis zu vertiefen und zu erweitern. Jedoch sei wenigstens die hohe Wichtigkeit von drei Punkten der Tagesordnung hervorgehoben, weil sie ganz besonders greifbar die Interessen der Arbeiterinnen, der proletarischen Frauen berühren. Der Gewerkschaftskongress wird sich mit der Frage der Agitation unter den Arbeiterinnen beschäftigen, mit der Frage der Hausindustrie und der Arbeitslosenstatistik und -versicherung Mit anderen Worten: die Gewerkschaften wollen mit aller Energie und planmäßig den Kampf aufnehmen oder wuchtiger weiterführen gegen drei besonders bösartige Erscheinungen der kapitalistischen Ordnung: gegen das Arbeiterinnenelend, das Heimarbeiterelend und das Arbeitslosenelend.

Arbeiterinnenelend, Heimarbeiterelend, Arbeitslosenelend! Welch Meer von Tränen und Druckerschwärze hat nicht schon bürgerliche Reformlerei über die furchtbaren Drei ergossen! Welch wertvolles, beweisstarkes Material hat sich nicht zusammengetragen, um die Dringlichkeit eines schützenden Eingreifens der Gesellschaft zu Gunsten der Arbeiterinnen, Heimarbeiter und Arbeitslosen zu begründen! Wie viel der wohlmeinenden Anregungen und Forderungen hat sie nicht zu ihrer Hilfe formuliert! Und das Resultat ihres Wissens, Mitgefühles und Wünschens? Gegen das Arbeiterinnenelend: eine Schutzgesetzgebung, die noch immer in den dürftigen Anfängen steckt; gegen das Heimarbeiterelend: ein Händchen gesetzlicher Maßregeln, die ein blutiger Spott auf ernste Reformen sind; gegen das Arbeitslosenelend: Bettelsuppen. Angesichts des Bankrotts der bürgerlichen Sozialreform, der Sozialreform von oben, die sogar zum Schutze der wehrlosesten Opfer der kapitalistischen Ausbeutung versagt, tritt nun das gewerkschaftlich organisierte Proletariat mit seiner Macht auf den Plan. Es ruft die dem höchsten Leiden Preisgegebenen in seine Reihen und stellt hinter ihre Schwäche, wo und soweit es möglich ist, die Stärke der Organisation. Wo aber der gewerkschaftlichen Selbsthilfe Schranken gezogen sind, da macht es wuchtig das Recht von Reformforderungen an die Gesetzgebung geltend, da stützt es den parlamentarischen Kampf der Sozialdemokratie durch die außerparlamentarische Aktion der proletarischen Massen.

Mit größter Anerkennung und festem Vertrauen kann das deutsche Proletariat am Vorabend des Stuttgarter Kongresses auf seine Gewerkschaftsbewegung blicken. Treffend hat Parvus die Entwicklung derselben als „die größte Leistung der deutschen Arbeiter seit dem Falle des Sozialistengesetzes“ charakterisiert. Es ist ein Bild frischen, kraftstrotzenden, klassenbewussten Lebens, das die oben angeführten trockenen Ziffern zeichnen, das die Taten und Bestrebungen der Gewerkschaften widerspiegeln. Eine Unsumme von ungebrochener Energie, zielklarer Erkenntnis, heißer Kultursehnsucht, der besten geistigen und sittlichen Kräfte ist in den Hunderttausenden verkörpert, welche Träger der Organisationen sind. Von unvergleichlichem Opfermut melden die vereinnahmten und verausgabten Millionen, die Pfennig um Pfennig kärglichen Löhnen und dringenden Bedürfnissen abgespart werden mussten. In die Tat umgesetztes Klassenbewusstsein offenbart sich in den gewerkschaftlichen Kämpfen, in der gewerkschaftlichen Arbeit zur Ausgestaltung all jener Schutz- und Rechtseinrichtungen, denen die Auffassung zu Grunde liegt, dass inmitten dieser Gesellschaft der rechtlich organisierten Ausbeutung und Gewalt das Proletariat zur Wahrung seiner Interessen seine eigenen Organe schaffen muss. Hut ab vor diesem Werke, vor Denen, die es geschaffen, tragen und leiten, nicht bloß in heißen Kämpfen und im Lichte der großen Öffentlichkeit, sondern auch in der unermüdlichen, aufreibenden, ungenannten Kleinarbeit von Tag zu Tag.

„Aus eigener Kraft!“ das ist die stolze Losung, welche die deutsche Gewerkschaftsbewegung von Erfolg zu Erfolg geführt hat. Und sie begreift die andere Losung in sich: „In innerer Einheit und Bundesgenossenschaft mit der Sozialdemokratie!“ In der Tat: was die deutsche Gewerkschaftsbewegung geworden, sie konnte es nur werden, weil die Sozialdemokratie sich wieder und wieder im politischen Klassenkampf zwischen die Organisationen und ihre Todfeinde warf, weil sie den gewerkschaftlichen Kampf des Proletariats durch den politischen ergänzte, stärkte und erleichterte. Was die deutsche Gewerkschaftsbewegung geworden, sie musste es werden, weil in ihr der nämliche klassenbewusste, revolutionäre Geist lebendig ist, der das Proletariat politisch organisiert unter Führung der Sozialdemokratie in das geschichtliche Blachfeld des Klassenkampfes treibt. Das gewerkschaftlich und das politisch organisierte Proletariat in innerer Einheit und Bundesgenossenschaft zusammengeschweißt: so schließt sich der wunderkräftige Ring des proletarischen Befreiungskampfes. „Die Befreiung des Proletariats kann nur das Werk des Proletariats selbst sein!“


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