Clara Zetkin: Zur Maifeier

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 9, 23. April 1902, S. 66 f.]

Heraus aus der bitteren Tagesqual Eurer Existenz, mit ihrem Um und Auf an Lasten und Leiden, an Härten und Verzichten, an Sorgen und Sehnen, Ihr Proletarierinnen, die Ihr unter der heutigen Ordnung der Dinge doppelte Ketten tragt! Heraus, und wagt Eure Freiheit zu denken. Euer Recht zu fordern! Die Freiheit, das Recht, sie müssen Euch werden, wenn Ihr nur wollt! Eure Bundesgenossen im Kampfe für freies Menschentum erwarten Euch! Millionen, die wie Ihr ausgebeutet und unfrei sind, in deren Hirn aber zielklare Erkenntnis lebt, in deren Herzen opferbereite Begeisterung flammt!

So ruft der Feiertag des Weltproletariats auch jetzt wieder den Frauen des werktätigen Volkes zu. Seine Mahnung tönt unter ernsten Umständen an ihr Ohr, unter Umständen, die ihnen eindringlich die Raffgier und das Herrschaftsgelüste der Kapitalistenklasse, den Wahnsinn und die Barbarei der kapitalistischen Ordnung zu Gemüte führen und all die Unsumme von schreienden Übeln, die daraus für die Ausgebeuteten und Beherrschten erwachsen. Noch spürt die spottwürdig entlohnte Arbeiterin, die zum Kargen gezwungene proletarische Hausmutter die Lasten, welche ihr die fantastische, ruhmsüchtige Weltmachts- und Weltausbeutungspolitik durch den Hunnenzug auferlegt hat. Noch brennt im Herzen der Proletarierinnen die heiße Scham, die tiefe Empörung ob der Boxerjagden, der Niedermetzelei Wehrloser, der Vergewaltigung von Frauen und Mädchen, der Vorschusslorbeeren und all der übrigen Taten der Unkultur, Barbarei und Narretei, durch welche dieser Zug das zwanzigste Jahrhundert geschändet hat. Nach Hunderttausenden zählen die Frauen, die Familien der Arbeiterklasse, deren Erwerbs- und Existenzverhältnisse durch die seit langen Monaten lastende Krise geradezu tödlich getroffen worden sind. Unsicherer und geschmälter Verdienst, wohl gar völlige Arbeitslosigkeit haben ihre Schrecken, ihre Bitternisse, ihre hunderterlei Schrecken über die Welt der Arbeit ausgeschüttet. Und noch ist des Jammers kein Ende, der in dem Wesen der kapitalistischen Ordnung begründet ist, der unabwendbar wie ein Naturereignis durch das Walten von Kräften erzeugt wird, welche der Kapitalismus wohl zu entfalten, aber nicht zu regeln, nicht zu bändigen vermag, weil er nicht auf der Solidarität und dem Zusammenarbeiten Aller beruht, sondern auf der Ausbeutung der Vielen durch die Wenigen; weil nicht das Wohl der Allgemeinheit sein höchstes Gesetz ist, sondern der Profit des Einzelnen. Noch ehe aber das Elend der Krise überwunden ist, steigen dräuend neue, schwerste Gefahren herauf. Der Zollwucher will eine entsetzliche Dreieinigkeit von Plagen gegen das werktätige Volk entfesseln: Verteuerung der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse; Störung des Wirtschaftslebens, das heißt Verschlechterung des Erwerbs; Stärkung der Herrenmacht des Junkertums und der Scharfmachergilde.

Weltmachtspolitik, Krise, Brotwucher: furchtbare Wahrzeichen der Klassenherrschaft der Besitzenden, unter deren Joch die proletarische Frau gebeugt ist. Wo aber erheben sich neben ihnen die Mäler, die aus jüngster Zeit von einer auch noch so schwächlichen Berücksichtigung der Interessen der Proletarierin künden?

Keine weitere, gründliche Ausgestaltung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Arbeiterinnen zügelt das Übermaß der kapitalistischen Ausbeutungsgier. Trotz der unanfechtbarsten Tatsachenbeweise von der Dringlichkeit erhöhten Schutzes keine Verkürzung der täglichen Arbeitspein von 11 Stunden auf 8, ja auch nur auf 10. Keine Sicherung der Nachtruhe der abgerackerten Fabrik- und Haussklavin durch absolutes Verbot der Nachtarbeit und der Überstunden. Keine Freigabe des Nachmittags vor Sonn- und Festtagen, welche erst diese aus Scheuer- und Waschtagen zu Ruhe- und Erholungstagen gestalten würde. Die Wöchnerinnen nach wie vor ungenügend, die Schwangeren gar nicht geschützt. Kein gesetzliches Verbot der Verwendung von Arbeiterinnen in Industriezweigen und bei Beschäftigungsarten, welche dem weiblichen Organismus besonders verhängnisvoll sind und ganz unzulängliche Vorschriften zur Abwehr von Einflüssen, die Gesundheit und Leben bedrohen. Kein sachgemäßer Schutz der Heimarbeit, die das tiefste wirtschaftliche Elend zeitigt, Leib und Geist gleich zermürbt und verfallen macht. Keine durchgreifende Reform der Gewerbeaufsicht. Statt Sicherstellung der Koalitionsfreiheit stete Bedrohung, ja Meuchelung derselben durch Polizeimacht, Richterwitz und Geldsacksgewalt.

Den unerfüllt gebliebenen Forderungen gegenüber ein Händchen Reformen, die im letzten Jahre neben der Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Heimarbeiter durch Ortsstatut Bundesratsverordnungen einzelnen Arbeiterinnenschichten gebracht haben. Die Sitzgelegenheit für Verkäuferinnen. Das Verbot der Beschäftigung von Arbeiterinnen in Zinkhütten, in Zichoriendarren, bei gewissen Arbeiten in den Zuckerfabriken, bei bestimmten Arbeiten und in gewissen Räumen der Glashütten; die Vorschriften über Beschaffenheit und Benutzung der Arbeitsräume, Arbeitsverfahren, Beschränkung und Regelung der Arbeitszeit, über die Erstellung von Arbeitskleidern, Wasch- und Ankleideräumen etc. in Gummifabriken, wo unter Anwendung von Schwefelkohlenstoff und Chlorschwefeldämpfen Gummiwaren vulkanisiert werden. Die Verordnung zum Schutze des Gastwirtspersonals, jene Spottgeburt, welche den 16stündigen Normalarbeitstag festlegt und die gesamten Hilfskräfte, Herd-, Küchen-, Hausmädchen etc. vollständig der Auswucherung durch ihre Herren preisgibt. Was in diesen Verordnungen als Verbesserung auftritt, zum großen Teile nur eine Rückwärtsrevidierung von Verböserungen, welche der Bundesrat kraft seiner Macht zu kapitalistenfreundlichen Ausnahmebewilligungen von den gesetzlichen Vorschriften lange Jahre hindurch den betreffenden Arbeiterinnenkategorien beschert hatte. Wie wohltätig auch im Einzelnen diese oder jene Maßregel empfunden werden mag. Alles in Allem doch ein unsagbar ärmliches und erbärmliches sozialreformlerisches Gepäck. Und wahrhaftig: der so mangelhafte Entwurf zum Kinderschutzgesetz macht es kaum schwerer und reicher.

Nicht aber ein Verzagen und Verzichten ist es, das der proletarischen Frau die Umstände predigen, unter denen heuer der Völkermai naht. Sie offenbaren nur sinnenfällig, wie es um das Reformverständnis und den Reformwillen Derer steht, welche dieser Gesellschaftsordnung Nutznießer sind. Sie schärfen dem werktätigen Volke die Erkenntnis für die alte Wahrheit: Hilf dir selbst, und die Götter werden dir helfen.

Ein leuchtendes Denkmal dieser Erkenntnis erhebt sich die Maifeier im Angesicht der Zustände und Ereignisse, welche von dem engherzigsten, borniertesten Klassenegoismus der Ausbeutenden und Herrschenden erzählen. Auch der proletarischen Frau kündet sie, dass die Tage kommen müssen, wo ihre Ketten gelockert, ihre Lasten geleichtert werden; dass die Stunde schlagen wird, wo auch sie jeder Knechtschaft ledig als Freie unter Freien wandelt. Denn die Maifeier bringt dm stolzen Aufmarsch der Proletarier aller Länder, die – von einem Wissen, einem Wollen durchdrungen – der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen einen unversöhnlichen Kampf ansagen. Vielsprachig tönt ihre Losung über den Erdball.

Wir fordern zum Schutze der Enterbten gründliche soziale Reformen, in erster Linie aber eine Arbeiterschutzgesetzgebung, deren A und O der Achtstundentag ist, gesicherte Koalitionsfreiheit und volle politische Rechte. Wir stellen dem kapitalistischen Ideal vom Millionäre- und Bettlerzüchten das proletarische Ideal des Brotes, der Freiheit, der Bildung für Alle entgegen. Wir brandmarken den Militarismus, dessen gepanzerte Faust in schaurigen Gräueln den inneren wie den äußeren Feind niederschlägt, in vandalischem Wüten vernichtet, was Geist und Fleiß mühsam geschaffen. Gegenüber dem Ideal vom Schießen auf Vater und Mutter, von der Völkerverhetzung und dem Weltkrieg erheben wir stolz das Ideal der Völkerverbrüderung und des Weltfriedens, dessen Verwirklichung die internationale Solidarität des Proletariats verbürgt. Wir geloben, nicht eher zu ruhen und zu rasten, bis die kapitalistische Klassenherrschaft gebrochen und der Platz freigelegt worden ist für den Aufbau der sozialistischen Ordnung.

Heraus darum, Ihr Proletarierinnen, zur Maifeier! Erhebt Eure Stimme, enthüllt Eure Leiden, stellt Eure Forderungen. Ihr habt mehr zu heischen als Eure Brüder, und Ihr habt dringender zu heischen als sie. Seid Ihr nicht Mütter und habt mit dem eigenen Leibe das Leben des Kindes zu schützen, mit Eurer Muße seine Pflege zu sichern, mit Eurer Bildung seine Erziehung zu fördern? Fügt die heutige Ordnung nicht zu Eurer Ausbeutung als Proletarierin Eure politische Rechtlosigkeit. Eure soziale Unterbürtigkeit als Frau? Wenn Jemand, so habt Ihr im Kampfe für die Reform und die Revolution der Gesellschaft nur Ketten zu verlieren und eine Welt zu gewinnen. Die Schwesterhand deshalb Allen, die fronden, leiden und sich rebellentrotzig gegen die Kapitalmacht auflehnen. Kampf Allem, was Euch und die Euren knechtet und entrechtet. Im frühlingsstarken Tosen des Klassenkampfes wird endlich auch Euch, den Beladensten unter den Beladenen, den Unfreisten unter den Unfreien der Freiheit Mai tagen.


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