Clara Zetkin: Not

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 22. Jahrgang Nr. 1, 9. Oktober 1901, S. 1 f.]

Graue Gespenster schreiten durch das Deutsche Reich, durch Europa. Mit der Teuerung geht eine Schlimmere Hand in Hand. Es ist die nackte Hungersnot, die großen Massen der werktätigen Habenichtse ins sorgenvolle, abgezehrte Antlitz blickt. Niemand weiß das besser als die Arbeiterin, die mit einem Wochenlohn von 9 oder 10 Mk. alles bestreiten soll, was des Leibes Nahrung und Notdurft heischt; als die Arbeiterfrau, die mit 12 oder 15 Mk. wöchentlichem Haushaltungsgeld den Tisch einer kindergesegneten Familie bestellen muss. Anhaltend fast sind die Teuerungspreise des Lebensbedarfes weiter gestiegen, die schon im vorigen Jahre ihre offizielle Anerkennung dadurch fanden, dass das Dreiklassenparlament in Preußen auch ohne den Druck einer Streikandrohung die Zivilliste des Landesherrn um rund drei Millionen Mark jährlich erhöhte. Heute haben die Existenzkosten eine geradezu unerschwingliche Höhe erreicht. Das wenigstens für Millionen derer, die vom Ertrag der eigenen Arbeit aus der Hand in den Mund zu leben gezwungen sind. Besonders macht sich das Anziehen der Preise für Milch peinlich bemerkbar, die als Hauptnahrungsmittel der kleinen Kinder auch im proletarischen Haushalt unentbehrlich ist, deren Bedeutung aber für den Speisezettel der Erwachsenen ebenfalls immer mehr erkannt wird. Nach dem Rind -, Kalb- und Hammelfleisch wird gegenwärtig auch das „Schweinerne“ teurer und teurer. Kaum noch in minderwertiger Qualität kommen diese Fleischarten ins Arbeiterheim, und wenn Heinrich IV. von Frankreich seinerzeit jedem seiner Untertanen ein Huhn in den Topf wünschte, so ist heute die Sehnsucht Tausender deutscher Reichsangehöriger schon erfüllt, wenn sie in ihrer Pfanne ein Stück Pferdefleisch braten können. Nicht bloß für Brot, Mehl und Teigwaren, für Eier, Butter und Schmalz, für Kaffee, Zucker und Petroleum sind die Preise gestiegen, sondern auch für Obst, Gemüse, Kartoffeln, von der Verteuerung von Wäsche, Kleidung und Wohnungsmiete nicht erst zu reden. Tage nach Tagen folgen sich, von denen die Frau der ausgebeuteten Massen sagt: „Sie gefallen mir nicht“, weil sie keine Antwort mehr weiß auf die Frage: Was werden wir morgen essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Jawohl, keine Antwort mehr, auch wenn sie die sparsamste und umsichtigste Hausfrau ist, oder wenn sie den Kredit beim Bäcker und Krämer bis zum Letzten erschöpft hat. Man vergesse nicht, was der Proletarierin in Gestalt quälender Sorgen und drückender Plagen in die Erinnerung gebrannt ist! Die Teuerung krallte ihre dürren, begehrlichen Finger in den Beutel der Armen und Kleinen, noch ehe dass diese die Folgen gesunkenen Verdienstes, wohl gar von Arbeitslosigkeit in der Zeit des wirtschaftlichen Niederganges überwunden haben konnten.

Teuerung und Not fast allenthalben, wo nicht die Ausbeutung fremder Arbeit prassend und übersättigt an der Tafel sitzt. Warum das? Ist es wirklich richtig, dass die Härte der Natur die Schuld daran trägt, weil hier sengende Sommerglut die Fruchtbarkeit weiter Gefilde verzehrte, weil dort Hagelschauer und andere Witterungsunbill den Segen der Fluren vernichtete? Gewiss: es stimmt, dass natürliche Vorgänge dieser Art zu Misswachs und damit zu einem Steigen der Preise mancher Lebensmittel geführt haben. Die starke, lang andauernde Hitzewelle, die großen Strecken Mitteleuropas eine außergewöhnliche Dürre gebracht hat, zog eine Verteuerung von Milch, Butter, Obst, Gemüse usw. nach sich. Jedoch sie hat – wie andere Witterungsverhältnisse auch – nur einen Zustand verschärft, der nicht von ihr geschaffen worden ist, und dem in unserer Zeit leicht abgeholfen werden könnte. Die modernen Verkehrsmittel ermöglichen es, dem Misswachs in einer Gegend so schnell abzuhelfen, dass er gar nicht in Teuerungspreisen zum Ausdruck zu kommen braucht. Der Telegraf trägt mit Blitzesschnelle die Nachricht von mangelndem Lebensbedarf nach dem entferntesten Punkte unserer Erdkugel; die Ozeane pflügende Riesendampfer, Eisenbahnen, welche die Kontinente durchqueren, führen in kurzer Zeit Brotfrucht, Fleisch und andere Erzeugnisse aus der Gegend des Überflusses in die Gebiete karger Ernte. Der Kapitalismus, der jedes einzelne Volk in Ausbeuter und Ausgebeutete auseinanderreißt, hat die Völker international verbunden, indem er den Weltmarkt mit seinen ausgleichenden Wirkungen schuf. Heutzutage könnten trotz der Ungunst der Natur Teuerungspreise und Hungersnot überwundene Erscheinungen sein, wenn, ja wenn – nicht gesellschaftliche Einrichtungen sich dem widersetzten, Verhältnisse, die von Menschen geschaffen worden sind.

In der Tat: welch verderbenschwangere, höllische Mächte denn sind es, die dem Überfluss an Gütern des Lebensbedarfs wehren, über die Grenze zu strömen und dem hinter ihren Pfählen hausenden Mangel zu steuern? Papierne Vorschriften und Bestimmungen, Gesetze, Erlasse der Regierungen: Zölle, die auf eingeführtem ausländischem Getreide, Vieh und Fleisch usw. liegen, sogar in einem Teil des Jahres auf den Kartoffeln, die den armen Leuten das teurere Brot ersetzen sollen; Gesetze, Vorschriften und Erlasse, welche mit indirekten Steuern und Abgaben inländische Waren belasten und dabei nicht einmal das Salz und die Zündhölzchen verschonen. Dazu die „Liebesgaben“ der großen Schnapsbrenner und Rübenbauer, Vergünstigungen, die in Gestalt von höheren Preisen für Zucker, Branntwein, Spiritus von den Verbrauchern gezahlt werden müssen. Ferner schikanöse Maßregeln der Grenzsperre für Vieh und Fleisch, die unter dem Deckmantel der Fürsorge für die Gesundheit des deutschen Volkes seinen entsprechenden Bedarf verteuern. Schließlich und vor allem das System der Einfuhrscheine, das in der Praxis darauf hinausläuft, eine Prämie auf die Ausfuhr von Getreide aus Deutschland zu setzen, in der Folge dem deutschen Markte die Brotfrucht entzieht und ihren Preis in die Höhe treibt. Einrichtungen dieser Art schaffen absichtliche, künstliche Teuerungspreise und Not, sie gleichen Vampiren, die an dem Mark des Volkes saugen. Aber vergessen wir nicht die wahren Schuldigen, die hinter den papierenen Buchstaben stehen und deren Wille Wucherpreise und Jammer schafft. Das sind die besitzenden, die ausbeutenden Klassen. Wie der Teufel vor dem Weihwasser schrecken sie in ihrem schnöden Eigennutz davor zurück, nach dem Maße ihres Reichtums zu den Lasten des Staates beizutragen. Zölle, indirekte Steuern, Abgaben aller Art auf den Lebensbedarf der breiten Massen müssen die Staatskassen füllen. Und damit nicht genug: sie schleppen im Bunde mit dem gemeinschädlichen Unfug der Liebesgaben und Ausfuhrprämien mittels verbrecherischer Preise Hunderte von Millionen in die Schlösser und Villen der Grundherren, Fabrikanten und Händler. Und damit der Mundraub den Armen und Ärmsten nehme, was irgendwie genommen werden kann, schrauben die Ringe, Trusts und Syndikate noch die Preise in die Höhe. Menschen sind es also, die die Gespenster der Teuerung und der Not unter die Massen Hetzen, um auf Kosten anderer Menschen ihren Reichtum zu mehren, um durch die Ausbeutung der Konsumenten zu vollenden, was die Ausbeutung der wertschaffenden Lohnsklaven beginnt.

Was aber Menschenwerk ist, das kann auch durch Menschen vernichtet werden. Dem ausbeuterischen Tun und Treiben der Besitzenden und Herrschenden haben die Werktätigen ihren Willen entgegenzustellen, sich nicht länger plündern zu lassen. In der Zeit der einbrechenden Hungersnot müssen sie Sturm laufen gegen all die Einrichtungen, die durch künstliches Emportreiben der Lebensmittelpreise die Taschen des werktätigen Volkes berauben. Die Grenzen auf für die Einfuhr von Vieh aus den Nachbarländern, für die Einfuhr gefrorenen und gekühlten Fleisches aus Argentinien und Australien! Fort mit dem System der Einfuhrscheine, mit Zöllen und indirekten Steuern auf Güter, die der Lebenshaltung der Massen dienen! Verbilligung der Frachttarife, Maßregeln der kommunalen Verwaltungen, um die Bevölkerung zum Selbstkostenpreis mit unentbehrlichen Lebensmitteln zu versorgen! Das sind Forderungen, die mit elementarer Gewalt von den darbenden Massen den Nutznießern der Wucherpreise und ihren politischen Sachwaltern entgegengeschleudert werden müssen. Im Gefühl ihrer „gottgewollten“ Abhängigkeit von den Agrariern hat sich die deutsche preußische Regierung bis jetzt hartnäckig geweigert, auch nur eine einzige durchgreifende Maßregel zu beschließen, um dem Hunger der breitesten Bevölkerungsschichten zu wehren. An diesen selbst liegt es nun, durch ihren Ruf nach Brot ihr zum Bewusstsein zu bringen, dass die stärkste und ausschlaggebende „gottgewollte Abhängigkeit“ die von den Massen ist, die heute Schöpfer alles gesellschaftlichen Reichtums sind.

Die proletarischen Frauen aber gehören in die vordersten Reihen derer, die ausziehen, um der blinden hartherzigen Selbstsucht der besitzenden Minderheit das Recht auf billigeres Brot und Fleisch zu entreißen. Was sie in diesem Kampfe verteidigen, ist mehr als die Füllung des Magens und die Abwehr unendlichen Jammers, es ist mit der Gesundheit des Leibes geistige und sittliche Kraft, es sind Brosamen der Kultur, die sie für sich und die Ihrigen, die sie namentlich für ihre Kinder begehren. In dem Mundraub bekämpfen sie ein Stück der Ausbeutung ihrer Klasse durch die Herrschenden. In der Linderung der Gegenwartsnot erringen sie ein Stück des Aufstiegs ihrer Klasse aus dem Wege, der zur vollen Freiheit führt.


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