[Nr. 1119, Korrespondenz, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, II. Jahrgang, Nr. 19, 6. Mai 1890, S. 8, gekürzt in Ausgewählte Reden und Schriften, Band 2 – 1878 bis 1890. Erster Halbband. Berlin 1978]
Berlin, 6. Mai. Die Bourgeoisie hat sich allmählich von dem Schreck erholt, den ihr der 1. Mai eingeflößt. Feig und vor Furcht an allen Gliedern schlotternd, wie sie sich vor dem 1. Mai gezeigt, ist sie nach demselben um so hochfahrender geworden, als sie entdeckte, wie schmählich sie sich mit ihrer Furcht blamiert hatte, und dass die gefürchtete Revolution nicht kam.
Das Bild des Jammers und der bleichen Angst, das unsere bürgerlichen Kreise vor dem 1. Mai boten, lässt sich schwer beschreiben. Ein Gerücht jagte das andere, eines dümmer und toller als das andere, aber je dümmer und toller sie waren, um so eifriger wurden sie geglaubt. Hier in der Hauptstadt des Reiches, der Stadt der „deutschen Intelligenz“ ging in einzelnen Kreisen die Furcht so weit, dass man ernstlich die Frage auswarf, ob man nicht die Schulen schließen soll, weil die Kinder wohl kaum ungefährdet die Straßen passieren könnten. In zahlreichen Familien hier und anderwärts hatte man sich auf Tage verproviantiert in der festen Überzeugung, dass es zu Straßenunruhen und Straßenkämpfen kommen werde, kurz eine veritable Revolution unvermeidlich sei.
Mit der Angst des großen Publikums hielten die Vorsichtsmaßregeln der Zivil- und Militärbehörden in ganz Deutschland gleichen Schritt. Überall war das Militär konsigniert, ein Teil desselben, die Infanterie war mit scharfen Patronen, die Kavallerie mit geschliffenen Säbeln und scharf gespitzten Lanzen versehen, um so ausgerüstet jeden Augenblick zum Massenmord bereit zu sein.
An vielen Orten lagerte ein Teil des Militärs in der Nähe der von den Arbeitern besuchten Festplätze und Festlokale, um rasch bei der Hand zu sein. In den größeren Städten mit starker Arbeiterbevölkerung standen ans den Bahnhöfen fertig zusammengestellte Wagenparks mit geheizten Lokomotiven, um im Falle des Bedarfes sofort Truppenmassen nach entfernteren Punkten versenden zu können.
Aber wie die Befürchtungen und die Hoffnungen unserer Gegner – von denen für Viele einige Putsche, bei welchen die neuen Gewehre zur Probe an lebendigen Menschenleibern in Anwendung kommen konnten, gerne gesehen hätten – erwiesen sich die Vorsichtsmaßregeln der Behörden als eitel und vollkommen überflüssig. Nirgends im Reiche ist es zu irgend nennenswerten Konflikten gekommen. Hier in Berlin verlief, trotz der starken Beteiligung der Arbeiter, der Tag so musterhaft gut, dass nach offiziellem Eingeständnis an diesem Tage weniger polizeiliche Sistierungen vorkamen, als am Sonntag zuvor. Die Arbeiter hatten eben überall, der Weisung der Fraktion folgend, Ordner in großer Zahl gewählt, die spielend Ordnung zu halten verstanden.
Als Nachwehen jenes Tages folgten allerdings an einer Reihe von Orten Kündigungen der feiernden Arbeiter, die in manchen Fällen die sofortige Einstellung der Arbeit durch sämtliche beschäftigte Arbeiter zur Folge hatten. Die Unternehmer, die in solcher Weise die soziale Macht ihrer Stellung den Arbeitern fühlen wollten lassen, dürften die Erfahrung machen, dass letztere nicht mit sich spielen lassen. In Betrieben, in welchen die Arbeitsverhältnisse so liegen, dass den Unternehmern eine Massenmaßregelung ihrer Arbeiter nur willkommen sein konnte, wie z.B. in den verschiedenen Zweigen der Textilindustrie, zogen die Arbeiter vor, zu arbeiten und sich dafür um so zahlreicher an den Festen und Versammlungen zu beteiligen, die für den Abend in Aussicht genommen waren.
An vielen Orten waren allerdings auch Feste wie Versammlungen unmöglich gemacht, sei es dass die Besitzer der Lokale, eingeschüchtert durch die Gegner, die Hergabe derselben verweigerten – wie das z. B. ganz allgemein in Köln der Fall war – oder dass die Behörden dieselben überhaupt untersagten.
Eines aber ist sicher. Die Demonstration am 1. Mai hat durch ihre Einheitlichkeit unter den Arbeitern der ganzen Welt in den gegnerischen Kreisen einen tiefen, wohl kaum zu verlöschenden Eindruck gemacht. Und darin besteht ihr ungeheurer Gewinn. So wie in den letzten Wochen vor dem 1. Mai und an diesem selbst ist der Bourgeoisie der ganzen Welt noch nie zu Gemüte geführt worden und auch zur Erkenntnis gekommen, dass ihre Uhr im Ablaufen begriffen ist, dass in der Arbeiterklasse ihr ein Gegner entstanden ist, der weiß, was er will und ruhig und entschlossen sein Ziel verfolgt.
Wem die Internationalität der Arbeiter bisher noch als eine Utopie erschien, der ist am ersten Mai belehrt worden, dass er sich gründlich täuschte und dass mit diesem Tage ein Faktor aus die Weltbühne trat, mit dem die Regierenden wie die herrschenden Klassen von nun an sehr ernst zu rechnen haben, weil er ihnen alle Zirkel für ihre bisherige innere wie auswärtige Politik über den Haufen wirft.
Gibt es eine Macht, welche dem Völker verhetzenden Spiel der herrschenden Klassen Europas entgegenwirken und ihre kriegerischen Gelüste für immer bändigen kann, so ist es die Arbeiterklasse mit dem Gefühle der Solidarität ihrer Interessen ohne Rücksicht auf Rasse und Nationalität. Diesem Streben nach internationaler Verbrüderung werden die regierenden und leitenden Klassen auf die Dauer ebenso wenig widerstehen können, wie sie innerhalb der einzelnen Nationalität dem Drängen der Arbeiterklasse nach menschenwürdigeren Lebensbedingungen zu widerstehen vermöchten.
Die sozialen Fragen stehen von nun ab im Vordergründe aller Erörterungen und die politischen werden sich ihnen unterordnen und ihnen sich anbequemen müssen.
Insofern bedeutet der erste Mai, soweit ein einzelner Tag im Kulturleben der Völker dies bedeuten kann, einen Merkstein in der sozialen und internationalen Entwicklung der modernen Kulturländer.
Der Verlauf des ersten Mai und die taktvolle Haltung der Arbeiter hat schon jetzt das Eine gezeitigt, dass diejenige Partei, die bisher noch am hartnäckigsten auf der Fortdauer des Sozialistengesetzes bestand, die nationalliberale, nunmehr sehr ernsthaft begreift, dass es nicht mehr möglich ist. Das erklärt neuerdings eines der Hauptorgane dieser Partei, der „Hannoversche Kurier“. Der erste Mai, das war die letzte Karte, auf die man von jener Seite seine Hoffnungen gesetzt. Wäre es an diesem Tage zu Putschen gekommen, hätten die Arbeiter zu Unbesonnenheiten sich hinreißen lassen, dann würde auch das Sozialistengesetz nicht nur verewigt, sondern auch ganz wesentlich verschärft. Damit ist aber auch unseres Erachtens schlagend bewiesen, dass die Taktik, welche die Fraktion den Arbeitern für die Feier des ersten Mai riet, die einzig vernünftige, ja notwendige war.
Heute wird der Reichstag eröffnet. Die Fraktion war bereits gestern fast vollzählig hier versammelt und hielt ihre erste Sitzung ab. Die Konstituierung endete mit der an Einstimmigkeit grenzenden Neuwahl des bisherigen Fraktionsvorstandes. Es wurde dann beschlossen, sofort einen Antrag auf Aufhebung der Getreidezölle und einen Antrag auf Verbesserung des Unfallversicherungsgesetzes einzubringen. Ein weiterer sehr umfänglicher Antrag ist die Einbringung des schon früher einmal beantragten Arbeiterschutzgesetzentwurfes, der nochmals einer genauen Prüfung unterzogen wurde. Der wichtigste in der gestrigen Sitzung angenommene Antrag ist, vorzuschlagen, dass am 1. Jänner 1891 die Arbeitszeit in allen gewerblichen und kaufmännischen Betrieben für alle über 16 Jahre alte Hilfspersonen 10 Stunden betragen soll. Für die unter 16 Jahre alten Hilfspersonen, wie für diejenigen Betriebe, in welchen Tag- und Nachtarbeit oder Arbeit unter Tag unumgänglich ist, 8 Stunden. Die 10stündige Maximalarbeitszeit soll aber nur bis zum 1. Juli 1893 währen, alsdann soll die neunstündige Arbeitszeit eintreten und mit dem 1. Jänner 1896 die achtstündige. Man verstand sich nach langer Beratung zu diesem Wechselsystem, weil allseitig die Überzeugung herrschte, dass es einfach unmöglich ist, ohne weiters auf die achtstündige Arbeitszeit zu kommen.
Welcher Art die Vorschläge der Regierungen sind, die ebenfalls mit einem Arbeiterschutzgesetzentwurf vor den Reichstag treten wollen, ist in diesem Augenblicke noch nicht genauer bekannt. Es heißt, dass die Gewerbe-Inspektion sich auf alle gewerblichen Betriebe, auch auf die hausindustriellen Betriebe, aber nicht auf die kaufmännischen erstrecken solle. Das wäre gegenüber dem bisherigen Zustand ein wesentlicher Fortschritt. Weiter soll innerhalb drei Jahren die Unterdrückung der Kinderarbeit in Fabriken eintreten, ob auch in der Hausindustrie, ist vorläufig nicht bestimmt. Auch soll derselbe Bestimmungen über den Kontraktbruch enthalten. Der bereits bekannt gewordene Entwurf über die Schiedsgerichte wird unsererseits als vollständig ungenügend angesehen und wird entschieden bekämpft werden.
Andere Bestimmungen sollen die Beschränkung der Frauenarbeit betreffen und schärfere Maßnahmen gegen die „Zuchtlosigkeit“ der jugendlichen Arbeiter treffen.
Eine recht angenehme Überraschung und in seltsamem Widerspruch mit den Versicherungen über die Aussicht auf dauernden Frieden sind die abermals gestellten militärischen Forderungen. Darnach sollen nicht weniger als 70 neue Batterien geschaffen und eine erhebliche Verstärkung des Truppenkontingents gefordert werden. Die regelmäßigen jährlichen Mehrausgaben sollen sich auf rund 18 Millionen belaufen, so dass damit, ohne die Ausgaben für den Pensions- und Invalidenfonds, die außerordentlichen Ausgaben w., die jährlichen regelrechten Ausgaben auf 397 Millionen wachsen. Damit tritt aber auch die Frage nach neuen Steuern in den Vordergrund. Weiter liegt aber auch die Frage wohl auf den Lippen, wo soll das hinaus und wie soll das enden! Nun, wir haben uns nicht darüber den Kopf zu zerbrechen, es ist Sache der herrschenden Klassen, zu sehen, wie sie mit sich und den Klassen fertig werden, die durch alle diese Maßnahmen sich immer stärker belastet und bedrückt fühlen und deshalb immer unzufriedener werden.
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