[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 27. Jahrgang Nr. 6, 22. Dezember 1916, S. 37 f.]
Zum dritten Male singen die Weihnachtsglocken ihr Lied in die Lüfte, während die Menschheit unter dem entsetzlichsten Kriege blutet, den die Geschichte bis jetzt kennt.
Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen! Klingt es nicht wie bitterster, kaum zu fassender Hohn, da der fromme Schall von dem höllischen Getöse des Trommelfeuers, von dem Krachen berstender Bomben und Granaten verschlungen wird, von den Todesseufzern Tausender, die sterben, von dem Wimmern und Ächzen Zehntausender, die verwundet in den Schützengräben und auf freiem Schlachtfeld zusammenbrechen. Friede aus Erden! Über der Erde lagern dichte Wolken von Blutdunst, über sie zieht Brandgeruch und Verwesungshauch. Die sogenannten Kulturvölker zermartern ihr Hirn, spannen ihre Energie aufs Höchste an, um möglichst erfolgreich in Massen zu töten und zu vernichten oder um Werkzeuge und Hilfsmittel herzustellen, die diesem Zwecke dienen.
Allen Menschen ein Wohlgefallen! Der Schmerz von Witwen und Waisen, von Eltern, Geschwistern, Bräuten, Freunden schluchzt im stillen Kämmerlein oder schreitet im Trauergewand stumm und scheu an uns vorüber. Derweilen der Weltkrieg mit erzener Gleichgültigkeit ungezählte, ungemessene Güter zerstampft, gebricht es den Völkern, namentlich in den kriegführenden, aber auch in den neutralen Ländern immer mehr an des Leibes Nahrung und Notdurft. Mangelnder Lebensbedarf, Teuerung, Wucher greifen mit harter Faust in die Existenzverhältnisse ein. Nützliche Gewerbe liegen still, die Rüstungsindustrien blühen und können den Bedarf kaum decken. Darbende, Arbeitslose, der Überbürdung Erliegende, Kranke, Verzweifelnde auf Schritt und Tritt. Dieser Krieg, der das Riesengeschöpf der kapitalistischen Ordnung ist, hat alle Widersprüche, alle Gegensätze, alle Gebrechen, alle Leiden dieser Ordnung riesenhaft gesteigert.
Die Friedensbotschaft der christlichen Weihnachtsglocken hat nie so laut über den Erdball geklungen wie der Geschützdonner des imperialistischen Weltkriegs. Und sie schweigt nun vor seinem Dröhnen. Der Weltkrieg kündet die Ohnmacht der religiösen Ideologie des Christentums, der großen Ideologie der Vergangenheit, die fast 2000 Jahre im Leben der Kulturvölker des Westens wirksam gewesen ist. Es gibt kein christliches Ideal, es gibt kein Gebot des Christengottes, das nicht durch den Krieg in den Staub getreten, entwertet worden wäre. Die durch und durch weltliche Ideologie des kapitalistischen Nationalstaats hat über die religiöse Ideologie des internationalen Christentums, der allgemeinen Gotteskindschaft gesiegt. Der Nazarener ist dem Cäsar unterlegen. Der klarste Ausdruck dieser geschichtlichen Tatsache sind die tiefempfundenen Mahnungen des Papstes zum Frieden, Mahnungen, die die Regierenden auch der kirchengläubigsten Staaten als schöne Gefühlsäußerungen beiseite geschoben haben, und die nicht einmal die ausgesprochen nationale Kampfesstellung der Kardinäle und Erzbischöfe in den einzelnen Ländern zu zügeln vermochte. Das Schwert war stärker als das Kreuz.
Allein die Ideologie des kapitalistischen Nationalstaats hat im Weltkrieg auch über die große sozialistische Ideologie der Zukunft triumphiert. In allen Ländern hat sie an den Streitwagen des Imperialismus das Proletariat gespannt, das als sein eigener Messias sich selbst und die gesamte Menschheit erlösend die uralte, ewig junge Sehnsucht erfüllen soll nach Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen. Der Sozialismus holte das hehre Ideal der Menschenliebe, der Menschheitseinheit aus den himmlischen Höhen der Gotteskindschaft herab auf die fest gegründete, dauernde Erde, er stellte es auf die markigen Knochen der internationalen Solidarität der Arbeiter aller Länder. Was ist im Weltkrieg aus diesem Ideal geworden? Im Namen der Nationalität töten die Proletarier der verschiedenen Länder einander. Die sozialistische Ideologie ist für viel zu viele nichts als totes Lippenbekenntnis, keine Macht, die in der Seele lebendig wirksam eine tat- und opferbereite Gesinnung schafft, die einen starken Willen zur starken Tat reifen lässt. Die alte Internationale starb, kaum dass die ersten Flintenschüsse an den Grenzen gewechselt worden waren, sie verröchelte, als die deutschen und französischen Sozialdemokraten die Kriegskredite bewilligten. Einem blassen Stern im Nebel gleich schwand das Ideal: Friede auf Erden, allen Menschen ein Wohlgefallen.
Jedennoch: „Sie töten nicht den Geist!“ Das mörderische Ringen auf den Schlachtfeldern, die Fesseln des Belagerungszustandes, die schönen Redensarten des Burgfriedens, die falschen Gedanken und Worte der „Umlernenden“: all das ist außerstande, auf die Dauer die internationale Solidarität der Arbeiter aller Länder zu sprengen. Denn diese Solidarität ist mehr als ein erhabenes Hirngespinst, sie ist eine muskulöse Wirklichkeit, die aus dem Kapitalismus selbst erwächst. Das Fortleben der sozialistischen Internationale kündet sich auch unter dem Sturm und Graus des Weltkriegs an. Nicht etwa in dem hohlen Klappern des alten Apparats der Internationale, vielmehr in der Betätigung internationaler Gesinnung. Die sozialistische Internationale lebte in der Sozialistischen Frauenkonferenz zu Bern, die führende Genossinnen aller kriegführenden Länder vereinigte; sie lebte in den internationalen Konferenzen zu Zimmerwald und Kienthal; sie lebt in der wachsenden Opposition gegen die nationalistische Haltung der offiziellen Sozialdemokratie in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern: sie lebt in der bewunderungswürdigen, tätigen Treue der italienischen Sozialdemokratie, der Unabhängigen Arbeiterpartei Englands; sie lebt in der zunehmenden Selbstbesinnung der proletarischen Massen und ihrem erstarkenden Friedenswillen.
Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen! Setzen wir unsere Kraft bis zum letzten Hauch an das Ziel, den Prozess der Selbstbesinnung und der Willenskräftigung der proletarischen Massen zu fördern und zu beschleunigen. Der Friedenswille der ungezählten Millionen muss dem entsetzlichen Völkerringen ein Halt gebieten. Wirken wir für den geschichtlichen Augenblick, wo das Proletariat aller Länder in reifer Erkenntnis wieder als selbständige politische Macht auftritt. Dieser geschichtliche Augenblick ist der Arbeiterklasse Weihnacht, ein Schritt zu dem Ziel: Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen.
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