[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 12, 3. März 1916, S. 85]
Der Parteivorstand der deutschen Sozialdemokratie hat beschlossen, dass in der gleichen Zeit wie in Österreich und Ungarn auch in Deutschland Frauentagsveranstaltungen stattfinden sollen. Vom 12. bis 26. März sollen Versammlungen abgehalten werden, in denen das Thema zur Behandlung steht:
Frauenerwerbsarbeit und Staatsbürgerrecht
Diese Versammlungen sollen gleichzeitig der Agitation für die Presse und die Parteiorganisation dienen. Selbstverständlich werden zu ihnen auch die Männer eingeladen. Die Forderung des Frauenwahlrechts, der vollen staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit der Geschlechter ist eine grundsätzliche und programmatische Forderung der Sozialdemokratie. Sie zu vertreten ist nicht bloß Sache eines Geschlechts, sondern Sache der ganzen bewusst kämpfenden Arbeiterklasse. Der Krieg und seine vielgestaltigen Begleiterscheinungen – namentlich die riesige Ausdehnung der Frauenerwerbsarbeit – schieben die Frage der staatsbürgerlichen Frauenrechte in den Vordergrund des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Die Massen zum Verständnis der hier vorliegenden gesellschaftlichen Dinge zu wecken, ihr Verständnis zur Rechtsforderung zusammenzuballen, ist Gebot der Pflicht und Ehre. Zur Förderung der Propaganda des Frauentags wird die „Gleichheit“ das Hauptblatt ihrer nächsten Nummer dem
Frauenwahlrecht
widmen.
„Genossinnen! Groß sind die Schwierigkeiten, stark die Hindernisse, die den Frauentagsveranstaltungen im Wege stehen. Größer muss eure Einsicht, stärker euer Wille sein, sie zu überwinden. An euch ist es in erster Linie, den Erfolg der beschlossenen Veranstaltungen zu sichern, für den Massenbesuch der Versammlungen, für die Massenverbreitung eures Propagandablattes zu sorgen. An euch ist es aber auch, den echten sozialistischen Geist in die Versammlungen zu tragen und dort zum Ausdruck zu bringen. Den Geist internationaler Solidarität, der euch über die blutüberströmten Schlachtfelder hinweg mit den Schwestern und Brüdern aller Länder verbindet. Den Geist des Friedens- und Freiheitswillens, der sich auf die Dauer nicht knebeln und töten lässt. Damit der Frauentag werde, was er sein kann, was er sein müsste, lasst eure Begeisterung eurer Einsicht und eure Hingabe eurem Willen ebenbürtig sein. Beweist, dass ihr reif für die politische Mündigkeit seid, die ihr heischt.“
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