August Bebel: Deutschland

[Nr. 1092, Korrespondenz, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, II. Jahrgang, Nr. 8, 21. Februar 1890, S. 4 und 7]

Berlin 18. Februar. Der Wahlkampf hat seinen Höhepunkt erreicht. Alle Parteien machen die letzten Anstrengungen, um den Sieg davon zu tragen.

Im sozialdemokratischen Lager herrscht freudige Siegeszuversicht wie nie. Wo immer man hinkommt, ist ein Opfermut un eine Begeisterung vorhanden, wie man sie bei keinem Wahlkampf vorher gekannt. In diesem Wahlkampf tritt auch zum ersten Mal in einer überraschenden Weise die Tatsache hervor, dass das Angebot der Kräfte, die am Wahltag mit Ausgabe der Stimmzettel in den Wahllokalen, zur Kontrolle des Wahlakts und zum Schleppe der säumigen Wähler sich beschäftigen wollen, größer ist als der Bedarf. Wahlkreise, in denen es früher stets notwendig war. Genossen aus anderen Wahlkreisen für diese Dienste heranzuholen , weil die zu viel abhängigen Wähler sich fürchteten, sich bloßzustellen, sie stellen diesmal die eigenen Mannschaften.

Gegenüber dieser Begeisterung in unseren Reihen nimmt sich die gedrückte Stimmung im Kartelllager gar seltsam aus. Dort kämpft man, Mangels besserer Waffen, gegen uns in einer maßlosen Weise mit Beschimpfungen, Verleumdungen und Einschüchterungen, die Masse der Flugblätter, mit welchen man von jener Seite agitiert und die immer auffallender und heftiger werden, je näher der Wahltag kommt, ist ganz unglaublich. Die Bourgeoisie kämpft, als gälte es ihr Leben. Sie fühlt, dass der Boden ihr unter den Füßen wankt, weil die Massen zur Einsicht kommen.

Und in ihrer Angst wird sie immer weiter getrieben. In den letzten Tagen beginnt sie wieder zu dem abgegriffenen Mittel der Kriegsangst und des Kriegsschreckens zu greifen. Man malt die Gefahren aus, die für Deutschland entstünden, wenn Frankreich das Wachstum der sozialdemokratischen Stimmen gewahr werde, auf die es für den Kriegsfall rechne. Es ist kein Mittel zu albern, keines zu niedrig, um dem verhassten Feinde zu schaden.

Aber es wird alles nichts helfen. Die Arbeiterklasse ist erwacht, sie ist zum Bewusstsein ihrer Klassenlage gekommen und sie wird ihren Befreiungskampf, koste es was es wolle, siegreich bis zu Ende führen.

Am stärksten sind auch diesmal wieder die Wahlkämpfe mit obligater Einmischung der Behörden im Königreich Sachsen. Die letzteren suchen durch Versammlungsverbote, Beeinflussung der Wirte, welche ihre Säle zu Versammlungen hergeben wollen und durch ähnliche kleinliche Mittel den Regierungsparteien Oberwasser zu verschaffen. Vergeblich. Diesmal empfängt das Kartell aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Sachsen eine Niederlage, wie es noch keine empfangen hat.

In, der Vorahnung dieser Niederlage greift man zu dem Letzten, von dem man glaubt, dass es noch einigermaßen retten könnte. Man appelliert in Riesenannoncen und Aufrufen an den „Patriotismus“ und die „Kaiser- und Königstreue“ der in Sachsen sehr stark verbreiteten Militärvereine und fordert sie auf, en masse für das Königtum zu stimmen.

Man dürfte auch hierin sich verrechnet haben. Auch in den Militärvereinen hat der Geist des Zweifels und der Verneinung Boden gefasst, auch hier ist die Milch der frommen Denkungsart allmählich in sozialdemokratisches Drachengift verwandelt worden, und so wird an gar vielen Orten der Appell des Königtums auf taube Ohren stoßen.

Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen und die bürgerliche Gesellschaft liegt im Sterben, wenn auch ihre Agonie noch eine Weile dauert.

Während so der Wahlkampf tobt und die Würfel fallen, sucht man an höchster Stelle den gegebenen Versprechen dadurch nachzukommen, dass man den Staatsrat einberuft, der über die kaiserlichen Arbeiterschutzvorlagen zuerst sein Gutachten abgeben soll. Was diese Gesellschaft zusammenbraut, die aus pensionierten Ministern, Generalen, Junkern und Bourgeois verschiedener Klassifikation zusammengesetzt ist, wird schwerlich die Welt erschüttern. Als Referent ernannte der Kaiser das ehemalige Mitglied des Kommunisten-Bundes, den Oberbürgermeister Miquel von Frankfurt, einen Mann, der wohl wüsste, was Not tut, der aber im höchsten Grade die Fähigkeit besitzt, auf allen Achseln zu liegen.

Nun vielleicht kommt jetzt der Tag, wo Herr Miquel an seine Vergangenheit erinnert wird.

Als Korreferent wurde der Direktor des großen Kruppschen Etablissements ernannt, offenbar zu dem Zwecke, die Interessen der großen Bourgeoisie zu sichern, falls Herr Miquel wirklich die Kühnheit haben sollte, diese ein wenig zu stark anzutasten.

Das Interessanteste bei dieser Staatsrats-Eröffnung war die Stelle in des Kaisers Rede, worin er die Notwendigkeit betonte, die Arbeiter „gegen eine willkürliche und schrankenlose Ausbeutung der Arbeitskraft“ zu schützen.

Vor Jahren sprach schon einmal Herr von Puttkamer im Reichstag von der „kapitalistischen Produktionsweise“, und der durch sie hervorgerufenen Berechtigung der Wahrung des „Klasseninteresses“ der Arbeiter.

Man sieht, unsere hohen und höchsten Herren machen in der richtigen Auffassung der tatsächlichen Verhältnisse die erfreulichsten Fortschritte und nehmen dabei die sozialistische Terminologie an.

Mehr können wir wahrlich nicht verlangen. Ja, es geht vorwärts, riesig vorwärts!

Sehr vergnüglich ist auch für uns, jetzt täglich zu hören und zu lesen, wie die bürgerliche Presse und die Agitation des Bürgertums ihren Lesern und Zuhörern auseinandersetzen, dass sie, die Liberalen, die Erfinder des Arbeiterschutzes gewesen seien und die Sozialdemokratie ihre elenden Nachtreter. Dass sie für diese Mär Gläubige finden, ist kaum denkbar, aber der Vorgang zeigt, welch merkwürdige Frontveränderung unsere Gegner vorgenommen haben. Sie veranstalten jetzt wahre Wettrennen um die „Arbeiterfreundlichkeit“.


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