[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 1, 8. Januar 1896, S. 1-2]
Ein Jahr heißen Kampfes flutet für die Sozialdemokratie in die Vergangenheit hinab, ein Jahr heißen Kampfes für sie ringt sich allen Anzeichen nach aus der Zukunft Schoße empor. Die klassenbewussten Proletarierinnen beklagen nicht, was hinter ihnen liegt, sie fürchten nicht, was vor ihnen dräut. Sie sind es gewöhnt, dass die Reaktion auch ihnen, auch ihren Bestrebungen ein gerüttelt und geschüttelt Maß zumisst von den Nücken und Tücken, mit denen sie in borniertester Wachtstubenauffassung eine große geschichtliche Bewegung zerschmettern zu können wähnt.
Gerade das verflossene Jahr brachte den deutschen Genossinnen Verfolgungen die Fülle: Die Auflösung der Berliner Frauenagitationskommission; die Schließung des großen Berliner Frauenbildungsvereins; die gerichtliche Bestätigung der polizeilichen Maßregeln und die Verurteilung der betreffenden Genossinnen; die Schließung des Leipziger Arbeiterinnenvereins; die Prozesse gegen die Mitglieder der Frauenorganisationen in Altona-Ottensen und Nürnberg; das behördliche Vorgehen gegen die Frankfurter Genossinnen &c., nicht zu reden von den erhobenen Anklagen und gefällten Urteilen gegen einzelne Vorkämpferinnen der proletarischen Frauenbewegung, nicht zu reden auch von den überaus zahlreichen Versuchen, nach bajuwarischem guten Beispiel die Frauen in Preußen und anderwärts aus allen öffentlichen Versammlungen auszuschließen. Und wenn man neuerdings nur selten von der Zertrümmerung proletarischer Frauenorganisationen hört, von Strafen gegen Missetäterinnen, welche gegen zopfige Bestimmungen erzreaktionärer Vereinsgesetze frevelten, so gewiss nicht, weil die büttelmäßige Auffassung moderner Zeiterscheinungen besserer Einsicht wich. Vielmehr nur, weil so ziemlich alle Gruppierungen zerschlagen sind, welche gegenüber dem leisesten Verdacht politischer Tendenzen nicht makelloser waren, als der Ruf von Cäsars Frau. Die der deutschen Sozialdemokratie zugedachten Verfolgungen werden auch künftighin mit aller Wucht die proletarische Frauenbewegung treffen. Mit nur geringer Liebesmüh‘ lässt sich ja gegen die „Umstürzlerinnen“ das gemeine Recht zum gemeinsten Recht empor definieren. Welch herrliche Blüten feinsinnigster Auslegekunst sich nicht schon Dank der von ehrsamen Kapitalistenlippen gepriesenen Gesetzesparagrafen, welche die schmachvolle politische Unmündigkeit des weiblichen Geschlechts festlegen! Und angesichts der Erbitterung, der Furcht und vor allem des bodenlosen Unverstandes, mit der die deutsche Kapitalistenklasse und ihr Staat den Kampf gegen das vorwärts drängende Proletariat führen, ist an größeren Anstand der Kampfesformen nicht zu denken.
Sei’s drum.
Wir begreifen vollkommen die Wut der Reaktion darüber, dass der Sozialismus als neues Evangelium aller Mühseligen und Beladenen hinein tönt in das schwarze Elend der zwiefachen Knechtschaft, welche die proletarische Frau belastet, ihre Entwicklung mit Verkümmerung schlägt, ihr freies, volles, schönes Menschentum vorenthält. Wir verstehen recht gut ihre Wut über die Tatsache, dass den bisher Gehorsamsten und Widerstandslosesten aller Gehorsamen und Widerstandslosen aus harter Not statt stummer Ergebung glühender Rebellentrotz keimt, der kühn kämpfend die Hand ausstreckt nach einer freien, besseren Zukunft, mit nerviger Kraft den Baum der geschichtlichen Entwicklung schüttelt. Die Wut der Reaktion ist die Wut der enttäuschten Hoffnung.
Gar nahe noch liegt die Zeit hinter uns, wo die bürgerliche Gesellschaft auf den „antikollektivistischen“ Frauenschädel hoffte, als auf ein festes Bollwerk gegen die schwellende Flut des Sozialismus. Wo sie in der rückständigen, dem proletarischen Klassenkampf verständnislos und feindselig gegenüberstehenden Proletarierin der Reaktion Bundesgenossin grüßte, den gefährlichsten Feind des kämpfenden Mannes, den Feind am eigenen Herde, der in langsamer Minierarbeit vernichtete, was die rastlose Agitation der Kameraden draußen an neuen Hoffnungen und Zielen in Hirn und Herz des Arbeiters gepflanzt hatte. Als sittenlose Geschöpfe, moralisch Schiffbrüchige, verdammte sie die einzelnen Frauen, die damals den Mut hatten, sich zum Sozialismus zu bekennen. Günstigstenfalles schalt sie dieselben verschrobene Närrinnen, törichte Wolkenkuckucksheimerinnen. Das Schicksal von Eingängerinnen innerhalb ihres Geschlechts und ihrer Zeit prophezeite sie ihnen.
Und heute? Wo immer heute das rote Banner stolz im Winde der neuen Zeit rauscht, da schauen Tausende von Frauenaugen hoffnungsfreudig zu ihm empor, als zu einem Symbol ihrer Erlösung; da klopfen Tausende von Frauenherzen kampfesmutig das Gelübde, in dem gewaltigen Ringen von Klasse zu Klasse kein Opfer zu schwer, keine Mühsal zu groß zu finden; da sammeln sich Heerhaufen begeisterter Streiterinnen für die herauf dämmernde sozialistische Welt; da lehren proletarische Mütter ihren Kleinen gesundes Klassenempfinden und pflanzen den Glauben an den Sozialismus in das kindliche Gemüt. Welch ein Umschwung! Begreiflich genug, dass er der Sippe der Satten und Übersatten ein Gräuel und Scheuel ist.
Trotzdem aber kann sie es nicht hindern, dass er sich weiter und weiter vollzieht, täglich neue größere Kreise der proletarischen Frauenwelt erfasst. Sie kann es nicht hindern, so gern sie es auch möchte; sie kann es nicht hindern, so groß auch ihre Machtmittel sind: die Machtmittel des Unternehmertums, das die Hungerpeitsche um der Arbeiterin Ohren saufen lässt; die Machtmittel des Kapitalistenstaats, der Büttelei und Juristerei gegen die zielbewussten Proletarierinnen aufbietet, der bereit ist, gegen sie, als den „inneren Feind“, Sohn und Bruder marschieren zu lassen. Denn die nämliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, welche die Stumm und Stümmchen und ihren Staat zeugt, sie schafft auch die proletarische Frau, welche kämpfend in Reih und Glied ihrer Klasse steht, welche mit dem Bruder der Arbeit und der Not zusammen das Grab für die Gesellschaftsordnung schaufelt, welche den Habenichtsen „heilig“ sein soll, weil sie den Protzen „segensreich“ ist.
Die kapitalistische Wirtschaftsordnung zertrümmert den Herd der proletarischen Familie, reißt die Frau aus dem engen Kreise früheren weiblichen Wirkens und schleudert sie mit ehernem Griffe hinein in das tosende Wirtschaftsleben der Gegenwart. Und indem die kapitalistische Gesellschaft die Proletarierinnen zu Tausenden und Hunderttausenden aus Hausfrauen in Berufsarbeiterinnen verwandelt, die den Nacken unter das Joch des Kapitalismus gebeugt in schwerer Fron ihr Brot erwerben müssen: schlägt sie die dem öffentlichen Leben früher fern stehenden Frauen zu Kämpferinnen, die unverzagt und kühl entschlossen hinabsteigen in die Arena, wo Ausgebeutete und Ausbeuter für und gegen eine neue Welt miteinander ringen. Die proletarische Frau ist in unseren Tagen scharf gemacht zum Kampfe von Klasse zu Klasse. Scharf gemacht nicht durch der Aufhetzer Wort, vielmehr durch die revolutionäre Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung, durch die revolutionäre Logik der Tatsachen.
Als ohnmächtiger, kindischer Aberwitz erscheinen gegenüber den gesellschaftlichen Zusammenhängen die Versuche, die Proletarierin aus den Reihen der kämpfenden Sozialdemokratie zu reißen, sie weltfern von der Zeit Ringen zu halten, sie zwingen zu wollen, mit der Glut ihres Freiheitsdranges das Herdfeuer zu entfachen, das kapitalistische Profitgier verlöschte. Was immer die kapitalistische Gesellschaft an sinnigen und minnigen Maßregeln ausklügelt: die proletarische Frau steht scharf gemacht im Kampfe, bis die bürgerliche Welt in sich zusammenbricht.
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