[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 16. Jahrgang Nr. 1, 10. Januar 1906, S. 1 f.]
Unter Donner und Blitz ist das alte Jahr zu Grabe gegangen, und unter Donner und Blitz ist das neue erstanden. Es sind die Ereignisse im Osten Europas, die gegenwärtig das Interesse aller denkenden Menschen, insbesondere aber des klassenbewussten Proletariats aller Länder in Anspruch nehmen. Auf aller Lippen ruht die Frage: Was wird das werden? Wie wird das enden?
Eine große russische Revolution, die das ungeheure Reich bis in seine tiefsten Tiefen aufwühlt, und wenn sie siegreich ist, nicht nur die Zustände in Russland von Grund aus verändert, sondern auch den Anstoß zu großen Veränderungen in den ökonomisch entwickelteren Staaten gibt: wer hätte dieses vor wenig Jahren für möglich gehalten? Und obendrein eine Revolution, in der nicht das Bürgertum, wie unsere Gegner glaubten annehmen zu dürfen, sondern das klassenbewusste Proletariat die führende und leitende Rolle übernommen hat. Während wir in Mittel- und Westeuropa uns die Köpfe zerbrechen, ob das Proletariat für eine führende geschichtliche Rolle reif sei, ob es vermöge, die Staatsleitung in seine Hände zu nehmen, und über diese Frage lang und breit tiefgründige Erörterungen pflegen, hat das russische klassenbewusste Proletariat, das weder an Zahl noch an politischer Erfahrung, noch an geschlossenen Massenorganisationen es mit dem mittel- und westeuropäischen Proletariat aufzunehmen vermag, und das in einem Lande von überwiegend primitiver sozialer und kultureller Entwicklung lebt, alle Theorien und Klügeleien über den Haufen geworfen und frisch Hand ans Werk gelegt. Und siehe da, was selbst in unseren Reihen vielfach für unmöglich gehalten wurde, ist ihm gelungen. Es hat sich zum Herrn der Lage aufgeworfen.
An Energie, Geschlossenheit, Einsicht und Zielbewusstheit übertrifft es unbestritten alle bürgerlichen Parteien. Sollte es vorerst sein Ziel nicht ganz erreichen, so liegt das nicht an ihm, sondern an Faktoren, die zu überwinden und zu beherrschen noch außerhalb seiner Macht liegt. Aber auf alle Fälle hat es der Entwicklung Russlands nach vorwärts einen gewaltigen und wirkungsvollen Anstoß gegeben. Es ist von jetzt ab der einflussreichste Faktor in der sozialen und politischen Entwicklung des Landes. Ohne das Proletariat ist ein modernes Russland unmöglich.
Und wie diese russische Revolution wider alle bisherigen programmatischen Auffassungen bürgerlicher Ideologen von dem Entstehen und der Entwicklung von Revolutionen entstand und wirkt, so sind auch die Kampfmittel entsprechend der Rolle, die das Proletariat in dieser Revolution spielt, ganz andere als alle bisherigen. Zunächst beginnt ein zäher, ausdauernder, nach kurzen Zwischenpausen sich immer wieder erneuernder passiver Widerstand durch Streiks und Massendemonstrationen, ein Widerstand, der für die Staatsgewalt ungreifbar ist und doch alles in Verwirrung und Auflösung bringt. Ein Kampfbeispiel, dem schließlich sogar ganze Kategorien staatlicher und öffentlicher Beamter und Angestellter mit Begeisterung und mit überraschender Einmütigkeit Folge leisten. Es ist zunächst, wir möchten sagen, eine stumme Revolution, in der die Masse durch die Ruhe, mit der sie handelt, wirkt und imponiert. Dieser Kampfweise steht das herrschende Regiment machtlos gegenüber. Es sieht sich von allen Seilen von zahllosen Feinden umgeben, es vermag sie aber nicht zu fassen. Und dieser stumme, passive Kampf der Massen wirkt merkwürdig ansteckend. Er greift über in die eigenen Lager der Feinde und gewinnt hier zahlreiche Bundesgenossen; er erschüttert und untergräbt so auf das Wirksamste die feindliche Stellung.
Streikende Arbeiter waren bisher nirgends eine Seltenheit, aber streikende Soldaten, Post -, Telegrafen- und Eisenbahnbeamte, sogar streikende Polizei- und Grenzbeamte, das ist, wenn wir von dem wenige Tage dauernden Schweizer und holländischen Eisenbahnerstreik absehen, noch nicht dagewesen. Diese Vorgänge greifen dem verstocktesten Staatssünder an die Nieren.
Und noch nach einer anderen Richtung erweist sich diese Revolution als höchst merkwürdig. In keinem Lande haben die Frauen bisher eine so hervorragende, auf dem Fuße der Gleichberechtigung stehende Tätigkeit entfaltet als in den verschiedenen Schichten der russischen Gesellschaft. Die russische Frau besitzt in solchem Maße die volle gesellschaftliche Gleichberechtigung und Wertschätzung, dass die Russin die anders gearteten Verhältnisse in Mittel- und Westeuropa kaum versteht und namentlich vor der Aschenbrödelrolle der deutschen Frau nichts weniger als Hochachtung empfindet. Russland war bekanntlich das erste Land, in dem die Frauen sich mit Eifer auf die Studienfächer der Männer warfen und ihnen mit Erfolg nacheiferten, und es waren auch die russischen Frauen, die von Beginn der revolutionären Bewegung an Hand in Hand mit den Männern gingen und kämpften und von diesen als gleichstehende und gleichwertige Kameraden angesehen und geschätzt wurden. Es ist daher auch nur natürlich, dass bisher noch in keiner Revolution die Frauen einen so großen und maßgebenden Einfluss ausübten wie in der jetzigen russischen Revolution, und dass, wo immer die Frage nach den zu erobernden politischen Rechten entstand, es als selbstverständlich angesehen wird, dass diese für Männer und Frauen nur die gleichen sein können.
Die deutsche Sozialdemokratie fordert die politische und soziale Gleichstellung der Geschlechter in ihrem Programm, und kein Mitglied der Partei wird wagen, diese Programmforderung zu bekämpfen. Aber gibt es keine öffentliche Gegnerschaft in der Partei, so gibt es doch, wie jeder weiß, eine gewisse latente (verborgene) innerhalb einzelner Kreise, die sich durch Passivität für alles, was mit der Gleichberechtigung der Frau zusammenhängt, bekundet und unseren Genossinnen ihren Kampf für die Hebung ihres Geschlechtes erschwert.
Ein solcher Zustand ist in Russland unmöglich, so sehr unmöglich, dass nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Bauern, die bei uns mit Recht als das politisch rückständigste Element angesehen werden, auf ihren Kongressen widerspruchslos eintreten für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht der Frauen. Obgleich auch bei dem deutschen Bauern die Wirtschaft ohne die Frau nicht bestehen kann und diese sogar das Hauptlasttier in derselben ist, erscheint es ihm als eine Naturwidrigkeit, ihr auch die gleichen politischen Siechte einzuräumen, die er besitzt.
Es kann also geschehen, dass die Revolution in Russland den Frauen Rechte bringt, auf die sie bis heute in Europa, von schwachen Ansätzen in England und Norwegen abgesehen, noch vergeblich warten. Unter diesen Umständen haben die deutschen Frauen ein ganz besonderes Interesse an dem weiteren Gange der russischen Revolution, die nicht bloß für die Arbeiterklasse, sondern auch für ihr Geschlecht bahnbrechend wirken wird.
Aber die russische Frau und Proletarierin kämpft nicht nur mit geistigen Waffen Seite an Seite mit den gleichgesinnten Männern. Der passive Widerstand durch Massenstreiks und friedliche Demonstrationen hat sich namentlich im „heiligen“ Moskau, der alten Hauptstadt des Reiches, zum aktiven Kampfe, zum Angriff gesteigert. Die Revolution stieg auf die Straße und suchte mit der Flinte und dem Revolver zu erreichen, was ihr bisher durch den passiven Widerstand noch nicht zu erreichen gelang. Die Straßenkämpfe, die das alte Moskau in den christlichen Feiertagen erlebte, wobei Proletarierblut in Strömen floss, gehören mit zu dem Großartigsten, was die Geschichte an dauernder, opfermutiger Hingabe für ein großes Ideal kennt. Und in diesen heroischen Kämpfen standen die russischen Frauen, wie selbst die Feinde bewundernd zugestehen, in Massen in den vordersten Reihen und schlugen ihr Leben in die Schanze, um der Revolution den Sieg zu erringen.
Was bürgerliche Revolutionen früherer Perioden nur vereinzelt sahen, was aber schon in den Kämpfen der Kommune in höherem Grade sich wiederholte, – dass Frauen an den revolutionären Kämpfen mit der Waffe in der Hand tätigen Anteil nahmen – das tritt in der russischen Revolution unserer Tage als Massenerscheinung auf: Die Beteiligung der Frauen an den Straßenkämpfen wird ein Faktor von weltgeschichtlicher Bedeutung, der in den revolutionären Kämpfen der Zukunft als typische Erscheinung wiederkehren wird. Damit haben sich die russischen Frauen ihr volles Bürgerrecht erobert; sie haben sich auch dort den Männern ebenbürtig gezeigt, wo man es bisher von ihnen nicht erwartete und forderte, auf der Barrikade und in den Kämpfen der Straße.
Der Gang der Dinge im Osten beeinflusst in hohem Grade auch unseren Marsch in Deutschland, wo bisher aller Fortschritt sich nur schrittchenweise vollzog, nicht selten begleitet von einem großen Rückschritt. Auch für uns und ganz Westeuropa hat die russische Revolution eine tief einschneidende Bedeutung. Haben bisher schon alle bürgerlichen Volksbewegungen über die Grenzen des Landes, in denen sie sich abspielten, einen oft sehr erheblichen Einfluss ausgeübt – die große französische Revolution erschütterte ganz Europa und wälzte es mehr oder weniger um –, so müssen Revolutionen, in denen das moderne Proletariat seine historische Rolle übernimmt, noch in weit höherem Grade internationale Wirkungen ausüben.
Die Mittel für die Verbindungen und den Verkehr sind ins Riesenhafte gewachsen und haben sich über alle Länder der Erde erstreckt. Die Ideenentwicklung und die Verbindungen der gleich denkenden und gleich strebenden Geister haben sich ins Unendliche vermehrt und umfassen alle Kulturländer der Welt. Die politische Bildung und die soziale Erkenntnis des klassenbewussten Proletariats haben einen Reifegrad erreicht und sind so weit verbreitet, wie das Bürgertum niemals ähnliches im Laufe seiner Entwicklung kannte.
Allerdings sind auch entsprechend den Massen, die heute in den Bewegungen stehen, die Ziele gewachsen, die sie zu erreichen haben, werden Aufgaben von einer Größe und einer Bedeutung gestellt, wie sie im Laufe geschichtlicher Entwicklung niemals einer aufstrebenden Klasse gestellt worden sind. Ist doch der Befreiungskampf des Proletariats der letzte Klassenkampf, den die Menschheit zu führen hat, um in das Reich voller menschlicher Freiheit und Gleichheit zu gelangen. Und das Proletariat findet hierbei Widerstände, wie sie früher ebenfalls niemals vorhanden waren. Das erklärt, dass der Gang der Dinge scheinbar ein so langsamer ist, während es sich doch nur um ein Kräftesammeln handelt, um den letzten entscheidenden Kämpfen gewachsen zu sein. Die Strahlen der Sonne im Osten bescheinen den Beginn des neuen Jahres. Dass es nicht nur für Russland, sondern auch für uns ein gedeihliches, unserer Sache förderliches werde, liegt in erster Linie an uns. Der Frau erscheint in erhöhtem Grade die Hoffnung, dass auch für sie die Befreiungsstunde schlägt, die sie zu einer Freien und Gleichen macht, als welche sie ihr eigenes Wohl mit dem des Ganzen fördern kann. Das neue Jahr fordert neue und erhöhte Arbeit für die Befreiung der Unterdrückten aus jeglicher Fessel. Gehen wir mit dem Entschluss an diese Arbeit, dass wir siegen wollen und siegen müssen, und dass kein Opfer uns zu groß ist, unser Ziel zu erreichen.
A. Bebel.
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