Norman Hall: Weihnachten und der Klassenkampf

Eigene Übersetzung des englischen Textes in Socialism Today, Nr. 253, November 2021]

Für Socialism Today kommt Weihnachten dieses Jahr früh. Oder doch nicht? Bei der Untersuchung der sozialen Wurzeln des Mittwinterfestes zeigt Norman Hall, dass Weihnachten und die verschiedenen Arten, wie es gefeiert wird, schon immer ein sehr bewegliches Fest waren.

Die Leser*innen von Socialism Today mögen den bevorstehenden Mittwinterfestlichkeiten mit freudiger Erwartung oder mit einer aus Armut geborenen Bestürzung entgegensehen. Aber was auch immer ihre persönlichen Meinungen oder Lebensumstände sein mögen, es ist sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, Weihnachten zu ignorieren.

Für die meisten Sozialist*innen wird es keine Überraschung sein, herauszufinden, dass Weihnachten die Fortsetzung sehr alter Traditionen von Mittwinterfesten ist. Es mag jedoch eine Überraschung sein, zu erfahren, wie relativ neu unser Weihnachten eigentlich ist. Tatsächlich gibt es ernstzunehmende Argumente dafür, dass dieses Jahr erst der zweihundertste Jahrestag von Weihnachten ist und nicht der zweitausendste oder so.

Vorchristliche Winterfeste

Die meisten Zivilisationen, die auf der Nordhalbkugel existierten, hatten in irgendeiner Form ein Mittwinterfest. Während die Feste eine menschliche Erfindung sind, ist die Wintersonnenwende es nicht. Die Sonnenwende wird durch den physikalischen Charakter unseres Planeten bestimmt. Die erste oder die Pfahlwurzel von Weihnachten liegt also genau in der materiellen Realität des Lebens auf der Nordhalbkugel. Diese Winterfeste waren in der Regel mit Festessen verbunden.

Zur Zeit des Römischen Reiches war das Wintersonnenwendfest die Saturnalien, bei denen der Tod und die Wiedergeburt der Sonne gefeiert wurden. Es war ein Karneval mit Trinken, Feiern und dem Austausch von Geschenken. Die römische Zivilisation basierte auf Sklav*innenarbeit als primärem Produktionsmittel. Daher bildeten die großen Sklav*innenhalter*innen die herrschende Klasse.

Ein anderer Aspekt der Saturnalien war jedoch die Rollenumkehr, bei der die Herren die Sklav*innen am Tisch bedienten und eine Zeit der Rede- und Handlungsfreiheit (Gesetzlosigkeit) die Regel war. In dieser Hinsicht fungierten sie als Ventil, um den Druck innerhalb der Gesellschaft abzubauen. Diese „Rollenumkehr” bestand in geringerem Maße auch in der englischen Tradition des Wassailing und des „Lord of Misrule” [Herr des Unfugs] während des gesamten Mittelalters. Diese theoretische Freiheit oder Lizenz war immer begrenzt, nicht zuletzt durch eine Selbstzensur, die aus dem Verständnis entstand, dass nach den Feiertagen der Herr wieder der Herr war.

Das Römische Reich integrierte regelmäßig die Führung der eroberten Völker in die eigene Gesellschaft, indem es sie mit der Staatsbürgerschaft und den Vorteilen eines römischen Lebensstils für die Elite lockte. Daneben integrierte Rom auch die religiösen Glaubenssysteme seiner unterworfenen Untertan*innen in seine eigene Gesellschaft.

Bis zum Jahr 274 u. Z. des Gregorianischen Kalenders – dem numerischen Äquivalent der ebenfalls verwendeten Jahreszahlangabe Anno Domini (AD) – hatte sich das Saturnalienfest zu einem offiziell anerkannten Fest zu Ehren von Mithras Sol Invictus (der unbesiegte Sonnengott) gewandelt. Viele Aspekte der Legende von Mithras sind vielleicht bekannt: geboren am 25. Dezember von einer Jungfrau. Geboren in einer Höhle. Die Geburt wurde von Hirten und Magiern bezeugt. Erweckte Tote zum Leben und heilte Kranke. Hatte zwölf Jünger, die die Tierkreiszeichen repräsentierten. Hielt ein letztes Abendmahl mit seinen Jüngern, bevor er zur nördlichen Frühlings-Tagundnachtgleiche in den Himmel zurückkehrte. Die Verehrung umfasste gemeinsame Mahlzeiten, bei denen den Feiernden Brot und Wein serviert wurden. Eine der Einschränkungen für die Verbreitung des Mithras-Kultes war, dass er nur Männern vorbehalten war.

Christ*innentum

Unterdessen gewann die neue Religion des Christ*innentums innerhalb des Römischen Reiches immer mehr Anhänger*innen. Sie begann als eine von einer Reihe revolutionärer Bewegungen gegen die römische Besetzung Judäas. Ihre anfängliche Anziehungskraft lag in ihrer Anziehungskraft für die Armen, Leidenden und Unterdrückten Judäas, die nach einem Messias, einem neuen König David, einem Kriegsführer suchten, der sie von Rom und seinen lokalen Vasallen befreien würde.

Die christliche Gemeinde war von den Konzepten der gegenseitigen Hilfe, gemeinschaftlicher Mahlzeiten und gemeinsamer Gelder durchtränkt. Aber mit ihrer Ausbreitung über die Grenzen Judäas hinaus gab es einer Verlagerung von der Befreiung in dieser Welt hin zur Befreiung in der nächsten Welt, dem Versprechen des Himmels.

Mit ihrem Versprechen auf ein Leben nach dem Tod zog sie jedoch im Laufe der folgenden Jahrhunderte auch Anhänger*innen aus anderen Teilen der römischen Gesellschaft an, einschließlich der Armee und Teilen der Elite. Die Veränderung in der Mitgliedschaft der Kirche brachte eine entsprechende Veränderung in ihrem Wesen. Weniger Betonung wurde auf die sozialen, gemeinschaftlichen Aspekte der frühen Gemeinde gelegt und mehr auf den Apparat der Kirche.

Es dauerte über dreihundert Jahre, bis die frühen Christ*innen das Bedürfnis verspürten, die Geburt Jesu zu verehren. Tatsächlich wurden Geburtstage von Christ*innen in der Frühzeit, selbst wenn sie bekannt waren, im Allgemeinen ignoriert. Als wichtig galt das Datum des Todes und besonders das Datum des Martyriums (Heiligentage).

Im Jahr 306 u.Z. wurde Konstantin von seinen Armeelegionen in York zum Kaiser erklärt. Er war jedoch nur einer von sieben Anwärtern auf diese Position und wurde erst 324 alleiniger Kaiser. Die achtzehn Jahre dazwischen bestanden fast ununterbrochenen Bürger*innenkriegen zwischen den Anwärtern mit wechselnden Allianzen, bis Konstantin als letzter übrig blieb.

Im Jahr 313 u.Z. verkündeten Konstantin für das Westreich und ein weiterer Anwärter, Licinius, für das Oströmische Reich gemeinsam das Edikt von Mailand [Milano]. Diese Proklamation gewährte den Christ*innen innerhalb des Reiches religiöse Toleranz. Im Westen erließ Konstantin Gesetze, die der christlichen Kirche Rechte, Privilegien und Immunitäten von bürgerlichen Pflichten gewährten. Im Jahr 321 u.Z. gewährte er der Kirche das Recht, als juristische Person Eigentum zu besitzen. Was zuvor gemeinsames Eigentum der Gemeinde gewesen war, wurde nun Eigentum der Kirche.

Für beide Anwärter ging es um die Unterstützung der Armeelegionen, besonders derjenigen, die ausschließlich aus Christ*innen bestanden. Die letzte Schlacht im Jahr 324 u.Z. fand zwischen den Armeen Konstantins und Licinius‘ statt. Der Legende nach wies Konstantin seine Truppen in dieser Schlacht an, ein christliches Symbol auf ihre Schilde zu malen. Das Christ*innentum wurde als offizielle Religion des Reiches anerkannt. Wie der römische Philosoph Seneca (4–65 u.Z.) zuvor beobachtet hatte, „wird Religion vom einfachen Volk als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschenden als nützlich angesehen“.

Im folgenden Jahr (325 u.Z.) berief Konstantin das Konzil von Nicäa ein. Das Ergebnis des Konzils war eine Kirche, eine Theologie und eine Bibel, die für den Kaiser akzeptabel waren. Es wurde festgelegt, welche Bücher in die Bibel kommen sollten, wobei mehr Bücher ausgeschlossen als aufgenommen wurden. Alles außerhalb der offiziellen Linie sollte mit äußerster Härte unterdrückt werden.

Politisch gesehen, ob bewusst oder unbewusst, war es für Konstantin am Ende eines Bürger*innenkriegs sehr nützlich, zu verkünden, dass es nur eine Gottheit, eine Kirche, ein Reich und einen Kaiser gebe. Und obendrein einen Kaiser, der anscheinend von Gott auserwählt worden war – wie er im Kampf bewiesen hatte – und sozusagen das Mandat des Himmels erhalten hatte.

Konstantin starb 337 u.Z. Im selben Jahr wurde Julius I. Papst. Es war Julius, der den 25. Dezember zum Fest der Geburt Christi erklärte. Wahrscheinlich wurde dieses Datum gewählt, weil es im Römischen Reich traditionell bereits ein Tag der Feierlichkeiten und Festlichkeiten war. Die Verschmelzung der christlichen und Mithras-Mythen war damit so gut wie komplett.

So war Weihnachten am 25. Dezember das bleibende Ergebnis von achtzehn Jahren römischem Bürger*innenkrieg.

Der Fall Roms und der Aufstieg des Feudalismus

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als habe der Fall Roms an der Invasion der sogenannten barbarischen Stämme entlang seiner Grenzen gelegen. Dies war jedoch nur der letzte Todesstoß für ein Reich, das durch inneren Verfall bis zum Rand des Zusammenbruchs geschwächt war.

Die marxistische Theorie zeigt, dass alle klassenbasierten Gesellschaften die „Saat ihrer eigenen Zerstörung” in sich tragen. Die auf Sklav*innen basierende Wirtschaft Roms erforderte ständige Kriege und Eroberungen, um die Sklav*innenpopulation aufzufüllen. Außerdem ist die auf Sklav*innen basierende Produktion notorisch ineffizient. Sklav*innen haben kein Interesse am Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens. Krieg, Spaltung (in das Oströmische und das Weströmische Reich) und wirtschaftliche Stagnation schwächten das westliche Reich. Es schien ein leichtes Beuteobjekt zu sein, das sich nicht verteidigen konnte.

Der Fall Roms schuf die Voraussetzungen für einen neuen Schritt nach vorne. Die barbarischen Stämme brachten ihre eigenen Glaubenssysteme und Traditionen mit, von denen viele dem Christ*innentum um Jahrtausende vorausgingen. Nach der germanisch-nordischen Mythologie Nordeuropas war Wotan oder Odin, der sich gegen die Winterkälte in seine Felle hüllte, sich nicht zu schade, im Winter Geschenke zu bringen. Aus diesen nordeuropäischen Kulturen stammte auch der Brauch, immergrüne Bäume und Pflanzen als Symbol der Wiedergeburt in die Häuser zu bringen.

Der einzige Teil des Weströmischen Reiches, der überlebte und sich wieder zu Bedeutung aufschwang, war die römisch-katholische Kirche. Die Kirche passte sich erneut schnell an die neue Realität und die neue herrschende Klasse an. Sie ermöglichte die Umwandlung von vom gesamten Stamm gewählten oder bestätigten Stammesführern in Könige und Herren, die von Gott, also durch Geburt, ernannt wurden.

Die Sklaverei wurde als Grundlage der Produktionsmittel durch Land ersetzt. Könige besaßen Land durch den Willen Gottes (und der Kirche). Die Herren besaßen Land durch den Willen des Königs. Die Leibeigenen, der unterste Stand, waren an das Land selbst gebunden und wurden im Rahmen von Landübertragungen von einem Herren zum nächsten weitergereicht. Die Ausbeutung der Leibeigenen durch den Adel war sehr offensichtlich und nahm die Form von Arbeitsabgaben an. Die Leibeigenen mussten eine bestimmte Anzahl von Arbeitstagen auf dem Land ihres Herrn und den Rest auf ihrem eigenen Land arbeiten. Die Produktion war vorwiegend für den Verbrauch, sei es durch die Leibeigenen oder die Herren. Nur Überschüsse wurden zum Tausch auf den Markt gebracht. Eine der Hauptformen des Klassenkampfs, die die Leibeigenen nutzten, um der Ausbeutung zu entkommen, war die Flucht in die wachsenden Städte.

Einer der ersten Dienste der Kirche für das neue Regime war als Quelle für Wissen und Technik, besonders in der Landwirtschaft. Die großen Abteien und Klöster in ganz Europa wurden zu Kompetenzzentren und Handelszentren, um die herum neue Städte entstanden.

Im Mittelalter war die römisch-katholische Kirche das einzige vereinigende politische System, das die verschiedenen verfeindeten Dynastien Westeuropas umspannte. Sie gab Königen und Herren Legitimität, verlangte aber im Gegenzug Gehorsam. Ungehorsam konnte zur Exkommunikation führen, die ein Todesurteil sein konnte. Tatsächlich war die Kirche selbst der größte einzelne Feudalherr und besaß ein Drittel der Landmasse.

Der Aufstieg des Bürger*innentums und die Sprache des Kampfes

Bis zur Französischen Revolution von 1789 waren alle Volksaufstände, Bäuer*innenrevolten und revolutionären Bewegungen im christlichen Westen in das Banner der Religion gehüllt. Für Marxist*innen sollte dies nicht überraschend sein, da die vorherrschende Philosophie eines jeden Zeitalters die Philosophie oder Weltanschauung seiner herrschenden Klasse ist. Die ersten Anzeichen einer Herausforderung dieser Herrschaft kommen nicht unbedingt als Herausforderung ihrer wirtschaftlichen Interessen, sondern als Herausforderung ihrer Philosophie.

Für die feudale Aristokratie Europas waren ihre Weltanschauung und ihr Platz darin untrennbar mit der christlichen Religion verbunden, wie sie von der römisch-katholischen Kirche ausgelegt wurde. Daher war die erste Maßnahme in der revolutionären Infragestellung des Feudalismus ein Angriff auf die Philosophie der römisch-katholischen Kirche, indem man sie kritisierte und ihre Heuchelei aufdeckte. Dies ging einher mit einer Rückbesinnung auf ein früheres, einfacheres goldenes Zeitalter, das im Allgemeinen auf den gemeinschaftlichen Ideen und Traditionen der frühen Gemeinde beruhte.

Die mittelalterliche Kirche war das reichste einzeln Gebilde in Europa. Der Reichtum kam herein aus ihren Landbesitzen (Pachtzinsen und Verkauf von Überschüssen), Marktgebühren, Tourismus (Pilgerfahrten) und Zehnten (Mitgliedsbeiträge). Das Kirchengut kam in vielen Fällen aus Spenden oder Vermächtnissen wohlhabender Familien, die sich damit ihren Platz im Himmel kauften.

In kleinerem Umfang verkaufte die Kirche Ablässe oder Vergebung von Sünden. Der biblische Glaube, dass es „leichter für ein Kamel sei, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen, in das Reich Gottes zu kommen“, war vorbei. Kein Wunder, dass die Kirche und die herrschende Klasse unter Androhung der Todesstrafe die Übersetzung der Bibel aus dem Lateinischen in die Alltagssprachen des Volkes ablehnten.

Diese Protestierenden oder Protestant*innen repräsentierten die wachsende Klasse der Kaufleute, Handwerker*innen und Finanzier*innen, die durch den Handel mit Waren und Dienstleistungen in den Städten zu Bargeld gekommen waren. Die Aristokratie benötigte Bargeld, um diese Waren, darunter exotische Gewürze und Textilien aus dem Osten, zu erwerben. Dieser zunehmende Bedarf an Bargeld zwang zu einer Umstellung vom Landbesitzmodell, das auf den „Arbeitsabgaben“ der Leibeigenen basierte, auf „Pachtabgaben“, die von den Bäuer*innen zu entrichten waren.

Für die embryonale Kapitalist*innenklasse wurden die Beschränkungen der feudalen Gesellschaft zu einer unerträglichen Last. Vor allem, als einige der Kaufleute so reich wurden wie manche der Aristokrat*innen, wenn nicht sogar reicher. Sie schufen ihre neue Philosophie mit der Idee einer persönlichen direkten Beziehung zu Gott, wobei sie die Kirche ausschlossen. Dies umfasste auch die Vorstellung, dass es Gottes Wille sei, dass alle Menschen danach streben, sich selbst zu verbessern.

Der religiöse Kampf war daher ein Spiegelbild des Klassenkampfs zwischen der alten herrschenden Klasse der Aristokrat*innen, die von der römisch-katholischen Kirche unterstützt wurde, und der aufstrebenden revolutionären Klasse, den Kaufleuten, Handwerker*innen und so weiter, dem Embryo der Kapitalist*innenklasse.

Wie Friedrich Engels sagte: „die religiöse Verkleidung [dient] nur als Fahne und Maske für Angriffe auf eine veraltende ökonomische Ordnung“ (Zur Geschichte des Urchristentums, 1894-95). Für die Beteiligten konnten diese Masken jedoch sehr real sein; sie waren sich der zugrunde liegenden wirtschaftlichen Kräfte, die ihr Denken und Handeln prägten, nicht unbedingt bewusst und brauchten es auch nicht sein.

Im Rahmen dieses ideologischen Kampfes sollte die Figur, die wir heute als Weihnachtsmann kennen, eine Reihe von Rollen spielen.

Die Weihnachtsmann-Kriege

Der Mythos des Weihnachtsmanns geht ursprünglich auf den Heiligen Nikolaus zurück. Santa Claus ist eine anglisierte Verballhornung seines Namens im Niederländischen (Sinterklaas) oder Deutschen (Santa Klaus). Nikolaus war ein griechischer Bischof in Myra, Türkei, der am 6. Dezember 343 u.Z. starb. Der Legende nach war er einer der Teilnehmer des Konzils von Nicäa und unterstützte die Position von Kaiser Konstantin.

Im Mittelalter war der Heilige Nikolaus so etwas wie das Aushängeschild der katholischen Kirche. Er wurde als Schutzpatron der Kinder (unter anderem) und für seine Großzügigkeit gefeiert. Es hieß, dass er den Kindern im Dezember Geschenke brachte. Diese Geschenke kamen jedoch am Vorabend seines Namenstages (dem Tag seines Todes), also am 5. oder 6. Dezember, aber definitiv nicht zu Weihnachten.

Im Jahr 1517 war Martin Luther aus Deutschland die führende Persönlichkeit des protestantischen Glaubens und gehörte zu den Ersten, die die Ideologie der römisch-katholischen Kirche in Frage stellten und ihre Exzesse anprangerten. Er war sehr der Vertreter der aufstrebenden Kaufleuteklasse, wurde aber auch von einigen deutschen Fürsten unterstützt, die selbst die Beschränkungen und Verpflichtungen der Kirche abschütteln wollten.

Luther prangerte auch das Konzept der Heiligen an und das Beten zu Heiligen als Vermittler*innen „zwischen Mensch und Gott”. Daher verabscheute er die Verehrung des Heiligen Nikolaus. Jedoch konnte er sich nicht über die Grenzen hinwegsetzen, die ihm durch das vorherrschende Weltbild seiner Zeit auferlegt waren. Daher führte er einen Konkurrenten für den Heiligen Nikolaus ein. Im Einklang mit seiner neuen Ideologie behauptete er, der Überbringer der Geschenke sei das Christkind selbst, auf Deutsch „Christkindl“, was zu „Kris Kringle“ verballhornt wurde.

Luthers Ideen fanden Anklang bei der unterdrückten deutschen Bäuer*innenschaft, die 1524 in den Aufstand trat. Luther, zusammen mit der Kaufleuteklasse und den Fürsten, erschrak über diese Einmischung in ihre intellektuelle Debatte mit der Kirche, die sie als Bedrohung für ihren eigenen Reichtum empfanden. Der Aufstand der Bäuer*innen – der Bäuer*innenkrieg von 1524-1525 – wurde mit voller Unterstützung Luthers und seiner Verbündeten blutig niedergeschlagen.

In England stellte sich Heinrich VIII. aus zahlreichen eigenen Gründen an die Spitze der protestantischen Reformation. Welche Rolle Lust, der Wunsch nach einem dynastischen Erben oder finanzieller Gewinn bei Heinrichs Entscheidung spielten, ist zweitrangig. Das soll nicht heißen, dass Heinrichs eigenes Denken keinen Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse hatte, das hatte es, aber es schuf nicht die zugrunde liegenden Bedingungen.

Heinrich stützte sich auf die Protestant*innen, um 1534 mit dem Suprematsgesetz mit der römisch-katholischen Kirche zu brechen. Er erklärte sich selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche, nur Gott unterworfen, ein absoluter Monarch. Nachdem er mit Rom gebrochen hatte, machte er sich daran, die Vermögenswerte Roms in England für sich zu nehmen. Die Auflösung der Klöster, eine Reihe von Beschlagnahmungsmaßnahmen, die zwischen 1536 und 1541 durchgeführt wurden, verschaffte Heinrich Ressourcen und Land, um seine Anhänger zu belohnen und seine Stellung zu festigen.

Wie Luther kämpfte auch Heinrich im politischen Kampf gegen die katholische Kirche auf ideologischer Ebene. Das Fest des Heiligen Nikolaus wurde in England verboten und durch eine weltliche Personifizierung der Jahreszeit ersetzt, den Weihnachtsmann. Heinrichs Weihnachtsmann hatte sehr starke heidnische Wurzeln in den Figuren des sächsischen Lord Frost und des Wikingers Odin. Auch hier wurden die Geschenke nicht zu Weihnachten verteilt, sondern zu Neujahr.

Die englische protestantische Reformationsbewegung war jedoch nicht homogen, sondern bestand aus verschiedenen Flügeln. Auf der einen Seite gab es den englischen katholischen Flügel, der Heinrich als Oberhaupt der englischen Kirche unterstützte und nicht den Papst, aber ansonsten ohne Veränderung. Auf der anderen Seite waren die Anhänger*innen des französischen Protestanten Johannes Calvin, die einen weitaus radikaleren Ansatz verfolgten.

In England war der Protestantismus während des größten Teils des folgenden Jahrhunderts im Aufstieg. Nach dem ersten Sieg einer bürgerlichen Revolution jemals in Form des englischen Bürger*innenkriegs von 1642 bis 1648 änderte sich alles. Es wurde ein republikanischer „Commonwealth of England” gegründet, der bis 1653 – nun als „Commonwealth of England, Scotland and Ireland” – unter der Herrschaft des Puritaners Oliver Cromwell als Lord Protector stand.

Die Puritaner*innen folgten dem Beispiel Calvins und predigten eine extreme Moral. Die neue Orthodoxie war äußerst freudlos, da die meisten Formen der Unterhaltung, einschließlich Weihnachten, verboten waren. Sie verkündeten, dass eines der Gebote Gottes darin bestehe, „fleißig zu arbeiten”. Während sie einerseits Luxus mieden und Sparsamkeit förderten, deuteten sie andererseits an, dass sich Gottes Gunst in finanziellem Erfolg zeige. Die neue siegreiche Kapitalist*innenklasse hatte ihre Ideologie definiert.

Obwohl die Republik gestürzt und die Monarchie wiederhergestellt wurde, gab es keine Rückkehr zur absoluten Monarchie der Tudor- und der Stuart-Zeit vor dem Bürger*innenkrieg. Die Herrschaft des Feudalismus war endgültig gebrochen, und die Herrschaft der neuen bürgerlich-kapitalistischen Klasse hatte begonnen. Weihnachten und Unterhaltung wurden jedoch wieder eingeführt.

Der neue Weihnachtsmann der Bourgeoisie

Um religiöser Verfolgung zu entgehen, segelte 1620 vor dem Bürger*innenkrieg eine Gruppe von Puritaner*innen von Plymouth aus in die Neue Welt Amerikas. Diese Pilgerväter brachten die strenge, festlose Sichtweise des Christ*innentums mit der Mayflower nach Amerika.

Die Idee, dass Weihnachten keine religiöse Bedeutung habe, war bei den Industriellen in Amerika anfänglich sehr beliebt. Sie bot ihnen die perfekte Ausrede, ihren Arbeiter*innen keinen freien Tag zu geben. Tatsächlich trat der neue Kongress nach dem Sieg der amerikanischen Revolution am Weihnachtstag zusammen.

Jedoch wurde Weihnachten besonders von deutschen Kolonist*innen nach Pennsylvania in die USA eingeschmuggelt. Die Weihnachtstradition, die sie mitbrachten, war die deutsche Tradition des Kris Kringle und nicht die des Heiligen Nikolaus.

Um 1800 ähnelte der Weihnachtstag in New York eher den Tagen der römischen Saturnalien oder den „Lords of Misrule” des Mittelalters. Trunkenheit war verbunden mit körperlichen Angriffen auf bürgerliches Eigentum und wohlhabende Personen. Dies ging so weit, dass die Weihnachtsunruhen von 1828 in New York als Auslöser für die Gründung der New Yorker Polizei, der NYPD, gelten. In den frühen 1800er Jahren gab es jedoch in kapitalistischen Ländern einen allgemeinen Trend zur Schaffung von Polizeikräften. Überall versuchte die Bourgeoisie, ihre Staatsmaschine mit einer neuen Spezialtruppe zu stärken, um sich und ihr Eigentum vor Feinden im Inneren zu schützen.

Während die Kapitalist*innenklasse bewusst daran arbeitete, ihre harte Macht durch die Schaffung neuer Polizeikräfte zu ergänzen, lief parallel dazu ein ergänzender Prozess, bewusst oder unbewusst, um ihre weiche Macht zu ergänzen, mit dem Ziel, Weihnachten neu zu erfinden und zu zähmen.

Im Jahr 1821 wurde ein amerikanisches Buch mit dem Titel „The Children’s Friend” veröffentlicht. Es ist wohl das in diesem Buch enthaltene Gedicht „Old Santeclaus with Much Delight“, das die Geburt des Weihnachtsmanns und des Weihnachtsfestes, wie wir es heute kennen, markiert. Zum ersten Mal in gedruckter Form werden Geschenke in der Nacht des Heiligabends von einem Weihnachtsmann in einem roten Pelzmantel gebracht. Dies zerstört den Mythos, dass der rot gekleidete Weihnachtsmann eine Erfindung von Coca Cola für ihre Kampagne von 1931 war. Außerdem kommt dieser Weihnachtsmann aus dem Norden in einem von Rentieren gezogenen Schlitten.

Der Charakter dieses neuen Weihnachtsmanns wurde durch die Veröffentlichung des Gedichts „Twas the Night Before Christmas“ [Die Nacht vor Weihnachten] im Jahr 1823 verstärkt, in dem der Heilige Nikolaus durch den Schornstein in die Häuser gelangt. Sein Schlitten wird von den heute traditionell benannten Rentieren gezogen (natürlich vor Rudolf). Und sein Aussehen hat mehr mit Odin zu tun als mit dem Heiligen Nikolaus des Mittelalters in seiner Bischofsrobe.

Wahrscheinlich wurde die Integration der drei sehr unterschiedlichen Figuren aus der Zeit der Reformation zu einer einzigen Figur erst durch die Zustimmung Hollywoods mit der Veröffentlichung des Films „A Miracle on 34th Street” [Das Wunder von Manhattan] im Jahr 1947 vollendet. Die Schöpfer*innen dieses Weihnachtsmanns spiegeln jedoch den Druck der radikalisierten Arbeiter*innenklasse der Nachkriegszeit wider. Der Weihnachtsmann, der sich Kris Kringle nennt, wird verhaftet, weil er Geschenke nach Bedarf verschenkt, anstatt sie zu verkaufen – ein abscheuliches antikapitalistisches Verbrechen. Er wird nur durch einen juristischen Worttrick freigelassen, den der Richter akzeptiert, aber nur unter dem Druck einer Massenbewegung auf den Straßen vor dem Gerichtsgebäude. Sogar die Geschichte des Weihnachtsmanns sowie die Geschichte von Weihnachten selbst sind im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung und des Klassenkampfs entstanden.

Was wir heute als Weihnachten kennen, ist also eine relativ moderne Angelegenheit, die etwa 200 Jahre alt ist. Es ist eine Mischung aus alten und modernen Traditionen, die im Laufe der Zeit an die Bedürfnisse der jeweiligen herrschenden Klasse angepasst wurden, seien es römische Aristokrat*innen, Feudalherren oder moderne Kapitalist*innen.

Seine Wurzeln reichen jedoch bis in die Anfänge der menschlichen Erfahrung des Winters in der nördlichen Hemisphäre zurück. Die Menschen versammelten sich um das Feuer, um sich zu wärmen, und feierten, um sich in der Kälte und Dunkelheit aufzumuntern, und freuten sich auf die Rückkehr der Sonne und des Frühlings.


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