Karl Kautsky: Die Seeschlange

[Nach „Die Neue Zeit: Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie.“ – 19. 1900-1901, 2. Band, Heft 43 (24. Juli 1901), S. 468-473]

In der jetzigen Jahreszeit pflegte bisher regelmäßig jahraus jahrein die Seeschlange in den Zeitungen aufzutauchen. In diesem Jahre ist sie ausgeblieben, Wir gehen wohl nicht irre, wenn wir annehmen, dass sie durch Bernstein verdrängt worden ist. Figaro ça, Figaro là, Bernstein in allen Gassen, in den Spalten aller Zeitungen, da bedarf es wirklich nicht mehr des altmodischen Seeungeheuers, um sie zu füllen. Für jeden Monat der heißen Zeit hat er eine Gabe bereit; der Mai brachte uns seinen bekannten Vortrag, der Juni seine Broschüre, im Juli schlachtet er meine Wenigkeit auf dem Altar der Revision, für den August hat er schon zu wiederholten Malen fürchterliche Musterung unter seinen Kritikern angedroht, und so wird uns die Sauregurkenzeit im Nu vergehen, denn statt der einen altersschwachen Seeschlange werden wir in jedem Monat mit einem frischen Bandwurm regaliert, der sich mit der Seeschlange an Länge messen kann.

Seine neueste Pseudoseeschlange ist vierzehn große Seiten lang – vierzehn Seiten einzig und allein gegen meine Wenigkeit, in einer Nummer der „Sozialistischen Monatshefte“, in der noch zwei Artikel gegen mich veröffentlicht werden – zwölf Seiten von Kampffmeyer und ebenso viele von Vollmar. Allerdings gelten die letzteren nicht mir allein, sondern auch Anderen, vor Allem der Genossin Luxemburg. Dass Vollmar diese nicht nennt, hat wohl darin seinen Grund, dass sein Nervensystem dem Niederschreiben ihres Namens nicht gewachsen ist.

Die halbe Nummer gilt mir. Wenn die Leser des Heftes das vertragen, kann’s mir recht sein, aber ich darf den Lesern unserer Zeitschrift nicht das Gleiche zumuten, Mit Kampffmeyer hoffe ich mich bei einer anderen Gelegenheit auseinanderzusetzen und Vollmar bringt keine neuen Tatsachen. Über die Deutung der schon bekannten weiter herumzustreiten, ist aber um so weniger dringend, als seit dem Lyoner Kongress die Frage, wie Millerand Minister wurde, keinen praktischen Zweck mehr hat.

Nicht so rasch kann ich über Bernstein hinweggehen.

Meine Kritiken des Nowikowschen Buches und seines Sammelwerkes haben ihn herausgefordert. Er findet sie nicht bloß falsch, was selbstverständlich, sondern auch unehrlich. Er wirft mir vor, dass ich bewusst Dinge behaupte, von deren Unrichtigkeit ich überzeugt bin.

Diese Unehrlichkeit findet er schon in meiner Kritik des Nowikowschen Buches Über die Föderation Europas, die ihm als ein maskierter Angriff gegen ihn – Bernstein – selbst erscheint. Die Annahme, dass ich ihn nicht offen anzugreifen wage, sondern mich dabei maskiere, um ihm heimtückisch einen Dolchstoß zu versetzen, könnte mich fast humoristisch stimmen, wenn sie nicht bezeugte, welche Fortschritte Bernstein im Verfolgungswahn gemacht, Diese Annahme und die daraus gezogenen Folgerungen zu widerlegen, erscheint mir überflüssig.

Aber meine Kritik Nowikows soll nicht nur ein heimtückischer und unehrlicher Ausfall auf Bernstein selbst sein, sondern auch auf einer bewussten Fälschung des Nowikowschen Gedankenganges beruhen. Als Beweis für diese schwere Anklage bringt er nur eine Tatsache vor. Sie ist offenbar entscheidend.

In der Einleitung schreibt Nowikow:

„Zweitens erkläre ich laut, dass die europäische Föderation sich in innere Angelegenheiten der Länder nicht einzumischen hat. Wer Vereinigung und Eintracht will, muss vor allen Dingen die individuellen Eigentümlichkeiten der Nationen respektieren. Wenn es den Franzosen gefällt, in einer Republik, den Engländern, in einer parlamentarischen Monarchie, den Russen, in einer absoluten Monarchie zu leben, so ist das ihre Sache und geht ihre Nachbarn nichts an.“

Dazu bemerkt Bernstein:

„Kautsky druckt davon nur den ersten Satz und die hier gesperrten Worte ab. Diesmal frisst seine Gedächtnisschwäche sogar mitten in die einzelnen Sätze hinein. Honni soit qui mal y pense. Aber es ist klar, dass der so verstümmelte Satz den Gedanken Nowikows falsch wiedergibt“ (S. 508). Diesem vernichtenden Hohne gegenüber stelle ich Folgendes fest. Neben einer ganzen Reihe von Zitaten, die beweisen, dass Nowikow für das Zarentum Stimmung macht, zitierte ich aus dem fraglichen Passus auch den Satz, und nur diesen (nicht, wie Bernstein behauptet, auch den ersten): „Wenn es den Russen gefällt, in einer absoluten Monarchie zu leben, so ist das ihre Sache und geht ihre Nachbarn nichts an“, und bemerkte dazu: „Für Nowikow entspringt also das Regime des Absolutismus in Russland dem Willen des Volkes, dem es so gefällt.“

Will Bernstein behaupten, dass ich hier Nowikow einen ihm fremden Gedanken untergeschoben? Oder wird dieser Satz im Geringsten durch die vorhergehenden geändert, die da sagen, man muss die individuellen Eigentümlichkeiten der Nationen. respektieren und die Franzosen in einer Republik leben lassen, wenn es ihnen so gefällt? Diese Sätze verstärken nur meine Folgerung. Zu den „individuellen Eigentümlichkeiten““ der russischen Nation, die man „respektieren“ muss, zählt Nowikow das Regime des Zaren, und dies beruht für ihn ebenso auf dem Willen der Nation, wie die Republik in Frankreich!

Die Weglassung hat also nichts, aber auch gar nichts geändert. Trotzdem genügt sie Bernstein, mich für einen bewussten Fälscher zu erklären!

Aber dafür ist es auch ein edles Objekt, das er vor meiner schnöden Polemik zu schützen hat: „In den beiden Hauptzielen““, behauptet Bernstein, „denen das Nowikowsche Buch gewidmet ist, der Sicherstellung des Friedens durch eine Föderation der europäischen und im weiteren Verlauf aller Kulturnationen, sowie der Beseitigung des am Mark der Völker zehrenden Militarismus, deckt es sich mit den Bestrebungen der Sozialdemokratie.“

Es ist natürlich nur wieder eine infame Fälschung, wenn ich erkläre, dass das eine Hauptziel des Nowikowschen Buches nicht die Föderation der Kulturnationen, sondern die Föderation der heutigen Regierungen ist, und das zweite Hauptziel. die Ersetzung der Armeen der allgemeinen Wehrpflicht durch Gendarmenkorps, also durch Prätorianerarmeen, die zur Niederschlagung des inneren Feindes viel wirksamer sind als ein Heer der allgemeinen Wehrpflicht, Und es ist sicher auch nur meiner bekannten Gedächtnisschwäche zuzuschreiben, wenn ich finde, dass diese beiden Hauptziele sich mit den Bestrebungen der Sozialdemokratie keineswegs decken, ihnen vielmehr diametral widersprechen, und dass ein Buch, welches solchen Bestrebungen dient, um so gefährlicher ist, je mehr es seinen Pferdefuß hinter freiheitlich schillernden Phrasen verdeckt. Mitnichten, diese Phrasen sind so köstliche Argumente, dass sie es notwendig machen, das Buch den Parteigenossen aufs Angelegentlichste anzupreisen, und seinem unbequemen Kritiker aus nichtigen Gründen frischweg die Ehre abzuschneiden.

Dafür bringt es Bernstein auch fertig, was ich nicht für möglich gehalten hätte, Zweifel zu äußern, „ob Inhalt und Versendung der Besprechung (des Nowikowschen Buches) wirklich im Buchhandel etwas so Unerhörtes sind, wie Kautsky es hinstellt“, und über die „ungeheure Entrüstung“ zu spotten, in die mich die „so aufregende Besprechung“ versetzt. Besäße er noch einen Funken von Takt, dann hätte er diese verschämte Ehrenrettung der Edelheimschen Praktiken unterlassen müssen, gerade deswegen unterlassen müssen, weil Edelheim sein Verleger ist.

Indessen sind die Bernsteinschen Begriffe von Marktschreierei etwas eigenartiger Natur. Ich hatte als einen der Gründe, warum ich das Bernsteinsche Sammelwerk kritisierte, die Tatsache angegeben, dass er, beziehungsweise sein Verleger, von demselben eine Lieferungsausgabe veranstaltet, die marktschreierisch angepriesen wird. Bernstein erklärt dem gegenüber, der Verlag habe sich auf eine einzige Anzeige beschränkt, „die viel kürzer und einfacher ist, als dies allgemein bei Lieferungswerken. der Fall ist“.

In dieser kurzen und einfachen Anzeige heißt es:

„Ein Dokument von grundlegender Bedeutung ist. das obgenannte neueste Werk (seine alten Artikel!) Ed. Bernsteins.

„Der Leser erhält hier alle von Eduard Bernstein selbst (!) herrührenden Stücke: jener Bernsteindebatte, welche die sozialistische und mit ihr die ganze gebildete Welt so lebhaft beschäftigt hat, wie vordem keine andere Diskussion. Niemand versäume diese Gelegenheit, sich in den Besitz dieses hochbedeutsamen Werkes zu setzen.“

Das nennt Bernstein eine bescheidene, einfache Anzeige. Der Mann hat wirklich Humor!

Die Kritik der Form, welche dieses „neueste Werk“ Bernsteins. angenommen. bildet meine „Frontattacke“, die er nach Absolvierung des „maskierten“ Angriffs her nimmt. Da erfahren wir vor Allem, dass Bernstein seine alten Artikel aus Entrüstung darüber neu herausgibt, weil ich so frech war, meine von ihm „nachgewiesenen Irrtümer“ nicht „einzugestehen“, sondern zu wiederholen – welche Anmaßung, natürlich auf meiner Seite! – und um mir einmal einen Spiegel vorzuhalten, Geben doch diese Artikel „in ihrer Zusammenstellung ein Bild von Kautskys polemischer Methode, das sich kein Schriftsteller, der noch literarisches Ehrgefühl im Leibe hat, ohne starkes Unbehagen würde vorhalten lassen“ (S. 509).

Der Leser wird vielleicht meinen, dass meine Antwort auf ein derartiges Bild in der „Neuen Zeit“ (Nr. 35) sehr ruhig ausgefallen ist. Aber er vergisst, dass Bernstein diesen Spiegel mir als barmherziger Bruder vorhielt, um mich zu bessern, und dass er daher glaubt, allen Anlass zu haben, höchst entrüstet darüber zu sein, dass ich dies schmeichelhafte Bild etwas durchlöcherte, statt reuig vor ihm in die Knie zu sinken.

Ich hatte bemerkt, Bernsteins „neuestes Werk“ zeichne sich unter Anderem dadurch aus, dass es eine Reihe polemischer Stellen ausgelassen habe, die unsere Gegner trafen, dagegen die gegen die Personen einzelner Parteigenossen gerichteten Stellen nicht bloß unverkürzt wiedergegeben, sondern noch um einige Zusätze bereichert habe.

Dagegen bemerkt jetzt Bernstein: „Ich habe erstens überhaupt keinen Parteigenossen persönlich angegriffen, zweitens meine aggressive Polemik gegen den englischen Sozialisten B. Bax ganz unterdrückt und drittens die sachliche Polemik nur gegen einen einzigen, nämlich Kautsky, zu ergänzen gehabt.“

Ich hatte bloß von Auslassungen einzelner polemischer Stellen gesprochen, die Weglassung der Polemik gegen Bax bedeutete aber das Ausfallen eines Artikels, Über die Auswahl der Artikel hatte ich mich gar nicht geäußert. Was aber die beiden anderen Richtigstellungen anbelangt, so sei nur der erste beste Zusatz erwähnt, der mir beim Durchblättern des Bernsteinschen Buches unterkommt: S. 286 wird in einer „Nachbemerkung“ von der „bodenlosen Anmaßlichkeit“ Plechanows gehandelt.

Ich weiß nicht, ob Bernstein das zu den persönlichen Angriffen rechnet, die er gegen keinen Parteigenossen, oder zu der sachlichen Polemik, die er bloß gegen den einzigen Kautsky gerichtet hat.

Von gleichem Kaliber sind auch die anderen „Berichtigungen“ Bernsteins, aber es wäre zu ermüdend, sie alle zu zerpflücken. Nur auf jene Punkte seiner Entgegnung will ich hier eingehen, die der Leser nicht selbst kontrollieren kann, da es sich um Stellen aus meinen Briefen handelt, die der Öffentlichkeit nicht vorliegen.

Bernstein hat es für gut befunden, auch in diesem Artikel seine Taktik der unprovozierten Veröffentlichung von Sätzen aus meinen Briefen fortzusetzen. Wie ich darüber denke, habe ich schon in meiner Kritik des Bernsteinschen Buches angedeutet. Namentlich erscheint es mir als eine sehr fragwürdige Praktik, verletzende Äußerungen über Dritte, noch Lebende, die im Vertrauen gemacht wurden, wiederzugeben. Das sieht freilich Bernstein auch selbst ein, und darum ist er so zartfühlend – davon zu schweigen? bewahre, sondern nur zu bemerken, ich spräche von Bax in den wegwerfendsten Ausdrücken, aber da diese „einen Dritten“ beträfen, könne er sie nicht wiederholen! In schonendster Weise setzt er der Fantasie keine Schranken. Das ist doch der Gipfel der Diskretion!

Wenn es aber Bernstein nicht darum zu tun gewesen wäre, vertrauliche Äußerungen von mir über Dritte (Bax und Parvus) vor die Öffentlichkeit zu bringen, dann hätte er sich das Durchstöbern unseres freundschaftlichen Briefwechsels sparen können. Denn die Tatsachen, welche er mit den einzelnen Sätzchen daraus enthüllt, habe ich nie geleugnet und sie sind meist durch schon gedruckte Äußerungen von mir erhärtbar. Die Konsequenzen, die er daraus zieht, haben aber mit meinen Briefen nichts zu tun, sondern sind Produkte seiner Phantasie.

Ich habe nie geleugnet, dass ich in Bernstein nicht nur ihn persönlich, sondern eine ganze Richtung bekämpfe. Dass ich aber deshalb getrachtet hätte, ihn persönlich zu diskreditieren, hat sich Bernstein aus den Fingern gesogen.

Was ich in den veröffentlichten Briefstellen über Bax sage, entspricht ganz dem, was ich über ihn in der „Neuen Zeit“ schrieb. Bernstein zog denn auch schon vor einem Jahre aus diesen gedruckt vorliegenden Sätzen dieselben Konsequenzen, wie jetzt aus meinen Briefen. Ich habe darüber bereits in der „Neuen Zeit“ gehandelt (XIX, 1, S. 249, 280), und brauche das dort Gesagte nicht zu wiederholen.

Ich habe dort bewiesen, dass Bernstein irrt, wenn er meint, ich hätte in der Kolonialfrage meine Anschauungen geändert. Sie sind seit zwanzig Jahren dieselben geblieben. Wohl aber hat Bernstein sich in seinen „Voraussetzungen“ über die Kolonialpolitik anders geäußert, als in seiner Problemserie. Noch im März 1898 hatte er sich in der „Neuen Zeit“ (S. 751) gegen Parvus gewendet, der ihm vorgeworfen, er verteidige die Kolonialpolitik; in seinen „Voraussetzungen“ behauptete er: „Die Erwerbung der Kiautschoubucht war nicht der schlechteste Streich der auswärtigen Politik Deutschlands“, Bernstein wird vergebens in meinen Briefen oder sonst wo eine zustimmende Äußerung zu diesem Satze suchen.

Die Sache ist einfach die: in seiner Artikelserie über die Probleme des Sozialismus sprach Bernstein in allgemeinen Wendungen, die man im verschiedensten Sinne deuten konnte und die ich im Sinne unserer grundsätzlichen Auffassung deutete. In seinen „Voraussetzungen“ sprach er etwas deutlicher, und da war ein Zweifel über den Gegensatz unserer Anschauungen nicht mehr möglich.

Damit bin ich auch bei dem Knalleffekt seiner „Enthüllungen“ angelangt, den Briefstellen, in denen ich mich über Bernstein Problemartikel sympathisch und über seine Kritiker unsympathisch ausdrücke. Auch der sachliche Kern dieser Sätze ist bereits in meiner Fußnote zu seinem „Kritischen Zwischenspiel“ („Neue Zeit“, XVI, 1, S. 740) und XII, 1, S. 402 ff . teils ausgeführt, teils angedeutet, und was Bernstein aus ihnen darüber hinaus herausliest, ist sehr fragwürdiger Natur.

Er schließt aus ihnen:

„Aus alledem spricht nicht bloß persönliche Sympathie, wie Kautsky es jetzt haben will, sondern gerade das, was er bestreitet, nämlich prinzipielle Zustimmung, Seine Aussetzungen betreffen die Form, nicht den prinzipiellen Inhalt meiner damaligen Artikel“ (S, 514).

Ich pflege meine Briefe an meine Freunde, die ich alle für anständige, vertrauenswerte Leute halte, nicht zu kopieren, und war unvorsichtig genug, dies auch Bernstein gegenüber nicht zu tun, Ich kenne also den Zusammenhang der einzelnen zitierten Wendungen nicht, auf den doch Alles ankommt. Aber die Briefe, die ich von Bernstein damals erhielt, bezeugen nichts weniger, als prinzipielle Übereinstimmung zwischen uns Beiden. Ich muss leider auf sie zurückgreifen, da mir kein anderes Mittel zu Gebote steht, auf den wahren Inhalt der meinigen zu schließen. Aber ich werde mich hüten, Äußerungen Bernsteins über Dritte auch nur anzudeuten.

So heißt es zum Beispiel in seinem Briefe vom 21. Februar 1898: „Wenn ich Dir sofort antworte, so weil es mir vor Allem darauf ankommt, mich mit Dir zu verständigen. Denn dass zwischen uns große Meinungsverschiedenheiten bestehen, verhehle ich mir durchaus nicht. Wenn es uns nicht gelingt, sie auszugleichen, so wollen wir wenigstens suchen, sie auf das möglichste Mindestmaß zurückzuführen.“ Darauf folgt eine lange Auseinandersetzung über Revolution, Demokratie, Jakobinismus, Radikal und Liberal, und zum Schlusse heißt es: „Im Ganzen lässt mich Dein Brief nur bedauern, dass mir mein 1896er Plan (Bernstein suchte damals eine Stellung im Bankfach in Transvaal) nicht geglückt ist. Es wäre für alle Teile besser gewesen.“

Und dieser Brief, der Bernstein einen derartigen Stoßseufzer entlockt, sollte volle prinzipielle Zustimmung und Aussetzungen bloß an der Form seiner Artikel enthalten haben? Ich erlaube mir, das zu bezweifeln.

Aber eines will ich zugeben, dass unsere Meinungsverschiedenheiten, wie groß sie auch waren, doch lange nicht so tief gingen wie heute. Um das zu erklären, bedarf es jedoch nicht der Annahme einer Änderung meines theoretischen Standpunktes, die doch aus meinen gedruckten Arbeiten viel eher zu konstatieren sein müsste, als aus ein paar allgemeinen Wendungen einiger flüchtigen Briefe.

Tatsache ist, dass ich die Artikelserie über die Probleme des Sozialismus mit größtem Interesse verfolgte, an sie die größten Erwartungen knüpfte. Ich war mit Bernstein einig darüber und bin noch der Ansicht, die wohl jeder vernünftige Marxist teilt, dass es gilt, auf dem von Marx und Engels geschaffenen Boden weiter zu bauen, ihre Lehre weiter zu entwickeln, veraltete Bestandteile auszuscheiden und den neu auftauchenden Tatsachen Rechnung zu tragen, Bernsteins Problemserie versprach, dies zu tun. Dass ein ernsthafter Politiker öffentlich so tiefgehende Fragen erst dann aufwirft, wenn er deren Lösung schon gefunden hat, hielt ich für selbstverständlich, Das Zweifeln ist eine unentbehrliche Vorbedingung jedes Fortschritts, aber es ist eine Funktion, die nicht vor die Öffentlichkeit gehört, am allerwenigsten in prinzipiellen Dingen und in der Politik. Der Zweifel kann befruchtend nur auf das Forschen wirken, auf das Handeln wirkt er lähmend, er gehört in die Studierstube und in das Laboratorium, vor die Öffentlichkeit soll man nur mit dem treten, was fertiges Resultat des durch den Zweifel angeregten Forschens, was gefestigte Überzeugung. Ich war daher auch überzeugt, Bernstein veröffentliche seine „Probleme“ nur deshalb, weil er ihre Lösung in der Tasche habe, im zweifelte nicht daran, dass wir damit einen gewaltigen Schritt nach vorwärts in unserer Erkenntnis tun würden, und wenn Bernstein ewig nicht mit den erwarteten positiven Resultaten herausrückte, so schob ich das auf das Konto seiner Kritiker, die ihn in Polemiken verwickelten, ehe er noch zu Ende gekommen, und die mir daher sehr missfielen.

Um ihm endlich Gelegenheit zu geben, den Polemiken zu entgehen und seine positiven Resultate darzulegen, deshalb drängte ich ihn, die Artikelform aufzugeben und seine Ideen in einem geschlossenen Buche zu entwickeln.

Meine Erwartungen, allerdings durch die Stuttgarter Erklärung schon etwas herab gestimmt, wurden durch dies Buch völlig auf Null reduziert. Nun war’s klar, dass hinter den Problemen, die Bernstein aufgeworfen, zum Teil gar nichts steckte, als leere Zweifel, zum Teil der Rückfall in längst überwundene Denkweisen. Nun war’s aber auch klar, dass Bernstein jeder festen Methode entbehre, dass er der Mann nicht sei, die versprochene Revision durchzuführen, und dass der Weg, den er eingeschlagen, nicht zu größerer Klarheit und Einheitlichkeit, sondern zu steigender Verwirrung führe, und dass seine weitere Revisionstätigkeit, theoretisch wertlos, praktisch nur noch den Erfolg haben könne, endlosen Zwiespalt und wachsende Verbitterung in unseren Reihen hervorzurufen und unseren Gegnern Waffen gegen uns zu liefern.

Sobald ich das erkannt, änderte sich aber auch mein Urteil über die Problemartikel. Ich musste mir jetzt gestehen, dass ich ihre vieldeutigen, unbestimmten Auseinandersetzungen falsch aufgefasst, dass ich Keime von Eichen zu sehen geglaubt, wo nur Keime von Disteln zu finden waren.

Also kein Zweifel, ich habe geirrt, ich habe einen großen Fehler begangen, indem ich Bernstein gewaltig überschätzte. Und es ist sehr wohl möglich, dass die großen Erwartungen, die ich auf ihn setzte, auf ihn zurückwirkten und ihn veranlassten, sich an Aufgaben zu wagen, denen er nicht gewachsen war und an denen er scheitern musste.

Will mir Bernstein daraus einen Vorwurf machen, dann bin ich allerdings nicht imstande, ihm zu widersprechen. Dann muss ich mein Haupt mit Asche bestreuen und reuig an meine Brust klopfen: Mea culpa, mea maxima culpa.


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