Karl Kautsky: Problematischer gegen wissenschaftlichen Sozialismus

[Nach „Die Neue Zeit: Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie.“ – 19. 1900-1901, 2. Band, Heft 38 (19. Juni 1901), S. 355-364]

Der Vortrag, den Bernstein am 17. Mai im Berliner sozialwissenschaftlichen Studentenverein in Berlin gehalten, hat bekanntlich ein großes Triumphgeheul in der bürgerlichen Presse hervorgerufen. Wer nun den gedruckten Vortrag mit der Erwartung zur Hand nehmen sollte, darin etwas Sensationelles zu finden, wird arg enttäuscht sein.

Freilich, gar so harmlos, wie Bernstein jetzt seinen Vortrag in seiner Vorrede hinstellt, ist er auch nicht. Er sagt dort: „Auf den wichtigsten theoretischen Einwand, der gegen den Vortrag erhoben werden kann, hat in der auf ihn folgenden Debatte Professor Adolf Wagner hingedeutet, indem er erklärte, es handle sich bei der von mir aufgeworfenen Frage. im Grunde nur um einen Wortstreit über den Begriff Wissenschaft. Setzt man statt Wortstreit Definitionsstreit, so gebe ich die formale Berechtigung jener Bemerkung zu. Es handelt sich in der Tat für mich zunächst um eine Begrenzung des Begriffs wissenschaftlich.“

Das mag schon sein, aber der Titel des Vortrags lautet nicht: „Was ist Wissenschaft“, sondern: „Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich.“ Der Definitionsstreit Bernsteins hätte seine Lobredner sehr gleichgültig gelassen. Die Nutzanwendungen, die er daraus auf den Sozialismus zog, waren es, was interessierte, sie sind es, die uns veranlassen, uns mit dem Vortrag zu beschäftigen, nachdem einmal so viel Aufhebens von ihm gemacht worden.

Engels hatte in seinem Anti-Dühring erklärt, durch die materialistische Geschichtsauffassung und die Theorie des Mehrwertes sei der Sozialismus eine Wissenschaft geworden. Bernstein macht sich’s zur Aufgabe, diesen Satz umzustoßen.

Entscheidend dabei ist natürlich seine Auffassung von der Wissenschaft einerseits, vom Sozialismus andererseits. Dass seine Auffassung der Wissenschaft nicht die in wissenschaftlichen Kreisen übliche ist, hat man ihm bereits mehrfach entgegengehalten.

„Wissenschaft ist“, sagt er (S, 32), „wenn wir den Begriff streng fassen, lediglich das systematisch geordnete Wissen, Wissen heißt Erkenntnis der wahren Beschaffenheit und Beziehungen der Dinge.“ Und auf S, 35: „Der Grundstein jeder echten. Wissenschaft ist die Erfahrung, sie baut sich auf gesammeltes Wissen auf. Der Sozialismus aber ist die Lehre von einer kommenden Gesellschaftsordnung, und darum entzieht sich gerade das Charakteristische an ihm der streng wissenschaftlichen Feststellung.“ Ferner S, 37: Der Sozialismus „als die Doktrin einer für Neues kämpfenden Partei kann sich nicht lediglich an schon Festgestelltes binden.“ Früher schon erklärte er, der Sozialismus „ist so ein Stück Jenseits – selbstverständlich nicht jenseits unseres Planeten, auf dem wir leben, wohl aber jenseits von dem, worüber wir positive Erfahrung haben“ (S. 19).

Da Bernstein in den Ruf „Zurück auf Kant“ einstimmte, gilt er als ein Kantianer. Aber die wirklichen Kantianer dürften von seiner Definition des Wissens wenig erbaut sein. „Wissen heißt Erkenntnis der wahren Beschaffenheit und Beziehungen der Dinge,“ Wissen heißt also die Erkenntnis des Dinges an sich. Aber ganz abgesehen von dieser Definition des Wissens dürfte auch“ die der Wissenschaft ein allgemeines „Schütteln des Kopfes“ hervorrufen. „Wissenschaft. ist systematisch geordnetes Wissen“, also die systematische Zusammenfassung aller bekannten, feststehenden Tatsachen. Das ist unseres Wissens die Auffassung der Wissenschaft bei den Chinesen. Der Unterschied zwischen ihrer und der europäischen Wissenschaft ist der, dass diese beherrscht wird von dem Gedanken der Kausalität, dem Drange nach Erforschung der Ursachen der Erscheinungen. der Welt, Das methodische Forschen bildet für uns ebenso eine Funktion der Wissenschaft, wie das systematische Zusammenfassen des Erforschten, Das Forschen bedingt aber das Schließen vom Bekannten auf das Unbekannte, bedingt die Hypothese, Die Hypothese bildet ebenso einen Bestandteil der Wissenschaft, wie das Wissen von dem „bereits Festgestellten“, und gerade sie bildet. das höchst stehende Produkt der Wissenschaft.

Wenn ich mit den dem augenblicklichen Stande der Wissenschaft entsprechenden Methoden auf Grund der von ihr anerkannten Tatsachen vom Bekannten aufs Unbekannte schließe, so handle ich dabei wissenschaftlich und gehört meine Tätigkeit ebenso wie ihr Produkt zur Wissenschaft, ganz einerlei, ob das Unbekannte außer der Erde oder in der Vorzeit oder in der Zukunft liegt.

Wenn man aus den heute bekannten Tatsachen des gesellschaftlichen Lebens Schlüsse zieht auf dessen weitere Entwicklung, so handelt man dabei ebenso wissenschaftlich wie der Arzt, der eine Prognose stellt, wie Leverrier, der aus Störungen im Sonnensystem schloss, dass dieses noch einen bis dahin unbekannten Planeten enthalten müsse, wie Darwin, der aus den ihm bekannten Tatsachen der Biologie und Paläontologie auf die frühere Existenz eines affenartigen Ahnen des Menschen schloss.

Die Richtigkeit der Voraussage wird natürlich erst dann bewiesen, wenn. sie eingetroffen ist. Erst als man den gesuchten Planeten gefunden, ward Leverriers Berechnung als richtig dargetan, die Darwinsche Annahme wird erst an dem Tage feststehende Errungenschaft der Wissenschaft, an dem Spuren unserer affenartigen Vorfahren wirklich gefunden sind, und so wird auch die Marxsche Prognose erst dann als unerschütterliche Tatsache gelten können, wenn sie eben zur Tatsache geworden ist. Aber damit ist nicht das Geringste gegen ihre Wissenschaftlichkeit gesagt.

Vom Standpunkt der primitiven chinesischen Wissenschaft aus kann man wohl sagen, der Sozialismus könne nicht wissenschaftlich sein, weil er für Neues kämpfe, sich nicht lediglich an schon Festgestelltes binden könne. Dagegen ist dies kein Hindernis für ihn, im modernen Sinne wissenschaftlich zu sein.

Ein zweites Hindernis der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus sieht Bernstein darin, dass er eine Tendenz hat, Interessen vertritt. „Die Wissenschaft ist tendenzlos, als Erkenntnis des Tatsächlichen gehört sie keiner Partei oder Klasse an, Der Sozialismus dagegen ist Tendenz.“ Dieser Einwand ist zu abgedroschen, als dass er noch einer erheblichen Erwiderung lohnte.

Jede Wissenschaft hat ihre eigentümlichen Schwierigkeiten. Zu denen der sozialen Wissenschaften gehört auch die, dass hier die Beobachter und Forscher selbst ein Teil des Organismus sind, den sie zu erforschen haben, dass sie nicht außerhalb dieses Organismus, sondern in ihm stecken, dass Jeder dort seinen bestimmten Platz hat, von dem aus allein er ihn betrachten kann, seine bestimmten Funktionen, seine Abhängigkeiten von anderen Teilen desselben Organismus, und dass die einzelnen Glieder des Organismus im Gegensatz zu einander stehen. Das ist sicher eine sehr erhebliche Schwierigkeit, aber wenn sie wirklich so groß wäre, dass sie jede Wissenschaft ausschlösse, dann schlösse sie nicht bloß den wissenschaftlichen Sozialismus, sondern jede wissenschaftliche Erforschung der Gesellschaft aus. Dann gälte dasselbe, was Bernstein von den Sozialisten sagt, auch von den bürgerlichen Ökonomen.

Dann streichen wir die Nationalökonomie aus der Reihe der Wissenschaften. Warum wendet sich seine Kritik bloß gegen den Sozialismus? Meint er vielleicht, dass nur die Sozialisten bestimmte Interessen, bestimmte Tendenzen vertreten, und dagegen die bürgerlichen Ökonomen die „reine Wissenschaft“? Oder nimmt er an, dass es eine solche Wissenschaft außerhalb der Theorien und Lehren der einzelnen Theoretiker gibt? Diese Wissenschaft mag jenseits von Raum und Zeit und Kausalität existieren, für uns besteht sie nicht.

Dass der Sozialismus nicht wissenschaftlich im Sinne dieser reinen Wissenschaft, die nirgends existiert, und auch nicht wissenschaftlich im chinesischen Sinne sein kann, gebe ich gerne zu, Er ist nur möglich als Wissenschaft im modernen, europäischen Sinne.

Damit hätten wir die eine Seite der Frage beantwortet: Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?

Es bleibt noch die andere zu behandeln: Welcher Art muss der Sozialismus sein, der eine Wissenschaft sein soll?

„Was ist der Sozialismus?“ fragt Bernstein (S, 19) und er antwortet: „Es sind sehr verschiedene Antworten auf diese Frage möglich, aber für unsere Untersuchung können nur solche in Betracht kommen, die an die Vorstellung von einer bestimmten Gesellschaftsordnung anknüpfen. … Man kann sagen, der Sozialismus ist das Bild, die Vorstellung, die Lehre von einer bestimmten Gesellschaftsordnung, und man kann ihn auffassen als die Bewegung zu einer bestimmten Gesellschaftsordnung hin.“

Hier folgt nun der oben schon zitierte Satz vom „Jenseits“, dann wird die Frage erörtert, ob der Sozialismus besser von dem vagen Begriff der Gesellschaft oder dem der Genossenschaft abzuleiten wäre, und schließlich heißt es:

„Es gibt keine Forderung der Arbeiterparteien der Gegenwart, die nicht in den Rahmen des Genossenschaftlichen passte. In diesem Sinne habe ich seinerzeit den Sozialismus als Bewegung zur Genossenschaftlichkeit bezeichnet, und in diesem Sinne wird er hier fortan gebraucht.“

Das sieht auf den ersten Blick ganz leidlich aus, aber bei näherer Betrachtung zeigt sich diese Definition, wenigstens für unsere Zwecke hier, als unzureichend. Sie trifft eine Erscheinungsform des Sozialismus, nicht sein Wesen, ist zu oberflächlich, Die Genossenschaftlichkeit kann stets bloß Mittel zum Zwecke sein. Man organisiert sich nicht, um organisiert zu sein, sondern um bestimmte Zwecke zu erreichen, Wenn man den Sozialismus als Bewegung zur Genossenschaftlichkeit bezeichnet, könnte man ebenso gut die medizinische Wissenschaft als die Kunst bezeichnen, Arzneimittel zu verschreiben und herzustellen. Sie ist aber die Wissenschaft von der Erkennung und Heilung der Krankheiten.

Fragen wir nach dem Zwecke des Sozialismus, so ist er in seinen Anfängen der, die Massenarmut und das Massenelend zu beseitigen, die seit dem Beginn der kapitalistischen Ära die Gesellschaft überfluten Wir werden noch sehen, dass später das Streben nach Aufhebung der Massenarmut zum Streben nach Emanzipation des Proletariats wird. Aber dies Bestreben allein macht noch. nicht den Sozialisten aus, Viele Menschenfreunde suchten und suchen die Massenarmut aufzuheben, Sozialisten werden unter ihnen nur jene, die an der Möglichkeit verzweifeln, dies in der heutigen Gesellschaftsordnung zu erreichen, die daher an Stelle der bestehenden zu einer anderen zu gelangen suchen, in welcher die Massenarmut ausgeschlossen ist.

Diese zwei Elemente: das Streben nach Aufhebung der Massenarmut resp. des Proletariats, und zu diesem Zwecke die Herbeiführung eines neueren Gesellschaftszustandes, da der bestehende mit der Massenarmut resp. der Lohnarbeit besitzloser Proletarier notwendig verknüpft ist, diese Elemente bilden das Wesen des Sozialismus, und sie müssen hier besonders hervorgehoben werden. Denn sie enthalten nicht bloß, wie die „Genossenschaftlichkeit“, „ein Stück Jenseits … jenseits von dem, worüber wir positive Erfahrungen haben.“ Die Massenarmut, das Proletariat und der Kampf dagegen sind sehr reale Elemente des Diesseits, und gerade die sehr positiven Erfahrungen auf diesen Gebieten haben von Anfang an die Grundlage des Sozialismus gebildet, Ist aber die politische Ökonomie einmal zur Wissenschaft geworden, dann kann auch für den Sozialisten nur wissenschaftlich gewonnene und erprobte Erfahrung Geltung haben. So enthielt denn der Sozialismus frühzeitig ein wissenschaftliches Element und von Thomas More an haben seine großen Vertreter stets eine hervorragende ökonomische, mitunter auch historische Einsicht an den Tag gelegt.

Aber freilich, ein unwissenschaftliches Element enthielt der ursprüngliche, vormarxistische Sozialismus: das Gebiet der Wissenschaft reicht nur so weit, wie das Gebiet der erkennbaren Notwendigkeit. Wo diese aufhört, hört auch die Wissenschaft auf. Ihre Grenzen werden täglich erweitert, aber so weit sind wir doch noch nicht, das Wirken des Individuums in der Gesellschaft wissenschaftlich ergründen, das heißt, es als Notwendigkeit erkennen zu können. Bloß die gesellschaftlichen Massenerscheinungen können wir wissenschaftlicher Untersuchung unterwerfen.

Die sozialistische Bewegung bildete aber bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts keine gesellschaftliche Massenerscheinung, sondern war nur das Streben. einzelner Individuen, und ihr Ziel – die Aufhebung der Massenarmut – konnte nur verwirklicht gedacht werden als das Resultat des Wirkens einzelner Individuen, besonders mitleidvoller, kühner und tiefblickender Menschen der verschiedensten Bevölkerungsklassen. So wie wir nicht wissenschaftlich begründen können, warum dieser oder jener Akt der Wohltätigkeit notwendig eintritt, wie es uns vom Belieben des Einzelnen abhängig erscheint, ob er dem Bettler eine milde Gabe gibt oder nicht, so schien auch die Verwirklichung des Sozialismus von dem Zufall abhängig, dass man das richtige Mittel und die richtigen Leute zu seiner Durchführung ausfindig machte.

Der Sozialismus war ein Vorschlag, ein Projekt, von dessen Zweckmäßigkeit es die Leute zu überzeugen galt. Das war nur zu erreichen dadurch, dass man es ausarbeitete und dadurch allen möglichen Einwänden der Gegner von vorn herein die Spike abbrach.

Das Entwerfen eines Bildes der angestrebten Gesellschaftsform wurde also unbedingt notwendig, und da die Moresche „Utopia “ das erste Beispiel eines derartigen Bildes in neuerer Zeit darstellt, nannten Marx und Engels danach diese Art des Sozialismus die utopistische.

Bernstein hebt diese, die utopistische Seite des primitiven Sozialismus – sein Planen einer neuen bestimmten Gesellschaftsordnung, die nun zu verwirklichen, nicht bloß als das einzige Kennzeichen des Sozialismus hervor, er lässt sie auch das einzige Kennzeichen jedes Sozialismus sein, auch des marxistischen.

Die große Leistung des letzteren besteht aber gerade darin, dass er die utopistische Seite des früheren Sozialismus überwunden hat. Nur gewaltige Denker konnten diese Leistung vollbringen – vor der Zeit von Marx und Engels hätte aber auch der größte Denker sie nicht vollbringen können, weil erst in ihren Tagen die sozialistische Bewegung zu einer Massenerscheinung und damit der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich wurde, Zu Ende der dreißiger Jahre tritt ein neuer Faktor auf die geschichtliche Bühne, der in den vierziger Jahren bereits aller Augen auf sich zieht: das kämpfende Proletariat. Die früheren Sozialisten hatten nur das leidende Proletariat gesehen, die Verelendungstheorie, in dem Sinne, wie unwissende Kritikaster sie heute Marx unterschieben, bildete den notwendigen Ausgangspunkt aller vormarxistischen Sozialisten.

Mit dem Klassenkampf des Proletariats gewann nun der Sozialismus eine neue Grundlage.

Marx und Engels gingen von der wissenschaftlich gewonnenen Überzeugung aus, dass die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft notwendig bedingt sei durch die ökonomische Entwicklung und, in den Gesellschaften mit verschiedenen, gegensätzlichen Klassen, durch den aus den ökonomischen Verhältnissen entspringenden Klassenkampf.

Diese Grundlage ist rein wissenschaftlich. Das werden auch jene zugeben, die sie für falsch halten, und auch jene, die annehmen, beim Sozialismus höre die Wissenschaftlichkeit notwendig auf. Die materialistische Geschichtsauffassung ist reine Wissenschaft. Aber sie sollte das begehen, was Bernstein offenbar als ihren Sündenfall betrachtet, sie sollte angewandte Wissenschaft werden; sie sollte angewandt werden auf die ökonomische Entwicklung und die Klassenkämpfe der Gegenwart. Sollten diese begriffen und ihre Prognose gezogen werden, dann galt es, vor Allem die Entwicklungs- und Bewegungsgesetze der bestehenden Produktionsweise zu erforschen. Das hat Marx getan und den Schlüssel dazu in der Lehre vom Mehrwert gefunden. Nun wurde es erst möglich, die historische Rolle des Proletariats wissenschaftlich zu begreifen und zu beweisen, die vordem nur instinktmäßig erfasst worden war.

Marx wies nach, dass die kapitalistische Produktionsweise immer mehr zur herrschenden werden, dass aber mit dem Kapital auch das Proletariat wachsen und erstarken muss. Die Masse der Bevölkerung wird immer mehr vom Proletariat gebildet, dieses steht aber in unversöhnlichem Gegensatz zum Kapital. Sein Klassenkampf gegen das Kapital ist naturnotwendig. Er kann aber nicht ein ökonomischer bleiben. Aus dem Wesen des Staates geht es hervor, dass er ein politischer werden muss, dass Kapital und Arbeit um den Besitz der Staatsgewalt mit einander ringen.

Da aber das Proletariat die Tendenz hat, die stärkste und wichtigste Klasse der Bevölkerung zu werden, muss ihm schließlich der Sieg zufallen. Und da die Interessen des Proletariats unvereinbar sind mit denen des Kapitals, muss das siegreiche Proletariat naturnotwendig danach streben, an Stelle der kapitalistischen Produktion eine neue Produktionsweise zu setzen, deren Bild wir heute noch nicht entwerfen, deren Grundzüge wir aber. aus dem Charakter der heutigen Produktionsweise und aus den heutigen sozialen und geistigen Bedürfnissen des Proletariats ableiten können.

Dies in Kurzem der marxistische Gedankengang: auch wer ihn für falsch hält, muss zugeben, dass er wissenschaftlich ist von Anfang bis zum Ende, dass er überall auf dem Boden der Erfahrung fußt und das Unbekannte, auf das er schließt, nicht jenseits unserer Erfahrung ruht, sondern aus Bekanntem geschlossen ist.

Dieser Sozialismus ist ein ganz anderer, als der vor ihm existierende, aber da die großen Utopisten Männer von tiefer, wissenschaftlicher Einsicht waren, da ihr Ziel das gleiche, wie das des wissenschaftlichen Sozialismus, Aufhebung des Proletariats, die Grundlage dieselbe, die herrschende Produktionsweise, so ist es kein Wunder, wenn die Vorschläge der Utopisten und das Endziel der Marxisten trotz der verschiedenen Methode in innerem Zusammenhang standen und in gleicher Richtung sich bewegten, in der Richtung auf Aufhebung des Privateigentums (an den Produktionsmitteln) und der privaten Produktion und ihrer Ersetzung durch gesellschaftliches Eigentum und gesellschaftliche Produktion, oder, wie Bernstein sich ausdrückt, in der Richtung auf „Genossenschaftlichkeit“. Aber für den Utopisten lag die ganze bewegende Kraft des Sozialismus in der Zweckmäßigkeit und Vortrefflichkeit seines besonderen Vorschlags, also im „Jenseits“, Für den wissenschaftlichen Sozialisten liegt sie in der Entwicklung des Kapitals und im Klassenkampf des Proletariats, also im Diesseits Er muss nach der Erkenntnis des Endziels streben, nicht, um damit eine besonders verlockende Anziehungskraft für seine Bewegung zu gewinnen, sondern um dieser Einheitlichkeit und Geradlinigkeit das Vermeiden von Abwegen und Umwegen, von unnützen Opfern zu ermöglichen. Wie immer das Resultat seiner Forschungen ausfallen möge, die Kraft der sozialistischen Bewegung kann dadurch nie geschwächt werden, so lange das Proletariat an Zahl, Kraft und Einsicht zunimmt und sein Gegensatz zum Kapital sich nicht mindert, Die Wissenschaft dient ihm also nicht als Hilfsmittel, ein vorgefasstes Ziel zu erreichen und zu verteidigen, sie dient ihm zu dem einzigen Zwecke, das, was notwendig ist, zu erkennen. Dieser neue Standpunkt ermöglicht ihm demnach so viel Unbefangenheit, als in einer Gesellschaft der Klassengegensätze bei der Erforschung sozialer Erscheinungen überhaupt erreichbar ist.

Das Alles ist nichts Neues, Aber leider ist das Neueste, was Bernstein uns gibt, noch etwas Älteres, Das, was er uns als „Sozialismus“ vorsetzt, ist tatsächlich nichts Anderes, als eine Neuauflage des alten Utopismus.

„Das Ziel (des Sozialismus)“, heißt es (S. 24), „ist nicht ein bloß in der Theorie vorher bezeichneter Akt, dessen Eintreten mehr oder minder fatalistisch erwartet wird, sondern es ist in hohem Grade ein gewolltes Ziel, für dessen Verwirklichung gekämpft wird. Indem er sich jedoch ein solches Zukunftsgebilde als Ziel seht, und in dem Maße, als er sein Verhalten in der Gegenwart von der Rücksicht auf dies Ziel abhängig macht, ist der Sozialismus notgedrungen mit einem Stück Utopismus behaftet.“

Hier sieht Bernstein gänzlich ab von der Methode, durch die man zur Aufstellung des Zieles kam; darauf kommt aber Alles an; der Utopismus und der wissenschaftliche Sozialismus unterscheiden sich gerade durch die Methode, durch die sie zur Aufstellung ihrer Ziele kommen. Wäre aber jede Aufstellung eines Zieles, für dessen Verwirklichung gekämpft werden muss, unwissenschaftlicher Utopismus, dann war auch die klassische Ökonomie, waren die Physiokraten, Adam Smith, Ricardo, „notgedrungen mit einem Stück Utopismus behaftet“, weil um das laisser faire und um den Freihandel gekämpft werden musste. Gerade da, wo Bernstein jede Art Sozialismus „notgedrungen mit einem Stück Utopismus behaftet“ sieht, zeigt er, dass er vergessen hat, worin das Wesen des Utopismus besteht.

Wie sehr Bernstein bereits den Unterschied zwischen utopistischem und wissenschaftlichem Sozialismus vergessen hat, zeigen seine Ausführungen über den Mehrwert. Engels hatte erklärt, durch die materialistische Geschichtsauffassung „und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwertes“ wurde der Sozialismus eine „Wissenschaft“ (Anti-Dühring, 3. Aufl. S. 13).

„Hiernach könnte man versucht sein, anzunehmen“, meint Bernstein, „dass zwischen dem wissenschaftlichen Nachweis des Mehrwertes und dem Sozialismus ein innerer Zusammenhang in der Weise bestehen soll, dass aus der Tatsache des Mehrwertes sich die Notwendigkeit des Sozialismus ableite“ (S. 9). Wie aus dem Folgenden ersichtlich, fasst dies Bernstein dahin auf, als solle aus der Tatsache des Mehrwertes die Ausbeutung des Arbeiters und aus dieser Tatsache die sittliche Notwendigkeit des Sozialismus hervorgehen. Nun haben aber Marx und Engels sich ausdrücklich gegen diese Auffassung ausgesprochen, und daher müht sich Bernstein im Schweiße seines Angesichtes ab, herauszufinden, was Engels denn eigentlich mit seiner Bemerkung im Anti-Dühring gemeint haben möge, bis er schließlich glücklich zu folgender Lösung kommt:

„Es ist nicht die Tatsache des Mehrwertes schlechtweg, die für die Notwendigkeit der sozialistischen Umwandlung der Gesellschaft zeugt, sondern die Missbilligung des Mehrwertes durch die Massen, seine Missbilligung als Ausbeutung ist der Beweis für die Unerträglichkeit der gegebenen Ordnung.“

Das aber, meint er triumphierend, bedeutet doch keinen wissenschaftlichen Beweis für den Sozialismus, ja, es kann „nicht einmal als wissenschaftlicher Beweis gegen die gegebene Gesellschaft gelten. So wenig, wie etwa die Entdeckung, dass bei der Sklavenarbeit die Sklaven mehr erzeugen mussten, als sie verbrauchten, ein wissenschaftlicher Beweis gegen die auf der Sklaverei beruhende Gesellschaftsordnung gewesen wäre,“ Diese letzteren Sätze sind unanfechtbar, ebenso wie der weitere, dass die Marxsche Werttheorie zum Nachweis der Ausbeutung der Arbeiter überflüssig sei, dass man dies Vergnügen viel billiger haben könne.

Allerdings, hier hört unsere Übereinstimmung auf.

Die Utopisten, die in der Gesellschaft selbst keine Kräfte zu erkennen vermochten, welche notwendigerweise zur schließlichen Überwindung des Kapitalismus führen, die einzig darauf angewiesen waren, alle guten Menschen davon zu überzeugen, dass der Kapitalismus höchst verdammenswert sei, sie fanden einen willkommenen Helfer in der Werttheorie, wie sie Smith und dann Ricardo entwickelt hatten, aus der sie die Tatsache der Ausbeutung des Arbeiters bereits vor Marx ableiteten, um daraus die Verwerflichkeit der heutigen Produktionsweise zu schließen. Was Bernstein hier, wie vor ihm Menger, als die Marxsche Auffassung betrachtet, ist tatsächlich die Auffassung diverser Utopisten der vierziger Jahre. Marx ist es nie eingefallen, weder auf direktem noch auf dem von Bernstein ausgetüftelten indirekten Wege aus der Tatsache der Ausbeutung der Arbeiter einen „wissenschaftlichen Beweis“ für den Sozialismus oder auch nur gegen den Kapitalismus schmieden zu wollen, So primitiv war seine Auffassung nicht. Man muss aber schon völlig vergessen haben, worin die Eigenart des wissenschaftlichen Sozialismus besteht, man muss schon ganz in der utopistischen Denkart untergegangen sein, um aus den Engelsschen Worten etwas anderes herauszulesen, als das was darin steht: Es heißt dort ausdrücklich, der Sozialismus wurde eine Wissenschaft durch „die Enthüllung dess Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwertes“.

Kein Wort davon, dass einfach aus der Tatsache der Ausbeutung die Notwendigkeit des Sozialismus folgt. Sondern nur durch die Theorie des Mehrwertes find die Bewegungs- und Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft, die Rolle der Frauen- und Kinderarbeit, der unqualifizierten Arbeit, der Maschine, der Konzentration des Kapitals etc., zu erkennen, und nur aus ihrer Erkenntnis kann ein wissenschaftlicher Sozialismus hervorgehen, Für den Utopisten mag die empirisch festgestellte Tatsache, dass die Arbeiter Mehrprodukt liefern, genügen. Für den wissenschaftlichen Sozialisten ist sie ungenügend, schon deshalb, weil diese Tatsache nichts der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliches ist, also unmöglich die ihr eigentümlichen Entwicklungs- und Bewegungsgesetze aufdecken kann, aus denen allein wissenschaftliche Schlüsse auf das Wesen der ultrakapitalistischen Produktion, der wir entgegen gehen, gezogen werden können.

Die Unfähigkeit Bernsteins, die Bedeutung der Theorie des Mehrwertes für die Theorie des Sozialismus zu begreifen, zeigt auffallend, wie tief er in die primitiven utopistischen Anschauungen zurück versunken ist, Nicht minder zeigt er dies im Nachtrag IV. Dort sieht er die Kraft, die zum Beitritt zur sozialistischen Partei zwingt, in „dem auf Einsicht in die größere Gerechtigkeit und Zweckmäßigkeit sozialistischer Einrichtungen beruhenden Willensentschluss“ (S. 77). In der Praxis kommt es nach ihm „auf den Beweis von der Wünschbarkeit und Möglichkeit einer, sozialistischen Gesellschaftsordnung an. Die sozialistische Agitation ist bisher stets auf diesen Nachweis hin geführt worden, zieht aus ihm ihre werbende Kraft“.

Davon ist mir nichts bekannt. Die sozialistische Agitation zieht ihre werbende Kraft aus dem proletarischen Klassenkampf, aus dem.wissenschaftlichen Nachweis der Unvereinbarkeit proletarischer und kapitalistischer Interessen. Wollten wir dagegen die Agitation auf dem von Bernstein vorgeschlagenen Boden führen, wollten wir dabei die Zweckmäßigkeit der sozialistischen Gesellschaftsordnung auseinandersetzen, so könnten wir dies nicht tun, ohne, wie schon oben erwähnt, ein genaues Bild derselben zu entwerfen. Wir müssten aber auch eine Garantie dafür übernehmen, dass es im Zukunftsstaat auch wirklich so zweckmäßig aussehen wird, wie wir es verheißen, Wir müssten uns also auf die Durchführung eines heute schon in allen wesentlichen Grundzügen fertigen Planes verpflichten – kurz, wir müssten wieder Utopisten werden und den Zukunftsstaat diskutieren, wie wir es vor einem Vierteljahrhundert getan, als wir noch nicht den Marxismus verdaut hatten.

Die Erfolge unserer jetzigen Methode geben uns keinen Grund, zu dieser Methode der Jugendjahre unserer Partei zurückzukehren, Wir wollen unsere Kraft wie bisher nicht aus dem Nachweis der Zweckmäßigkeit frommer Wünsche schöpfen, sondern aus der Erkenntnis des Klassengegensatzes zwischen Kapital und Proletariat, aus der Erkenntnis der wachsenden Kraft des letzteren und aus der Erkenntnis, dass sein Sieg unvereinbar ist mit der Fortdauer der kapitalistischen Produktionsweise. Das sind Erkenntnisse, deren Richtigkeit man bestreiten, die man aber auf keinen Fall von dem Nachweis der Zweckmäßigkeit des vor uns liegenden Unbekannten abhängig machen kann. Diese Zweckmäßigkeit selbst können wir nicht dadurch sichern, dass wir uns heute über die sozialistische Gesellschaftsordnung die Köpfe zerbrechen, sondern nur dadurch, dass wir im Proletariat Erkenntnis und methodisches Denken verbreiten. Erkenntnis, Erkenntnis und immer wieder Erkenntnis, das ist unsere Aufgabe. Und so wollen wir in jeder Beziehung bleiben, was wir geworden sind: Anhänger des wissenschaftlichen Sozialismus.

Wissenschaftlicher Sozialismus ist notwendig und er ist möglich. Er besteht schon tatsächlich. Aber wir haben bereits gesehen, er ist nicht möglich in dem primitiven Sinne, in dem Bernstein die Wissenschaft auffasst. Wir sehen jetzt, dass er auch nicht möglich ist in dem primitiven Sinne, in dem Bernstein heute den Sozialismus auffasst. Dies die Antwort auf die Frage, die er als Titel seines Vortrags aufstellt. Bernstein hat also vollständig recht, wenn er für seinen besonderen Sozialismus die Bezeichnung wissenschaftlich ablehnt. Aber er hat keine Ursache, ihn mit Berufung auf Kant und Labriola als „kritischen“ zu bezeichnen. Sein Kritiker im „Vorwärts“ hat bereits darauf hingewiesen, dass für Kant Wissenschaft und Kritizismus gleichbedeutend sind. Und Labriola weist in demselben prächtigen Buche („Essays sur la conception matérialiste de I’histoire“), in dem er den Marxismus „kritischen Kommunismus“ nennt, den wissenschaftlichen Charakter desselben aufs Klarste und Überzeugendste nach.

Der eigenartige Sozialismus Bernsteins begann seinen Entwicklungsgang mit der Artikelserie über die Probleme des Sozialismus, seine Leistungen bestehen bisher bloß im Aufwerfen von Problemen, deren er keines löst, er verläuft sich immer weiter in einem Irrgarten von Problemen, aus denen er keinen Ausweg findet, und sein Zweck und Ziel werden selbst immer mehr ein Problem – sollte man ihn da nicht am geeignetsten als problematischen Sozialismus bezeichnen? Oder, da er aus lauter Bedenken zusammengesetzt ist und aus ihnen nicht herauskommt, als bedenklichen Sozialismus?

Das war freilich nicht das Ziel gewesen, das sich Bernstein setzte, als er, ein Jahr nach Engels‘ Tode, mit dem Aufwerfen von Problemen des Sozialismus begann. Er zog aus auf stolzen Rossen zum Revisionsfeldzug gegen die unwissenschaftlichen Boxer in der Sozialdemokratie, denen er eine höhere Kultur bringen wollte. Er glaubte einige Reste von Utopisterei auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Sozialismus entdeckt zu haben, Die galt es zu verjagen.

Noch in seinen „Voraussetzungen“ (1899) fragte er seine Kritiker, ob „es sich denn überhaupt um Überwindung des Marxismus handelt oder nicht vielmehr um Abstoßung gewisser Reste von Utopismus, die der Marxismus mit sich herumschleppt und in denen wir die Urquelle der Widersprüche in Theorie und Praxis zu suchen haben, die dem Marxismus von seinen Kritikern nachgewiesen sind?“ (S. 179). Und er erklärte: „Wer sich aber nur ein wenig theoretischen Sinn bewahrt hat, für wen die Wissenschaftlichkeit des Sozialismus nicht bloß ein Schaustück ist … der wird, sobald er sich dieser Widersprüche bewusst wird, auch das Bedürfnis empfinden, mit ihnen aufzuräumen.“

Heute erklärt sich der Weltfeldmarschall der vereinigten Revisionäre nicht bloß für unfähig, mit diesen angeblichen letzten Resten von Utopismus fertig zu werden, er streckt vielmehr vor dem Utopismus seine Waffen und erkennt ihn als legitimen Herrscher im Reiche des Sozialismus an.

Es ist nur logisch, wenn Bernstein hiermit als wissenschaftlicher Sozialist abdankt.


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