[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, I. Band, Nr. 17, S. 513-516]
f Berlin, 23. Januar 1901
Der neue Brief, den der „Vorwärts“ aus den Geheimakten des Herrn Bueck veröffentlicht hat, bringt nicht so überraschende Enthüllungen, wie die Zwölftausendmarkgeschichte war, ist aber als Beitrag zur Zeitgeschichte noch interessanter. Er kennzeichnet die Herrschaft der Großindustrie über die Regierung in ihrer normalen Gestalt und kann nicht als ein vereinzelter „Missgriff“ abgetan werden. Was hier schwarz auf weiß vorliegt, zeigt in bengalischer Beleuchtung, wie die Staatsgewalt die Geschäfte der herrschenden Klassen betreibt, ihnen mit Rat und Tat unter die Arme greift und wiederum von ihnen Unterstützung durch Rat und Tat erbittet.
Es ist in gewissem Sinne ganz richtig, wenn die großindustrielle Presse in ihrer peinlichen Verlegenheit stammelt, der Brief enthalte ja gar „nichts Neues“, und nur die gewohnten Übertreibungen der sozialdemokratischen Blätter könnten ein großes Wesen davon machen. Der Brief enthält wirklich nichts als die Bestätigung eines Verhältnisses, das schon im Kommunistischen Manifest als der in der modernen bürgerlichen Gesellschaft normale Zustand erläutert worden ist, und insoweit möchte sich die sozialdemokratische Presse zwar nicht einer gewohnten, aber doch einer ungewöhnlichen Übertreibung schuldig machen, wenn sie ein großes Wesen davon machen würde. Jedoch ist dies „große Wesen“ allein dadurch verschuldet, dass dieselben weisen Männer, die jetzt in den Offenbarungen des Herrn Bueck „nichts Neues“ entdecken, eben diesen alten Zustand bisher stets aufs Heftigste geleugnet haben. Wollen sie von der üblen Gewohnheit lassen und künftighin die Dinge anerkennen, wie sie sind, so glauben wir uns ihnen dafür verbürgen zu können, dass die sozialdemokratische Presse von dem Briefe des Bueck gar nicht mehr sprechen und ihn gern zu den Akten legen wird, nachdem er endlich die nötige Klarheit geschaffen hat.
Wir sind die Unmenschen nicht, von den Raben zu verlangen, dass sie singen, oder von den Wölfen, dass sie beten sollen. Hat die Großindustrie die Macht, ihren Willen der Regierung aufzuzwingen, so ist es ganz in der Ordnung, dass sie diese Macht gebraucht, und die spaßhafte Frage eines großindustriellen Blattes, ob die Sozialdemokratie nicht auch die Regierung nach ihrer Pfeife tanzen lassen würde, wenn sie anders die Macht dazu hätte, beantworten wir ganz ernsthaft mit Ja. Wir verraten damit kein Geheimnis, denn die Sozialdemokratie betreibt ihre Agitation ganz öffentlich, und der Zweck dieser Agitation ist kein anderer, als der Regierung den Willen der Arbeiterklasse aufzuerlegen. Ein Unterschied besteht nur darin, dass die Sozialdemokratie ihre Agitation eben öffentlich treibt, dass sie ihre Absichten durchaus nicht verhehlt und weder sich glauben macht, noch Andere glauben machen will, die rücksichtslose Wahrnehmung der Arbeiterinteressen sei zugleich eine Verteidigung der Grundrente und des Kapitalprofits.
Die Sozialdemokratie kann ihr Spiel mit offenen Karten spielen; sie braucht nicht, wie Herr Bueck, die Hintertreppe zum preußischen Handelsminister hinaufzusteigen. Sie hat keinen Anlass, bei Herrn Brefeld zu petitionieren und sich von ihm mit höflichen Redensarten abspeisen zu lassen, denn wir glauben nicht, dass er sein Herz gegen Bebel so aufschließen würde, wie gegen Herrn Bueck, Aber selbst wenn sie den Einfluss auf einen Minister besäße, den Herr Bueck auf seinen Freund Brefeld besitzt, so würde sie öffentliche Angelegenheiten auch öffentlich behandeln. Nicht dass die Regierung tanzt, wie die Großindustrie ihr aufspielt, ist der Regierung oder der Großindustrie zum Vorwurf zu machen, sondern nur dass beide ihren Wein heimlich trinken, während sie öffentlich Wasser predigen. Die Regierung soll nicht so tun, als ob sie unparteiisch über den Klassen schwebe, und die Großindustrie soll nicht so tun, als opfere sie sich über das allgemeine Wohl auf. Mehr kann man von ihnen nicht verlangen, aber so viel muss man von ihnen verlangen, damit die große Masse der Nation wisse, woran sie ist.
Bis es so weit kommt, darf allerdings das Licht, das Herr Bueck in seinen interessanten Briefen angezündet hat, nicht erlöschen, Der urkundliche Beweis dafür, dass die Sozialdemokratie Recht gehabt hat, den Arbeitern von je und je zu sagen: Ihr habt nichts von der Regierung zu erwarten, die Euch nicht helfen will und die Euch nicht einmal helfen könnte, selbst wenn sie Euch helfen wollte, wird erst dann zu einem gleichgültigen Blatt Papier, wenn die Tatsache selbst sich allgemeiner und unbestrittener Anerkennung erfreut. Als im Jahre 1890 die bekannten Februarerlasse erschienen und der preußische Handelsminister v. Berlepsch der Ödipus der sozialen Frage werden sollte, erkannte die sozialdemokratische Presse bereitwilligst an, dass hinter dieser großen Haupt- und Staatsaktion wohl ein ganz aufrichtiger Wille stecken möge, aber sie fügte sofort hinzu, dass nichts oder nichts Nennenswertes dabei herauskommen würde, Die Regierung, die nichts Anderes sei, als die Organisation der herrschenden Klassen, könne gegen den Willen dieser Klassen nicht aufkommen und müsse schließlich, selbst wenn man ihren besten Willen voraussetze, die Segel streichen. Wie ist diese richtige Ansicht damals verketzert worden als ein Ausfluss hämischer Demagogie, die aus den frivolsten Beweggründen immer Unfrieden säen müsse zwischen Krone und Volk!
Aber nicht lange, und die sozialdemokratischen Prophezeiungen erfüllten sich Wort für Wort, Nachdem es Herr v. Berlepsch unter Hängen und Würgen zu einigen kümmerlichen Anläufen im Interesse der Arbeiterklasse gebracht hatte, „bekam“ ihn die Großindustrie „klein“; er musste gehen, und an seine Stelle kam Herr Brefeld, der damit begann, dem Vertreter der Großindustrie die bindendsten Garantien zu geben? die Organisation der Arbeiter sei gefährlich, ihre Lage sei vollkommen befriedigend, die Klagen darüber seien ein Unfug; so denke auch der Kaiser, und wenn etwa noch ein rebellischer Geheimrat anders denke, so werde er mit dem „ernsten Willen seines Chefs“ kuriert werden, womit jeder preußische Geheimrat zu kurieren sei. Wenn das Hauptorgan Stumms versichert, in alledem sei nichts enthalten, was nicht alle Welt wissen dürfe, nun wohl, weshalb hat sich Herr Brefeld mit diesen schönen Bekenntnissen einer Staatsmannsseele nicht gleich im preußischen Landtag eingeführt, statt sie in den verschwiegenen Busen des Herrn Bueck zu schütten? Dann wären wir ja ganz einig. Wir haben kein Recht von der Großindustrie zu verlangen, dass sie sich den Arbeiterinteressen annehme, und wir haben kein Recht von der Regierung zu verlangen, dass sie leisten soll, was sie nicht leisten kann, dass sie die eiserne Faust zerbreche, die sie im Nacken gepackt hält. Was wir eben verlangen dürfen und was wir, wenn es uns versagt wird, auf jede uns zugängliche Weise zu schaffen versuchen, das ist ehrliches und offenes Spiel. Schmiegt sich die Regierung unter das Joch der Großindustrie, so soll sie nicht von ihrem warmen Herzen für die Arbeiterklasse und dergleichen schönen Dingen reden. Geschieht das nicht mehr, so sind wir mit Herrn Brefeld sehr zufrieden, ja viel zufriedener als mit Herrn v. Berlepsch. Es trifft sich zufällig, dass die Enthüllung darüber, wie die Großindustrie Herrn v. Berlepsch als preußischen Handelsminister „klein bekommen“ hat, mit einem neuen Versuch dieses Herrn zusammenfällt, den Ödipus der sozialen Frage zu spielen. Herr v. Berlepsch hat eine Deutsche Gesellschaft für soziale Reform zusammengetrommelt, indem er alle möglichen Rekruten aus allen möglichen bürgerlichen Parteien sammelte, von Stoecker bis Sonnemann; und diese Gesellschaft hat mit einem Selbstbekenntnis der Ohnmacht begonnen, wie es in der Geschichte des Vereinslebens einzig dasteht? ihre GeneralversammIungen dürfen keine bindenden Beschlüsse fassen. Es könnte ja sein – wer weiß es? – dass sich in diesen Generalversammlungen unbequeme Elemente einfänden, die nicht bloß einige wohlfeile Phrasen über soziale Reform her dreschen, sondern der großen Industrie allzu nahe auf den fetten Leib rücken möchten. Herr v. Berlepsch, der, wie wir nunmehr aus den vertraulichen Bekenntnissen des Herrn Bueck wissen, in so unzeremoniöser Weise aus seinem Ministeramt gemaßregelt worden ist, weiß sehr gut, dass mit den großen Herren vom Zentralverband der Industriellen schlecht Kirschenessen ist.
Zu Ehren des Herrn v. Berlepsch nehmen wir gern an, dass er nicht Andere täuschen will, sondern dass er sich selbst täuscht, aber je mehr er sich selbst täuscht, um so dringender wird die Gefahr, dass er Andere täuschen kann. Auch in dieser Beziehung hoffen wir einige heilsame Wirkungen von dem Briefe des Herrn Bueck. Wir sehen daraus, dass die große Industrie kein Erbarmen und keine Rücksicht kennt; so kümmerlich die sozialreformatorischen Anläufe des Herrn v. Berlepsch waren, er musste über die Klinge springen, da er sich ihr nicht mit Leib und Seele verschrieb. Sie handelt nach dem biblischen Worte: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Ob diese Taktik sittlich ist, darüber mag man streiten, je nach den Begriffen, die man von Sittlichkeit hat: dass sie wohl überlegt und vom Standpunkt der großen Industrie richtig ist, lässt sich nicht bestreiten, Die große Industrie weiß, dass ihre Füße tönern sind, und sie will nicht, dass unberufene Hände an diesen Füßen herum klauben Mag sie dabei auch nicht allzu große Gefahr laufen, so ist sie in diesem Punkte doch überaus kitzlig; sie will ihren Kampf gegen die Arbeiterklasse in der härtesten und schonungslosesten Form führen.
Mit dieser Taktik der großen Industrie ist aber auch die Taktik der Arbeiterklasse gegeben. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob den Arbeitern überhaupt jemals mit einer halben Politik gedient sein kann; in jedem Falle belehrt sie der Brief des Herrn Bueck darüber, dass solchen Gegnern gegenüber jede halbe Politik ein ganzer Verrat an ihrer Zukunft sein würde, Die Macht, von der die Großindustrie einen so rücksichtslosen Gebrauch macht, kann ihr nur entrissen werden, wenn die Arbeiterklasse ihre Macht gleichfalls in der rücksichtslosesten Weise aufbietet. All das süße Liebesgurren, womit die bürgerlichen Sozialreformer in den letzten Jahren die Sozialdemokratie zu kirren versucht haben, erhält durch den Brief des Herrn Bueck das gründlichste Dementi. Es ist eine gar wackere Schaar, diese Kohorte von Sozialreformern, die den industriellen Arbeitern Schutzmaßregeln erkämpfen will, unter der Führung des Herrn v. Berlepsch, der noch lendenlahm ist von dem Fluge durchs Fenster, womit ihn die große Industrie von seinem Ministersessel zu expedieren gewusst hat.
Die großindustrielle Presse wird vermutlich sagen, das sei ja auch „nichts Neues“; Krieg sei Krieg, und im Kriege gehe es eben her wie im Kriege. So viel geben wir auch bereitwillig zu, und beschränken unsere Wünsche nur auf das bescheidene Maß, dass unsere Gegner sich in ihrer öffentlichen Tätigkeit derselben ungeschminkten Offenheit befleißigen mögen, wie Herr Bueck in seinen intimen Bekenntnissen. Verfechten sie ihre Sache nur erst so ehrlich, wie diese Sache nach ihrer Behauptung gerecht und heilig sein soll, so kann von unsertwegen die ganze Briefschreiberei des Herrn Bueck im Papierkorbe verschwinden.
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