[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 1, 1. Januar 1902, S. 1 f.]
Im Gedränge und Getöse des Feldzugs gegen die Wucherzölle ging das alte Jahr zur Rüste, steigt das neue Jahr herauf. Eindringlicher als manches andere seiner Vorgänger kündigt sich 1902 als eine Zeit des heißesten, leidenschaftlichen Kampfes an. Eines Kampfes, dem helllodernd die feurigen Wahrzeichen des Klassenkampfes voran leuchten, und der vom Proletariat nur in diesem Wahrzeichen siegreich durchgefochten werden kann. Eines Kampfes, an dessen Ausgang die proletarische Frauenwelt ein allseitiges, tiefstes Interesse hat, den sie trotz ihrer politischen Rechtlosigkeit mitentscheidet, und für den sie folglich auch mitverantwortlich ist.
Das Ringen und Streiten gilt hohem Preise.
Schwerwiegend sind die Interessen, welche die Arbeiterklasse und mit ihr die Proletarierin als Konsumentin und Produzentin zu verteidigen hat gegen die schamlose Raffgier des kleinen, aber schier allmächtigen Klüngels der krautjunkerlichen und schlotjunkerlichen Zollwucherer. Denn an den drohenden Teuerungspreisen und dem bedrohten Erwerb hängt auch für die proletarische Frau – und gerade für sie – mehr als nur das dornenvollste Sorgen um des Leibes Nahrung und Notdurft, hängt ihre und der Ihren Gesundheit, Lebensfreude, Leistungsfähigkeit, Bildung und Sittlichkeit. Mit ehernen Sohlen müssen die unaufhaltsam heranstürmenden Folgen des Zollwuchers in den proletarischen Massen blühendes Menschenleben und knospendes Menschentum zermalmen, das nach der Wärme und Licht spendenden Sonne einer höheren Kultur drängt.
Schwerwiegend sind auch die Interessen, welche die Arbeiterklasse und mit ihr die Proletarierin an der politischen Niederzwingung der beutefrechen Zollwucherer hat. Triumph oder Niederlage der Krippenreiter unserer Tage bedeutet nicht mehr und nicht weniger als Stärkung oder Erschütterung der politischen Junkerherrschaft, als Stärkung oder Erschütterung der noch übermächtigen Reste des Feudalregimes, in deren Schatten sich das kapitalistische Ausbeutertum flüchtet und verdauungsselig wohl sein lässt. Einem höllischen Alb gleich lastet diese Junkerherrschaft auf unserem politischen und sozialen Leben, Deutschlands Entwicklung zu einem wirklich modernen, demokratischen Staatswesen wehrend und damit Hindernis über Hindernis für den politischen und wirtschaftlichen Klassenkampf des Proletariats türmend. Aus den ragenden stark-trotzigen Resten des Feudalismus hat die deutsche Kapitalistenklasse gar manches politische Zwing-Uri für die Ausgebeuteten erbaut; aus seiner Rüstkammer gar manche wuchtige, infame Waffe im Kampfe gegen die ungebärdigen Lohnsklaven entlehnt; in dem blaublütigen Geburtsadel der Kanitze und Manteuffel hat der goldhändige Geldadel der Stümmlinge noch immer seine getreuesten und skrupellosesten Bundesbrüder, seine politischen Hausknechte für alles gefunden.
Und ist es nicht die Proletarierin, die so gut wie ihre Brüder der Fron und des Leidens, der Hoffnung und des Kampfes, unter diesem Stande der Dinge leidet, ja vielfach noch mehr wie diese ihre Brüder? Bessere Bildung, welche das Auge klarblickend, das Herz begeisterungs- und opferfähig, den Willen kühn macht, bedarf sie, die künstlich in Rückständigkeit und Stumpfsinn Gehaltene, so dringend wie jene. Noch weniger als ihre Klassengenossen kann sie, die sozial Schwächere, die um ihrer Mutterschaft und deren Beipflichtungen willen Rücksichtsbedürftigere, durchgreifender sozialer Reformen entraten. Erweiterung und Sicherung der politischen Freiheiten ist für sie, die politisch Rechtlose, von höchstem Werte als eine Bürgschaft dessen, dass die Stunde näher rückt, in welcher das Ende ihrer politischen Unmündigkeit vor dem Gesetz schlägt. Allein ist nicht jede Reform, welche die Proletarierin als Angehörige der ausgebeuteten Klasse, welche sie als Angehörige des sozial unterdrückten weiblichen Geschlechts heischen muss, in den Junkern und Junkergenossen den tödlichsten Feinden begegnet? Dass die Mauern der Junkerherrschaft gebrochen und geschleift werden, ist eine unerlässliche Vorbedingung dafür, dass das Proletariat siegreich zur politischen Macht emporsteigt, dass die Proletarierin gleich gerüstet, gleich wehrtüchtig, wie der Proletarier die Schlachten um Macht und Befreiung mit schlägt
Nieder mit dem Zollwucher, nieder mit der Junkerherrschaft muss deshalb im neuen Jahre vor Allem die Tageslosung der proletarischen Frau sein, die leidbebürdet aber zukunftsfroh dem inbrünstigen Sehnsuchtsschrei: Sozialismus, dein Reich komme, den heiligen Eidschwur hinzufügt: Sozialismus, ich kämpfe für dein Reich. Denn auch in ihre Hand ist die Macht gegeben, das ihrige dazu zu tun, auf dass der unstillbare Beutehunger Derer gebändigt werde, die schon ohnehin auf Kosten des ausgebeuteten Volkes Satte und Übersättigte sind; das grenzenlose Herrschaftsgelüste Jener zu zügeln, die bereits heute in brutaler Gewaltfülle den Fuß auf den Nacken der proletarischen Massen setzen. Gebieterisch weisen die Reichstagsverhandlungen um den Zolltarifentwurf darauf hin, dass die Proletarierin diese Macht nütze. In wünschenswertester, handgreiflicher Deutlichkeit lassen sie in Erscheinung treten, wo die letzte Entscheidung über die sträflichen Absichten zur Auspowerung und Verknechtung der Arbeiterklasse fällt, und wer sie fällt. Nicht im Reichstag können die profit- und machtgierenden Zollwucherer von einer parlamentarischen Majorität geschlagen werden, es müssen sie vielmehr die proletarischen Massen außerhalb des Parlaments niederringen.
In der Tat, welches ist die Kampfessituation, die durch die vieltägige erste Schlacht um den Tarifentwurf enthüllt wurde? Mit Haut und Haar hat sich die Reichsregierung – das beweist das Rededefilé der Minister – den Brotverteuerern verschrieben. Und Arm in Arm mit der Regierung des Zollwuchers marschieren die bürgerlichen Mehrheitsparteien des Reichstags, marschieren die kleineren bürgerlichen Fraktiönchen der Polen und Elsässer. Hohnlachend stampfen die Träger der Teuerungspolitik über jedes Bedenken hinweg, das die Rücksicht auf das Wohl der Massen dem eingeleiteten Beutezug in den Weg stellt. Ihr Ohr hört nicht den Schrei der Plage, der dumpf, verzweifelt aus Millionen Kehlen bricht; ihr Auge ist blind für das bergehoch sich häufende Elend der Werktätigen. Den Massen die Sklavenpflicht uns tribut- und schurpflichtig zu sein; uns das Herrenrecht die Massen zu scheren: das ist die Moral der Zollfrevler. Ungetrübt durch jede Sentimentalität klingt sie aus den beiden geflügelten Worten heraus, welche die Schilderung blutigsten Jammers den Reihen der Herren entlockte. Aus Rösickes Wort des Hohnes für den Hunger: „Ich esse auch Kartoffeln“, aus Graf Arnims Wort „der Lästerung des Hungers“: „Der Vater wird wohl alles versoffen haben.“
Kaum jemals ist eine schlechte Sache schlechter, erbärmlicher verteidigt worden, als es mit dem Zollwucher im Reichstag geschehen. Seine Nutznießer und Zutreiber können auf ernste Rechtfertigungsgründe als auf einen überflüssigen Luxus verzichten. Sie wissen sich in den gesetzgebenden Körperschaften im Besitz der Macht, und sie sind willens, diese ihre Macht zu brauchen und zu missbrauchen, dafern sie nur können. Auch nicht die vortrefflichsten, die unanfechtbarsten Gründe sind Schranken, an denen ihre Macht, ihr Wille zerschellt. Macht kann nur durch Macht gebrochen werden. Der Junkermacht in den gesetzgebenden Körperschaften gilt es die Volksmacht außerhalb derselben entgegenzustellen.
Die Opposition der bürgerlich Freisinnigen und Volksparteiler ist aber ohnmächtig, eine große Volksbewegung zu entfesseln. So gründereich, so sachkundig, so scharf zum Teil auch die Reden der Richter, Gothein, Payer, Pachnicke sind, es fehlt ihnen die Zauberkraft, welche die breiten Massen zum politischen Leben weckt und zum politischen Kampfe führt. Sie muss ihnen fehlen, denn ihre Auffassung geht nicht über die bürgerliche Gesellschaft hinaus, ihre Kritik tastet diese nicht an. Die Sozialdemokratie dagegen läutet mit ihren Parlamentsreden die Sturmglocke, welche die proletarischen Massen zur Verteidigung ihrer Interessen auf die Schanze ruft. Denn in diesen Reden pulsiert die zwingende Kraft der großen Leidenschaft, die einzig und allein von einem grundsätzlichen Kampfe ausgelöst werden kann. Ihre Kritik wendet sich mit voller Wucht und Schärfe gegen die kapitalistische Ordnung, deren legitimes Kind der Zollwucher ist. Sie weisen über die Beutepläne der Junkersippe hinaus dem Kampfe der Massen ein höheres Ziel: die Beseitigung des Kapitalismus, den Aufbau einer neuen Welt. So wird die Sozialdemokratie zur Weckerin, Organisatorin und Führerin der Massen, der Volksbewegungen großen Stils. Sicherlich ist es den agrarischen und industriellen Schnapphähnen äußerst schmerzhaft, von den Molkenbuhr, Bebel und Singer im Reichstag nicht mit den freisinnig-bürgerlichen Peitschen gezüchtigt zu werden, wohl aber mit den sozialdemokratischen Skorpionen. Jedennoch größer als ihr Schmerz ist ihre Wut darüber, dass jeder ihnen ausgeteilte sozialdemokratische Hieb die Massen außerhalb des Reichstag; aufrüttelt und für den Kampf begeistert.
Siegreich wird die Sozialdemokratie über den Zollwucher hinwegschreiten, wenn es ihr gelingt, im Kampfe wider ihn die Massen der bedrohten Ausgebeuteten hinter sich zu sammeln. Die im alten Jahre kraftvoll eingeleitete Protestaktion darf während der Zeit der Kommissionsberatungen nicht abflauen. Umgekehrt, sie muss im neuen Jahre mächtiger und mächtiger anschwellen, bis ihre Wogen über dem Zollwucher zusammenschlagen. So halb-absolutistisch auch gegenwärtig im Deutschen Reiche die Zeitläufte sind: Regierungen und Volksvertretungen müssen unter der Herrschaft des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts immerhin mit Massenbewegungen rechnen. Die Majorität, welche heute noch den Wagen der Zollwucherer zieht, schrumpft morgen zu einer Minorität zusammen, wenn der weisen Einsicht der Volksvertreter durch die weisere Furcht vor dem Zorn und dem Abfall der Wählermassen auf die Beine geholfen wird. Wie bei dem Zuchthausgesetz, so muss auch bei dem Zollwucher die parlamentarische Tugend mit dem Schrecken vor „dem Massenschritt der Arbeiterbataillone“ regiert werden.
In allen großen Volksbewegungen gegen den Lebensmittelwucher sind die Frauen in erster Reihe gestanden. Von furchtbarer Not aufgepeitscht waren es die Frauen des Pariser Volkes, die am 5. und 6. Oktober 1789 „den Bäcker und die Bäckerin“ (König Ludwig XVI. und Marie Antoinette) aus Versailles nach der Hauptstadt zurückführten. Mögen die drohenden vieläugigen Plagen die deutsche Proletarierin bestimmen, sich als tragende und treibende Kraft der Volksbewegung gegen die Beutepolitiker zu betätigen. Sie sei eingedenk, dass mancher Zollwucherer nicht bloß von Gnaden männlicher, wahlberechtigter Dummheit in dem Reichstag sitzt, sondern auch dank weiblicher nicht wahlberechtigter Gleichgültigkeit und Rückständigkeit Kampfesgenossinnen, ans Werk, um in der entferntesten Hütte, um in der trostlosesten Werkstatt die proletarischen Frauen zu Wissenden, Wollenden und Kämpfenden zu schulen, sie als bewusste, unversöhnliche Gegnerinnen dem Zollwucher entgegenzustellen! Es gilt hohem Preise. Der Zollwucher schädigt die Kampfestüchtigkeit des Proletariats im Ringen um seine Befreiung. Der Zollwucher hemmt heute in Deutschland die wirtschaftliche Entwicklung, welche die materiellen Voraussetzungen der sozialistischen Gesellschaft zeitigt. Der Zollwucher stärkt die Geldsacksgewalt und politische Macht der arbeiterfeindlichsten, reaktionärsten Klassen. Nieder mit ihm!
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