[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 4, 13. Februar 1901, S. 25 f.]
Wem wohl drängt sich in drückenderer Schwere die Sorge ums tägliche Brot auf, als der Arbeiterfrau, der Arbeiterin? Der Arbeiterfrau, an die täglich, stündlich die Aufgabe herantritt, mit knappem und knappstem Wirtschaftsgelde den Tisch für die Familie zu bestellen, an dem gewöhnlich nicht wenige, oft aber sogar sehr viele Hungrige sitzen! Der Arbeiterin, die mit kargem Lohn, wohl auch mit wahren Bettelgroschen ihres Leibes Nahrung und Notdurft bestreiten muss! Im Haushalt der Einen wie der Anderen aber spielt das Brot die wichtigste Rolle. Brot ist für die proletarische Hausmutter und die Ihrigen, ist für die Arbeiterin der „Stab des Lebens“, um mit den Engländern zu reden, das Hauptnahrungsmittel, dem an Bedeutung kein anderes gleichkommt. Die Näherin oder Fabriklerin, die Morgens, Mittags oder Abends ihre „Schmalzstulle“ in Zichorienbrühe „stippt“, welche sich trügerisch unter dem Namen Kaffee einführt; die Arbeiterfrau, die nach berühmten Rezepten bürgerlicher Auch-Arbeiterfreunde aus Knochen, Kartoffeln und Gemüseabfällen „kräftige Kost“ bereitet: sie können sich ja nur einen winzigen Verbrauch von Fleisch, Butter, Eiern, Milch etc. gestatten.
Brotverteuerung in Aussicht! Wie furchtbar muss deshalb nicht dieser Ruf Millionen deutscher Proletarierinnen in die Ohren gellen. Ein Heer finsterer Plagen wälzt sich gegen sie mit dem Steigen der Brotpreise heran. Brotverteuerung in Aussicht! Und warum? Weil eine Erhöhung der Getreidezölle die Preise der Brotfrucht in die Höhe treiben soll. Also will es das Krautjunkertum, und der Wille dieses je und je volksgefährlichen Klüngels scheint in Deutschland das höchste Gesetz. Stramm wie ein Unteroffizier ist die Regierung den Wünschen der schreienden Agrariersippe von Ostelbien und anderwärts eingeschwenkt. Nach den Erklärungen des plauderfrohen Bülow ist kein Zweifel, dass sie bereit ist, den Hunger des Volkes den beutegierigen Großgrundbesitzern zur gründlichsten Ausplünderung auszuliefern.
Schon jetzt ist, Dank des geltenden Zolles von 3 Mk. 50 Pf. auf den Doppelzentner Roggen und Weizen, jeder Laib Brot, jedes Kaffeebrötchen, das die Proletarierin einkauft, wesentlich verteuert. Deutschland baut nicht genug Brotgetreide, um den Bedarf seiner Bevölkerung zu decken, und der durch den Zoll künstlich in die Höhe geschraubte Preis des eingeführten Auslandskornes treibt den Preis der einheimischen Frucht in die Höhe. Nach amtlichen Berechnungen stellt sich in Deutschland der Getreideverbrauch pro Person jährlich im Durchschnitt auf 200 Kilo, für eine fünfköpfige Familie also auf 1000 Kilo oder eine Tonne. Diese Zahlen besagen, dass die Itzenplitze und Köckeritze vermittelst des durch den Zoll verteuerten Brotes jeder Arbeiterin durchschnittlich im Jahre 7 Mk. abknöpfen. In den meisten Fällen sogar noch mehr, und gerade der Ärmsten noch mehr. Denn je ärmlicher der Verdienst ist, den die Arbeiterin nach harten Werkeltagen heimbringt, um so weniger vermag sie mit ihrem „Schlemmerlohn“ sich eine ordentliche Mahlzeit, eine genügende Portion Fleisch zu vergönnen, um so größer ist ihr Verbrauch an Brot. Die Arbeiterfrau aber, die für eine fünfköpfige Familie wirtschaftet, muss den Herren Ochsengrafen und ihren „Erwerbsgenossen“ in Folge des verteuerten Brotes nicht weniger als 35 Mk. durchschnittlich steuern. Und auch ihre unfreiwillige „Liebesgabe“ ist um so höher, je armseliger der Küchenzettel der Familie ausfallen muss.
Jede Erhöhung des Getreidezolls aber bedeutet eine weitere Verteuerung des Brotes. Noch wissen wir nicht, wie hoch die Steigerung des Zolles sein wird, mit welcher die Regierung den begehrlichen Nachkommen der raubenden und reutenden Stegreifritter den Mund zu stopfen gedenkt. Aber aus all den Redensarten von „genügend“, „angemessen“ etc., die dehnbar wie Kautschuk sind, darf man sicher annehmen, dass sie recht ansehnlich sein wird. Was die fürstlichen und gräflichen Brotwucherer als „genügend“ und „angemessen“ erachten, das haben ihre Pressekulis und politischen Sachwalter seit Langem verkündet. Einen Zoll von 7 und 8 Mk. fordern die, welche sich als die „Bescheidenen“ ausspielen, einen Zoll von 10 Mk. Jene, welche einen noch robusteren Appetit nach fetten Profiten verspüren. Und wenn auch die agrarischen Bäume nicht bis in den Himmel des verlangten Hungerzolls wachsen, so ist doch jede Erhöhung über den geltenden Satz von 3,50 Mk. hinaus, ja die Aufrechthaltung dieses Satzes selbst, ein Raub, ein Verbrechen an den Volksmassen.
Legen wir die angeführten amtlichen Zahlen über den durchschnittlichen Getreideverbrauch zu Grunde, so würde bei einer Erhöhung des Roggen- und Weizenzolls auf 5 Mk. für den Doppelzentner der jährliche Brotbedarf der Arbeiterin im Durchschnitt um 10 Mk. verteuert, bei einem Zoll von 6 Mk. um 12 Mk., bei einem solchen von 7 Mk. um 14 Mk., ein 8 Mk.-Satz steigerte ihre Ausgabe um 16 Mk. Die Hausmutter einer Proletarierfamilie von 5 Personen müsste im Durchschnitt dem erhöhten Zollsatze entsprechend 50, 60, 70 und 80 Mk. jährlich mehr für Brot aufwenden, als es ohne den Zoll der Fall wäre. Welchen Jammer diese trockenen Zahlen in sich schließen, kann man nur ermessen, wenn man ihnen das Einkommen der Arbeiterin, der proletarischen Familie gegenüberstellt. Nach einer Erhebung des Berliner Magistrats (S. Nr. 2 der „Gleichheit“) hatten 1898 von 39 Arbeiterinnenkategorien 14 einen Jahresverdienst von unter 500 Mk., ja 4 davon unter 400 Mk. In Halle verdienen nach dem Bericht des Gewerkschaftskartells die Textilarbeiterinnen im Minimum 250, im Maximum 450 Mk., im Durchschnitt 300 Mk. jährlich: die Holzarbeiterinnen erzielen Wochenlöhne von 6 Mk. bis 10 Mk. 60 Pf. Leipart berechnet in seiner sehr sorgfältigen Studie „Die Lage der Arbeiter in Stuttgart“ den durchschnittlichen Wochenverdienst einer ledigen Arbeiterin in dieser Stadt mit 9 Mk. 8 Pf. Das jährliche Durchschnittseinkommen eines verheirateten Berufsarbeiters beträgt nach der gleichen Quelle in Stuttgart 1187 Mk. Dass dieses Einkommen für Zehntausende deutscher Arbeiterfamilien ein unerreichbares „Glück“ ist, weist die Einkommensstatistik aus. In Preußen z.B. hatten nach derselben 70 Prozent der Bevölkerung ein Jahreseinkommen unter 900 Mk., 67,4 Prozent des sächsischen Volkes mussten sich mit einem jährlichen Einkommen von unter 300 bis 800 Mk. begnügen.
Schon die Mehrausgabe für Brot, welche der gegenwärtige Zoll der Arbeiterin, der Arbeiterfamilie aufbürdet, wird bitter empfunden. Zumal gegenwärtig, wo in vielen Gewerben schlechter Geschäftsgang einen gesunkenen, unregelmäßigen Verdienst, wohl gar Arbeitslosigkeit gebracht hat; wo andererseits gestiegene Preise für Wohnung, Kohlen und andere wichtige Lebensbedürfnisse die Wirtschaftsführung für die Proletarierin geradezu qualvoll erschweren. Wie oft zog nicht im Laufe dieses Winters die Arbeiterin zögernd und bedauernd die Hand wieder zurück, die sich instinktiv nach mehr Brot ausgestreckt hatte. Der Magen mahnte: „Nimm und iss!“ Der Verstand erklärte: „Genug oder du musst morgen hungern.“ Wie mancher Seufzer stieg nicht in den letzten Monaten aus schmerzzerissenem Mutterherzen empor, wenn die mit gesundem Appetit gesegnete Kinderschar wieder und wieder Brot verlangte. Wie bedächtig, sorgsam zirkelte die Hausfrau nicht jede Schnitte ab, damit sie ja nicht zu groß ausfalle. Und gab es hier und da nicht bereits Tage, wo die Kinder bittend die Hand ausstreckten, ohne auch nur eine Kruste erhalten zu können!
Nun soll der Brotpreis künftig noch mehr steigen. Aber von einer Erhöhung des Lohnes der Arbeiterin, des Einkommens der Arbeiterfamilie verlautet nichts. Wie wird sich da die Lage der Arbeiterin, der Arbeiterfrau gestalten? Ach wahrlich, man braucht nicht Prophet zu sein in Israel, um es zu wissen. Dort, wo schon jetzt eine kulturwidrige Sparsamkeit herrschen muss – eine Sparsamkeit, welche die Gesundheit untergräbt, den Geistesflug hemmt, jede Freude tötet – da zieht dann das bitterste Darben ein, die schwärzeste Not. Dort, wo jetzt schon nur saure Wochen fallen, keine frohen Feste, wo die zehrende Sorge am häuslichen Herd oder im Dachkämmerchen hockt, da lässt sich nun der Hunger als ständiger Gast nieder. Das Brot verteuert! Es muss auf den bescheidensten Genuss verzichtet werden, ja die Befriedigung manches dringenden Bedürfnisses muss unterbleiben. Wie könnte die Arbeiterin daran denken, ihr fadenscheiniges Kattunfähnchen zu ersetzen, wenn sie mehr zum Bäcker tragen muss, als seither. Ist es nicht ein Traum, an die Anschaffung neuer Schuhe für die Kinder zu denken, wenn die Ausgaben für Brot einen so hohen Posten des Wirtschaftsgeldes verschlingt? Das Brot verteuert! Es verschlechtert sich die Lebenshaltung der Arbeiterin, der proletarischen Familie. An Stelle des Brotes tritt immer mehr die Kartoffel, um den Hunger zu täuschen; das billigste Rindfleisch, das ab und zu als „Luxus“ auf den Tisch kam, wird durch Hering, durch Pferdefleisch oder gar durch Braten von einem heimlich eingefangenen Karo ersetzt. Und trotz allem die Sorgen, die riesengroß anschwellenden, erdrückenden Sorgen!
Und warum, Arbeiterin, Arbeiterfrau, Euch diese Not, Euch diese Pein? Damit eine Handvoll reicher und sehr reicher Großgrundbesitzer ihren Profit mehren. Pfennigweise wird Euch und den Euren Mark um Mark aus dem dünnleibigen Portemonnaie genommen, auf dass den edlen Vätern jugendlicher „Harmloser“ mitsamt den Ihrigen eine „standesgemäße“ Lebenshaltung gesichert sei.
Denn sie lügen, die da behaupten, dass ein „angemessener“ oder „genügender“ Getreidezoll nötig sei, um die deutsche Landwirtschaft zu retten, um den notleidenden Kleinbauern auszuhelfen. Hervorragende Vertreter der Wissenschaft haben jederzeit und erst kürzlich wieder erklärt, dass der Getreidezoll die Not der Landwirtschaft nicht beseitigt, vielmehr umgekehrt manche ihrer Ursachen steigert. Einem roten Umstürzler gleich bekannte Reichskanzler Caprivi, dass der Getreidezoll die Brotesser zu Gunsten der großen Schloss- und Grundherren drückend belaste, ohne dass er dem Kleinbäuerlein zum Vorteil gereiche. Gewiss, sein Zeugnis ward als das eines Mannes „ohne Ar und Halm“ verlästert. Aber der gegangen gewordene Hohenlohe, der in fast allen großen europäischen Staaten sehr viele Are und Halme sein eigen nennt, der sicherlich zu den größten „Getreidebauern“ zählt, gab, Ziffern in der Hand, die nämliche Tatsache zu. Der Getreidezoll profitiert nur 24 Prozent der Bodenbesitzer, die zusammen über fast zwei Drittel der gesamten Anbaufläche verfügen. Und je größer ihr Besitz ist, um so reichere Beute wirft der Zoll in ihren Geldsack. Der „arme Konrad“ aber geht leer aus.
Wie könnte denn auch der Getreidezoll die von Steuerexekutor und Hypothekengläubigern bedrängten Kleinbauern aus ihrem Elend reißen? Sind doch etwas mehr als drei Viertel aller landwirtschaftlichen Betriebe so klein, dass ihre Eigentümer kein Getreide zu Markte bringen können, ja dass sehr viele von ihnen noch Getreide und Brot für den Bedarf der Familie kaufen müssen. Legt die Brotteuerung den Ersteren mithin auch nicht einen blutigen Heller in die Tasche, so nimmt sie den Anderen so gut wie den übrigen Brotkäufern noch den letzten Groschen heraus. Damit nicht genug! Was der Kleinbauer an Gemüse und Obst erbaut, was er an Milch und Eiern verkaufen kann: das findet nur schlechten Absatz, wenn der Masse der kleinen Leute das Brot verteuert ist. So bleibt den Proletarierinnen nicht einmal der Trost, dass ihre Pein zum Rettungsanker für einen anderen Notleidenden wird. Allerdings können sie sich dafür an dem erhebenden Bewusstsein laben, dass irgend welche Herren mit einem Raubtier im Wappen Dank der gestiegenen Getreidepreise bei ihrem Champagnerfrühstück nicht zu knausern, den „kleinen süßen Mädeln vom Ballett“ nicht die Erfüllung einer tollen Laune zu versagen brauchen. Wie leicht hungert es sich in diesem Bewusstsein! Wie leicht findet sich Dank seiner die Mutter mit ihrem Golgatha ab: dem Anblick der Entbehrungen ihrer Kinder!
Und sind etwa mit der Brotteuerung und ihren furchtbaren Folgen die „Segnungen“ erschöpft, welche der erhöhte Getreidezoll für die proletarischen Frauen heraufbeschwört? Keineswegs. Der Brotfrage fügen die agrarischen Wuchergelüste die Lohnfrage hinzu.
Das Deutsche Reich steht am Vorabend der Erneuerung seiner Handelsverträge. Arbeiterinnen wie Arbeiterfrauen haben das höchste Interesse an den Bestimmungen derselben. Was sie festsetzen ist ja von wesentlichem Einfluss auf den Geschäftsgang, die Entwicklung der Industrie. Was bedeutet das aber anderes, als dass dies von Einfluss ist auf den Lohn, den die Arbeiterin erhält oder sich erkämpfen muss, auf den Verdienst, den der Mann erzielt und die Höhe des Wirtschaftsgeldes, das er am Lohntag heimbringt. Nun ist Eines sicher. Erschwert das Deutsche Reich durch hohe Zölle den Zutritt fremden Getreides, so üben die davon betroffenen Länder Vergeltung, indem sie ihrerseits hohe Zölle auf die Einfuhr deutscher Industrieerzeugnisse legen. Die deutschen Proletarierinnen haben bereits erfahren, wie teuer auch sie dann die Zeche bezahlen müssen. Gingen nicht Tausende und Tausende von Ausgebeuteten ihrer Arbeit verlustig, sank nicht der Lohn von Zehntausenden, als die zarte Rücksicht auf das „deutsche Schwein“ durch hohe Zölle die Einfuhr von amerikanischem Fleisch, Speck etc. hemmte, und die Amerikaner durch die McKinley-Bill und andere Zollmaßregeln Rache an der deutschen Industrie nahmen?
So stürmt, entfesselt und gehetzt von den raffgierigen Junkern und Junkergenossen Arm in Arm mit dem Gespenst der Brotteuerung das Gespenst des sinkenden Einkommens, ja des Versiechens des Erwerbs dräuend den Proletarierinnen entgegen. Arbeiterin, verteidige Dein Stück Brot, verteidige Deinen Lohn! Gedenke, wie schmal und trocken das Erstere, wie kärglich bemessen der Letztere ist. Arbeiterfrau, wehre Dich um das Brot Deiner Kinder, wehre Dich um den Verdienst Deiner Angehörigen! Erinnere Dich, wie oft sie entbehren müssen; der Bettelgroschen, die sie sich erarbeiten. Stelle den beutelüsternen Volksausplünderern Deine Losung entgegen: Keine Erhöhung der Getreidezölle! Fort mit allen Zöllen und Abgaben auf Getreide und Lebensmittel! Günstige, langfristige Handelsverträge! Schon ruft die Sozialdemokratie die werktätigen Massen zum Protest, zur Verteidigung ihrer Lebensinteressen. In den Kampf wider den Brotwucher! In den Kampf für das tägliche Brot!
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