[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 23, 5. November 1902, S. 177 f.]
Wenn jemals die Aufmerksamkeit der Frauen mit leidenschaftlichster Spannung dem politischen Leben, den Reichstagsverhandlungen zugewendet sein musste, so in dem gegenwärtigen Augenblick. Die Kämpfe, die hier ausgefochten werden, gelten Frauenwohl, Fraueninteresse in der umfassendsten Bedeutung des Wortes. Was in ihnen auf dem Spiele steht, ist nicht mehr und nicht weniger als das Recht der Frau und der Ihrigen auf des Leibes Nahrung und Notdurft, auf Höheres noch, das von der Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse abhängig ist.
Für und wider die Wucherzölle wird gestritten. Die Wucherzölle, die in die Villen und Paläste der Eisen- und Textilbarone, die ganz besonders in die Schlösser der großen blaublütigen Getreidebauern und Viehzüchter mit Scheffeln tragen sollen, was Pfennig um Pfennig in den Hütten, Hof- und Dachwohnungen der erdrückenden Mehrzahl des Volkes abgepresst und abgezwackt wird. Die Wucherzölle, welche die ohnehin hohen Preise der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse zu unerschwinglichen Teuerungs- und Hungerpreisen hinaufschrauben müssen.
Welch schlüssige Probe auf das Exempel der alten lieben Spießbürgerweisheit, dass die Politik die Frauen nichts angehe. Und welch widerliches Schauspiel für die Frau des werktätigen Volkes, die weiß, dass es in dem gegenwärtigen politischen Kampfe auch um ihr Wohl und Wehe geht. Der Reichstag soll das Haus des Volkes, soll die Stätte seiner Interessenvertretung sein. Ein Markt erscheint er in diesen Tagen der zweiten Lesung des Zolltarifentwurfs; ein Markt, wo schmutzig-selbstsüchtige Händler und Wucherer ihr Handwerk in gemeingefährlicher Weise treiben. Da klingen sie durcheinander, die betrügerischen Anpreisungen, die Drohungen und Lockungen, durch welche die Einen die Anderen übers Ohr zu hauen suchen. Die Zöllner, die Überzöllner, die Regierung, sie alle rühmen ihre Ware – ihre volksverderblichen Zollsätze – und bemühen sich, sie an den Mann zu bringen, der Majorität auszuschwätzen. Sie schreien sie aus im Namen der Not der Landwirtschaft, der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie, im Namen des Interesses der Arbeiterklasse, des Gemeinwohls, der Vaterlandsliebe und anderer schöner Begriffe noch, die für die ausbeutenden und herrschenden Klassen nichts Anderes sind als wohlklingende Etiketten, die ihre unersättliche Begehrlichkeit nach Beute decken. Mit zorniger, gerunzelter Stirn erklärt ein jeder der Händler, dass er auch nicht einen Deut von dem Preise nachlassen könne, um welchen ihm des Volkes Brot, seine Gesundheit, seine Bildung und Sittlichkeit. seine Leistungstüchtigkeit feil sei. Aber mit einem Augurenlächeln blinzeln die Herren einander zu: Keine Furcht, wir sind nicht unerbittlich, bei der dritten Lesung werden wir das Geschäft „der mittleren Linie“ schon machen! Wie groß auch immer die Preisunterschiede in den Forderungen der überzöllnerischen Bündler, der einfach zollwucherischen Reichstagsmajorität und der Reichsregierung sein mögen: der feste Wille ist auf jeder Seite vorhanden, den Zollwucher unter allen Umständen auf Kosten der breiten Massen unter Dach und Fach zu bringen. Wie wäre es sonst möglich, dass eine Reichstagsmajorität wegen einem Weniger von 50 Pfennigen an Hungerzoll auf Getreide der Regierung ihre Zollsätze vor die Füße wirft, ohne dass der Entwurf verschwindet und der Reichskanzler vom Lucanus geholt oder aber der Reichstag aufgelöst wird?
Wenn aber die proletarische Frau anklagend mit dem Finger auf die Todfeinde und die Verräter ihrer Interessen zeigt, die den Zollwucher beschließen wollen, oder die ihn möglich machen, so darf sie der Freisinnigen nicht vergessen. Wohl haben etliche von ihnen recht gute Reden gegen die Plünderung der Massen gehalten. Als es sich aber um mehr als Worte, als es sich um Taten handelte, da sind sie den entschiedensten Kämpfern gegen die Hungerzölle in den Rücken gefallen. Waren es doch Eugen Richter und seine Mannen, die durch ihre Haltung, die Handhabung der Geschäftsordnung betreffend, unter der jubelnden Zustimmung der Beutepolitiker veranlasst haben, dass die Anträge der Sozialdemokratie auf völlige Zollfreiheit nicht zur Abstimmung kommen können. Indem sie dadurch gegen 900 Abstimmungen hintertrieben haben, vermehrten sie für die Zollwucherer die Möglichkeit, ihren Raub zu vollenden und zu bergen, ehe die Massen des Volkes bei den nächsten Reichstagswahlen die gefährlichsten dieser Gesellen aus dem Tempel der Gesetzgebung hinauszuwerfen vermöchten.
Nur eine Partei hat in dem Tohuwabohu der marktenden Schacherer mit voller Ehrlichkeit und allem Nachdruck die Interessen der weitesten Kreise der Bevölkerung verfochten, Interessen, die im höchsten Maße auch diejenigen der proletarischen Frau sind: die Sozialdemokratie. Mit zahlengestützten Tatsachen haben ihre Vertreter das verlogene Märchen zerstört, dass die wucherische Zöllnerei den notleidenden Kleinbauern Rettung zu bringen vermöchte, haben sie die Sünde und Schande gebrandmarkt, dass die künstlich gesteigerten Preise für landwirtschaftliche und industrielle Erzeugnisse nur in die unergründlichen Taschen Reicher und Sehr-Reicher wahre Goldströme leiten. In markigen Zügen entwarfen sie Bilder von dem grauenvollen, vielfältigen, Elend, das als Folge des Zollwuchers unaufhaltsam über die große Mehrzahl der Nation hereinbrechen muss. Diejenigen aber, die im Leben Bescheid wissen, starrte aus diesen Bildern das grauenvolle Antlitz der gemartertsten aller Märtyrerinnen entgegen: der proletarischen Frau. Teuerungspreise für das Unentbehrlichste, wie tödlich treffen sie die Gesundheit, den Drang nach Aufklärung und Kultur der Arbeiterin, die heldenmütig zur Werktags- die Sonntagsfron, zur Tages- die Nachtarbeit fügt, um ihre Ehre vor den Versuchungen des Lasters zu schützen. Teuerungspreise für das Unentbehrlichste: mit welch‘ erdrückender Bürde von Entbehrungen, Sorgen und Schmerzen belasten sie die proletarische Hausmutter, die mit wenigen Groschen den Tisch für Viele bestellen soll. Gilt es für sie doch nicht bloß das eigene Bedürfen und Wünschen zu befriedigen, sie muss und will Gesundheit, Bildung und Freude ihrer Kinder verteidigen.
Wenn irgend Jemand, so muss deshalb die proletarische Frau aus der gegenwärtigen politischen Lage ihre Schlussfolgerungen ziehen. Nun, wo im Parlament der Kampf um den Zollwucher zur eklen Komödie entartet ist, fängt das ernste politische Ringen außerhalb des Parlaments erst an. Der ernste politische Kampf für die Interessen der Nation, getragen von den Massen, die, gerufen und geführt von der Sozialdemokratie, mit den Zollwucherern gründliche Abrechnung halten, und bei dieser Abrechnung kann die proletarische Frau ein entscheidendes Wort mitreden. Sie muss es reden. Im Parlament eine Heimatlose, eine Ausgestoßene, ohne das Recht des Stimmzettels, ist sie doch im politischen Leben keine Machtlose. Umgekehrt, sie ist macht- und einflussreich, wenn sie nur ihre Interessen klar erkennt und den Wählern und Gewählten gegenüber willensstark vertritt. Eindringlicher als je der Agitator von außen vermag die Frau am häuslichen Herde mit Gründen des Gefühls und des Verstandes den Mann an seine Pflicht zu mahnen, die Stimme zum Protest gegen den zöllnerischen Beutezug zu erheben, die Kameraden zum Widerstand aufzurufen, den Volksvertretern auf die Finger zu sehen und zu klopfen. Sie hat Gelegenheit, im täglichen Verkehr Bäcker, Fleischer und Krämer an die Schädigungen zu erinnern, mit denen sie der Zollwucher in Gestalt der verminderten Kaufkraft der Masse bedroht. Sie kann in der Öffentlichkeit den verräterischen Abgeordneten an den Pranger stellen und ihm den Fluch der Armut ins Gesicht schleudern. Ihre Macht, das politische Leben mittelbar zu beeinflussen, muss sie in ausgiebigster Weise ausnutzen. Ihr Platz ist in den ersten Reihen, wo immer der Ruf ertönt: Wider den Zollwucher!
In allen Zeiten und Ländern sind es Hungersnöte, Teuerungspreise gewesen, welche mit scharfen Geißelhieben die Frau aus der Enge des häuslichen Lebens in den politischen Kampf trieben. Was die Not des eigenen Leibes und Geistes nicht vermochte, das brachte die Mutterliebe zu Stande: sie besiegte das Vorurteil von der Unweiblichkeit der Beteiligung am politischen Leben, am Kampfe der Parteien. Möchte sich in unseren Tagen erneuern, was sich so oft schon begeben! Was verschlägt es, wenn die Zollwucherer die Frauen schelten, die zu Kämpferinnen werden und den Entrüstungssturm anfachen und tragen helfen, der sich gegen das wegelagernde zöllnerische Raubgesindel erhebt. Auf Schimpf und Hohn können die Geschmähten stolz antworten: Schweigt, Heuchler und Otterngezücht! Wir steh’n für unser Recht, wir steh’n für unsere Kinder, unser Volk!
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