[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 16, 30. Juli 1902, S. 121 f.]
Die Regierung für deutsche Sozialpolitik – kapitalsfürchtig. wie das Ausbeutertum sie braucht – hat zwar noch nicht gewagt, die kapitalistische Freiheit zur Auswucherung der weiblichen Arbeitskraft durch einen Gesetzentwurf zu bedrohen, welcher die tägliche Arbeitspein der Lohnsklavinnen um ein Weniges verkürzt. Allein auch schon die angeordnete Enquete, welche die bloße Aussicht auf einen solchen Gesetzentwurf eröffnet, hat in den Kreisen des Unternehmertums die nämliche Wirkung ausgeübt, wie ein Stein, der in einen Froschteich geschleudert wird. Lautes Gequake kündet, dass die behaglich schmatzende Verdauungsseligkeit gestört worden ist.
Aber freilich: mit dem missvergnügten Gequake allein hat es nicht sein Bewenden. Der hochmögende Kapitalistenklüngel rüstet sich vielmehr in seiner Presse und seinen Organisationen, um das armselige bisschen Reform zu hintertreiben, das unter Umständen der Erhebung folgen soll. Dass die rheinisch-westfälischen Scharfmacher voranstürmen, wo es gilt das sakrosankte „Herrsein im eigenen Hause“ zu schirmen, versteht sich am Rande. Ebenso selbstverständlich ist es auch, dass bei der Abwehr der eventuellen Möchte-gern-Reform die Herren Textilbarone nicht fehlen, sie, denen gerade die überragende Verwendung weiblicher „Hände“ reizende Villen und stolze Paläste baut. Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung“ höhnt mit der Anmut eines gereizten Nilpferdes die „Zweckmäßigkeit“ der beabsichtigten Maßnahmen, „den Frauen die Arbeitsmöglichkeit noch mehr zu beschränken“. Sie denunziert es mit der sozialpolitischen Einsicht eines Großkonfektionärs oder Tabakfabrikanten, der soeben der größeren Rentabilität wegen seinen Betrieb „dezentralisiert“ und in hausindustrielle Höhlen auf dem Lande verlegt hat, dass die weiter fassende gesetzliche Regelung der Fabrikindustrie zu einer Ausdehnung der Hausindustrie mit ihren „fragwürdigen“ sozialen Verhältnissen führt. Sie schluchzt mit dem verständnisinnigen Mitgefühl einer biederen Fabrikantenseele, welche vor wenig Stunden die Löhne gekürzt und Familienväter mit 12 Mark Wochenverdienst heimgeschickt hat, dass man durch weitere gesetzliche Schutzvorschriften „das Lohnniveau der Arbeiterinnen herabdrückt“. Und sie droht schließlich mit der patentierten Vaterlandstreue eines Hurrapatrioten, der Polen, Russen, Italiener oder Böhmen den deutschen Arbeitern vorzieht, dass „eine ganze Reihe von Industriezweigen bei einer weiteren Beschränkung der Frauenarbeit nicht mehr konkurrenzfähig bleiben würden, also genötigt wären, ins Ausland zu gehen“. Der Vorsitzende des Verbandes rheinisch-westfälischer Baumwollspinner hat nach der braven Tante „Vossin“ der Gewerbeinspektion Mönchengladbach auf ihre Anfrage hin Ähnliches geweissagt. Jede Herabsetzung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen in den Spinnereien, so äußerte er, würde – schrecklich zu sagen! – auch die Herabsetzung der Arbeitszeit der männlichen Arbeiter zur unausbleiblichen Folge haben, damit „in regelmäßiger Zeit“ eine entsprechende Erhöhung der Gestehungskosten und demgemäß auch eine Verminderung des Lohnes. Die „Kölnische Zeitung“ und die „Post“ hallen von Kassandrarufen wieder, welche vor den entsetzlichen Folgen der befürchteten bescheidenen Reform in anderen Industriezweigen warnen.
„Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch die Verfasser!“ Weise und Text erklingen stets aus dem kapitalistischen Lager, wenn die Gesetzgebung oder auch die gewerkschaftliche Organisation des Proletariats sich anschickt, die Ausbeutungsmacht des Unternehmertums etwas zu zügeln. Je und je hat es zu den widerlichsten Gepflogenheiten der Kapitalistensippe gehört, ihre unersättliche, gemeingefährliche Profitgier mit den wohltönendsten Schlagworten zu decken. Sie spricht mit schmerzlichem Bedauern von der beschränkten Arbeitsmöglichkeit der Arbeiterinnen, meint jedoch mit heimlichem Ingrimm die beschränkte Ausbeutungsmöglichkeit des Kapitals. Sie vergießt Krokodilstränen über die sinkenden Löhne der Arbeiterinnen und hangt und bangt in schwebender Pein ob des vielleicht um Pfennige verminderten „Entbehrungslohns“ der Auch-Arbeiter mit der Couponschere. Sie schreit Zetermordio über den Ruin der Industrie, den „unvorsichtiges sozialpolitisches Experimentieren“ heraufbeschwört, sie denkt jedoch zähneknirschend an die winzige Beeinträchtigung des Herrenrechtes, die proletarische Arbeitskraft nach Willkür bis zum Äußersten auszupressen.
Aber der übergroße Eifer, den kapitalistischen Goldhunger zu maskieren, hat die Klopffechter der Unternehmerinteressen taub gemacht gegen die Gebote der hausbackensten Klugheit. Und so lassen sie gegen den dringlichen weiteren gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen Gespenster aufmarschieren, deren lediglich steifleinene Existenz schon seit mehr als einem halben Jahrhundert feststeht.
In der Tat: die Geschichte der Industrie und der Fabrikgesetzgebung in allen bedeutenden kapitalistischen Staaten erhärtet nachdrücklichst durch Ziffern, die steifnackigen Dinger, die Hinfälligkeit und Verlogenheit des gegenwärtigen erbärmlichen und ärmlichen Getutes. In England, in der Schweiz und in Deutschland – um nur diese drei Staaten herauszugreifen – war die Druckerschwärze kaum getrocknet, mit welcher anlässlich der Einführung einer gesetzlichen Verkürzung der Arbeitszeit der jüngste Tag der Industrie geweissagt worden, und siehe! es setzte ein glänzender wirtschaftlicher Aufschwung ein. Weit davon entfernt, die industrielle Entwicklung zu hindern, erwies sich die verkürzte Arbeitszeit, der gesetzliche Arbeiterschutz überall als ein treffliches Mittel, diese zu fördern.
Erklärlich genug! Der gesetzliche Arbeiterschutz, dessen Achse die Verminderung der Arbeitszeit ist, wirkt in der Richtung einer Verbesserung der technischen und menschlichen Produktivkräfte. Er schafft für den mehrwerthungrigen Kapitalisten einen kräftigen Anreiz, mit dem Schlendrian zu brechen, verbesserte Produktionsmittel, vollkommenere Arbeitsverfahren anzuwenden. Er lässt den Arbeitskräften mehr geistige Frische und Spannkraft, um als denkende Menschen zu schaffen und auf vorteilhafte Handgriffe, auf nötige und mögliche Verbesserungen der Arbeitswerkzeuge etc. aufmerksam zu werden. Er hebt die Arbeitenden physisch und geistig und ermöglicht damit, dass sie intensiver, überlegter, sparsamer, besser arbeiten, mit einem Worte: er erhöht ihre Leistungsfähigkeit. Nicht sinkende, steigende Löhne gehen deshalb – und aus anderen Gründen noch – für die Arbeiterinnen Hand in Hand mit der gesetzlichen Verkürzung ihrer Arbeitszeit. Nicht Einstellung von Männern statt Frauen in die Fabrikbetriebe ist ihre weitere Folge, vielmehr auch eine Herabsetzung der Arbeitszeit der ersteren.
Allerdings: wie Figura zeigt, scheinen die Erfahrungen der Geschichte für die Kapitalistenklasse nicht da zu sein, um zu lernen, sondern nur um sich bloßzustellen, um auch dem naivsten Gemüt zum Bewusstsein zu bringen, wie bodenlos unwissend oder wie skrupellos verlogen sie ist. Dass sie in der Folge entweder das Wissen oder das Gewissen der Regierung entsprechend niedrig einschätzt, wenn sie wähnt, dieselbe werde dem Popanz des Ruins der Industrie ihre Reverenz erweisen, ist sicherlich ihr unveräußerliches Menschenrecht. Ebenso bleibt es das gute Amtsrecht der Regierung, durch Verschleppung und niedriges Ausmaß des Arbeiterinnenschutzes darzutun, dass diese niedrige Einschätzung verdient war. Dagegen geben sich die Advokaten des verbohrten Kapitalabsolutismus einer argen Täuschung hin, wenn sie vermeinen, durch ihr Gewinsel den deutschen Arbeitern und Arbeiterinnen ein X für ein U vormachen zu können. Das deutsche Proletariat hat gelernt. Es weiß, dass nicht bloß der Zehnstundentag, nein, dass der Achtstundentag im Interesse der Arbeiterinnen unabweisbar nötig und dass er praktisch durchführbar ist. Es weiß, dass der gründliche gesetzliche Schutz seiner Frauen und Töchter im Bunde mit der unentbehrlichen Aktion der Gewerkschaften nicht allein der gesamten Klasse der Ausgebeuteten zu Nutz und Frommen gereicht, sondern auch dem Wirtschaftsleben, der Kulturentwicklung der gesamten Nation. Es schleudert deshalb die dummdreisten kapitalistischen Lügen mit einem verächtlichen Fußtritt bei Seite.
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