[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 25, 4. Dezember 1901, S. 193 f.]
In allen Großstädten, in allen Industrie- und Handelszentren Arbeitslose in den Straßen, Obdachlose auf den Plätzen. In ärmlicher, dünner Kleidung, blaurot vor Frost, das Fieber zehrender Sorge im Blicke und auf den verhärmten Zügen hasten die Einen von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt, drängen sie nach den Arbeitsnachweisen, umlagern sie die Schalter der Tagesblätter, um mit einer irgendwie gelohnten Beschäftigung Brot zu finden. Ihrer äußeren Erscheinung nach nicht bloß dürftig, sondern verelendet strömen die Anderen den Wärmehallen, Nachtasylen, Herbergen zu, einen kurzfristigen Schutz gegen grimme Kälte, ein Obdach für die Nacht, einen Napf Suppe gegen wütenden Hunger als höchstes erreichbares Glück begehrend. Und charakteristische, furchtbare Erscheinung: Es sind nicht die typischen Arbeits- und Obdachlosen jeden Winters allein, welche Beschäftigung. Brot, Unterschlupf suchen. Zu Hunderten und Tausenden sind ihnen bessere, gelernte Arbeitskräfte zugesellt, die für gewöhnlich das ganze Jahr hindurch stetig, regelmäßig zu tun haben, die als geschickte und fleißige „Hände“ geschätzt jahrelang in ein und demselben Betrieb fronden.
Das Straßenleben aber mit seinen herzzerreißenden Elendsbildern deutet die Not an, die ihren Einzug in das Heim des Proletariers gehalten hat, dafern sie ihn und die Seinen nicht schon aus diesem vertrieben. Dort, wo auch in Zeiten guten Verdienstes die äußerste Sparsamkeit walten muss, ein Darben und nicht selten der nackte Mangel am Notwendigsten. Die harte Entbehrung oft machtlos, dem Borg bei Bäcker und Kolonialwarenhändler zu wehren, den Weg zum Pfandhaus und Trödler zu ersparen. Das Denken wochenlang, monatelang beherrscht von der peinvollen Frage: Was morgen? Woher die Groschen, ja auch nur die Pfennige nehmen, um den Hunger zu stillen, um für Licht und Heizung zu sorgen, von den Mitteln für Wäsche und Schuhwerk, für Holz und Kohlen, vor Allem oder für die Miete zu schweigen.
Die proletarischen Frauen haben ihren Teil von all diesem Jammer zu tragen und in recht vielen Fällen sogar den Löwenanteil. Gewiss: der sprichwörtlich niedrige Lohn und die profitreichen Sklaventugenden der Fügsamkeit und Widerstandsunfähigkeit haben Arbeiterinnen vielfach dort vor der Entlassung geschützt, wo Arbeiter in größerer Zahl aufs Pflaster gesetzt wurden. Allein Hungerlöhne und Willigkeit sind in den heutigen wirtschaftlichen Zeitläuften durchaus nicht immer als Kraut gegen die Arbeitslosigkeit gewachsen. Scharen fleißiger Arbeiterinnen sind im letzten Vierteljahr außer Lohn und Brot gekommen. Viele der Glücklichen, die im Dienste fremden Reichtums weiter die Glieder rühren, die Nerven anspannen dürfen, mussten sich darein finden, dass der kärgliche Verdienst noch kärglicher wurde: die volle Beschäftigung hatte ein Ende, der Unternehmer kürzte die Löhne. Und vor all den Lohnsklavinnen, denen die Aussicht auf Profit ihrer Herren bis jetzt noch Arbeit bescherte, reckt sich dräuend das Gespenst der Unsicherheit empor. Ein Bankkrach mehr, das Ausbleiben einer Bestellung, und morgen schon zählen heute noch Beschäftigte zu Denen, welche auf der Suche nach Brot durch die Straßen irren.
Das Los der proletarischen Hausmutter ist kein freundlicheres. Was die Arbeiterin als ausgebeutete Hörige des Kapitals leidet, das wird ihr als der Frau eines kapitalistisch ausgewucherten Hörigen aufgebürdet. Jede Zeit der Arbeitslosigkeit, welche den Mann trifft, jedes Sinken und Schwanken seines Lohnes, jede Unsicherheit in seinem Erwerb wird zur entsetzlichen Plage, welche die Existenz der Arbeiterfrau erschüttert, welche die Daseinsbedingungen der Familie verschlimmert, der ihr häusliches Wirken gilt. Und nach vielen Zehntausenden zählen die Proletarierinnen, die als Arbeiterinnen und als Hausmütter mit den Ruten des schlechten Geschäftsganges gestrichen werden. Kurz, wo immer das Tätigkeitsgebiet der proletarischen Frau liegt, in der Fabrik oder im Hause: die Sorgen- und Notwellen der ungünstigen Erwerbsverhältnisse fluten verheerend in ihr Leben hinein. Schärft die Vereinsamung die Dornen der Leiden für die alleinstehende Arbeiterin, so verhundertfacht die Mutter- und Gattenliebe die Qualen des Elends für die Arbeiterfrau. Schwer drückt das eigene Ungemach, schwerer bei Weitem die Ohnmacht, geliebte Wesen vor Jammer und Not zu schützen. Enthüllt nicht die Feststellung der Lehrer einer städtischen Bezirksschule in Sachsen das schmerzensreichste Martyrium der Proletarierin, dass 25 bis 30 Prozent der Schüler seit Monaten kein Mittagsbrot haben, sondern nur trockenes Brot, dass das Mittagsbrot der Glücklichen in 50 bis 60 Prozent aus nichts besteht, als aus Kartoffeln mit Leinöl!
Kein Hoffnungsschimmer kündet eine baldige Milderung des Elends, das über die proletarische Frau und ihre Klasse hereingebrochen ist. Umgekehrt nur Aussichten auf seine Steigerung. Weihnachten, Neujahr vorüber, und Tausende von weiteren Arbeitern und Arbeiterinnen müssen in Industriezweigen feiern, deren flotteste Saison vor die Feiertage fällt. Strengere Winterkälte, und mit der noch nicht ganz erloschenen Bautätigkeit ist es vorbei. Zwingt aber Arbeitslosigkeit und geringer Verdienst manche Schichten von Arbeitern und Arbeiterinnen den Hungerriemen fester zu ziehen, so verschlechtert sich ihrem zusammenschrumpfenden Verbrauch entsprechend auch die Erwerbsmöglichkeit anderer Arten von Arbeitskräften. Und der Winter ist in vollem Anzug mit seiner vielfältigen Unbill, die gerade die Armen am härtesten trifft, mit seinen Anforderungen an Licht, Heizung, Kleidung etc., welche die Kosten der Haushaltung, der Lebenshaltung empfindlich in die Höhe treiben. Dazu die Teuerung der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse, die hohen Kohlen- und Kokspreise, die schier unerschwinglichen Wohnungsmieten. Und um das Maß der Sorgen, des Elends bis zum Rande zu füllen, in drohender Nähe der Zollfrevel mit seinen Wucherpreisen für die wichtigsten Lebensbedürfnisse. Am Horizont des Wirtschaftslebens aber kein Anzeichen, das auf einen Umschwung zum Besseren deutet, das in nächster Zeit einen flotten, kräftigen Gang von Handel und Wandel verspricht, dagegen Vorläufer weiterer Verflauung, Sturmboten neuer, größerer Katastrophen.
Was Hunderttausende in der Welt der Arbeit mit namenlosen Qualen überschüttet, ist ja nicht eine Zeit der Arbeitslosigkeit, wie manche andere, die aus Gründen besonderer Art den und jenen Erwerbszweig, das und jenes Industriegebiet erfasst und verhältnismäßig bald verschwindet, ohne weitere Kreise, tiefere Furchen zu ziehen. Es ist eine der allgemeinen Krisen, die im Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung selbst begründet sind und unvermeidlich, mit der blindwütenden Gewalt von Naturmächten die bürgerliche Gesellschaft erschüttern. Langsam aber unaufhaltsam ist sie heraufgezogen und hat sich mit zermalmender Wucht nacheinander auf alle kapitalistischen Länder gestürzt, hier eine Industrie nach der anderen verheerend und bedrohend. Nicht eher wird ihres Würgens und Zerschmetterns ein Ende sein, bis die Kräfte ausgetobt haben, welche die kapitalistische Produktionsweise entfesselt, aber nicht zu zügeln und zu regeln, nicht zu planmäßiger Entfaltung zu bringen vermag. Der Form nach als die schwerste Störung des wirtschaftlichen Lebens auftretend, ist die Krise in ihrem Wesen das organisch bedingte, gesetzesmäßige Mittel, die aus Rand und Band gekommene „Ordnung“ der kapitalistischen Unordnung wiederherzustellen. Denn sie ist das legitime Kind der Planlosigkeit, welche die kapitalistische Wirtschaftsordnung beherrschen und zur Überproduktion treiben muss, weil diese Ordnung Dank des Privateigentums an den Produktionsmitteln und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht Güter für die Wohlfahrt der Allgemeinheit erzeugt, sondern Waren für den höchstmöglichen Profit des Einzelnen. Indem die Krise Waren verschleudert und vernichtet, menschliche und tote Produktivkräfte lahmlegt, zahllose selbständige wirtschaftliche Existenzen auslöscht und das Proletariat zu namenloser Pein verurteilt, setzt sie die von der Überproduktion verlegte Bahn für die fernere Jagd um Profit frei. In heller Beleuchtung lässt sie dabei all die unversöhnlichen Gegensätze erkennen, welche die heutige Gesellschaftsordnung umschließt. Den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsweise und der individuellen Aneignungsweise der Erzeugnisse der Produktion. Die unüberbrückbare Kluft zwischen der ausbeutenden Kapitalistenklasse und dem ausgebeuteten Proletariat. Den schreienden Gegensatz zwischen der märchenhaft anschwellenden Produktivität der Arbeit und dem geringen Anteil der arbeitenden Massen am Ertrage der Arbeit, und in der Folge ihrer winzigen Kaufkraft. Den aufreizenden Abstand zwischen dem Überfluss der Wenigen, dem Mangel der Vielen. Das Missverhältnis zwischen den nach freier Entfaltung drängenden riesigen Produktivkräften und der Ohnmacht der Gesellschaft, ihre Entwicklung zu regeln, die furchtbaren Begleiterscheinungen zu beschwören, unter denen sie vor sich geht.
Mit einem Schlage hat die Krise das sozialreformlerische Märchen zerstört, das in den Tagen des wirtschaftlichen Aufschwungs bis in die Reihen der Sozialisten hinein Gläubige gefunden: die kapitalistische Ordnung passe sich der fortschreitenden Produktionsentwicklung ohne Zuckungen, Katastrophen an. Die gepriesenen kapitalistischen „Anpassungsmittel“, Kredit und Unternehmerkartelle, haben sich als Kräfte erwiesen, welche die Krise beförderten und schärfer zuspitzten. Mit eherner Stimme predigt die Krise dem Proletariat, dass es in der kapitalistischen Gesellschaft keine bleibende Stätte haben kann, sondern die zukünftige der sozialistischen Ordnung suchen muss. Denn sie zeigt nicht bloß die Tendenzen, deren ungezügeltes Walten die arbeitenden Massen in die Elendshölle hinabstößt. Sie lässt daneben die Kräfte in Erscheinung treten, welche die materiellen Vorbedingungen für die sozialistische Gesellschaft, für die Befreiung des Proletariats heranreifen lassen. Umklungen von dem Notschrei vernichteter Existenzen, durchtränkt mit dem blutigen Leid der Arbeiterklasse vollzieht sich gerade in Zeiten der Krise eine starke Konzentration des Kapitals, welche der Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Allgemeinheit mächtig vorarbeitet; werden Vervollkommnungen der Produktionsmittel und Arbeitsverfahren herausgefordert, welche die Produktivität der Arbeit steigern und damit die Kulturmöglichkeiten für Alle in einer Gesellschaft der Gleichheit und Brüderlichkeit. Und indem die Krise mit jäh veränderten Arbeits- und Daseinsbedingungen breiter arbeitender Massen auch die Köpfe, das Denken derselben revolutioniert, trägt sie ihr Teil dazu bei, das Proletariat in seiner Mehrheit immer mehr aus einer leidenden in eine zielbewusst kämpfende Klasse zu verwandeln. Die große gemeinsame Not lässt über die Sonderinteressen des Berufs und des Tages hinweg das Bewusstsein der Klassenlage, die Erkenntnis des organisierten Klassenkampfes kraftvoll in die Halme schießen. Die vielgestaltige Qual der Krise ist nicht vergeblich gelitten, wenn das Proletariat aus ihr mit innerlich gefestigten, gut ausgebauten gewerkschaftlichen Organisationen, mit zahlreicheren, fest geschlossenen sozialdemokratischen Heeresmassen hervorgeht. Sammlung und Schulung der proletarischen Massen für die weiteren Schlachten des Klassenkampfes, das ist die Losung, welche die Krise uns erteilt.
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