[Nr. 1039, Korrespondenz, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, I. Jahrgang, Nr. 6, 27. September 1889, S. 8]
– [Berlin] 10. September. Der Eifer, mit dem einer nach dem andern unserer Fürsten durch Redenhalten in die politische Agitation eintritt, ist ein erfreuliches Zeichen von dem Stande der Dinge. Die Herren würden schwerlich so lebhaft für sich selbst eintreten, glaubten sie nicht, dass der Glaube an ihre Autorität und an die Vortrefflichkeit des Bestehenden stark im Wanken ist.
Den Reden des Kaisers und des Königs von Sachsen ist kürzlich eine des Großherzogs von Baden gefolgt, der anlässlich eines Kriegervereinsfestes in seinem Lande die Gelegenheit ergriff, um die Anwesenden aufzufordern, „auch im Innern bereit zu sein, da es auch einen inneren Feind gebe, der in verstecktem Schleier*) umhergehe, und der zu bekämpfen sei, wenn er es darauf abgesehen, die Ordnung zu stören“. Diese an sich nicht sehr klaren Ausführungen verdunkelte aber der Großherzog noch dadurch, dass er dem Schlusse seiner Rede hinzufügte: „Ich glaube von Ihnen recht verstanden zu werden. Ich spreche von keinen Richtungen, keinen Parteien, sondern von dem, was jedem Staatsbürger obliegt, besonders denjenigen Staatsbürgern, welche die Verpflichtung haben, die Waffen zu tragen.“
Der Großherzog von Baden gilt in Deutschland als der „liberalste“ Fürst, was schon zeigt, dass er nicht von Untertanen, sondern von Staatsbürgern spricht, eine ganz ungewöhnliche Bezeichnung in dem Munde unserer höchsten und allerhöchsten Herren. Es scheint ihm auch die Anklage, die er erhob, nicht über die Zunge gewollt zu haben. Daher die Abwiegelung am Schlusse seiner Rede. Dessen ungeachtet weiß Jedermann in Deutschland, dass der Hieb gegen die Sozialdemokratie ging, und diese allein mit dem „inneren Feind“, der in „verstecktem Schleier umhergehe“, gemeint ist. Das Bild passt freilich so schlecht als möglich. Die Sozialdemokratie geht nicht „in verstecktem Schleier“ einher, sie kämpft offen, wo immer sie kann, und über ihr schließliches Ziel ist kein Zweifel. Als „inneren Feind“ mögen sie die Besitzenden und Herrschenden ansehen, für die beherrschten Klassen ist sie der einzige Freund, der ihnen den Weg zur Erlösung und Befreiung zeigt. Diesem Ziele wird sie treu bleiben, was immer die hohen Agitatoren gegen sie unternehmen.
In seinem Referat auf dem Internationalen Arbeiter-Kongress in Paris führte Bebel aus, die deutsche Polizei sei im Kampfe gegen die Sozialdemokratie unterlegen, denn obgleich sie die Macht habe, wage sie die in ihre Hände gelegten Machtbefugnisse nicht mehr in vollem Umfange anzuwenden. Die Richtigkeit dieser Ausführungen zeigt sich am deutlichsten in den Einwirkungen der Polizei auf die Wirte, ihre Säle zu Versammlungen zu verweigern, bei Strafe von allerlei Maßregelungen. Eine Zeitlang ging das so hin. Endlich aber rafften sich die Arbeiter auf und kehrten den Spieß um. Sie erklärten den Wirten, gebt ihr uns eure Säle nicht, trinken wir auch nicht euer Bier. Und da die meisten Säle in den größeren Städten Eigentum von Brauereien sind, wandte sich der Boykott gegen diese; ihr Bier wurde in Verruf erklärt. Der Erfolg entsprach den Anstrengungen. Den ersten großen Sieg erfochten die Dresdner Arbeiter, die eine der dortigen Brauereien zur Kapitulation zwangen. Die Arbeiter anderer Städte, darunter die Berliner, folgten dem Beispiele der Dresdner Arbeiter und mit demselben Erfolg. Die Polizei könnte nunmehr die Versammlungen verbieten, aber sie wagt es nicht. Dagegen rächt sie sich auf andere Weise. Dem Inhaber eines großen hiesigen Lokals wurde erst die Tanzerlaubnis auf halb elf Uhr abends beschränkt, und da dies den Inhaber nicht mürbe machte, die Erlaubnis ihm ganz verweigert. Damit hat die Polizei eingestanden, dass sie es war, welche die Wirte beeinflusste. Die Berliner Arbeiter bieten nun Alles aus, um die gemaßregelten Wirte zu entschädigen, und diese werden mit dem Erfolge dieser Anstrengungen zufrieden sein.
Dieser kleinliche Polizeikampf, der besonders lebhaft in der letzten Zeit in Sachsen geführt wird, weil dort die Landtags-Ergänzungswahlen vor der Türe stehen, gibt ein abschreckendes Bild von der unendlichen Engherzigkeit und Beschränktheit des herrschenden Systems. Staatsmänner sollten sich zu gut halten, so den Kampf zu führen. Aber gibt es denn überhaupt noch Männer in den Reihen unserer Gegner? Wie einst Oesop [? Diogenes?] mit der Laterne vergeblich nach einem Menschen suchte, sucht man vergeblich heute in den Reihen unserer Gegner nach einem Manne. Die sich da Männer nennen, sind Eunuchen, die verlernt haben, sich als Männer zu benehmen.
Einen drastischen, aber sehr zutreffenden Vergleich über die Zustände in Deutschland und den Vereinigten Staaten zieht ein deutscher Maler in der „Münchener Allg. Ztg.“. Er schreibt: „Amerika ist ein praktisches Land. Langweiligkeit, Kleinigkeitskrämerei, Bedientengeist, Polizeiwirtschaft hört auf; an ihre Stelle treten andere menschenwürdigere Dinge … Überall werde ich auf das Herzlichste empfangen, so dass ich durch diesen Gegensatz des selbst in gebildeten Schichten drüben (in Deutschland) vorkommenden lakeienhaften Packträger- und Korporalston ganz überrascht war.“ Der Mann hat sein Vaterland auch kennen gelernt, obgleich er nicht zu den sozialistischen „Reichsfeinden“ zählt.
*) Der Herr Großherzog hat wohl gemeint, „im Schleier versteckt umhergehen“. Wenigstens ist es ungewöhnlich, dass Schleier unter dem Hemde getragen werden; wenn das aber vorkommen sollte, so würde dadurch eben Nichts versteckt werden, als der – Schleier, keineswegs aber der „innere Feind“ selber. Der arme Großherzog scheint aus Angst schon sein Bisschen Deutsch vergessen zu haben. Damit das schöne Wort nicht wieder, wie so häufig, einem Unschuldigen als „Druckfehler“ in die Schuhe geschoben werde, bemerkt dies der
Setzerjunge.
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