[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 51, S. 769-773]
f Berlin, 9. September 1896
Mit dem ökonomischen und politischen Bankrott der bürgerlichen Gesellschaft geht Hand in Hand ihr literarischer Bankrott. Er zeigt sich gleichmäßig auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, wenn auch vielleicht am auffallendsten da, wo sich die Literatur mit der Ökonomie und Politik am engsten berührt, auf dem Gebiete der politischen Ökonomie.
In gewissem Sinne könnte man sagen, dass sich der Gang, den die ökonomische Produktionsweise in der modernen bürgerlichen Gesellschaft genommen hat und nimmt, in ihrer literarischen Produktionsweise wiederholt. Auch hier zeigt sich eine Art Abwechslung von Blüte und Krisis, die schließlich in eine chronische Stagnation verläuft. Es sei nur an die naturalistische Richtung in der schönen Literatur erinnert. Sie nahm einen Anlauf, der zu mancherlei Hoffnungen berechtigte, um bald wieder zusammenzubrechen.
Und wieder am hervorstechendsten zeigt sich diese Erscheinung in der Literatur der politischen Ökonomie. In den siebziger Jahren erhob sich der Kathedersozialismus unzweifelhaft über die Vulgärökonomie, deren einziger Zweck darin bestand, den kapitalistischen Profit zu verklären. Aber die Herrlichkeit dauerte kaum einige Jahre. Dann versöhnte sich Kathedersozialismus und Vulgärökonomie, und damit nicht genug: als Bismarck die rücksichtsloseste Ausbeutung und Unterdrückung der Massen begann, verherrlichte wenigstens ein Teil der Kathedersozialisten diese neben aller Verworfenheit so rückständige Politik, dass sogar die Vulgärökonomie sich gegen sie auflehnte. In den achtziger Jahren nahm die bürgerliche Ökonomie dann wieder einen hoffnungsvollen Anlauf. Sie produzierte eine Reihe mehr oder minder wertvoller Schriften, welche die wirtschaftlichen Zustände Deutschlands untersuchten und mehr oder minder unter dem Einfluss des wissenschaftlichen Kommunismus standen; gerade die begabtesten und erfolgreichsten unter ihren Verfassern, wie Schnapper-Arndt und der leider zu früh verstorbene Emanuel Hans Sax, bekannten sich offen als Schüler von Marx und Engels. Aber von dieser Nachblüte der bürgerlichen Ökonomie ist heute nichts oder wenig mehr zu spüren; in den neunziger Jahren scheint sie sich in chronische Stagnation verlaufen zu sollen; die Tatsache, dass Herr Julius Wolf und Herr Georg Adler in ihr das große Wort führen dürfen, spricht Bände.
Zu diesen trefflichen Kämpen des Kapitalismus gesellt sich jetzt ein neuer Held, der ihnen mit gutem Fug sagen darf: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in euren Bunde der Dritte,“ Es ist ein Herr Adolf v. Wenckstern, der kürzlich unter dem anspruchsvoll-lakonischen Titel: „Marx“ ein Buch von 265 Seiten in dem angesehenen Verlage von Duncker und Humblot in Leipzig herausgegeben hat. Herr v. Wenckstern geht gleich aufs Ganze und Große. Er debütiert mit einer Leistung, deren Originalität sogar von seinen Mitstrebenden Julius Wolf und Georg Adler noch nicht erreicht worden ist, Herr v. Wenckstern entdeckt, dass der Zustand chronischer Stagnation eben die höchste Blüte der großen Industrie sei. Er knüpft an eine Bemerkung an, die Engels vor zehn Jahren in dem Sinne gemacht hat: statt der Weltmarktungewitter der Handelskrisen scheine sich eine neue Ausgleichungsform geltend machen zu wollen, seitdem Englands Weltmarktmonopol durch die Beteiligung Frankreichs, Deutschlands und vor allem Amerikas am Welthandel mehr und mehr gebrochen werde. Die der Krise vorangehende Periode allgemeiner Prosperität wolle noch immer nicht kommen. Bliebe sie ganz aus, so müsse chronische Stagnation der Normalzustand der modernen Industrie werden, mit nur geringen Schwankungen. Herr v. Wenckstern meint nun, Engels habe das Ausbleiben der Handelskrisen falsch erklärt. Die wahre Ursache dieses Ausbleibens sei vielmehr, dass die Zweck setzende und Willen bestimmende Arbeit der Unternehmer die unbekannten Märkte erforscht habe. Das nenne Engels freilich „chronische Stagnation“, aber: „Mit diesem Zugeständnis kapituliert der Marxismus und bleibt nur noch auf einen Abzug mit Gepäck und Waffen bedacht, welchen man ihm gern zugestehen kann. Mag er chronische Stagnation nennen, was in Wirklichkeit unter Gewinn und Verlust sich vollziehende Anpassung der entwicklungsfähigen Produktivkraft der Gesellschaft an ihre Bedürfnisse ist.“ Wir akzeptieren mit demütigem Danke die gnädigen Bedingungen der Kapitulation, die uns so gewährt wird; nur den bescheidenen Wunsch hätten wir noch, die Gesichter der Kapitalisten zu sehen, denen Herr v. Wenckstern beweist, dass die chronische Stagnation der Industrie, über die sie seit Jahrzehnten Stein und Bein jammern, gerade die bewundernswerteste Leistung ihrer Genialität sei.
Nur möchten wir sie warnen, dem originellen Denker etwa ihre Unzufriedenheit zu verraten. Darin lässt Herr v. Wenckstern nicht mit sich spaßen Dass die kapitalistische Welt ihre eigene Unübertrefflichkeit nicht einsieht, ist nach ihm die Ursache aller Übel. Die Lehre vom Mehrwert ist „erklärlicher Weise in das Bewusstsein der Massen eingedrungen und in das Bewusstsein aller hungrigen, Stellen suchenden, unreifen, denkfaulen und arbeitsscheuen Individuen der bürgerlichen Klassen. … „Wenn ich als Arbeiter geboren wäre, wäre ich Sozialdemokrat“ ist das schmachvollste Wort, das je gesprochen worden ist, leider aber von Tausenden in Deutschland still und laut nachgesprochen wird. Lange nicht die Hunderttausende sozialdemokratischer Arbeiter: die Tausende Unbefriedigter, weil Impotenter, der bürgerlichen Klassen sind die wahre, die furchtbare Gefahr für Deutschland, für die europäische Zivilisation.“ Es ist ein wahrhaft tragisches Los, das sich nach Herrn v. Wenckstern an der bürgerlichen Gesellschaft vollzieht: aus ihrem Schoße erwächst das höchste Glück menschlicher Gesittung, die chronische Stagnation, aber weil sie sich einreden lässt, dass ihr höchstes Glück eigentlich ihr höchstes Unglück sei, gerät sie in furchtbare Gefahren.
Im Allgemeinen erinnert das Buch des Herrn v. Wenckstern an jenes Modell eines Pferdes, an dem in Tierarzneischulen alle Krankheiten des Pferdegeschlechts demonstriert werden. Wer das Bedürfnis hat, sämtliche Torheiten, die seit dreißig Jahren gegen Marx und den wissenschaftlichen Sozialismus. aufs Tapet gebracht worden sind, in einem Train hintereinander zu genießen, mag es ja nicht ungelesen lassen. So viel wir sehen, ist die Sammlung vollständig. Die Originalleistung des Herrn v. Wenckstern besteht darin, dass er den alten Torheiten manchmal eine neue Spitze anschleift. So haben Andere längst behauptet, dass Marx kein selbständiger Denker, sondern ein Plagiator an selbstständigen Denkern sei, aber noch ist kein kapitalistischer Detektiv auf den Verdacht verfallen, den Herr v. Wenckstern verschämt andeutet, dass nämlich Marx seine Weisheit aus Schopenhauer geholt habe, dessen Parerga und Paralipomena 1852, „also zu der Zeit, in welcher Marx in England war“, von der „Westminster Review“ besprochen worden seien. So ist der missverstandene Darwinismus oft gegen den Marxismus ins Feld geführt worden, aber es ist eine entschieden neue Wendung, wenn Herr v. Wenckstern sagt, Marx vergesse bei der Entwicklung des Werts und Mehrwerts das aristokratische Prinzip, das die Warenwelt beherrsche und nur dem Guten und Besten den Verkauf auf dem Markte verbürge. Beiläufig passiert Herrn Haeckel das komische Missgeschick, von Herrn v. Wenckstern aus der Reihe der „ernsten Forscher“ verwiesen zu werden, natürlich nicht aus dem Gebiete der Sozialistentötung, wo Herr Haeckel von Herrn v. Wenckstern wohl als passabler Vorläufer anerkannt werden wird, sondern aus dem Gebiete der modernen Naturwissenschaft.
Um jedoch eine etwas ausführlichere Probe der „wissenschaftlichen Methode“ des Herrin v. Wenckstern zu geben, so nehmen wir gleich sein erstes Kapitel über den „Gebrauchswert“, das „ganz besonders eingehend“ ausgeführt wird, weil in der Behandlung des Gebrauchswerts durch Marx „ein großer Teil des Geheimnisses seiner Widersprüche“ stecke. Wie wenigstens jeder „Marxist“ weiß, hat Marx zuerst die Konfusion beseitigt, die in der bürgerlichen Ökonomie durch das „Geheimnis der Widersprüche“ zwischen Gebrauchs- und Tauschwert angerichtet worden war. Marx hat die sinnenfällige Tatsache festgestellt, dass der Gebrauchswert als Gebrauchswert nicht in die politische Ökonomie, dass vielmehr die Betrachtungen über „Güter“, mit denen die landläufigen Lehrbücher der bürgerlichen Ökonomie zu beginnen pflegen, in literarische Anweisungen zur Warenkunde gehören. In den Kreis der politischen Ökonomie falle der Gebrauchswert nur, soweit er selbst ökonomische Formbestimmung sei. Unmittelbar sei er die stoffliche Basis, woran sich ein bestimmtes ökonomisches Verhältnis darstelle, der Tauschwert.
Seitdem Marx diese einleuchtende Klarstellung zwischen Gebrauchs- und Tauschwert zum ersten Male gemacht hat, sind bald vierzig Jahre verflossen. Trotzdem fahren die landläufigen Kompendien der bürgerlichen Ökonomie – siehe beispielsweise die Lehrbücher von Wagner und Roscher – ruhig fort, mit Betrachtungen über „Güter“ zu beginnen. Das ist auch ganz begreiflich, denn die begriffsmäßige Scheidung der Rolle, welche Gebrauchswert und Tauschwert innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft spielen, ist der erste Schritt, dem „Geheimnis ihrer Widersprüche“ auf die Sprünge zu kommen, und dieser Schritt darf beileibe nicht getan werden. Die „nicht genügende Berücksichtigung des Gebrauchswerts“ ist die klapprige Rosinante, auf der jeder „wissenschaftliche“ Sozialistentöter gegen den Marxismus anrennt. Und so klettert auch Herr v. Wenckstern auf den totmatten Gaul, aber er sieht ein, dass er ihm ein paar neue Sporen in die Flanken setzen muss, wenn er ihn überhaupt von der Stelle bringen will. Er beeilt sich also, zu erklären, dass die bisherigen Marxvernichter den „eigentlichen Kern der Sache nicht“ getroffen hätten, aber jetzt werde er ihnen zeigen, wo Bartel den Most hole. Die Sache sei nämlich die, dass Marx den Gebrauchswert sowohl berücksichtigt, als auch nicht berücksichtigt habe. Er habe den besonderen Gebrauchswert als Träger des Tauschwerts immer hervorgehoben, aber er habe den allgemeinen Gebrauchswert zu „bilden“ unterlassen.
Diese Unterlassungssünde hat Marx nun allerdings begangen, aber mir aus dem verzeihlichen Grunde, weil ihn die bürgerliche Gesellschaft der Mühe überhoben hatte. Sie hatte längst, ehe Marx geboren war, den allgemeinen Gebrauchswert im Gelde gebildet, und Marx konnte beim besten Willen nicht mehr tun, als diese Tatsache feststellen und in ihrem historischen Zusammenhange erklären. Das hat er nun aber auch wirklich getan und schon vor bald vierzig Jahren ausführlich nachgewiesen, dass in der Geldware „der Widerspruch gelöst sei, den die Ware als solche einschließe, als besonderer Gebrauchswert zugleich allgemeines Äquivalent und daher Gebrauchswert für jeden, „allgemeinen Gebrauchswert zu sein.“ Was Marx über das Geld geschrieben hat, ist Herrn v. Wenckstern keineswegs unbekannt, wie aus anderen Stellen seiner Schrift hervorgeht, aber das tut nichts, Marx muss nun einmal heruntergerissen werden, und da der allgemeine Unsinn, dass Marx den Gebrauchswert nicht genügend berücksichtigt habe, schon von Herrn Adolf Wagner und Anderen tot gepeitscht worden ist, so versucht es Herr v. Wenckstern mit dem besonderen Unsinn, dass Marx nur den allgemeinen Gebrauchswert zu „bilden“ unterlassen habe. Unter den Brüdern der bürgerlichen Ökonomie ist es ja auch ganz egal.
Bei aller glänzender Fähigkeit, die Herr v. Wenckstern als Retter der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt, hat er es aber doch an einem Punkte versehen, und deshalb hat sich auch noch nicht in der bürgerlichen Presse das übliche Trompetengeschmetter über diesen neuen Heiland des Kapitalismus erhoben. Herr v. Wenckstern schreibt viel zu gelehrt. Er hat nicht nur die Schriften von Marx und Engels, sondern auch Kants, Hegels, Schopenhauers, Stirners, Proudhons und wer weiß, welche andere Werke noch durch gebüffelt, um aus gelehrten Floskeln seinen Heringssalat anzurichten und damit ist der kapitalistischen Gesellschaft nicht gedient. Sie verschmäht das höhere Blech; was ihr kranker Magen allein noch verdauen kann, ist das platt-vulgäre Blech, und so haben die „Grundbegriffe und Grundsätze der Volkswirtschaft“, die Herr Karl Jentsch im Verlage von Grunow in Leipzig herausgegeben hat, den lebhaften Beifall der bürgerlichen Presse erhalten, von dem Herrin v. Wencksterns Buch noch kein schwaches Echo hat wecken können.
Herr Jentsch repräsentiert in seiner Person jenen Wechsel von besseren Anläufen und um so tieferen Rückfällen der bürgerlichen Literatur, von dem wir vorhin sprachen. Er hat mancherlei geschrieben, das bis zu einem gewisse Grade auch in der sozialdemokratischen Presse anerkannt worden ist. Vielleicht hat ihn eben deshalb der Hafer gestochen; jedenfalls verdient seine „Populäre Volkswirtschaftslehre“ ebenso den Jubel der kapitalistischen Presse, wie sie von der sozialistischen Presse als eine tendenziöse und wissenschaftlich wertlose Schrift abgewiesen werden muss. Wer den „Unsinn“ des in der kapitalistischen Gesellschaft herrschenden Wertgesetzes, wie es Ricardo und Marx entwickelt haben, dadurch beweisen will, dass der Wert seltener Gemälde nicht durch die in ihnen enthaltene Arbeitszeit bestimmt werde, der beweist nur, dass er weder Ricardo noch Marx kennt, und also auch nicht das Recht hat, von oben herab so über sie abzusprechen, wie Herr Jentsch sich erlaubt. Hätte er das Hauptwerk Ricardos auch nur bis zur zweiten Seite angeblättert, was doch keine übermäßige Geistesanstrengung erforderte, so würde er gelesen haben, dass Ricardo seltene Gemälde und überhaupt die verhältnismäßig geringe Zahl von Waren, die nicht beliebig vermehrbar sind und also nicht der unbeschränkten Konkurrenz unterliegen, wie selbstverständlich vom kapitalistischen Wertgesetz ausnimmt.
Das etwa Lesbare, wenn auch nicht Neue an der Schrift, mögen manche moralische Betrachtungen sein, die Herr Jentsch an die Wirkungen der kapitalistisch en Produktionsweise knüpft. Sonst ist sie ein trivialer Auszug aus den Kompendien namentlich Roschers und Wagners, deren Konfusion hier noch viel „konfuser erscheint. In dem Entzücken, womit sie vom „Berliner Tageblatt“ bis zur „Deutschen Literaturzeitung“ begrüßt worden ist, spiegelt sich nichts als der literarische Bankrott der bürgerlichen Gesellschaft.
Schreibe einen Kommentar