Franz Mehring: Nachklänge

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 38, S. 353-355]

f Berlin, 19. Juni 1901

Zu Bismarcks Fehlern gehörte weinerliche Sentimentalität nicht, aber wer sonst zu diesem Fehler neigt, könnte durch Bismarcks Schicksal leicht dahinein gelockt werden. Der hieb- und stichfesteste Patriotismus schützt nicht vor einem derben Anfall moralischen Katzenjammers bei der Erinnerung an die Enthüllung des Denkmals vor dem Reichstagshaus. Es ging dabei her, wie es herzugehen pflegt, wenn lästige, aber einstweilen noch nicht abzuweisende Anstandspflichten zu erfüllen sind. Im Berliner Jargon gibt es dafür einen drastischen Vergleich, den wir lieber doch nicht mit ausdrücklichen Worten ziehen wollen.

Der einzige Trost der bürgerlichen Presse ist die herrliche, die schöne und namentlich die tapfere Rede, die der gegenwärtige Reichskanzler bei diesem Anlass wieder einmal gehalten haben soll. Den Ruhm des Schönredens kann man dem Grafen Bülow nun auch nicht gut abstreiten; er hat sich gewiss mit großer Gewandtheit durch die Klippen und Untiefen durch gewunden, die er unvermeidlich zu passieren hatte, wenn er Bismarck in den Himmel heben sollte, ohne doch irdische Rücksichten der dringendsten Art zu vernachlässigen. Man muss sich schon die wüsten Ausbrüche patriotischer Geschmacklosigkeit, die seit drei Jahrzehnten das Deutsche Reich vor der gesitteten Welt bloßgestellt haben, recht lebhaft vergegenwärtigen, um überhaupt zu begreifen, dass ganz ernsthafte Organe der bürgerlichen Presse die Rede des Grafen Bülow nicht etwa nur als Muster höfischer Geschicklichkeit, was sie in ihrer Art wirklich ist, sondern als Muster trutziglicher Tapferkeit preisen.

Aber mein Gott, jammern die ewig Zufriedenen, er hat ja Goethe zitiert, man denke doch nur: ein leibhaftiger Reichskanzler und waschechter Junker hat sich auf Goethe berufen, der zwar auch eine Exzellenz und auch von Adel war, aber immerhin nur eine weimarische Exzellenz und von frisch gebackenem Briefadel. Das hat Bismarck selbst nun freilich nie getan, obschon er Goethe kannte und ihn gar nicht so übel zu beurteilen wusste, wenn er meinte, mit sechs oder sieben Bänden Goethes könne man eine gute Weile auf einer einsamen Insel aushalten, aber die anderen dreißig Bände hätten längst nicht so viel in sich. Das ist ein Urteil, über das sich diskutieren lässt, wenn man es auch nicht so ohne Weiteres unterschreiben möchte; es zeigt auf jeden Fall, dass Bismarck die Werke Goethes kannte und sich eine eigene Meinung darüber zu bilden wusste. Dagegen was Graf Bülow in seiner neulichen Bismarckrede über Goethe sagte, waren nichts als Redewendungen jener forzierten Geistreichigkeit, hinter der nichts, aber auch rein gar nichts steht; sie begründen höchstens den Verdacht, dass der gegenwärtige Reichskanzler von Goethe ungefähr so viel weiß, wie von Fichte.

Dabei hat der weitblickende Staatsmann zugleich die nötige Vorsorge getroffen, dass sein bisschen forcierte Geistreichigkeit nicht etwa unbequeme Konsequenzen nach sich ziehe. Zur selben Zeit, wo er Goethe feierte, wurde unter seiner verantwortlichen Ministerpräsidentschaft ein kleiner Konsistorialrat von Berlin nach Königsberg drangsaliert, weil er im Goethebund als Schriftführer nicht einmal mittut, denn den konsistorialrätlichen Busen hat längst die Reue angewandelt, sondern nur mitgetan hat. Gewiss ist der Goethebund nicht ganz der harmlose Ulk geblieben, als welcher er gegründet wurde, aber was er an Schneid und Spitze entwickelt hat, das ist nicht gegen die Polizei gekehrt, sondern im Gegenteil ihrem Spürdienst untertänig gemacht worden, woran Herr Reicke – so heißt der disziplinierte Konsistorialrat – als dermaliges Vorstandsmitglied des Goethebundes vielleicht auch sein patriotisches Verdienst hat. Hilft aber alles nichts! Herr Stoecker will nun einmal nicht, dass ein preußischer Konsistorialrat sich mit dem Heiden Goethe einlässt, und Graf Bülow blinzelt dem teuren Gottesmann vertraulich zu? Na natürlich nicht, marsch mit dem Sünder nach Königsberg. Worauf er hinging und seine schöne Rede hielt, die Bismarck und Goethe als die beiden Sterne der deutschen Nation verherrlichte.

Der Konsistorialrat Reicke wird indessen schmerzliche Betrachtungen anstellen über die Wahrheit des alten Wortes: Quod licet Jovi, non licet bovi [Was Jupiter erlaubt ist, ist einem Rindvieh nicht erlaubt]. Bei seinen literarhistorischen Forschungen war er wohl auf die Tatsache gestoßen, dass Goethe, wenn er auf Reisen ging, seine kleine Freundin im Schutze des Weimarer Generalsuperintendenten zurückzulassen pflegte. Dieser Generalsuperintendent hieß Johann Gottfried Herder, was wir auf die Gefahr hin bemerken wollen, dass der Herr Reichskanzler, wenn er diesen Namen hört, dessen Träger auch in sein Redeprogramm aufnimmt, Herder macht sich ganz nett zwischen Fichte und Goethe, Herr Reicke hat vermutlich kalkuliert: wenn ein Generalsuperintendent so besorgt für Goethes fleischliche Gelüste sein durfte, wie sollte sich ein Konsistorialrat nicht den harmlosen Genuss gönnen dürfen, dem Goethebund beizutreten, der doch nur das geistige Erbe Goethes oder was dieser Bund dafür versieht, wahren will? Das ist soweit ganz logisch, aber Herr Reicke hat vergessen, dass wenn Herder zwar Herder war, Stoecker auch Stoecker ist.

Herr Stoecker hat schon mancherlei Rollen gespielt, an denen wir Mancherlei auszusetzen hatten, aber an der Rolle, die er nunmehr übernehmen zu wollen scheint, wissen wir nicht viel zu tadeln. Für Herrn Reicke haben wir alle pflichtschuldige Sympathie, aber schließlich lässt sich in Königsberg auch leben, und wenn Herr Stoecker die schillernden Redeblumen des Herrn Reichskanzlers mit so drastischer Ungeniertheit auf ihre trostlose Nüchternheit reduziert, so ist er insoweit unser Mann.

Doch um auf den eigentlichen Hammel zurückzukommen, so zeigte die Enthüllungsfeier des vorigen Sonntag, dass Bismarcks Andenken als eines Wohltäters wenn nicht der Menschheit, so doch der deutschen Nation, wenig mehr noch ist als eine klingende Schelle. In die ganze Geschichte war kein Zug mehr zu bringen; die Feier verlief so frostig und geschmacklos, wie das Denkmal selbst ist. Künstlerwitze sind ganz nett, vorausgesetzt dass sie Witze sind, aber so lange wie die Welt steht, ist es noch kein Witz gewesen, einem Manne, der gehörige Trachten Schläge davongetragen hat, vielmehr nachzurühmen, dass er diese Trachten Schläge ausgeteilt habe. Wenn also Bismarck in den Reliefs seines Denkmals die ultramontanen Raben verscheucht oder der sozialistischen Tigerkatze den Schädel eindrückt, so sind diese glorreichen Fantasien des Herrn Reinhold Vegas nicht Witze, sondern Albernheiten, aber allerdings ihrer Sache würdige Albernheiten.

Drei Jahre nach Bismarcks Tode beginnt sein Nachruhm wie Rauch zu zerflattern; drei Jahrzehnte, und über der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts werden in unvergänglicher Hoheit nur noch die Namen leuchten, die es wahrhaft beherrscht haben: Darwin und Marx. Diese Männer haben dem Wohle der Menschheit gelebt in rastlos und unaufhörlich schaffender Arbeit; Denkmäler werden ihnen nicht auf Märkten und Gassen errichtet, aber ihre Gräber umstrahlt unvergänglicher Ruhm. Bismarck dachte in diesem Punkte realistischer, ganz so wie der satirische Dichter spottet:

Unser Grab erwärmt der Ruhm.

Torenworte! Narrentum!

Eine bess’re Wärme gibt

Eine Kuhmagd, die verliebt

Uns mit dicken Lippen küsst

Und beträchtlich riecht nach Mist.

Leider ist nur eine dicke Kuhmagd ein sehr vergängliches Geschöpf; so wie sie bei der Denkmalfeier Bismarcks umher schlich, abgemagert in unaufhaltsam fortschreitender Schwindsucht, mit fahlen und schmalen Lippen, duftete sie zwar nicht nach Mist, was ein kränkender Vergleich für die vornehme Gesellschaft wäre, aber nach jenem fatalen Dunste der Verwesung, der die historischen Namen der Männer umwittert, die ihren Ruhm auf Leichenfeldern erworben haben


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