[Der Zusammenbruch des Stalinismus. IEC-Dokument, Juni 1992, S. 24-26]
Montag, 19. August
07:00 Uhr
TASS gibt bekannt, dass Vizepräsident Gennadi Janajew die Amtsgeschäfte übernommen habe, „wegen Gorbatschows Unfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen, seine Aufgaben wahrzunehmen“.
Moskauer Radio berichtet: „Eine tödliche Gefahr hängt über der Sowjetunion, das Land ist unregierbar geworden“.
50 km südlich von Moskau rücken Panzer an.
08:15 Uhr
TASS gibt bekannt, dass in einigen Gebieten der Sowjetunion für sechs Monate der Ausnahmezustand verhängt worden sei, „um das Abgleiten der Gesellschaft in eine nationale Katastrophe abzuwenden“.
Die gesamte Macht wird an ein achtköpfiges Staatskomitee für den Ausnahmezustand in der UdSSR übertragen.
09:00 Uhr
Tokio – Der NIKKEI-Index stürzt um 1.357 Punkte ab.
11:00
Jelzins Sprecher erklärt, man gehe davon aus, dass ein Putsch im Gange sei.
11:30
Eine Kolonne gepanzerter Mannschaftstransporter rückt zum Kreml vor.
12:30
Jelzin gibt von seinem Hauptquartier im russischen Parlament (Weißes Haus) eine Erklärung ab, in der er den Putsch verurteilt und zu einem Generalstreik aufruft.
Das Notstandskomitee kündigt ein hartes durchgreifen gegen die Presse und ein Demonstrationsverbot an. Es erklärt, es werde alle Mittel einsetzen, um „Brudermord und Bürgerkrieg“ zu verhindern.
14:00
12 Panzer treffen vor dem Weißen Haus ein. Eine größere Kolonne ist auf dem Weg zum Kreml.
14:08
Demonstrant*innen, die die russische Flagge schwenken, blockieren die am Kreml eintreffenden Panzer.
14:15
Jelzin klettert auf einen Panzer und ruft seinen Anhänger*innen zu: „Wo immer mein Aufruf zum Streik gehört wird, unterstützen die Menschen ihn.“
Er sagt, Gorbatschow werde in seiner Ferienwohnung auf der Krim festgehalten.
15:00
Panzer umzingeln die TASS-Büros. Der FTSE-100-Aktienindex fällt um 125,3 Punkte.
16:00
Ein hochrangiger sowjetischer Militärvertreter erklärt, die Streitkräfte würden „den Willen der neuen rechtmäßigen Regierung ausführen“.
17:00
Janajew erklärt auf einer Pressekonferenz, Gorbatschow „ruhe sich aus“. Er sagt: „In den letzten Jahren ist er sehr müde geworden und braucht etwas Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen.“
Janajew sagt, das Komitee sei entschlossen, die Reformen fortzusetzen.
18:00
Demonstrant*innen schleppen Busse über die Straßen und errichten Barrikaden, um die Panzer daran zu hindern, das Weiße Haus zu erreichen. Demonstrant*innen diskutieren mit den Truppen.
18:15
Jelzin befiehlt allen KGB- und Armeeeinheiten, die Janajew unterstützen, sich zurückzuhalten. Er erklärt, dass er die Kontrolle über alle sowjetischen Institutionen auf russischem Boden übernehme. Janajew verhängt einen Ausnahmezustand in Moskau.
18:30
Der führende ukrainische Vertreter Krawtschuk ruft zur Ruhe auf und drängt die Arbeiter*innen, Jelzins Streikaufruf nicht zu befolgen.
Truppen besetzen die Telefonzentrale in Litauen. Landsbergis ruft zum „passiven Widerstand“ auf.
22:00
Russische Bergarbeiter*innen beginnen, die Arbeit niederzulegen.
23:30
Zehn Panzer der Eliteeinheit „Taman-Division“ fahren zum Weißen Haus, um es vor den Putschist*innen zu verteidigen.
Dienstag, 20. August
03:00
Meldung über das erste Opfer: Ein Kleinbusfahrer wird in Riga von Truppen getötet. In Lettland wird ein Streik ausgerufen.
06:00
Moskau ist ruhig. Der neue Militärkommandant von Moskau sagt, es gebe keine Notwendigkeit für eine Ausgangssperre.
10:00
Die Hälfte der sibirischen Kusbass-Bergwerke (26) legt die Arbeit nieder. Die Arbeiter*innen des Tjumen-Ölfeldes erklären ihre Unterstützung gegen den Putsch, aber sie sagen, sie würden aus Angst vor einem Bürgerkrieg nicht streiken.
5 von 13 Bergwerken in Workuta streiken – die anderen „sind durch Abwesenheit von Beschäftigten fast lahmgelegt“. Bergarbeiter*innen streiken in der Ukraine und in Weißrussland.
14:00
Eine Menschenmenge von über 200.000 Menschen trotzt dem Verbot und versammelt sich vor dem Weißen Haus.
Zehntausende versammeln sich in Leningrad (schätzungsweise 100.000). Über 20 Fabriken in Leningrad haben die Arbeit eingestellt.
50.000 demonstrieren in Chișinău, der Hauptstadt Moldawiens, und es werden Barrikaden errichtet, die alle Zufahrten zur Stadt blockieren.
15:30
Jelzin spricht zur Menge: „Wir werden hier so lange durchhalten, wie wir müssen, um diese Junta von der Macht zu entfernen und vor Gericht zu stellen.“
Es werden Unterstützungsbotschaften aus den Industriezentren Swerdlowsk, Tscheljabinsk, Kemerowo und Chabarowsk verlesen.
16:00
Schewardnadse erscheint und spricht zur Menge.
16:30
Es gibt Gerüchte in Moskau, dass Gorbatschow innerhalb der nächsten 24 Stunden eingeflogen werden könnte.
19:00
Zehntausende versammeln sich in der Hauptstadt Moldawiens. Der Präsident erklärt die Maßnahmen des Notstandskomitees für „illegal und illegitim“.
Auch ukrainische Abgeordnete stimmen ab, dass die Maßnahmen des Notstandskomitees illegal und illegitim seien.
Der estnische Außenminister sagt, sie würden die Unabhängigkeit erklären. Über 400.000 estnische Arbeiter*innen führen einen zweistündigen Generalstreik durch.
Viele Unternehmen und der Großteil des öffentlichen Nahverkehrs in Tallinn stellen die Arbeit ein.
Tausende versammeln sich in Moskau gegen die Gefahr eines Panzereinsatzes.
20:00
Es gibt Berichte, dass zwei Mitglieder des Notstandskomitees krank seien. Jasow soll aufgrund einer nicht näher bezeichneten Krankheit zurückgetreten sein. Pawlow soll unter Bluthochdruck leiden und bettlägerig sein.
24:00
Jelzins Berater appelliert an den KGB-Chef, dass es kein Blutvergießen gebe. Krjutschkow antwortet: „Sie können ruhig schlafen.“
Estland erklärt seine Unabhängigkeit.
Sowjetische Soldaten besetzen Radio- und Fernsehsender in litauischen Städten.
Eine zehn Reihen tiefe Menschenkette umgibt das Weiße Haus.
Mittwoch, 21. August
01:30
Panzer versuchen, die Absperrungen am Weißen Haus zu durchbrechen. Demonstranten stürmen auf sie zu. Molotowcocktails werden geworfen. Zwei Panzer werden in Brand gesetzt.
Panzerkommandanten schießen in die Luft. Drei Menschen sterben in der Menschenmenge.
05:40
Sowjetische Fallschirmjäger besetzen den estnischen Fernsehsender.
13:50
Fallschirmjäger besetzen das „Moskauer Echo“, eine unabhängige Radiostation.
14:25
Jelzin sagt, dass KGB-Chef Krjutschkow ihm die Möglichkeit angeboten habe, Gorbatschow zu sehen. Er weigerte sich. Gerüchte über Überläufer*innen aus dem KGB und der Armee zu Jelzin nehmen zu.
15:16
Jelzin teilt dem russischen Parlament mit, dass das 8-köpfige Komitee versuche, aus Moskau zu fliehen. Draußen jubelt die Menge.
16:20
TASS berichtet, das sowjetische Verteidigungsministerium habe allen Truppen befohlen sich aus Moskau zurückzuziehen.
16:54
Ein Mitglied des russischen Parlaments sagt, zwei Flugzeuge mit führenden Hardliner*innen seien in Richtung Krim abgeflogen.
17:02
Panzer und gepanzerte Fahrzeuge beginnen, Moskau zu verlassen.
18:01
TASS berichtet, alle Pressezensurmaßnahmen des „ehemaligen“ Notstandskomitees seien aufgehoben worden.
18:24
Der Vorsitzende des sowjetischen Verteidigungskomitees gibt bekannt, dass das Notstandskomitee aufgelöst worden sei und Jasow und Krjutschkow zur Krim fliegen würden, um Gorbatschow zu treffen: „Das Komitee existiert nicht mehr. Die Mitglieder sind auf dem Weg dorthin, um sich bei Gorbatschow zu entschuldigen oder was auch immer sie tun müssen.“
19:58
Das lettische Parlament erklärt die Unabhängigkeit.
20:28
TASS berichtet, dass eine strafrechtliche Untersuchung gegen das Notstandskomitee eingeleitet wurde.
Schreibe einen Kommentar