Franz Mehring: Bücherschau

[Feuilleton der Neuen Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 39, 28. April 1911. S. 143-144]

Johann Plenge, Marx und Hegel. Tübingen, Verlag der H. Lauppschen Buchhandlung. 184 Seiten. Preis geb. 4 Mark]

Ein neuer Marxtöter und noch dazu einer, der sich gewaschen hat!

Die Methode zwar ist die alte. Erst werden die Vorgänger in der Marxvernichtung, soweit sie etwa noch einigen Kredit beim Bourgeoispublikum genießen, unbarmherzig niedergesäbelt: dann erscheint Marx auf der Bildfläche als „unheilbar unfertiger“ Bursche, dessen „Kapital“ im Sande verläuft, immer breiter und matter wird. „Oft will die Darstellung vor einem Überfluss von Einzeltatsachen nicht weiter kommen und immer wieder werden elementare Kausalitätsformeln mit lästiger, pedantischer Ausführlichkeit nach ihren äußerlichen, formal mathematischen Möglichkeiten variiert. Das ist nicht gründlich, das ist schwerfällig, ein Sichverlieren im unbesiegten Detail.“

Marx war nicht nur in seiner Jugend ein Jünger Hegels, sondern sein Malheur . war, dass er sich all sein Lebtag mit dem – natürlich von ihm missverstandenen, aber nur von Herrn Plenge richtig verstandenen – Hegel herumschleppte: Zwei „erstaunliche Glücksfälle“ halfen dem jungen Marx auf die Beine: nämlich dass er die bekannte Kompilation des Professors Lorenz Stein über den französischen Sozialismus und Kommunismus, sowie die „mit genialer Leichtfertigkeit, aber lebendigster Tatsachenkenntnis hin gehauene Skizze von Engels in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ las. Namentlich das „glänzende Buch Steins hat für Marx die große entscheidende Wendung in seiner Weltanschauung herbeigeführt“. Aber ausgesuchter Pechvogel, wie Marx war, verfiel er nun einem gänzlichen Missverständnis auch Ricardos, den er mit dem missverstandenen Hegel verkoppelte, durch eine „gewandte Nachahmung der auf den Kopf gestellten Hegelschen Spekulation“. Indem Marx einfach zwei Gedankenreihen von Engels und Stein aufgriff, kam seine welthistorische Fantasie vom jüngsten Tage des Kapitalismus zustande, „Man weiß nicht, soll man spotten oder soll man sich entsetzen, so dumm, so grauenhaft barbarisch ist diese Fantasie, So mögen einst die Stämme der arabischen Wüste. das Land der Verheißung erobert haben. Wir wollen die Macht, nichts weiter als die Macht. Und wenn die Macht gebraucht werden soll, ist alles leer. Die große millionenköpfige Masse, die die soziale Zukunft neu gestalten will, steht vor dem vollkommenen Dunkel. Ein Wirrwarr unausgegorener Projekte, ein Durcheinander unreifer Entschlüsse, ein wütender Kampf der Cliquen und Faktionen, und eine rasche, jähe

Ernüchterung: in der Weltgeschichte ist ein kurzes Intermezzo vorüber. Ein Barbarenschwarm ist über eine Kultur hinweggebraust.“ Statt dieses „Barbarenschwarms“ wird vielmehr nach Herrn Plenge das Beamtentum der großen Industrie eine neue Welt organisieren, „Offiziere und Unteroffiziere der Arbeitsarmee“, „eine Gruppe, die Marx nicht gesehen hat“.

Im Schlusstableau erscheint Marx dann als der „revolutionäre Jude des neunzehnten

Jahrhunderts, der das erborgte Gewand unserer größten Philosophie für seine Zwecke zurechtschnitt“. „Hinter Karl Marx, der als moderner Mensch einer modernen Zeit nur aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus solche Ideen produzieren möchte, die von Anfang bis zu Ende nur die unverfälschten Produkte der kapitalistischen Ära sind, steht als die Macht, die alle seine Gedanken letzthin zusammenbindet, das Alte Testament.“ „Die pathetischen Worte der alten Propheten tönen in unseren Ohren wider, und wir sehen Scharen hagerer Wüstensöhne, die sich mit unbezähmbarer Leidenschaft auf den Feind stürzen.“ Damit ist nun freilich Herrn Plenges Fantasie erschöpft, und er gesteht ehrlich: „Woher das alles kommt, ist schwer zu sagen.“

Im Übrigen teilt der „revolutionäre Jude des neunzehnten Jahrhunderts“ das gleiche Schicksal mit dem revolutionären Juden des ersten Jahrhunderts: nachdem er gekreuzigt, gestorben und begraben ist, feiert er seine Auferstehung. Es ist allen Marxtötern eigen, nachdem sie ein Dutzend Kapitel dem Nachweise gewidmet haben, wie einfältig und unfertig Marx gewesen sei, ihn im allerletzten Kapitel als Genie zu feiern! in banger Sorge, dass der Philister von Marxens Nichtigkeit viel zu sehr überzeugt worden sei, um seine Vernichtung noch als Heldentat zu betrachten. So auch Herr Plenge: „Wenn Hegel mit seiner freien Bewunderung aller historischen Kraft, ein Weltbürger den anderen, Karl Marx begrüßen könnte, dürfte er ihn den größten feiner Diadochen nennen. … Was wüssten wir von Hegel, wenn Karl Marx nicht gewesen wäre, Wie viele der Hegelschen Grundgedanken sind der modernen Welt durch Marx unter der Hand zugänglich geworden, die sonst verschollen wären. So klein Karl Marx gegen Hegel erscheint, so groß ist er

unter den zwerghaften Erben der Hegelschen Tradition!“ Und die neue Welt des großindustriellen Beamtentums erneuert beide Denker, Marx und Hegel.

Die Methode also ist alt, aber Herr Plenge handhabt sie mit einer bezaubernden Frische. Wie elegant enthauptet er gleich auf Seite 5 die beiden Marxtöter, die etwa noch en vogue beim hohen Adel und verehrlichen Publikum sind. Die Schrift des Professors v. Schulze-Gävernitz hat er mit starker Entrüstung über eine unbefugte Stellungnahme zu philosophischen Problemen ohne genügende Sachkenntnis gelesen. „Von dem „dicken Buche“ des Privatdozenten Hammacher hat er nur den historischen Teil gelesen. „Es ist das etwas anmaßliche Produkt eines rein schulmäßigen Fleißes, das vorläufig keine Spur von der Begabung verrät, selbständige Denker selbständig zu lesen und deshalb an der äußersten Oberfläche bleibt.“ Und wie Herr Plenge den Vulgärmarxismus zermalmt, das ist nun vollends herrlich anzuschauen. Sein Wissenschaftswerk entweiht er freilich nicht dadurch, dass er die obskuren Namen nennt, aber er verweist auf eine Abhandlung in der „Zeitschrift für die gesamten Staatswissenschaften“, worin er das wirklich überaus klägliche Ende des Vulgärmarxismus schildert. Dieser Marxismus besteht aus Kautsky, Gorter und Pannekoek, die gläubig zu dem Dreigestirn Marx-Darwin-Dietzgen empor staunen Vernichtet habe ihn Plechanow, indem er Mehring als Sturmbock benutzte, aber der Sieg sei nur erfochten, weil die beiden Sieger noch dümmer seien als die drei Besiegten.

Eins nur möchten wir an der lehrreichen Schrift tadeln: die Hast, womit sich die erlesensten Gedanken jagen. Das ist freilich ein Leiden der ganzen Schule, denn jeder Marxtöter weiß, dass ihm nur ein kurzer Sommertag beschieden ist, und dass, wie er seine Vorgänger geköpft hat, sein Nachfolger auch sein Nachrichter sein wird. Was hilft es, wider das unabwendbare Schicksal zu murren? Nur eine kleine Galgenfrist wäre uns für Herrn Plenge erwünscht, dessen kühnes Denkerhaupt wir ungern schon bald in den Staub rollen sähen. Wir möchten deshalb den nächstfälligen Marxtöter, dessen Namen wir noch nicht kennen, auf diesem Wege dringend bitten, vor der Tür zu harren, so lange es seine patriotische Ungeduld irgend gestattet, und uns Herrn Plenge noch ein Weilchen zu lassen. Es ist ein gar so munterer Herr, dieser Privatdozent der Staatswissenschaften in der berühmten Seestadt Leipzig.


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