Franz Mehring: Bücherschau

[Feuilleton der Neuen Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, I. Band, Nr. 36, 27. Januar 1911. S. 614-616]

Wilhelm v. Gwinner, Schopenhauers Leben, Dritte, neu geordnete und verbesserte Ausgabe, Mit vier Porträts und einer Steindrucktafel. Leipzig 1910, F. A. Brockhaus. 440 Seiten. Preis 6 Mark,

Gwinner, ein Frankfurter Jurist, war ein persönlicher Freund und der Testamentsvollstrecker Schopenhauers. Er gab die vorliegende Schrift zum ersten Male, im Jahre 1862, bald nach dem Tode des Philosophen heraus, als persönliche Erinnerungen an ihn; in der zweiten Auflage, die 1878 erschien, hat er sie dann wesentlich erweitert, .namentlich auch durch umfängliche Mitteilungen aus Schopenhauers Nachlass; vieles davon, was inzwischen in die Ausgaben von Schopenhauers Werken übergegangen ist, hat er aus der dritten Auflage wieder ausgeschieden, den Text selbst aber einer sorgfältigen Revision unterzogen, ohne jedoch den Charakter des Buches zu ändern, das, wie er sagt, keine erschöpfende Biografie im heutigen Sinne sein soll.

Bei aller Anerkennung dieser Bescheidenheit jedoch muss man sagen, dass Gwinners Schrift noch immer die beste Biografie Schopenhauers ist, die wir besitzen. Sie ist von den „Evangelisten“ Schopenhauers ebenso reichlich ausgeschrieben, wie gehässig angefeindet worden, worüber sich der achtzigjährige Verfasser. nicht ohne Bitterkeit, aber mit vollem Rechte beklagt, allein wer Schopenhauers Leben kennen lernen will, was ja zum vollen Verständnis seiner Werke gehört, wird immer noch am besten tun, zu diesem Werke zu greifen. Gwinner ist ein Verehrer Schopenhauers, aber kein blinder Verehrer; er bringt das nötige Maß von Kritik mit, das zu einer guten Biografie ebenso gehört wie die Sympathie mit dem Helden, und er leistet dem Andenken Schopenhauers einen besseren und größeren Dienst, wenn er die Schattenseiten der. Schopenhauerschen Philosophie aus dem Leben und den Schicksalen des Philosophen erklärt, als wenn er sie verschweigt und vertuscht. Schopenhauer gehört zu denjenigen Geistesgrößen, die durch besinnungslose Bewunderer mehr geschädigt worden sind, als sie selbst durch besinnungslose Tadler, geschweige denn durch besonnene Kritiker geschädigt werden können.

Das bekannte Wort Fichtes, welche Philosophie man wähle, hänge davon ab, was für ein Mensch man sei, trifft nicht allein auf Schopenhauer, sondern auf jeden Philosophen zu, aber vielleicht bei keinem Philosophen tritt der innere Zusammenhang zwischen Leben und Lehre so sinnenfällig hervor wie bei ihm. Ohne sein Leben zu kennen, versteht man schwer das seltsame Gemisch von genialen Geistesblitzen und barockem Unsinns, das seine Werke darstellen, und erst aus seinem Leben heraus wird seine Philosophie, die sonst voller Widersprüche steckt, das einheitliche Gewebe, worin er selbst ihren größten Ruhm sah. Es war nicht ohne Grund, wenn er mit Vorliebe das Wort des Aristoteles zitierte, dass kein Genie ohne eine Beimischung von Wahnsinn sei; er selbst war von väterlicher wie auch von mütterlicher Seite schwer belastet, und vieles Hässliche und Unschöne in seinem Leben wie in seinen Werken erklärt sich eben daraus. Aus Gwinners ungeschminkter, wenn auch keineswegs pietätloser Darstellung gewinnt man ein viel ansprechenderes und sympathischeres Bild des Menschen Schopenhauer, als aus den Lobhudeleien seiner unbedingten Bewunderer, die uns am liebsten jede seiner zahllosen Schrullen als lautere Weisheit aufreden möchten.

Vielleicht hätte diese dritte Auflage von Gwinner noch etwas mehr gekürzt werden können; die – im engeren Sinne – philosophische Kritik, die der Verfasser an Schopenhauers Philosophie knüpft, ist nicht gerade bedeutend, was man von einem achtzigjährigen Herrn, der all sein Lebtag praktischer Jurist gewesen ist, am Ende auch nicht beanspruchen kann. Aber das eigentliche Lebensbild, das er von Schopenhauer entwirft, ist eine treffliche Einführung in die Philosophie Schopenhauers, die es sich bei alledem sehr zu studieren verlohnt. Nicht nur weil Schopenhauer zu den hervorragendsten Prosaisten der deutschen Literatur gehört, sondern auch weil seine Werke einen reichen Schatz anregender und fruchtbarer Gedanken enthalten, selbst und gerade wenn man alles abzieht, was mehr vom Wahnsinn als vom Genie diktiert ist.


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