[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 2. Jahrgang (wenn man die „Arbeiterin“ mitzählt) Nr. 2, 25. Januar 1892, S. 22-24]
Gleichsam an der Schwelle der großen französischen Revolution, in welcher die Frauen eine so hervorragende Rolle spielten, in der Frauen die Lorbeeren des höchsten Heldentums, der größten Opferfreudigkeit errangen, steht die einfache und schlichte Gestalt einer Frau, die aus tiefstem, reinstem Mitleid mit einem unglücklichen Mitmenschen zur Heldin ward.
Madame Legros gehört nicht zu den wenigen Auserwählten ihrer Zeitgenossinnen, welche tapfer in den Schlachten des Gedankens vor und während der Revolution mit stritten: sie zählt auch nicht zu Denen von ihnen, welche tätigen Anteil an dem Leben der politischen Parteien nahmen und ihre Mitarbeiterschaft an dem Werke ihrer Tage vielfach mit dem Tode bezahlten; wir begegnen ihr ebenso wenig in den Reihen der kühnen Frauen, die beim Bastillensturm und anderen großen Tagen jener großen Zeit Schulter an Schulter mit den Männern kämpften und fielen, und dennoch verdient sie eine Heldin genannt zu werden, eine Heldin an Mitleid und selbstloser Aufopferung, eine Heldin an Unerschrockenheit, willensstarker Tatkraft und zäher Ausdauer, und ihr Werk, so unscheinbar es Dem oder Jenem vorkommen mag, hat ein Plätzchen in der Geschichte der großen Revolution gefunden, denn es ist seiner Bedeutung nach der erste Hieb, der aus der Mitte des Volkes zur Schleifung der Bastille geführt ward. Madame Legros bewirkte durch ihre aufopfernden Bemühungen, dass Latude, ein Gefangener, der seit langen Jahren unschuldig in der Bastille und anderen Gefängnissen schmachtete, seine Freiheit zurückerhielt. Um zu verstehen, welch‘ hohe Summe von Furchtlosigkeit und Willenskraft ihr Handeln erforderte, muss man wenigstens wissen, dass die Bastille in den Augen der Franzosen jener Zeit mit Recht für die Verkörperung der schrankenlosen, grausamen Willkürherrschaft des selbstherrlichen Königtums galt. In der Bastille konnte auf Grund eines einfachen, vom Könige unterzeichneten Haftbefehls ohne Anklage, ohne Untersuchung, ohne Prozess und auch ohne Hoffnung auf Befreiung Jedweder eingeschlossen werden, unter dem in Folge seiner Kriege, seiner Prachtliebe, seiner Geliebten geldbedürftigen Ludwig XIV, unter der Regierung Ludwigs XV., wo die Mätressenwirtschaft die ungeheuerlichsten Summen verschlang, gehörte der Handel mit derartigen Haftbefehlen zu den einträglichsten Geldquellen der Herrscher und ihrer Diener. Wer sich an einem Feind rächen, wer sich eine unbequeme Persönlichkeit vom Halse schaffen wollte, der kaufte einen Haftbefehl, in den der Name des Betreffenden eingefügt ward, der dann ohne Weiteres in die Bastille kam und in einer der scheußlichsten Zellen sein Leben beschließen musste, falls nicht ein glücklicher Zufall ihn rettete. Hasste das französische Volk in der Bastille die schändlichste Tyrannei, so liebten die französischen Könige in derselben das Sinnbild ihrer unumschränkten Macht, so verehrten in ihr die Hofschranzen, das Beamtentum, kurz Alle, die zum Königtum hielten, von ihm und mit ihm auf Kosten des Volks zehrten, eine der wichtigsten Staatseinrichtungen, ein Werkzeug zum Herrschen und Unterdrücken. Nachweisen, dass in der Bastille Menschen lebendig begraben waren, die keines oder höchstens eines nichtssagenden Vergehens beschuldigt wurden, fordern, dass die entsetzlichen unterirdischen Kerker der Festung eines ihrer Opfer herausgeben sollten, das hieß die ganze Ungerechtigkeit und Willkür des damals bestehenden Regierungssystems an den Pranger stellen, das hieß verlangen, dass seine Träger selbst ein verdammendes Urteil über dasselbe sprächen. Wer kühn genug war, den Schritt zu wagen, der musste auf unübersteigliche Hindernisse, auf Hass, Verfolgungen der schlimmsten Art seitens der Machthaber und ihrer hohen und niedrigen Lakaien, auf Fruchtlosigkeit des Unternehmens gefasst sein. Madame Legros konnte sich das alles nicht verhehlen, sie besaß dennoch den Mut, für Latude zu handeln.
Latude war vor langen Jahren – warum, ist nicht ganz aufgeklärt – auf Befehl von Madame de Pompadour, der berüchtigten Mätresse Ludwigs XV., in die Bastille geworfen und dann nach anderen Gefängnissen geschleppt worden. Zweimal war es ihm gelungen, zu entfliehen – das letzte Mal war er bis in das Vorzimmer des Königs gekommen, um vor diesem seine Sache zu verteidigen – aber beide Male ward er auf Befehl der Pompadour wieder eingefangen und eingekerkert. Vergebens hatte er sich an fast alle damals bekannten Minister, Staatsbeamte, Gelehrte und hohe Herren gewendet. Sein Unglück entlockte Diesen Klage, ja Einzelnen von ihnen heiße Tränen, doch Keiner von Allen wagte, sich des Unglücklichen anzunehmen. Wer die Bastille und die mit ihr in Zusammenhang stehenden Verhältnisse angriff, da griff das Königtum selbst an. So blieb Latude in seiner unterirdischen Kerkerzelle, wo er, auf verfaultem Stroh liegend, von, Ungeziefer buchstäblich verzehrt ward und oft vor Hunger laut schrie und tobte. Trotz aller Misserfolge und der Schrecknisse seiner Lage hoffte er noch. In einer Denkschrift wendete er sich hilfesuchend an einen bekannten Menschenfreund. Der Beschließer des Gefängnisses verlor in betrunkenem Zustande das Schriftstück, das zu befördern er versprochen. Es war zu Latudes Glück. Madame Legros fand die Denkschrift, las sie und, von Entsetzen über die in ihr geschilderten Einzelheiten überwältigt, verlor sie keine Zeit mit Jammern und Tränen, sondern sie ging sofort tatkräftig ans Werk, dem Unglücklichen zur Freiheit zu verhelfen.
Madame Legros war eine Frau ans dem Volke, die einen kleinen Weißwarenkram hielt, sie selbst nähte in ihrem Laden die Waren, die sie verkaufte. Drei Jahre lang verfolgte sie mit unerhörter Ausdauer und Aufopferung ihr Vorhaben. Alles Unglück, das sie während dieser Zeit persönlich betraf, alle Mühen, alle Enttäuschungen vermochten nicht, sie einen Augenblick aufzuhalten oder schwankend zu machen. Sie verliert Vater und Mutter, ihr Geschäft, das sie vernachlässigt, geht zu Grunde, sie kommt hart an den Rand der Armut, ihre Verwandten tadeln sie scharf, man beschimpft und beleidigt sie in gemeinster Weise wegen ihres Interesses für den Gefangenen, sie wird höhnisch gefragt, ob sie die Geliebte des Mannes sei, dessen sie sich so warm annehme, Latude überhäufte sie in gelegentlichen Briefen mit Vorwürfen und Klagen über ihre Lauheit im Handeln. Kränklich, schlecht gekleidet geht sie von Tür zu Tür, um Latude einflussreiche Beschützer zu suchen. Die Polizei wird auf ihre Person und ihr Tun aufmerksam und fürchtet ihre. Offenbarungen: Madame Legros muss jede Minute gewärtig sein, ihrerseits verhaftet und für immer eingekerkert zu werden: ihre Verwandten und Freunde flehen sie unter Tränen an, von ihrem Vorhaben abzustehen, den Zorn der Mächtigen nicht herauszufordern. Der Chef der Pariser Polizei lässt sie vor sich kommen und droht ihr mit Einkerkerung, sie bleibt unbeugsam und anstatt zu zittern, macht sie den gefürchteten Mann erbeben.
Jemand gibt ihr eine Empfehlung an Madame Duchesne, eine Kammerfrau der Prinzessinnen des königlichen Hauses. Trotz einer Schwangerschaft von sieben Monaten wandert Madame Legros mitten im Winter zu Fuß von Paris nach Versailles, um den Beistand der Genannten zu gewinnen. In Versailles angekommen, findet sie die erhoffte Beschützerin nicht vor, sie eilt ihr nach, verrenkt sich den Fuß und setzt trotz unerträglicher Schmerzen ihren Weg weiter fort. Madame Duchesne wird von der Schilderung von Latudes Leiden tief ergriffen und verspricht zu handeln, aber was vermag sie, eine Kammerfrau, gegen etliche fast allmächtige Minister? Zwar wird durch ihre Vermittlung die Königin Marie-Antoinette einen Augenblick lang für Latude interessiert, sobald dieser aber versichert wird, dass dieser ein elender, gefährlicher Mensch sei, erkaltet ihr Mitgefühl. Madame Legros gewinnt endlich den Beistand anderer hochstehender Persönlichkeiten, welche sich bei Ludwig XVI. für Latude verwenden. Der König war jedoch naiv genug, sich über diesen Fall aus den Akten der Polizei zu unterrichten, das heißt den Rat der Leute einzuholen, die alles Interesse daran hatten, ihr Opfer bis zu seinem Tode in den Händen zu behalten. In der Folge antwortete der König, dass Latude ein staatsgefährlicher Mensch sei, der nun und nimmer in Freiheit gesetzt werden könne.
Madame Legros ließ sich auch durch das Nun und Nimmer des Königs nicht entmutigen. Sie wandte sich nun hilfesuchend an die Opposition des Hofes, an die Familie der Condé, den Herzog von Orleans und seine Gemahlin, sie suchte den Beistand der großen Philosophen der Zeit. Sie gab durch ihre unablässigen Bemühungen, durch ihre nicht verstummenden Offenbarungen über die Gräuel der Bastille den Anstoß, dass sich der allgemeine Hass des Bürgertums und Volks gegen diese Zwingburg der königlichen Selbstherrschaft immer vernehmlicher, immer rückhaltloser äußerte. Die Akademie erteilte ihr 1783 in Anerkennung ihres täglich und stündlich bewiesenen Opfermutes den Tugendpreis. Allerdings setzten die Behörden durch, dass die Verleihung der Auszeichnung nicht begründet werden durfte, aber diese blieb nichtsdestoweniger eine Ohrfeige in das Gesicht des unumschränkten Königtums.
Ein Jahr später vermochte Ludwig XVI. nicht mehr, dem Druck der allgemeinen Stimmung zu widerstehen und unterzeichnete einen Befehl, Kraft dessen Latude in Freiheit gesetzt ward. Einige Wochen später verordnete er, dass Niemand mehr auf Ansuchen der Familie, ohne wohl motivierten Grund und auf unbestimmt lange Zeit eingekerkert werden dürfe, diese Verordnung war ein Eingeständnis der bis dahin bestandenen Gräuel. Madame Legros hatte Ludwig XVI., sie hatte der selbstherrlichen Monarchie einen glänzenden Sieg abgerungen. Die furchtlose, energische Frau erlebte den Fall der Bastille am 14. Juli 1789 nicht mehr. Sie starb kurze Zeit vorher in Zurückgezogenheit, wie sie gelebt und in die sie zurückgetreten, sobald ihr Werk erfüllt war. War es ihr auch nicht vergönnt, tatsächlich mit Hand an die Niederreibung der monarchischen Zwingburg zu legen, so hat sie doch moralisch deren Fundament in wirksamster Weise untergraben helfen. Sie hat wie kaum Jemand Geist und Gemüt des Volks mit Hass und Abscheu gegen das Gefängnis der Willkürherrschaft erfüllt, so dass Michelet von ihr sagen konnte: „Die schwache Hand einer armen, alleinstehenden Frau brach in Wirklichkeit die hochmütige Festung, riss ihre gewaltigen Steinmassen, ihre starken eisernen Gitter nieder und machte ihre Türme der Erde gleich.“ – – –
Trotzig herausfordernder als je die Bastille steht heutzutage die kapitalistische Gesellschaft da. Sie umschließt mehr Gräuel, als je die Mauern eines Zwinguri gesehen, sie hallt von mehr Klagen, Tränen, Verwünschungen und Flüchen wider, als je Kerkerzellen gehört, denn die Arbeiterklasse leidet in ihr mehr, als alle Latudes der Welt in schmachvoller, marternder Haft erduldet. Hunderte, Tausende von Frauen und Männern aus dem Volke sind erstanden, welche wie Madame Legros einfach und schlicht in einem Märtyrertum, das sich alle Tage erneuert, die Schrecknisse der kapitalistischen Willkürherrschaft ans Licht ziehen, ihre Unhaltbarkeit nachweisen. Aber noch weitere Scharen müssen anklagend und fordernd ihre Stimme erheben, ehe der 14. Juli des Proletariats anbrechen kann. Arbeiterinnen, die Ihr durch Euer Tun noch keinen Stein der Bastille des Kapitalismus ins Wanken gebracht, tut Eure Pflicht; auf, ans Werk!
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