Clara Zetkin: Der Buchdruckerstreik und die Frauen

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 2. Jahrgang [wenn man die „Arbeiterin“ mitzählt] Nr. 1, 11. Januar 1892, S. 9-12]

Schon seit langen Wochen stehen Tausende von deutschen Buchdruckern im Streik, weil sich die Prinzipale in ihrer nimmersatten Profitwut nicht dazu verstehen wollen, den neunstündigen Arbeitstag zu bewilligen. Der Streik ist über den Rahmen eines Scharmützels zwischen Arbeitern und Arbeitsherren eines Gewerbes hinausgewachsen, er ist zum Krieg geworden, in dem sich Klasse gegen Klasse, Proletariat und Bourgeoisie gegenübersteht, ein schlagendes Beispiel für den Krieg mitten im Frieden, der eine notwendige Folge des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen den Interessen von Kapital und Arbeit ist. Die Prinzipale des Buchdruckergewerbes haben sich zu Schutz und Trutz verbündet, sie unterstützen einander, sie haben sich bei hohen Strafen verpflichtet, der Forderung der Gehilfen nicht nachzugeben, sie suchen durch Lüge und Verleumdung die Streikbewegung zu Fall zu bringen. Hinter ihnen steht voller Sympathie und hilfsbereit das gesamte Unternehmertum; steht die bürgerliche Presse, welche die öffentliche Meinung zu täuschen, Zwietracht und Verwirrung in die Reihen der Ausständigen zu säen sucht; stehen die öffentlichen Gewalten, die in München und Dresden zum Ersatz der Streikenden Soldaten in die Druckereien kommandieren ließen, welche die Gehilfen maßregeln, den Prinzipalen und Streikbrechern entgegenkommen, wo und wie sie können.

Auf der anderen Seite halten die Gehilfen nicht weniger fest zusammen; eine festgefügte, geschulte, mit Mitteln ausgerüstete Organisation verleiht ihnen einen Rückhalt, sie unterstützen einander, sie suchen durch aufklärende, die Wahrheit über Ursache und Zweck des Streiks in die Masse tragende Agitation, durch charaktervolles Festhalten an ihrem Verlangen, durch opferfreudiges Aufsichnehmen von Entbehrungen ihrer gerechten Forderung zum Siege zu verhelfen. Und auch sie sind in dem Kampfe nicht allein. Die gesamte Arbeiterschaft Deutschlands hat die Sache der Gehilfen zu der ihren gemacht, sie verfolgt mit warmer, tatkräftiger Teilnahme die Einzelheiten des Kampfes, sie führt den für ihr Recht Streitenden in Gestalt von Unterstützungen Munitionen zu. Die Arbeiter der verschiedensten Gewerbe sind von der Überzeugung durchdrungen, dass die Buchdrucker als „Preisfechter“ der Arbeiterklasse den Kampf eröffnet haben, und dass der von ihnen errungene Neunstundentag einen Sieg der Arbeit über das Kapital bedeutet, der ihnen allen zugute kommen muss. Der Bedeutung des Streiks entsprechend tritt nicht nur die Arbeiterschaft Deutschlands, tritt die Arbeiterschaft aller Länder, wo Proletarier unter kapitalistischer Ausbeutung seufzen, für die deutschen Buchdrucker ein. Die englischen Gewerkvereine haben Unterstützung gesendet, in Frankreich erklärten Buchdrucker und andere Organisationen, den Streikenden unter die Arme greifen zu wollen, aus Belgien, Österreich, Dänemark, der Schweiz liefen Hilfsgelder ein, die vereinigten amerikanischen Gewerkschaften haben Unterstützung zugesagt, und die australischen Gewerkvereine werden sicher dem überall gegebenen Beispiel folgen. Kurz, die internationale Gemeinsamkeit der Interessen aller Arbeiter dem Kapital gegenüber hat zu einer erhebenden Betätigung des internationalen Solidaritätsgefühls geführt. „Hie Kapital und seine Übermacht,“ ertönte protzig aus dem Lager der Prinzipale das Kriegsgeschrei, und „hie Arbeit und ihr gutes Recht“ klang es vielsprachig aus der alten und neuen Welt seitens der Arbeiterklasse. So tobt der Kampf seit Wochen und wird voraussichtlich noch weitere Wochen toben.

Diesem Streik nun müssen unseres Erachtens die weitesten Kreise der Proletarierinnen Verständnis, Sympathie, energische Unterstützung entgegenbringen. Mögen sie als Berufsarbeiterinnen in dem oder jenem Industriezweige tätig sein, mögen sie als Arbeiterinnen am Herd irgend eines Arbeiters schalten und walten, der Streik der Buchdrucker berührt in seinem Verlaufe und seinen Folgen, mittelbar oder unmittelbar, jetzt oder in naher Zukunft ihre eigenen Lebensinteressen, die Lebensinteressen ihrer Familie in fühlbarster Weise.

Dass das Gesagte zunächst von den in Druckereien beschäftigten Hilfsarbeiterinnen gilt, liegt auf der Hand. Dort, wo diese, wie in Berlin, Leipzig, München, zum Teil in den Streik eingetreten sind, aber auch dort, wo sie in Folge der mit dem Ausstand verbundenen Arbeitsstockung brotlos geworden oder unregelmäßiger, oft länger und schwerer als sonst arbeiten, ohne besseren Lohn zu erhalten, sind sie unmittelbar durch den im Gewerbe herrschenden Kriegszustand in Mitleidenschaft gezogen. Sie sind Proletarierinnen, die für ihren Unterhalt ausschließlich auf ihre Berufsarbeit angewiesen sind, und als solche müssen sie empfinden, wie jede Störung und Veränderung ihrer Arbeitsverhältnisse auf ihr Leben zurückwirkt. Der Ausgang des Streiks ist für sie von schwerwiegendster Bedeutung. Endet er mit dem Sieg der Prinzipale, so heißt es für sie: lange Arbeitszeit, schlechte Löhne; schließt er mit dem Triumph der Gehilfenschaft ab, so wird in Zukunft auch ihr Arbeitstag ein kürzerer, ihr Verdienst ein höherer sein, werden auch sie über etwas mehr Zeit und Mittel verfügen, sich von schwerem Tagewerk erholen, sich bilden, ihrer Familie, ihren Freunden leben zu können. Eine große Anzahl von Hilfsarbeiterinnen hat dies begriffen, ist selbst in den Ausstand getreten oder unterstützt diesen nach Kräften. Und wenn es noch viele gibt, welche Notwendigkeit und Bedeutung des Streiks, sowie ihre Pflichten diesem gegenüber noch nicht verstanden haben, so mag dies den Gehilfen eine ernste Mahnung sein, ihre Kolleginnen für den Klassenkampf zu schulen, mit mehr Eifer und Energie als bisher an deren Aufklärung und Organisation zu arbeiten.

Aber nicht mir die in den Buchdruckereien, nein, alle als Berufsarbeiterinnen tätige Proletarierinnen haben das nämliche Interesse an dem Triumph der Gehilfenschaft. Ist der Neunstundentag einmal im Buchdruckergewerbe die Regel, so werden nach und nach auch die Arbeiterschaften anderer Gewerbe eine Verkürzung der Arbeitszeit erringen, welche eine der wichtigsten Vorbedingungen ist, dass sich die Lage des Proletariats materiell und sozial hebt. Für die Arbeiterinnen aber ist – man denke zunächst nur daran, dass diese meist nicht nur im Berufe, sondern auch noch für das Haus arbeiten müssen – die Einführung eines verkürzten Arbeitstages doppelt wünschenswert. Die Buchdrucker, welche für den Neunstundentag in den Kampf gegangen, vertreten somit auch die Interessen von Hunderttausenden von Arbeiterinnen, welche sich in Fabriken und Werkstätten lange Arbeitstage für kärglichen Lohn mühen. Auch für sie wird der Sieg der Gehilfenschaft mehr freie Zeit und besseres Einkommen im Gefolge haben, während deren Niederlage längeres Fortbestehen der alten Sklaverei in ihrer ganzen Härte mit sich bringt. Müssen die Arbeiterinnen aller Berufszweige angesichts der auf dem Spiel stehenden gemeinsamen Interessen, angesichts der auch ihnen winkenden Früchte des Sieges nicht im wohlverstandenen eigenen Nutzen die Notwendigkeit erkennen, auch ihrerseits durch moralische und materielle Unterstützung der Streikenden mit tatkräftiger Hand in den Streik einzugreifen?

Aber, sagten wir weiter oben, der Streik berührt in seinem Verlaufe und in seinen Folgen auch die Interessen der Proletarierinnen, die am Herde irgend eines Arbeiters schalten und walten. Dabei dachten wir zunächst an die Tausende von Frauen und Mädchen, welche Familienangehörige von Buchdruckern, von Streikenden sind, und deren Leben gegenwärtig in unmittelbarster Weise durch den Streik beeinflusst wird. Der Streik ist der im Wirtschaftsleben herrschende Krieg zwischen Kapital und Arbeit in seiner schärfsten Form. Jeder Krieg aber fordert Opfer. Die Opfer, welche ein Ausstand den beteiligten Arbeiterschichten und ihren Familien auferlegt, heißen mehr Entbehrungen, schwerere Sorgen, größerer Mangel, tiefere Not als der Proletar[ier] gewöhnlich schon zu tragen hat. Und wenn auch in dem Streik der Buchdrucker bis jetzt Dank ihrer materiell kräftigen Organisation, Dank der Unterstützung der arbeitenden Gehilfen und der Arbeiter verschiedenster Berufsarten und Länder der schlimmste Notstand abgewehrt geblieben ist, so hat doch der Streik für Hunderte und Aberhunderte von Familien Einschränkungen, Verzicht auf manche kleine Annehmlichkeit, Entbehren manches Nötigen, Sorgen für den kommenden Tag gezeitigt. Die Frau aber leidet unter den Sorgen für des Lebens Nahrung und Notdurft ihrer Familie eben so sehr, ja oft stärker als der Mann. Dieser, der mitten im Streik steht, der, von Begeisterung für die verfochtene Idee getragen mit leidenschaftlichem Interesse alle Einzelheiten des Kriegs verfolgt, sich durch Gedankenaustausch mit den Kameraden, durch das Bewusstsein der Bedeutung des unternommenen Schrittes erhebt und tröstet, er sieht vielleicht kaum, dass ein wertvolles Stück des Haushalts ins Pfandhaus gewandert, dass Schmalhans ein strengeres Regiment als Küchenmeister wie gewöhnlich führt, dass die Portionen kleiner und schlechter ausfallen, dass seltener Fleisch auf den Tisch kommt, dass die Höschen der Kinder gar arg geflickt sind, dass die Kleinen bei nassem Wetter mit zerrissenen Schuhen zur Schule wandern müssen, dass die sonntäglichen Spaziergänge unterbleiben. Die Hausfrau und Mutter bemerkt das Alles. Hat sie nicht tränenden Auges das Wertstück selbst zur „Tante“ getragen, muss sie nicht Tag für Tag die schwierige Frage lösen, mit weniger Wochengeld als früher genau so viel hungrige Mägen als sonst zu füllen, ist sie es nicht, die vorkommenden Falles bei Bäcker und Krämer um Kredit bitten und betteln, welche die hämischen Bemerkungen des Hausbesitzers über das wahrscheinliche Nichtzahlen des Mietzinses und das Hinauswerfen des faulen, begehrlichen Arbeiterpackes einstecken muss? Und hat nicht ihr Mutterherz mehr als einmal geblutet, wenn sie anlässlich des nahenden Weihnachtsfestes in den Schaufenstern Berge jener Herrlichkeiten aufgetürmt sah, welche ein Kinderherz entzücken, und von denen sie heuer keine ihren Buben und Mädchen als Christkindchen vergönnen konnte? „Der Streik, der Streik,“ so klingt es unaufhörlich und oft recht bitter und anklagend in ihrem Innern, wenn in Folge des Ausstands eine neue Sorge an sie herantritt, weitere Entbehrungen den Ihren auferlegt werden müssen. Es gehört sehr viel Liebe für den Gatten dazu, dass sie nicht diesen angesichts der materiellen Bedrängnis eines schönen Tags erklärt: Neunstundentag hin, Neunstundentag her, so kann ich nicht weiter wirtschaften, gehe hin, arbeite wie früher und schaffe mir wieder das frühere Geld ins Haus.

Und mit der Liebe allein ist’s nicht getan. Damit die Frauen nicht durch Murren und Bitten die Widerstandskraft der Streikenden untergraben, müssen sie Natur und Zweck des Ausstands verstehen. Sie, die so schmerzlich empfinden, welche zweischneidige Waffe der Streik ist, müssen wissen, dass ihre Männer und Väter diese Waffe nicht in leichtsinnigem Übermut, vielmehr nach reiflicher Überlegung ergriffen haben, um unerträglichen Zuständen ein Ende zu machen, die in ihren Wirkungen heut oder morgen auch sie und ihre Familie bedrohten. Im Bewusstsein der segensreichen dauernden Folgen, welche mit der verwirklichten Forderung verknüpft sind, müssen sie die Kraft finden, die Opfer zu bringen, welche ihnen der Kampf für den Neunstundentag auferlegt

Die Verkürzung der Arbeitszeit, welche die Buchdrucker durch ihren Streik erringen wollen, ist gerade für die Familie, das Familienleben des Arbeiters von höchster Wichtigkeit. Der Neunstundentag, das bedeutet für den Gehilfen eine Stunde weniger Aufenthalt in oft sehr ungesunden Räumen, eine Stunde weniger alle Kräfte anspannendes, aufreibendes Schaffen, es bedeutet, dass der Frau der Gatte, den Kindern der Vater, der Ernährer längere Zeit gesund und rüstig erhalten bleibt. Eine Stunde Arbeit weniger am Tag, und der Mann kehrt körperlich und geistig frischer in seine Familie zurück und bringt den Vorgängen innerhalb derselben, dem Treiben, Arbeiten und Geplauder der Kinder, den Mitteilungen der Frau mehr Interesse, liebevolleren Sinn, größere Geduld entgegen. Unter diesen Umständen vermag er mehr als bisher bei der Erziehung der Kleinen der Frau ratend und helfend zur Seite zu stehen. Durch etwas Muße in den Stand gesetzt mehr an seiner Weiterbildung zu arbeiten, kann er gleichzeitig seinen Pflichten als Vater besser genügen, ist er aber auch fähiger und geneigter, seiner Lebensgefährtin und den übrigen weiblichen Gliedern der Familie Aufklärung zu vermitteln, durch Austausch seiner Gedanken mit ihnen eine innigere Gemeinsamkeit des Lebens herzustellen. Und nicht nur zur Erfüllung ernster Aufgaben, auch zur Erholung im Kreise der Seinen und mit den Seinen bleibt ihm dann manche Minute. Kurz, das Familienleben der Proletarier wird sich in Folge der verkürzten Arbeitszeit in jeder Beziehung anregender, reicher, befriedigender gestalten.

Die Verkürzung der Arbeitszeit, zu welcher der Neunstundentag nur einen ersten Schritt bedeutet, wirft aber auch auf die materielle Lage der Familie zurück. Verkürzung der Arbeitszeit ist bewiesenermaßen überall von einem Steigen der Löhne begleitet. Gehen die Buchdrucker siegreich aus dem jetzigen Ausstand hervor, so wird ihr Verdienst ein höherer werden, auf Grund dessen die in den letzten Wochen geschlagenen Wunden nicht nur bald heilen, sondern auf Grund dessen die Familie sorgenfreier und besser zu leben vermag, als dies bisher der Fall war. Empfinden die Frauen am härtesten die Opfer, welche die Streikzeit fordert, so kommt ihnen auch die Besserung ihrer materiellen Lage als segensreiche Folge des Streiks deutlich zum Bewusstsein, jede Mark mehr, welche der Mann nach Hause bringt, bedeutet für sie eine Verminderung von Sorgen, ein leichteres, besseres und vorteilhafteres Wirtschaften, die Möglichkeit, ihre Kinder besser zu nähren und kleiden, besser unterrichten zu lassen, die Möglichkeit auch, ab und zu nach „sauren Wochen, frohe Feste“ zu feiern, nach harten Mühen und Schaffen etwas Lebensgenuss kennen zu lernen.

Im Punkte der hier kurz angedeuteten Früchte des siegreichen Buchdruckerstreiks berühren sich die Interessen aller Arbeiterfrauen überhaupt mit denen der Streikenden und ihrer Familien. Muss, wie dies nicht zu bezweifeln ist, der von den Buchdruckern errungene Neunstundentag eine Verkürzung des Tagewerks der Arbeiter verschiedenster Gewerbe nach sich ziehen, so müssen auch die guten Folgen einer solchen den Frauen und Familien derselben zu Gute kommen. Diese haben mithin das gleiche Interesse wie jene, die gerechte Sache der Gehilfenschaft triumphieren zu sehen.

Wie wir Eingangs bemerkten, verdient also der Buchdruckerstreik die Sympathie, die Unterstützung aller Proletarierinnen ohne Unterschied. Zusammen mit der Erkenntnis von der Solidarität der in Frage kommenden Interessen muss ihnen das Bewusstsein von der Solidarität der vorliegenden Pflichten kommen, müssen sie sich von der Notwendigkeit überzeugen, auch ihr Teil zum guten Ausgange des Kampfes beizutragen. Der Sieg der Streikenden wird in seinen Folgen auch der ihre sein, wie sie deren Niederlage durch eine Verschlechterung ihrer eigenen Lage empfinden würden. Proletarierinnen, tretet mit allen Kräften für den Streik der Buchdrucker ein.


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