[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 22, 22. Oktober 1902, S. 169 f.]
Eine drückende Sorge mehr lastet seit langen Wochen auf dem werktätigen Volke, eine drückende Sorge mehr, an der vor Allem die proletarische Hausmutter schwer zu tragen hat, die aber von der alleinstehenden Arbeiterin ebenfalls bitter empfunden wird. Die Fleischpreise sind zu einer Höhe gestiegen, die sich auch in der bürgerlichen Haushaltung mit gutem und festem Einkommen recht unangenehm fühlbar macht, die jedoch für das magere proletarische Portemonnaie schlechterdings unerschwinglich ist. In Posen, Schlesien und Mecklenburg, in Elsass-Lothringen, Württemberg, Bayern, Baden, der Rheinprovinz, in Berlin und Umgegend wie in Sachsen und den Thüringischen Zaunkönigsstaaten: kurz, überall im Reiche herrscht Fleischteuerung, herrscht Fleischnot, weil der Auftrieb von schlachtreifen Tieren zurückgegangen ist und den Bedarf nicht zu decken vermag.
Alle Fleischarten sind beträchtlich verteuert, je nach Ort, Art und Stück um 5, 8, 10, 15 Pf. das Pfund. Allen voran haben aber die Preise für das Fleisch angezogen, das im proletarischen Haushalte die größte Rolle spielt: die Preise für Schweinefleisch. Nicht etwa, dass die Proletarierin sich für die eigene Lebenshaltung und die der Ihrigen auf das weniger nahrhafte Schweinefleisch aus jenem „Unverständnis“ und jener „Schlamperei“ versteift, welche der wohlgenährte, von einer perfekten Köchin versorgte Bourgeois so gern für die kraft- und saftlose Küche der Werktätigen verantwortlich macht. Den höheren Nährwert und die größere Schmackhaftigkeit von Lendenbeefsteaks weiß auch die Arbeiterin zu schätzen, welche sich zum Mittagsmahl eine billige Wurst kauft oder die Frau des Drahtziehers, die nach der Erhebung der badischen Fabrikinspektion über die soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter (1899) für die fünfköpfige Familie wöchentlich dreimal je ½ Pfund Fleisch auf den Tisch bringt. Allein Schweinefleisch ist das Vorzugsfleisch der Armen und Kleinen in dieser besten aller Welten, weil es sich am wirtschaftlichsten einteilen und ausnutzen lässt. Das Emporschnellen der Preise dafür bis auf 80, ja 90 Pf. das Pfund trifft deshalb gerade Die am härtesten, die ohnehin nicht viel zu brocken und zu beißen haben, für die Fleisch weit mehr ein seltener Luxus als ein regelmäßiges Nahrungsmittel ist.
In Wahrheit liegen die Dinge ja also, dass für die proletarischen Massen Fleischnot und Fleischteuerung ständige Erscheinungen sind. In der Lebenshaltung der Arbeiterfamilie, der Arbeiterin mangelt es jederzeit an Fleisch, weil es angesichts des geringen Einkommens auch bei verhältnismäßig billigen Preisen noch viel zu teuer ist. Wurde doch der Durchschnittsverbrauch an Fleisch pro Kopf der deutschen Bevölkerung 1898 nur auf 29 Kilo geschätzt. während er in Großbritannien 55, in Frankreich 42 Kilo betrug. Dieser erschreckend niedrige Durchschnittsverzehr kommt lediglich auf Rechnung des Darbens der Millionen Besitzloser und Ausgebeuteter. Zugegeben, dass in den Jahren nach 1898, zur Zeit des flottesten Ganges von Handel und Wandel, der Fleischkonsum der Arbeiterklasse sich ein Weniges gehoben haben mag. Sicher anderseits jedenfalls, dass er seither unter der Herrschaft der Krise zurückgegangen ist. Die Handels- und Gewerbekammer Plauen hat zum Beispiel festgestellt, dass in ihrem Bezirk der Fleischverbrauch von 16.740.030 Kilo im Jahre 1900 auf 14.511.577 Kilo in 1901 sank, sich also um 2.228.453 Kilo verminderte. Der Verzehr an Schweinefleisch betrug pro Kopf der Bevölkerung 1900 noch 23,68 Kilo, 1901 aber nur 21,14 Kilo, insgesamt nahm er um 10,73 Prozent ab. Auch der fanatischste Spötter über die richtig verstandene „Verelendungstheorie“ wird sich vor der Behauptung hüten, die deutsche Arbeiterklasse nähere sich einem Einkommen, das jedem erwachsenen Proletarier den täglichen Verzehr jener 250 Gramm Fleisch ermögliche, deren er nach der Wissenschaft zu seiner Ernährung bedürfte.
Jedoch nicht bloß der Menge, auch der Qualität nach bleibt der Fleischverbrauch im Proletariat weit hinter der Vorschrift der Gesundheitslehre, hinter den Bedürfnissen des abgerackerten Körpers zurück. Im Allgemeinen sind es nicht die nahrhaftesten und wohlschmeckendsten Fleischarten, Fleischstücke und Fleischwaren, welche die Arbeiterfrau, ängstlich mit jedem Pfennig rechnend, einkauft, welche der Arbeiterin beim billigen Mittagstisch vorgesetzt werden oder die sie sich Abends auf dem Spirituskocher hastig zubereitet. Nicht die Güte, die Billigkeit entscheidet über den Verzehr. Die, welche mit ihrer Arbeit Anderen, recht oft Müßiggängern, den Tisch mit feinem Filetbraten, Wildbret und Geflügel bestellen, können für sich und die Ihrigen recht oft nur minderwertiges Fleisch, geringste Wurstsorten bezahlen. In den „Haushaltungsrechnungen Nürnberger Lohnarbeiter“ (1901) heißt es auf Grund der genauen Aufzeichnungen über die Jahresausgaben von 44 Arbeiterfamilien: „Beim Fleischverbrauch ist zu bemerken, dass die Arbeiter vielfach auf die minderwertigen Fleischsorten angewiesen sind, neben Pferdefleisch, Pferdelunge, Pferdeleberkäse, Pferdewurst, die bei den niedrigen Gesamtausgaben sich öfter finden, kommen Ausgaben für Kopffleisch, Ochsenfuß, Euter, Rindsleder, Nieren, Milz, Herz sehr häufig vor. Die Ausgaben für Wurst nehmen einen relativ erheblichen Anteil des Budgets ein, was bei dem Wasserreichtum und der niederen Qualität der genossenen Würste nicht als erfreulich zu betrachten ist.“ Und es sind nicht einmal die schlechtest gestellten Arbeiterschichten, von deren Fleischverbrauch das Vorstehende gilt. Ausdrücklich wird in der Einleitung der angezogenen Broschüre erklärt: „Was aus der Darstellung der hier verarbeiteten 44 Arbeiterhaushaltungsrechnungen hervorgeht, ist nicht die Lage der Nürnberger Arbeiterschaft, sondern, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, die der besser- und bestgestellten Schichten derselben.“ Die Statistik über die Schlachtungen lässt übrigens ein scharfes Streiflicht auf den Fleischverzehr der proletarischen Massen fallen. Sie weist für die letzten Jahre in den Großstädten und Industriezentren einen steigenden Verbrauch von Pferde- und Hundefleisch nach. In Sachsen erstreckte sich 1901 die Fleischbeschau auf 10908 Pferde und 2502 Hunde. Nicht die Herrschaftsköchinnen aber sind es, die Pferde- und Hundeschlächtereien aufsuchen, die die Freibank umdrängen, es sind hohlwangige, versorgte, abgearbeitete Proletarierinnen.
Angesichts dieser Lage der Dinge nun ein unerhörtes Hinaufgehen der Fleischpreise! Und das obendrein in Zeiten der Krise, wo Tausende gesunkenen, unregelmäßigen, unsicheren Verdienst haben, wo weitere Tausende arbeitslos, brotlos auf dem Pflaster liegen! Und das obendrein beim Nahen des Winters mit seinen erhöhten Ausgaben für Feuerung, Beleuchtung, Kleidung etc.! Kein Zweifel: die ständige Fleischnot der proletarischen Massen muss da zu unheimlicher Höhe wachsen, muss Entbehrungen anderer Art nach sich ziehen, die Gesundheitsverhältnisse in nachteiligster Weise beeinflussen, eine Einschränkung der bescheidenen Ausgaben für Bildung und Erholung bewirken und trotz alles Knapsens und Darbens die Sorgen grauenvoll steigern.
Wer aber leidet bitterer unter der Fleischteuerung und ihren Folgen als die Arbeiterfrau, als die Arbeiterin? Zehntausende und Aberzehntausende von Lohnsklavinnen, die mit ihrem Wochenverdienst nicht über 8 bis 9 Mk. hinauskommen, können sich schon bei normalen Preisen nie ausreichende Fleischkost gönnen. Nicht genügend an Fleisch – und sei es gleich recht billig – vermögen Zehntausende und Aberzehntausende proletarischer Familienmütter aufzutischen, die mit einem Wirtschaftsgeld von 10 bis 12 Mk. den Wochenbedarf einer fünf- und sechsköpfigen Familie decken müssen und dabei womöglich noch etwas für Kleidung, Brennmaterial etc. „sparen“ sollen. Teuerungspreise für Fleisch, und es mehren sich für die Einen wie die Anderen die Tage, wo vom mittäglichem Speisezettel das Kosthäppchen „Schweinernes“ oder ausgekochtes Kuhfleisch gestrichen werden muss, wo Pferdewurst und Hering als begehrte, kaum erschwingliche Zukost zu Brot und Kartoffeln erscheinen, wo Speck und Schmalz aus der Schublade oder dem Küchenschrank verschwinden. Soweit aber die Ausgaben für Fett, Wurst, Fleisch nicht umgangen werden können, heißt es sie wett machen durch doppeltes und dreifaches Sparen an anderen dringenden Bedürfnissen oder durch aufreibendere Erwerbsfron. Drückend empfindet es dann die Arbeiterin an dem Stechen im gebeugten Rücken, an der Schwere der Glieder, an der Unlust zur Lektüre, dass Entbehrungen und Anstrengungen im Bunde an den Kräften ihres Körpers zehren, ihren Geist müde und stumpf machen, ihren Willen lähmen. Die Arbeiterfrau aber muss sich mit noch Härterem abfinden. Mag sie aus der Tiefe ihres mütterlichen Empfindens heraus mit Opfermut an der eigenen Lebenshaltung noch so viel abbrechen, mag sie heucheln, dass sie einen unüberwindbaren Abscheu gegen Fleisch hat, oder dass häutige Abschnitzel ihre Lieblingsbissen sind: sie ist außer Stande, die Ihrigen vor Entbehrung zu schützen. Sie ist Zeuge, wie mit der verschlechterten Ernährung die blassen Rosen auf den Wänglein der Kleinen schwinden, wie die mageren, welken Gesichtchen noch magerer und welker werden. Sie muss es geschehen lassen, dass der Mann manches Mal halb hungrig vom Tische aufsteht, dass seine Gesundheit zusehends verfällt, weil die gebotene Kost in keinem Verhältnis zur verausgabten Kraft steht.
Und warum der Proletarierin diese Teuerung, diese Not? Weil die Wirtschaftspolitik des Deutschen Reiches im Zeichen der Losung steht: Gott schütze die deutsche Schweinewirtschaft, und wenn darüber das Volkswohl, die Volksgesundheit zum Teufel geht; weil sie den Armen nimmt, um den Reichen zu geben. In der Tat: nicht natürliche Verhältnisse sind es, welche die Fleischnot, die Fleischteuerung verursachen, vielmehr künstliche, die durch die Raffgier der Junkersippe und der ihr verbündeten Schlotfürsten geschaffen wurden. Deutschland erzeugt nicht genug Schlachtvieh. Eine Autorität auf dem Gebiete der deutschen Viehwirtschaft, Schäfereidirektor Heyne, hat seiner Zeit berechnet, dass bei Zugrundelegung des sehr mäßigen Fleischkonsums von 1893 das Gesamtschlachtgewicht des deutschen Viehs um 344,7 Millionen Kilo hinter dem Bedarf zurückbleibt. Das deutsche Volk ist mithin für seinen Fleischverzehr auf die Zufuhr aus dem Auslande angewiesen. Es hat ein Lebensinteresse daran, dass Vieh, Fleisch, Fleischwaren in genügender Menge und zu billigen Preisen über die Grenze kommen. Das Geldsackinteresse der großen Schweine- und Rinderzüchter fordert dagegen Verminderung der Einfuhr, damit die Preise in die Höhe getrieben werden.
Einfuhrzölle auf alle Vieharten und Fleisch verteuern seit 1879 den Bedarf des deutschen Volkes künstlich. Und damit nicht genug. Zu den preissteigernden Zöllen sind nach und nach immer mehr, immer schärfere Maßregeln getreten, welche die Grenze gegen die Einfuhr von Vieh, von geschlachteten Tieren, Speck, Wurst, Büchsenfleisch, Schinken etc. absperren. Nicht um Hunderte, nein um Tausende von Millionen hat in der Folge das werktätige Volk seinen Fleischbedarf teurer zahlen müssen. Die Grenzsperre vor Allem ist Schuld an den gegenwärtigen Teuerungspreisen für Fleisch und Fleischwaren. Sie hat bewirkt, dass auf allen großen deutschen Märkten der Auftrieb von Schlachtvieh ganz bedeutend zurückgegangen ist, in Berlin zum Beispiel in den 4 Monaten vom April bis Juli dieses Jahres um 25.000 Stück gegen das Vorjahr. Nach der „Allgem. Fleischerzeitung“ wurden in den 6 ersten Monaten des Jahres 1902 an 51 Schlachthöfen großer und kleiner Städte 197.214 Schweine weniger geschlachtet als in dem gleichem Zeitraum von 1901. Die Grenzsperre hat damit die Vieh- und Fleischpreise in die Höhe getrieben. In allen Grenzländern ist das Fleisch erheblich billiger als in Deutschland. Und das Schlimmste: noch steht der deutschen Bevölkerung ein weiteres Anziehen der Preise in sicherer Aussicht. Mit dem 1. April 1903 treten die Bestimmungen des Fleischbeschaugesetzes in Kraft, welche sich auf die Einfuhr frischen und zubereiteten Fleisches beziehen. Und der Zolltarifentwurf sieht eine geradezu verbrecherische Steigerung der Einfuhrzölle auf Vieh und Fleisch vor.
Eitel Lug und Trug ist es, wenn die Maßregeln der Grenzsperre mit der Rücksicht auf die Volksgesundheit, mit Rücksicht auf die Abwehr von Viehseuchen zu rechtfertigen gesucht werden. Den nicht durch solche Maßregeln geschützten Engländern, Belgiern, Schweizern etc. bekommt das „gefährliche“ amerikanische Büchsenfleisch etc. ganz vorzüglich. Ebenso den deutschen Marinetruppen, für die in Auslandshäfen große Vorräte davon aufgekauft worden sind. Und offenes Geheimnis ist es, dass das deutsche Vieh weit weniger durch die eingeführten ausländischen Tiere mit Seuchengefahr bedroht wird, als durch die Unreinlichkeit in den Ställen und durch ungeeignete Fütterung.
Die proletarische Frau lässt sich durch die Salbadereien der zollwucherischen Presse kein X für ein U vormachen. Mit Nachdruck wird sie ihre Interessen verteidigen, indem sie die Aufhebung der Grenzsperre, die Beseitigung aller Maßregeln fordert, welche das Fleisch verteuern. Das schuldet sie nicht bloß sich selbst, das schuldet sie ihrem Manne, der einer kräftigen Kost bedarf, soll er als leistungsfähiger Arbeiter genügend für den Unterhalt der Familie verdienen, das schuldet sie vor Allem ihren Kindern, die nur bei gesunder Ernährung zu einem gesunden, tüchtigen Geschlecht heranwachsen können. Nieder mit dem Fleischwucher, nieder mit jeder Besteuerung der Lebensmittel ist ihre Losung!
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