Karl Kautsky – Franz Mehring: Herr Professor Georg Adler

[Notiz, Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, I. Band, Nr. 19, S. 595-598]

hat wieder einmal das Bedürfnis, der Welt seinen Ärger über uns kundzutun. Er besorgt das diesmal in einem Artikel über die deutsche Sozialdemokratie, der mehr von Mehring und meiner Wenigkeit als von etwas Anderem handelt. Ich würde es für ein großes Pech halten, das Lob des „staatserhaltenden“ Herrn Professors zu gewinnen; auch ist mir derselbe stets nur als komische Figur erschienen, und der in Rede stehende Artikel veranlasst mich nicht, meine Meinung zu ändern. Wenn es mir trotzdem notwendig erscheint, dass seine Provokation eine Antwort findet, so ist dies der Stelle zuzuschreiben, an der der Artikel erschienen ist. Die Bedeutung des „Handwörterbuchs der Staatswissenschaften“, in dessen jüngst erschienenem Supplementband der Adlersche Erguss zu finden ist, zwingt uns, diesen ernsthaft zu nehmen. Aber es erscheint mir völlig ausreichend, wenn Mehring, der am meisten Angegriffene, antwortet; ich begnüge mich damit, die gegen mich und die „Neue Zeit“ gerichtete Stelle aus dem Werk, das die Blüte deutscher bürgerlicher Wissenschaft in sich vereinigt, tiefer zu hängen. Adler schreibt:

„In der Redaktion der ,Neuen Zeit‘, dem führenden Organ der Sozialdemokratie, schwingen jetzt das Zepter: Karl Kautsky, ein mit ungewöhnlich plumpen Mitteln arbeitender Fanatiker, der bei jedem – wenn auch noch so sachlich gehaltenen – Angriff auf den Marxismus sogleich das gröbste Geschütz auffährt und, Mehring.“ „Unter der Leitung Kautskys und Mehrings ist (in der „Neuen Zeit“) die … Methode perfidester Polemik zu einem ganzen System des Terrorismus ausgebildet worden, das unter allen Gegnern des alleinseligmachenden Marxismus Furcht und Schrecken verbreiten soll, indem diese – soweit sie bekannte Autoren darstellen, die sich beim Publikum Bahn gebrochen haben – mit ganzen Kübeln von Schimpfworten, Verdrehungen und Verleumdungen überschüttet worden; weniger bekannte antimarxistische Autoren, z.B. Otto Effertz und Hans Müller, werden dagegen durch das System des Totschweigens abzuwürgen gesucht.“

Ich weiß nicht, ob Professor Adler und die Redaktion des „Handwörterbuchs“ sich einbilden, durch diesen grotesken Wutausbruch den Beweis geliefert zu haben, dass es gerade die Redaktion der „Neuen Zeit“ ist, die mit „Ungewöhnlich plumpen Mitteln“ und „ganzen Kübeln von Schimpfworten und Verleumdungen arbeitet“. Aber eins kann ich die geehrten Herrn versichern: das, was sie unter den Marxisten verbreiten, ist etwas ganz anderes als „Furcht und Schrecken“.

K. Kautsky.

Mehring schreibt über den Adlerschen Artikel:

Im vorigen Jahrgange der „Neuen Zeit“ – in den Nummern 15 und 16 – besprach ich den fünften Band von Treitschkes „Deutscher Geschichte“ und stellte darin die „irreführende“ Behauptung Treitschkes, Guizot habe im Jahre 1845 die deutschen Mitarbeiter des „Vorwärts“ aus Paris ausgewiesen, mit den Worten richtig, vielmehr habe die preußische Regierung hinter Guizot gestanden, wie vor Jahren Kautsky schon einmal in der „Neuen Zeit“ „gegenüber einem Vertuschungsversuche“ des Herrn Georg Adler festgestellt habe. Hierdurch fühlte sich Herr Professor Adler in Basel beschwert und richtete mehrere lange Einsendungen au die „Neue Zeit“, die unverkürzt aufgenommen wurden, unverkürzt auch in solchen Sätzen, die durchaus keinen Bezug auf die Streitfrage hatten und mich persönlich. zu verdächtigen bestimmt waren. Ich selbst bat Kautsky, der so freundlich war, wegen dieser Sätze, zu deren Aufnahme ihn nichts verpflichtete, vorher bei mir anzufragen, um ihren Abdruck. Kautsky und ich führten dann den unwiderleglichen Nachweis, dass nicht die „deutschen Regierungen“, wie Herr Professor Adler schönfärberisch behauptete, sondern die preußische Regierung die Triebfeder der Ausweisung gewesen sei. Ich persönlich erklärte mich bereit – siehe Nr. 19 des vorigen Jahrgangs –, das Wort „Vertuschungsversuch“ zurückzunehmen, wenn Herr Professor Adler die Tatsachen beseitigen wollte, die mich zu diesem Worte berechtigten. Jedoch zog es Herr Professor Adler vor, die Richtigkeit meiner Kritik zu bestätigen, indem er sich nicht dazu verstand, seine falsche Behauptung zurückzunehmen, auch dann nicht, als sie in einer Weise, die er nicht mehr anfechten konnte, widerlegt worden war. Er pochte vielmehr auf seinen „Quellenschriftsteller“ Börnstein, mit dessen Kennzeichnung als eines flüchtigen, nicht der leichtesten Kritik Stand haltenden Feuilletonschwätzers ich die Polemik beschloss.

Leider muss ich heute diese vergessenen Geschichten aufwärmen, da es Herrn Professor Adler gefallen hat, in dem kürzlich erschienenen ersten Supplementbande zum „Handwörterbuch der Staatswissenschaften“ an Kautsky und mir seine Revanche zu nehmen, Unter dem Titel „Sozialdemokratie“ feuert er eine Reihe lieblicher Schmähungen gegen uns ab. Soweit diese Schmähungen mich betreffen, sind sie die Wiederaufwärmung oller Kamellen, die zur Zeit des Lindau-Krieges in der kapitalistischen Presse verbreitet und von Einzelnen ihrer todesmutigen Kämpfer, wie den Herren Friedrich Stephany und August Stein, durch falsche gerichtliche Eide in die Region historischer Wahrheit zu erhöhen versucht worden sind. Ich habe mich darüber ausführlich und gründlich verbreitet in meiner Schrift „Kapital und Presse“, Berlin 1891. Hat Herr Professor Adler diese Schrift gekannt, als er seinen Schimpfartikel verfasste, so ist er ein wissentlicher Ehrabschneider; hat er sie nicht gekannt, so bewegt er sich allerdings nur in der gewohnten Rolle eines leichtfertigen Zeilenreißers.

Es kann mir nicht einfallen, Herrn Professor Adler zuliebe hier die betreffenden Abschnitte von „Kapital und Presse“ zu rekapitulieren. Ich beschränke mich deshalb auf die Bemerkung, dass die Schrift über die deutsche Sozialdemokratie, die ich vor zwanzig Jahren schrieb – die erste Auflage datiert von 1877 – viele verkehrte Ansichten enthält, die ich bedaure, jemals gehegt zu haben. Es mag der Geistesverfassung des Herrn Professors Adler entsprechen, gerade die verkehrtesten dieser verkehrten Sätze heute noch „treffend“, „doppelt wahr“ usw. zu finden. Ich für mein Teil habe seit zwanzig Jahren genug gelernt, um ihre Hinfälligkeit zu erkennen, und ich kann dem Bewunderer meines Scharfsinns nur raten, sich etwas auf den Trab zu machen, wenn er nicht ganz im Hintertreffen bleiben will.

Es ist nur ein Punkt in den Schmähungen des Herrn Professors Adler, der in „Kapital und Presse“ noch nicht berührt worden ist: nämlich der Vorwurf, dass ich „jetzt wieder bei der Sozialdemokratie Dienste genommen“ habe. Herr Professor Adler scheint die schriftstellerische Tätigkeit für das Gewerbe eines Landsknechts zu halten, was er bei seinen literarischen Schönfärbereien zu Ehren der preußischen Regierung gelernt haben mag. Jedenfalls weiß der wackere Basilio aber, in welcher Weise ich vor fünf Jahren von der bürgerlichen Presse geboykottet worden bin, nachdem ich sechs Jahre lang als leitender Redakteur der damals demokratischen „Volks-Zeitung“ das Sozialistengesetz und die kapitalistische Korruption aufs Schärfste bekämpft und in den bürgerlichen Klassen wenigstens ein dämmerndes Verständnis für die Emanzipation des Proletariats zu wecken versucht hatte. Ich gebe gern zu: die Donquichotterie, in irgend einem Teile der bürgerlichen Klassen, von einzelnen Ideologen abgesehen, noch irgend welche Absichten einer halbwegs zulänglichen Sozialreform vorauszusetzen, endete ganz verdientermaßen damit, dass ich aufs Pflaster flog, dass ich um meine Existenz gebracht und um meine Ehre zu bringen gesucht wurde. Aber die liebenswürdige Zumutung des Herrn Professors Adler, dass ich nunmehr auch mit zerbrochenen Gliedern auf dem Pflaster hätte liegen bleiben sollen, verrät eine Ehrfurcht vor dem Boykottsystem des Kapitalismus, die ich zu meinem lebhaften Bedauern nicht zu teilen vermag.

Damals boten mir Dietz und Kautsky die Mitarbeiterschaft an der „Neuen Zeit“ an, während Brentano und Schmoller – jeder für sich – mir Anerbietungen machten, die mir eine angenehme und unabhängige Wirksamkeit auf wissenschaftlichem Gebiete gewährt hätten. Bis dahin kannte ich weder Brentano noch Schmoller, und ihre Arbeiten waren in der „Volks-Zeitung“ keineswegs so kritisiert worden, dass sie irgend welchen persönlichen Anlass gehabt hätten, sich für mich zu erwärmen. Um so schwerer wurde es mir zu einer Zeit, wo ich sonst bürgerliche Niedertracht im Überschwang genießen musste, auf ihre freundlichen Anerbietungen nicht einzugehen.Indessen nach reiflicher Überlegung sagte ich mir, umgekehrt wie mein Landsmann Bucher, als er wegen seiner sozialen Ketzereien von dem hiesigen Fortschrittsklüngel gemisshandelt wurde: Wer während seines Lebens noch innerhalb des Deutschen Reiches wirken will, muss sich ralliieren um das Proletariat. Und so schlug ich in die Hand ein, die mir die „Neue Zeit“ bot. Soviel über mein „Dienste-Nehmen bei der Sozialdemokratie“.

Was Herr Professor Adler über die Schreckensherrschaft sagt, die Kautsky und ich in diesen Blättern etabliert haben sollen, ist natürlich erlogen. So wenig wie sonst einem Mitarbeiter der „Neuen Zeit“, ist es mir je eingefallen, ehrliche Arbeiten der bürgerlichen Literatur anders als in achtungsvollem Tone zu besprechen. Ich verweise nur auf die Kritiken, die ich über Lamprechts Deutsche Geschichte, die Literaturströmungen von Brandes u. A. m. veröffentlicht habe. Geschichtsfälschungen zu Ehren der unterdrückenden Klassen habe ich allerdings stets bei ihrem richtigen Namen genannt, und die begreifliche Wut, die Herr Professor Adler darüber bekundet, wird mich nicht hindern, es auch ferner zu tun. Was weiter der „Neuen Zeit“ stets fern geblieben ist und auch stets fern bleiben wird, das ist jener ekelhafte . Ton gegenseitiger Reklame-Versicherung, der wie in allen Fächern der bürgerlichen Literatur, so auch in der bürgerlichen Ökonomie sich so widerlich breit macht. Bei aller sonstigen Stümperei ist Herr Professor Adler ein Meister dieses Tons; man lese nur in seinen unsterblichen „Wissenschafts-Werken“ die holden Wechselgesänge, die er als Komödiant i. D. mit dem Komödianten a. D. Börnstein austauscht. Sogar Kautsky und mich lud er zu harmonischem Konzerte ein, indem er im Urtexte des „Handwörterbuchs für Staatswissenschaften“ die für uns so schmeichelhaften Worte schrieb: „Den größten Anteil an der Popularisierung des Systems haben – außer Engels – Karl Kautsky, Eduard Bernstein und Franz Mehring.“ Hätten wir zu dieser Strophe die richtige Gegenstrophe gesungen, so wären wir im Supplemente voraussichtlich zu „geistvollen, tiefgründigen Köpfen“ avanciert oder wie die neuesten Weiheformeln der gegenseitigen Beweihräucherung sonst heißen mögen. Aber da wir es vorzogen, den Vertuschungsversuch, den Herr Professor Adler zu Ehren der preußischen Regierung begangen hat, nicht zu vertuschen, so wurden wir nicht ins Offizierskasino befördert, sondern zur Karrenstrafe verurteilt: Kautsky als ein „Fanatiker mit ungewöhnlich plumpen Mitteln“ und ich als „ein Mann, zu dessen Charakteristik jedes Wort überflüssig ist“. Und damit genug von diesem braven Gesellschafts- und Staatsretter!

Berlin, den 28. Januar 1896.

F. Mehring


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