Clara Zetkin: Die Massenstreiks in Großbritannien

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 21. Jahrgang Nr. 24, 28. August 1911, S. 369 f.]

Der internationale Seemannsausstand, der in England mit glänzendem Erfolg beendet wurde, hat dort den Anstoß zu einer gewaltigen Streikwelle gegeben, die mit reißender Schnelle das Land überflutete. Zuerst waren es die Dockarbeiter von London, die in den Ausstand traten, um Lohnerhöhungen durchzusetzen. Ihnen schlossen sich bald alle anderen Arten von Transportarbeitern an: Kohlenlader, Fuhrleute, Lichterschiffer, Stauer usw. Sie alle hatten Abrechnung mit ihren Ausbeutern zu halten und forderten die eine oder andere Verbesserung ihres Loses: mehr Lohn, kürzere und geregelte Arbeitszeit, Anerkennung ihrer Gewerkschaftsorganisation und anderes mehr. Die Bewegung brach bei manchen Arbeitergruppen unvermittelt und wild aus, gegen den Willen ihrer Organisation; sie erhielt aber dann in ihrer Gesamtheit eine gemeinsame Leitung durch den Transportarbeiterverband, dem seit ungefähr einem halben Jahr alle in Betracht kommenden Gewerkschaften angegliedert sind. Unser bekannter Genosse Will Thorne, einer der besten und zuverlässigsten sozialistischen Arbeiterführer, und der ebenfalls sehr angesehene Ben Tillett traten dabei in den Vordergrund. Die Bewegung griff rasch um sich, war von ebenso großer Begeisterung als Einmütigkeit beseelt, brachte den Londoner Güterverkehr in empfindlicher Weise ins Stocken und entriss binnen wenigen Tagen den Unternehmern wertvolle Zugeständnisse.

Noch ehe dass sich die Gewässer dieses Massenkampfes ganz verlaufen hatten, kam es zum Ausstand der Lastträger der Lancashire-, Yorkshire und Nordwest- Eisenbahngesellschaften. Liverpool war der Mittelpunkt ihres Kampfes, der sehr bald dort die Eisenbahner mit fortriss, die die 54stündige Arbeitswoche, eine Lohnerhöhung um 2 Schilling wöchentlich und vor allem die Aufhebung der Einigungsämter verlangten, welche 1907 geschaffen worden waren und auf Grund ihrer bisherigen Tätigkeit von den Arbeitern und Angestellten als grobe Prellerei gewertet wurden. Die Bewegung gewann an Ausdehnung und Erbitterung durch den Beschluss der Reeder von Liverpool, alle Dockarbeiter auszusperren, wenn die Eisenbahner nicht das alte Joch ohne Erleichterung weiter schleppen wollten. Diese Bekundung der Unternehmersolidarität wurde von der Arbeiterschaft Liverpools mit einer großartigen Demonstration der Solidarität der Ausgebeuteten beantwortet, an der 60,000 Personen teilnahmen. Das töricht brutale Vorgehen der Polizei, die mit Gummiknüppeln gegen die friedlichen Manifestanten wütete, führte zu Zusammenstößen, bei denen es gegen 250 Verwundete gegeben haben soll.

Die Massen haben sich durch Polizei- und Militäraufgebote nicht zurückschrecken lassen. Die Bewegung hat in raschem Sprunge immer neue Orte und neue Arbeiterkategorien – besonders im Verkehrsgewerbe – erfasst. In Glasgow, Manchester, Sheffield usw. traten Docker, Eisenbahner, Trambahner usw. in den Ausstand. In London kam es zu neuen Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital im Transportgewerbe. 15.000 Arbeiterinnen der Konserven- und Zuckerwarenfabriken traten in den Streik, um ihre elende Lage zu verbessern, und 5000 davon haben bereits Erfolge errungen. Noch andere Gruppen Ausgebeuteter nahmen den Kampf gegen ihre Herren auf. Am bedeutsamsten war bis zur Zeit die Bewegung der Eisenbahner, deren vier Gewerkschaften – die der Angestellten, der Arbeiter, der Maschinisten und Heizer, der Weichensteller und Bahnwärter – zusammen 170.000 Mitglieder umschließen. Die Weigerung der Eisenbahngesellschaften, mit den Vertretern der Organisation direkt zu verhandeln, beantworteten die Eisenbahner durch die Androhung des Generalstreiks, und diese Drohung ward Wirklichkeit, als Vermittlungsversuche der Regierung zu keinem die Eisenbahner befriedigenden Resultat führten, vielmehr von diesen als Verschleppungsversuche und Täuschungsmanöver empfunden wurden. Der fieberhaft rege Eisenbahnverkehr des riesigen Londons war zum großen Teil lahmgelegt, die Züge nach der Provinz gingen spärlich und unregelmäßig aus und ein, mit vielen Orten im Westen und vor allem im Norden hatte jede Zugverbindung aufgehört, nur der Verkehr mit den Hafenorten im Süden litt nicht. Mit den Eisenbahnern zusammen traten in manchen Städten die Angestellten und Arbeiter der Tran; in den Streik, das Personal der Londoner Untergrundbahn stand auf dem Punkte, sich dem Kampfe anzuschließen, die Telefonangestellten trugen sich mit Ausstandsgedanken. Die Physiognomie des öffentlichen Lebens war verändert, Handel und Wandel stockte und war erschüttert, weil der starke Arm der Arbeiter hemmend in das Räderwerk des Verkehrs eingriff. Mit jeder Stunde brachte der Draht andere, oft widerspruchsvolle Nachrichten. Nach den zurzeit vorliegenden Meldungen ist in London der Generalstreik der Eisenbahner für beendet erklärt worden. Welche greifbaren Resultate er den Kämpfenden gebracht hat, lässt sich noch nicht klar überblicken. Als wichtigste ihrer Errungenschaften werden die Anerkennung der Organisation genannt und die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung ihrer Beschwerden. In Liverpool, York, Newcastle, Hull, Hartlepool und anderen bedeutenden Provinzstädten dauert der Streik fort. Noch lässt sich nicht sagen, ob die Bewegung als Ganzes verebbt ist.

Die elementare Gewalt, mit welcher sich die Streikwelle zuerst unter den Dockarbeitern erhob – zum großen Teil außerordentlich schlecht gestellte und mangelhaft organisierte Proletarier –, erinnert an die bedeutsame Dockarbeiterbewegung von 1889, die zum Ausgangspunkt des sogenannten Neuen Trade Unionismus wurde, welcher die Organisierung der nicht-gelernten Arbeiter energisch in die Hand nahm und zum politischen Klassenkampf des Proletariats in einer eigenen Partei drängte. Die heurige Bewegung aber unterscheidet sich von ihrer Vorgängerin ganz wesentlich durch mehrere Züge. Es sind diesmal nicht Verzweifelnde, die sich instinktiv gegen das Los aufbäumen, zu Nutz und Frommen des kapitalistischen Profits zertreten zu werden. Es sind Kämpfende, die dem kapitalistischen Profit, die der kapitalistischen Ausbeutung bewusst zu Leibe wollen. An Stelle der Zerfahrenheit und Uneinigkeit der neunundachtziger Bewegung zeigt sich eine bewunderungswürdige Einmütigkeit und Solidarität, eine Solidarität, die weil über die Grenzen der Berufsgenossen hinausgreift, und in der sich die Empfindung, das Bewusstsein einer ganzen Klasse bekundet. Wie ein elektrischer Funke zündet der Gedanke des Streiks, vielfach des Solidaritätskampfes – der dann natürlich zum Träger der eigenen Forderungen wird – unter den verschiedensten Arbeiterkategorien. Der soziale Acheron – die soziale Unterwelt, die sich licht- und sonnenlos unter der glänzenden Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft dehnt – beginnt sich zu bewegen, das ist der gewaltige Eindruck, der sich von den Ereignissen in Großbritannien ablöst. Das ist wohl auch die Empfindung, der sich die Ausbeutenden und Herrschenden selbst dort nicht zu entziehen vermögen. Die Massenbewegung wird von ihnen als eine bedrohliche Meuterei der Habenichtse gegen die Besitzenden und ihre Klassenausbeutung, Klassenherrschaft empfunden. Daher diesmal keine Spur jenes billigen, tränenreichen bürgerlichen Mitgefühls mit schwarzem proletarischem Elend, wie es der neunundachtziger Bewegung reichlich gespendet ward. Statt dessen fast überall in der bürgerlichen Presse der nervöse Ruf nach einem schneidigen Eingreisen der staatlichen Gewalt zum Schutze „der Gesetze, der Ordnung und des Eigentums“. Bei den wiederholten Anfragen über die Streikbewegung im Unterhaus hat die liberale Regierung unter dem Beifall ihrer Anhänger wie der Opposition keinen Zweifel gelassen, dass sie ihrer Aufgabe als die Interessenwächterin der ausbeutenden Klassen und als Büttelgewalt gegen die Ausgebeuteten bewusst ist. Die Erklärungen der Minister – mögen sich diese gelegentlich noch so demokratisch und arbeiterfreundlich gebärdet haben – waren ganz auf den Ton der scharfmacherischen Presse gestimmt. Und ihre Worte sind durch die Tat bekräftigt und überholt worden. Für „die Gesetze, die Ordnung und das Eigentum“ der ausbeutenden Klassen und gegen die Habenichtse Polizei, Militär und Kriegsschiffe; für das Recht der Arbeiter – nichtssagende, zweideutige Redensarten. Wie immer die Bewegung schließlich ausgehen wird: sie muss von weittragendem, befruchtendem Einfluss auf die Klärung des Klassenbewusstseins und auf den zielklar geführten Klassenkampf des Proletariats in Großbritannien sein; sie muss die reinliche Scheidung zwischen den beiden Welten fördern, für deren Ringen es auch in Großbritannien letzten Endes nur ein Hüben und Drüben gilt. Zur Beurteilung der bedeutsamen Vorgänge werden wir in nächster Nummer einen Beitrag vom Kampfplatz selbst veröffentlichen.


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