Clara Zetkin: Die Zuckerfrage

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 17, 12. Mai 1916, S. 125 f.]

Deutschland ist das Land der stärksten Zuckererzeugung und verkauft in normalen Jahren annähernd die Hälfte des hergestellten Zuckers an das Ausland. Trotzdem haben wir zurzeit einen so empfindlichen Mangel an Zucker, dass in vielen Städten kein Pfund davon in den Läden zu haben war und jetzt zur Festsetzung von Portionen vermittels der Zuckerkarte geschritten wird. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Es ist zu betonen, dass dank einem glücklichen Zufall die Lage für die Versorgung Deutschlands mit Zucker besonders günstig war. Die Ernte an Rüben fiel im Jahre 1913 besonders reichlich aus, und außerdem kam zu Beginn 1914 viel russischer Zucker, der aus besonderen Gründen zurückgehalten worden, auf den Markt. So war der Weltmarkt im Sommer 1914 mit Zucker übermäßig versehen, und die Preise sanken. In der Folge hielten die deutschen Exporteure mit ihren Vorräten zurück, so dass bei Kriegsausbruch ganz ungewöhnlich große Mengen Zucker in Deutschland lagerten. Die Rübenernte war 1914 nicht so groß wie 1913, aber immer noch über dem Durchschnitt. Im Frühjahr 1915 wurde der Anbau von Zuckerrüben eingeschränkt – die Bestellung der Rübenfelder erfordert mehr Arbeit und Dünger als die Bestellung der Getreidefelder –, die Anbaufläche soll um 30 Prozent geringer gewesen sein. Dafür waren aber dank der Witterung die Rüben in diesem Jahre besonders reich an Zuckergehalt, so dass die Menge des gewonnenen Zuckers nur um ein Viertel geringer war als in normalen Jahren. Daraus ergibt sich, dass bei normalem Verbrauch in Deutschland, unter gänzlichem Fortfall der Ausfuhr, die im Jahre 1914 gewonnene Zuckermenge für zwei Jahre ausreichen müsste. Die im Jahre 1915 gewonnene Menge müsste für anderthalb Jahre reichen. Dazu noch die großen Vorräte, die bei Kriegsbeginn lagerten. Wir müssten also eigentlich Überfluss an Zucker haben. Wenn es anders gekommen ist, so liegt das an der „Bewirtschaftung“ der Vorräte, wie sie von der Regierung beliebt wurde.

Im Herbst 1914 erhoben Fabrikanten und Großhändler ein lautes Lamento: Weil so viel Zucker im Lande sei, so klagten sie, müsse man befürchten, dass der Preis stark sinken werde, wenn auch noch der Zucker neuer Ernte auf den Markt komme. Es würden sich also große Verluste für sie ergeben. Die Herren forderten Aufhebung des Ausfuhrverbots und Mindestpreise – wohlgemerkt Mindest– nicht Höchstpreise – im Inland. Die Regierung war bereit, das Ausfuhrverbot aufzuheben, es sollten 22 Millionen Zentner Zucker ausgeführt werden, eine riesige Menge, in normalen Zeiten wird nur selten eine so große Ausfuhr erzielt. Zum Glück kam es nicht dazu: die englische Regierung sperrte den Markt für deutschen Zucker, weil sie Zucker aus den Kolonien einführen wollte: auf den Märkten neutraler Staaten aber war so viel russischer Zucker, dass der Preis niedrig blieb. Im November 1914 regulierte die Regierung den Zuckervertrieb in der Weise, dass Höchstpreise für den Großhandel eingeführt wurden, und dass sie gleichzeitig den Fabriken ein „Kontingent“ vorschrieb, das heißt diese durften in den einzelnen Monaten über eine bestimmte Menge hinaus keinen Zucker verkaufen. Damit die Unternehmungen keinen Schaden erlitten, wurde ihnen billiger Kredit gegen Verpfändung der lagernden Ware eingeräumt. Der Preis war nach dem Durchschnitt des Inlandspreises der letzten Jahre festgesetzt. Das scheint auf den ersten Blick angemessen. Aber es ist zu beachten, dass in normalen Zeiten die Hälfte des deutschen Zuckers im Ausland abgesetzt wird, wo der Preis in der Regel unter dem Inlandpreis steht, weil die deutschen Händler mit den Exporteuren anderer Länder konkurrieren müssen. Dass die Fabrikanten und Händler nicht unter dem Höchstpreis loszuschlagen brauchten, dafür war gesorgt. Das Kontingent war nämlich so bemessen, dass niemals übermäßig viel Ware auf den Markt kam. So erklärt es sich, dass die Fabrikanten glänzende Geschäfte machten und unerhört hohe Dividenden verteilten. Sie verkauften eben allen Zucker zu hohen Inlandspreisen, während sie in normalen Zeiten die Hälfte billig an das Ausland abstoßen müssen. Noch glänzendere Geschäfte machten die Großhändler, die den zur Ausfuhr billig gekauften Zucker jetzt in Deutschland teuer absetzten.

Seit Kriegsausbruch wiesen die Hygieniker auf den hohen Nährwert des Zuckers hin und betonten, dass dieser ein vorzüglicher Ersatz für Fett sei. Das wurde auch bald durch die Erfahrungen im Felde bestätigt: bei den Soldaten herrscht ein wahrer Heißhunger nach Süßigkeiten, trotzdem die Männer doch im Allgemeinen sonst nicht für süße Speisen schwärmen. Die eintönige, fettarme Kost erzeugte das Bedürfnis nach Süßem. Die sozialdemokratische Presse erhob folgerichtig die Forderung, dass der Preis für Zucker herabgesetzt werden müsse, was sehr gut möglich gewesen wäre. Da nämlich auf jedem Pfund Zucker 7 Pf. Steuer lasten, so konnte der Preis um so viel herabgesetzt werden, wenn man die Steuer aufhob. Außerdem war es ganz gut möglich, auch den Preis des unversteuerten Zuckers zu ermäßigen, angesichts der Riesengewinne der Fabrikanten und Händler. Darauf ließ man sich indessen nicht ein, es blieb bei dem hohen Preise, und deshalb konnten die guten Ratschläge der Hygieniker nicht befolgt werden, viel Zucker zu konsumieren. Wohl dürfte während des Krieges von den Wohlhabenden mehr Zucker als sonst verbraucht worden sein, dagegen musste die Arbeiterfrau bei der allgemeinen Teuerung an allen nicht ganz unentbehrlichen Dingen, also auch an Zucker sparen. Der Verbrauch an Zucker mag im Allgemeinen nur insofern gestiegen sein, als im letzten Jahre die Butter in größerem Maße durch Marmeladen ersetzt worden ist, in denen Zucker enthalten ist. Dem steht aber wieder eine andere Tatsache gegenüber. Bei der Mehlknappheit werden in den Haushaltungen viel weniger Mehlspeisen hergestellt, zu denen Zucker verwendet wird. Von einer Verdoppelung des Zuckerkonsums kann nicht die Rede sein, auch wenn man in Betracht zieht, dass in der ersten Zeit, solange Schokolade noch zu erschwinglichen Preisen zu haben war, beträchtliche Mengen davon ins Feld als Liebesgaben gingen. Denn bestimmend ist der Verbrauch der großen Volksmasse, nicht der Wohlhabenden, die zwar viel im Vergleich mit den Unbemittelten, aber doch wenig im Verhältnis zu der Gesamtmasse verzehren.

Halten wir also fest, erstens, dass die Ernten von 1914 und 1915 einen Verbrauch von Zucker zugelassen haben würden, der doppelt so groß wie in Friedenszeiten wäre: zweitens, dass außerdem bei Kriegsbeginn große Zuckervorräte vorhanden waren: drittens, dass von einer Verdoppelung des Konsums nicht die Rede sein kann. Wie kommt es angesichts dieser Tatsachen, dass wir jetzt nach 21 Kriegsmonaten Mangel an Zucker haben? Die Frage ist dahin zu beantworten, dass zu viel Zucker an das Vieh verfüttert worden ist. Als die Futterstoffe rar wurden, hat man systematisch darauf hingearbeitet, dass Zucker als Viehfutter verwendet werde, sowohl bei der Mast von Schweinen als auch für die Pferde. Zur Verwendung kommt dabei Rohzucker, der nicht versteuert wird und daher ein verhältnismäßig billiges Kraftfutter ist. Gewiss, man könnte nichts dagegen einwenden, dass ein Teil des verfügbaren Zuckers verfüttert wird, nämlich der Teil, der nach einer hinreichenden Versorgung der Menschen übrig bleibt. Da der Vertrieb von Zucker zentralisiert und unter Kontrolle gestellt ist, musste es der Regierung ein leichtes sein, solche Anordnungen zu treffen, dass über dieses Maß bei der Verfütterung nicht hinausgegangen wurde. Dass es nicht geschah, ist ein schwerer Fehler, ein bitterer Hohn auf all das Gerede von der „unvergleichlichen Organisationsfähigkeit“, die angeblich während des Krieges im herrlichsten Glänze erstrahlt. Nachdem bereits der Zucker für Menschen knapp geworden, konnte die „Bezugsvereinigung der deutschen Landwirte“ bei „pünktlicher Lieferung vom 29. März bis 19. April“ Rohzucker für Verfütterungszwecke zu 12½ Mk. pro Zentner anbieten. Das ist geradezu ein Skandal.

Es steht außer jedem Zweifel, dass es nur deshalb an Zucker fehlt, weil zu viel davon als Viehfutter verwendet worden ist.

Es wird viel über das „Hamstern“ einzelner geschrieben, und die moralische Entrüstung darüber gehört zu den stehenden Klischees in den Zeitungen. Indessen will uns scheinen, dass moralische Entrüstung über den wirtschaftlichen Eigennutz des Einzelnen in einer Gesellschaft sehr unangebracht ist, in der dieser Eigennutz die Haupttriebkraft bei jeder wirtschaftlichen Betätigung bildet. Das „Einhamstern von Zucker“ begann genau zu der Zeit, wo das Produkt in den Verkaufsläden rar zu werden begann, um Mitte Februar 1916. Warum ließ man es dazu kommen? Die Regierung musste so viel Überblick über die Vorräte haben, dass sie genau wissen konnte, wie die Sache stand. Da war es ihre Pflicht, rechtzeitig mit der „Rationierung“ vorzugehen. Die plötzliche Einführung der Zuckerkarte hätte das Aufkaufen durch Einzelne verhindert. Statt dessen ist man dazu geschritten, nachdem erhebliche Mengen in einzelnen Haushaltungen aufgestapelt worden waren und sich der Kontrolle entziehen, denn selbst bei Hausvisitationen wird man sie kaum aus den Verstecken hervorziehen. Nachdem einmal die Angst erstanden war, es werde keinen Zucker mehr geben, kann man wirklich den Hausfrauen keinen besonderen Vorwurf machen, dass sie sich nach Möglichkeit damit versahen.

Warum aber entstand plötzlich Knappheit? Die Regierung hat den Fehler gemacht, dass sie den Fabrikanten und Händlern Zuschläge bewilligte für den Zucker, der später auf den Markt gebracht wird. Diese Zuschläge sind bei weitem höher, als es den Lagerkosten und dem Zinsverlust entsprechen würde, deshalb besteht für die Lieferanten der Anreiz, die Ware zurückzuhalten. Das scheint seit Februar in starkem Maße geschehen zu sein. Deshalb gesellte sich zu der wirklichen Knappheit die künstliche Entblößung des Marktes von Zucker, die notwendigerweise zu den Angstkäufen führen musste.

Nach den letzten Kundmachungen der Regierung soll nun endlich die Verteilung geregelt werden, wobei ein Kilogramm pro Kopf und Monat gerechnet wird. Das ist nicht viel, da in den letzten fünf Friedensjahren der Verbrauch pro Kopf und Jahr auf rund 18 Kilogramm berechnet wurde, das macht ½ Kilogramm für den Monat. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass die Durchschnittsziffer von 18 Kilogramm entsteht, indem man den gesamten Verbrauch an Zucker in Deutschland berechnet, also auch die Mengen, die in den gewerblichen Betrieben (Schokolade -, Marmelade -, Konfekt -, Likörfabriken, Konditoreien usw.) verarbeitet werden. Der Verbrauch in den Haushaltungen dürfte daher in normalen Zeiten durchschnittlich nicht über 1¼ Kilogramm pro Kopf und Monat gewesen sein. Demnach erscheint es auf den ersten Blick nickt als besonders starke Einschränkung, wenn er auf 1 Kilogramm herabgesetzt wird, vorausgesetzt, dass es dabei bleibt.

Jedoch darf auf der anderen Seite nicht vergessen werden, dass der Mangel an Fett gestiegen ist, und dass daher ein größerer Verbrauch an Zucker in den Haushaltungen dringend geboten erscheint. Außerdem ist es ein Gebot der Wirtschaftlichkeit, dass unter keinen Umständen etwas von der bevorstehenden Obst- und Beerenernte verloren gehen sollte. Es ist aber sicher nicht möglich, Zucker für das Einmachen der Früchte von dem einen Kilogramm pro Kopf zu sparen. Daher wäre es dringend notwendig, für diesen Zweck Sacharin freizugeben. Es stehen dem keine Bedenken entgegen, außer dem einen, dass die Rübenbauer und die Fabrikanten es nicht gerne sehen werden. Wenn einmal das Verbot der Sacharinverordnung durchbrochen ist, so kann es nicht alsbald wieder durchgeführt werden, und darunter könnte der Absatz von Zucker in der Zukunft leiden. Allein nachdem man den Zucker zum Futter für Pferde und Schweine verwendet hat, ohne dass die Unbemittelten Nutzen davon hatten, nachdem die Rüben bauenden Großgrundbesitzer, Fabrikanten und Händler am Zucker so glänzende Kriegsgewinne eingeheimst haben: dürfte jetzt, wo der Zucker knapp geworden ist, zum Mindesten so viel Rücksicht auf die Interessen der Volksmasse genommen werden, dass das Surrogat freigegeben wird.


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