Clara Zetkin: Kriegskosten und Volkslasten

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 11, 18. Februar 1916, S. 80 f.]

Die materiellen Lasten, die der Weltkrieg den Völkern auferlegt, scheinen alles zu übertreffen, was die schlimmsten Pessimisten vorausgesehen haben. Das erklärt sich daraus, dass alle die riesenhaften Produktionskräfte, die der Kapitalismus entfesselt hat, jetzt in den Dienst des Zerstörungs- und Vernichtungswerkes gestellt worden sind; dass in den Arsenalen und Fabriken mindestens ebenso viele Menschen an der Herstellung von Waffen und Munition arbeiten, als Soldaten im Felde die Waffen handhaben. Schätzen doch Sachverständige, dass in der einen Herbstschlacht, als die französische Armee die deutschen Linien zu durchbrechen suchte, in wenigen Tagen mehr Munition verschossen worden ist, als im ganzen Kriege von 1870/71. Das Zerstörungswerk kostet daher nicht nur Millionen Menschenleben, Ströme von Blut, sondern auch Geld, viel Geld.

Der Schatzsekretär des Deutschen Reiches nahm im August vergangenen Jahres an, dass die täglichen Ausgaben aller kriegführenden Staaten sich auf 300 Millionen Mark stellten. Im Dezember erklärte er, die Ausgaben seien größer geworden, man müsse mit 320 bis 330 Millionen Mark rechnen. Von manchen Seiten wird indessen auch diese Schätzung noch als zu niedrig bezeichnet, zumal die Ausgaben infolge der allgemeinen Teuerung beständig steigen. Bleiben wir jedoch bei den Zahlen des Herrn Helfferich, so besagen sie, dass in einem Jahre die kriegführenden Staaten 120 Milliarden Mark für das Zerstörungswerk verausgaben. Von diesem Betrag bekommt man einen annähernden Begriff, wenn man bedenkt, dass die Summe der in Deutschland vorhandenen Vermögen – die in dem kultivierten Boden, den Gebäuden, Fabriken, dem Vieh, Maschinen und sonstigen Produktionsmitteln, den Eisenbahnen und Schiffen bestehen – auf annähernd 300 Milliarden Mark Geldwert geschätzt wird. Die kriegführenden Staaten Europas würden also in zweieinhalb Jahren für das Zerstörungswerk so viel verausgaben als die Ergebnisse all der Arbeit bewertet werden, die im Laufe von Jahrhunderten den Reichtum Deutschlands an materiellen Gütern geschaffen hat.

Es ist ein recht müßiges Beginnen, wenn die Vertreter Deutschlands behaupten, dessen Gegner seien materiell schlimmer daran als das Reich, während umgekehrt die Vertreter der Entente das Gegenteil nachweisen wollen. Solche Behauptungen hätten vom Standpunkt der Kriegführenden vielleicht einen Sinn, wenn anzunehmen wäre, dass den Staaten der einen oder anderen Partei schließlich die Mittel ausgehen müssten, um den Krieg weiterzuführen. Davon kann indessen keine Rede sein. Solange Menschen da sind, die kämpfen, und andere, die den zur Kriegführung nötigen materiellen Bedarf herstellen, werden auch die Geldmittel zu beschaffen sein, die der Staat braucht, um das Getriebe aufrecht zu erhalten. Deshalb dünkt uns dieses Trost- und Geduldsgerede – „uns geht es zwar schlecht, aber den anderen noch schlechter“ –, als wenn die blutende Hand sich damit tröstet, dass das Bein noch stärker blutet. Denn schließlich ist das Wort von der Interessengemeinschaft der Völker trotz des jetzigen Sichzerfleischens nicht plötzlich falsch geworden. Die Verarmung eines jeden Volkes wirkt auf das Wohlergehen der gesamten europäischen Völkerfamilie ein.

Der Krieg wird „auf Kredit geführt“, das heißt die Staaten verschaffen sich Anleihen auf diese oder jene Weise, und aus dem geliehenen Kapital werden die Kosten bestritten. Dabei werden während des Krieges auch die Zinsen für das Kapital von dem geliehenen Gelde bezahlt. Aber schließlich muss einmal der Frieden kommen, und auch dann gilt es, Zinsen zu zahlen und obendrein an die Tilgung der Schulden zu denken.

Mit der landläufigen Vorstellung, wonach „der Verlierende zahlt“, kommt man nicht weit. Jeder der kriegführenden Staaten hat seine Last zu tragen; wollte man dazu den unterliegenden Staaten die Kosten der obsiegenden aufbürden, so wäre das für die ersteren der sichere Staatsbankrott. Dieser würde aber für die Besitzenden den wirtschaftlichen Ruin bedeuten, wogegen sie sich mit aller Gewalt sträuben werden. An einen Frieden, bei dem die Zahlung von Kriegskostenentschädigung zur Bedingung gemacht wird, ist daher nur zu denken, wenn die eine der kriegführenden Gruppen so vollständig niedergerungen ist, dass sie alles bewilligen muss. Dann würden aber die betreffenden Länder derart verheert sein, dass aus ihnen in Jahrzehnten nicht Summen herauszuholen sind, wie jene, um die es sich im vorliegenden Falle handeln muss. – Auch mit Annexionen ist es nicht getan. Der annektierende Staat kann nicht einfach das private Vermögen der Einwohner im eroberten Land rauben. Er kann diesen Einwohnern höchstens größere Steuern auferlegen, aber das wäre ein törichtes Beginnen, wenn er sich das Land dauernd angliedern will. In der Regel ist ein erobertes Land durch den Krieg verwüstet und kann deshalb für lange Zeit nicht zu den Einnahmen des erobernden Staates beitragen, sondern erfordert im Gegenteil Zuschüsse. Mag man daher über Annexionen sonst denken wie man will: die Kriegskosten lassen sich auf diesem Wege nicht einbringen. Folglich ist damit zu rechnen, dass jeder der kriegführenden Staaten in finanzieller Hinsicht für lange Zeit der Bevölkerung neue gewaltige Lasten wird aufbürden müssen, um die Kosten des jetzigen Krieges zu decken.

Da drängt sich nun eine Betrachtung auf. Seit Jahrzehnten seufzten die Völker Europas unter dem ungeheuren Steuerdruck, der in erster Linie durch die beständig erweiterten Rüstungen verursacht wurde. Von den Anhängern des Militarismus wurde behauptet, diese Lasten seien unvermeidlich, man müsse sie als eine „Versicherungsprämie“ betrachten. Ähnlich wie man sich gegen Feuer- oder Hagelschaden versichert, versichere sich ein Volk durch steigende Rüstungen gegen den Kriegsschaden, den ihm ein auswärtiger Feind zufügen könne. Was wir Sozialdemokraten stets vorausgesehen haben, ist jedoch eingetreten: das unablässige Wettrüsten endete mit dem Weltkrieg, der die Kultur Europas zu vernichten droht. Das militaristische „Versicherungsgeschäft“ erwies sich als verfehlt. Es war so, als ob jemand seine Habe gegen Feuersbrunst versicherte, der Versicherer aber für die empfangene Prämie Pulverfässer kaufte, rund um die Habe anhäufte und nun dort mit brennender Zigarre spazieren ging. Nachdem die Pulverfässer explodierten und der Brand da war, wurden vom Versicherten neue Opfer verlangt, um den Schaden zu bezahlen! Denn bisher sind keine Anzeichen vorhanden, dass dieser Krieg zur Beseitigung des Militarismus führen könnte. Im Gegenteil: die Anhänger der bestehenden Ordnung kündigen in allen Ländern an, dass die Rüstungen nun erst recht fortgesetzt werden müssen.

So wurde auch im Deutschen Reichstag im Dezember bei Beratung der neuen Milliardenanleihe nicht etwa damit gerechnet, dass nach dem Kriege die Ausgaben für Heer und Marine vermindert werden können. Man nahm es vielmehr als selbstverständlich hin, dass zu den bisherigen Lasten neue hinzukommen müssen, zur Bestreitung der Ausgaben, die der Krieg nach sich ziehen wird. Dass diese Lasten ungeheuer sein werden, darüber ist man sich einig.

In der Tat: Bisher hat der Reichstag Anleihen in Höhe von 40 Milliarden Mark bewilligt; nach den Schätzungen der Regierung kann diese Summe etwa bis März reichen; jeder Monat, den der Krieg darüber hinaus dauert, kostet annähernd weitere 2 Milliarden, die nicht anders als durch Anleihen aufzubringen sind. Diese Schuld ist mit 5 Prozent zu verzinsen, außerdem muss man aber an die allmähliche Rückzahlung des Kapitals, an die Tilgung der Schuld denken. Setzt man für den letzteren Zweck nur 1½ Prozent an, so ergibt sich „für den Schuldendienst“, wie der Fachausdruck lautet, der Betrag von 6½ Prozent der Schuldsumme pro Jahr. Bei 40 Milliarden Mark sind das 2600 Millionen Mark, die jährlich gezahlt werden müssen. Dauert der Krieg über den März hinaus, so erhöht sich die Summe bei jedem Monat Kriegsdauer um weitere 130 Millionen.

Mit dem „Schuldendienst“ allein ist es indessen nicht getan. Vor allem müssen die Opfer des Krieges, die Invaliden und die Witwen und Waisen der Gefallenen versorgt werden. Die Summen, die für diese Renten erforderlich sind, werden bereits auf 1½ bis 2 Milliarden Mark geschätzt. Lässt man alle anderen Ausgaben (Neuausrüstung des Heeres nach dem Kriege!) außer Betracht, so ergeben diese beiden Posten – Schuldendienst und Renten – eine Summe von mindestens 4 Milliarden (4000 Millionen) Mark, und wenn der Krieg über den März hinaus dauert, vielleicht von 5 Milliarden Mark jährlich.

Was das zu bedeuten hat, kann man danach beurteilen, dass im letzten Jahre vor dem Kriege die wirklichen Einnahmen des Reiches aus Steuern, Zöllen, Gebühren, Überschüssen der Post- und Reichseisenbahnverwaltung zusammen noch nicht 2 Milliarden betragen haben. Es wird sich somit in den ersten Jahren nach dem Kriege darum handeln, statt 2 Milliarden Mark 6 oder gar 7 Milliarden für das Reich aufzubringen. Rechnen wir mit einer Neubelastung von „nur“ 4 Milliarden, so ergibt das bei einer Bevölkerung von 70 Millionen eine Neubelastung pro Kopf von 87 Mark im Jahre oder pro fünfköpfige Familie von 285 Mark. Wohlgemerkt: 285 Mark pro Jahr müssen über die bisherige Steuerlasthinaus aufgebracht werden. Die Frage ist, ob eine so ungeheure Belastung von dem Volke noch getragen werden kann, und eine weitere Frage lautet: welcher Form der Besteuerung das deutsche Volk zu erwarten hat. Darüber in einem folgenden Artikel.


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