Clara Zetkin: Henrik Ibsen

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 16. Jahrgang Nr. 12, Stuttgart, 13. Juni 1906, S. 70, Nr. 13, 27. Juni 1906, S. 85 f., Nachdruck in Clara Zetkin, Kunst und Proletariat. Berlin 1979, S. 259-267]

Als unsere letzte Nummer in den Druck ging, brachte der Telegraf die Nachricht, dass Henrik Ibsen am 23. Mai in Christiania [Oslo] gestorben sei. Fast 78 Jahre alt, ein verlöschender Greis, der seit Jahren nur noch als Schatten seiner selbst unter uns weilte, denn leben hieß für ihn dichterisch gestaltend kämpfen, und sein Lebenswerk als Kämpfer und Schöpfer lag abgeschlossen da. Nicht klagend über noch ungeschnittene Ernten des Genius stehen wir daher am Grabe des großen Toten, wohl aber voll tiefer Dankbarkeit und Ehrfurcht ob des Schatzes künstlerischer und sittlicher Werte, die er für die Menschheit in nimmer rastendem, schmerzensreichem Ringen um höchste Künstlerschaft im Dienste der Wahrheit angehäuft hat. Denn das ist es, was Ibsen zu der Höhe künstlerischen Schaffens emporgetragen und ihm die Macht gegeben hat, als ein Bahnbrecher und Führer der literarischen Entwicklung voranzuschreiten und als unvergleichlicher Erwecker und Erzieher der Menschen lebendig zu bleiben: dass er niemals sein künstlerisches Genie unter den bequemen Grundsatz schwächlicher, feiger, unfreier und käuflicher Geister gebeugt hat: l’art pour l’art, die Kunst für die Kunst, um der Kunst willen.

Kein Künstler konnte die Kunst höher würdigen, keiner war tiefer von ihrem Rechte zur restlosen Einforderung der Persönlichkeit durchdrungen als Ibsen, dem Dichten bedeutete: „Gerichtstag halten über das eigene Ich.“ Er hat ihr gedient mit rückhaltloser, leidenschaftlicher Hingabe, in der sich zwei der charakteristischsten Züge seines Wesens verschmolzen: die altheidnische, trotzig-unbeugsame Kraft, die sich um jeden Preis durchsetzen will, und die christliche Selbstverleugnung, die alles opfert. Aber gerade weil Ibsen die Kunst als höchste Lebensäußerung menschheitlicher Entwicklung wertete, wies er ihr eine gewaltigere Aufgabe zu als die, lediglich berauschen der Genuss zu sein, den Sinnen und der Seele Feste zu bereiten. Die Kunst war ihm vor allem die erhabene Erzieherin, welche die Menschen durch das Morgentor des Schönen in der Erkenntnis Land führen soll. Seine Muse ist daher nicht in weltentrückte Zaubergärten entflohen, wo alle Blütenträume reifen, sie ist unter den Menschen unserer Tage heimisch mit ihrer schweren, fiebernden Sehnsucht und ihren qualvollen Konflikten, sie bleibt mitten im Kampfesgetümmel der Zeit, auch wenn sie die Stille der Fjorde sucht, über kalt glitzernde Gletscherhöhen schreitet oder das Gewand versunkener Welten trägt. Nicht als sanfte Friedensbotin steht sie da, die Schalmei seliger Harmonien blasend, sie trägt Wehr und Waffen, sie ist eine herbe, reisige Kämpferin. Ibsens Kunst ist Problemkunst, ist Tendenzkunst im umfassendsten und höchsten Sinne des Wortes.

Um was es für sie geht, das sind der „Menschheit große Gegenstände“, das ist eine Weltanschauung der Wahrheit, welche die Persönlichkeit zur reifsten Entfaltung und fruchtbarsten Wirksamkeit bringt. In diesem Ziele fügt sich Ibsens künstlerisches Lebenswerk, wie vielgestaltig es auch vor uns tritt, in fester Geschlossenheit zum Ringe zusammen. Nach einer Weltanschauung der Wahrheit suchend, hat der norwegische Meister sich in Heidentum und Christentum versenkt und kritisch wägend Weltbild gegen Weltbild gestellt. Weder die Philosophie der Antike noch die Evangelisten und Priester des Nazareners konnten dem eindringlichen Frager eine Antwort geben, welche die zehrenden Gluten in seiner Brust löschte. Sein Ringen um die Wahrheit ist darum nicht weniger ungestüm geblieben. Er schuf Werk auf Werk, um ihr die Wege zu bereiten, indem er die Herrschaft der Lüge zerstörte. Wie einen persönlichen Feind hat er alle Unwahrheit und Heuchelei gehasst und bekämpft, mochte sie sich als soziale Moral gebärden oder als individuellen Idealismus aufschminken. Er ging ihr in die gesellschaftlichen Beziehungen von Mensch zu Menschen nach, er packte sie in den verborgensten Seelenfalten des Einzelnen. Es konnte daher nicht eine blutleere Abstraktion der Lüge sein, gegen die er im Moralpredigerton geeifert hätte. Was er mit der Unerbittlichkeit eines wissenschaftlichen Forschers ans Licht zog und richtete, das ist die Lüge in ihren mannigfachen, bestimmten Gestalten, wie sie in der Gegenwart, als legitimes Kind der aufstrebenden oder ausreifenden kapitalistischen Ordnung, die Persönlichkeit und ihre Beziehungen zum Nebenmenschen, zur Allgemeinheit verwüstet.

Der ruhelose Wahrheitssucher musste zum schonungslosen Kritiker und Zerstörer am Überbau der Moral werden, welche die bürgerliche Gesellschaft krönt. Mit robuster Kraft, vom leidenschaftlichen Glauben an seine künstlerische Mission jeden Muskel gestrafft und alle Nerven auf das eine konzentriert, hat Ibsen hier an wichtigen tragenden Pfeilern gerüttelt und prächtig gleißende Ornamente in Trümmer geschlagen. Und indem er mit zwingender Gebärde auf die Lüge wies, die dahinter als Gebieterin thront, indem er heiligen Grimmes voll wieder und wieder sein „écrasez l’infâme“ – zertretet die Schändliche – in die Welt schrie, hat et Abscheu, Hass, Kampf gegen die geltende verlogene Moral weit über die Kreise der Gemeinde hinaus geweckt, welche Ibsen um seiner meisterhaften Künstlerschaft willen huldigt.

Die Frauen aber sind Ibsen ob seines befreienden Zerstörungswerkes zu besonderem Dank verpflichtet. Er ist mehr wie jeder andere ihr Dichter gewesen, der Dichter des Weibes, welches sich aus dem erstickenden Sumpfe einer lügenhaften Existenz erhebt, mit wund gerungenen Händen und blutendem Herzen die alten Tafeln zerschlägt und das Recht seines Menschentums, seiner Persönlichkeit fordert. Wir vergessen nicht, dass es vor allem das Seelendrama der bürgerlichen Frau ist, das Ibsen gestaltet hat. Die Proletarierin hat die größte und entscheidende Schlacht für ihre soziale und menschliche Emanzipation nicht gegen die Helmers und ihre Ehelüge auszufechten, sondern gegen die Kapitalistenklasse und ihre Ordnung. Die ökonomische Entwicklung löst materielle und geistige Kräfte aus, die im Proletariat das Verhältnis der Frau zum Manne und zur Familie revolutionieren und damit die Moral des Vorurteils und der Lüge fortfegen, welche die Beziehungen der Geschlechter vergiftet und den Menschen im Weibe tötet. Aber was wirkende objektive Tendenz ist, das setzt sich nur langsam subjektiv durch. Und so sind auch hier der Helmers noch viel zu viele, mit denen die Proletarierin abrechnen muss, gerade wenn sie als Streiterin im Klassenkampf ihr Menschenrecht erobern will. Davon zu schweigen, dass – welches auch immer die sozialen Verhältnisse seien – die Frau in dornenreichen inneren Konflikten um Klarheit über die Frage ringen wird, welche die Ibsenschen Frauentypen im tiefsten Grunde bewegt: die Frage nach der Grenzlinie zwischen dem Rechte der Selbstbehauptung und der Pflicht der Selbstverleugnung. Als Erwecker und Mahner wird daher der skandinavische Meister über die bürgerliche Welt und unsere Zeit hinaus auf die Frauen wirken, die empfinden, dass sie frei und gesund entfaltete Menschen werden müssen, um ganz Weib sein zu können.

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An der unbezähmbaren Kraft seines Dranges nach Wahrheit, an der Unerbittlichkeit seiner Kritik ist Ibsen zum Empörer wider die Institutionen und Dogmen der bürgerlichen Ordnung herangewachsen, ist er zum Revolutionär geworden. Wohl ist es ihm nicht vergönnt gewesen, als solcher auf der fest gegründeten dauernden Erde der sozialistischen Auffassung zu stehen. Die Wolken und Winde von Ideologien haben mit ihm ihr Spiel getrieben. Aber die Wucht seines Kampfes, sein unbeugsamer prometheusischer Rebellentrotz wie sein künstlerisches Genie haben ihm dessen ungeachtet den ersten Platz unter den Dichtern unserer Zeit erobert, in deren Werken revolutionäre Lebenskräfte kreisen und schäumen. Formen und Formeln dürfen über den revolutionären Geist und die revolutionäre Wirkung der Ibsenschen Kunst nicht täuschen. Die herrschenden Klassen haben allzeit die feinste Witterung für das bewiesen, was ihre Herrschaft gefährdet. Nicht umsonst haben die verdauungsseligen Nutznießer der heutigen – Gesellschaft mitsamt ihren geistigen Lakaien Ibsen mit geiferndem Hass verfolgt.

Jedoch nicht allein die Kritik eines revolutionären Kämpfers ist es, die verbindende Fäden zwischen Ibsen und dem Proletariat spinnt. Das tut auch ein anderes charakteristisches Element seines Wesens und – seiner Kunst, ein Element, das die organisch ergänzende Seite der revolutionären Kritik bildet. Es ist die inbrünstige Sehnsucht nach einer neuen Welt der Wahrheit, Schönheit und Freiheit, in deren seligen Gefilden Adelsmenschen wandeln, die, keinem anderen Gesetz untertan als dem des eigenen Wollens, nur eine Schranke ihrer Lebensbetätigung kennen: das Recht aller. Ibsen hat nicht mit glühenden Farben in behaglicher Breite diese Welt ausgemalt. Er hob sein Herz nicht wortreich auf die Lippen, wenn es in heiligen Schauern stolzer Zukunftshoffnungen bebte. Tief unter dem weit ragenden, weit glitzernden Gletscherfelsen seiner Gesellschaftskritik loderte die vulkanische Glut seiner Welterneuerungsträume. Ihrer Sehnsucht Gewalt hat sich in Gestalten von großem Maß verkörpert, die bewusst als Pfadfinder und Bahnbrecher der Menschheit auf ihrer dornenreichen Wanderung vorausschreiten wollen. Sie treibt mit unwiderstehlicher Macht Brand, den Helden und Märtyrer seines leidenschaftlichen Glaubens an die Mission, die Menschen aus den dumpfen Niederungen empor in reine, lichte Höhen zu führen; Brand, die Fleisch und Blut gewordene Überzeugung, dass jeder sich restlos und rücksichtslos seinem Ideal schuldet. Sie lebt in dem geist- und schönheitstrunkenen Julian, der sich um der Herrlichkeit seines geträumten Idealreichs willen allein dem Hereinbrechen einer neuen, düsteren Welt entgegen wirft. Sie regt sich leise klagend noch in Persönlichkeiten, die schwächlich und krankhaft nicht mehr um Erhebung zu kämpfen vermögen, sondern nur mit dem Gedanken des Kampfes oder seinem Trugbild spielen können, und zwischen Verwesung und Trümmern lässt sie zarte Hoffnungen neuen Lebens sprießen. Es war vielleicht die Tragik in Ibsens Leben, auf alle Fälle sein Erbteil zeitlicher und nationaler Gebundenheit, dass seine revolutionäre Sehnsucht keinen sicheren geschichtlichen Grund unter den Füßen gewann und sich in die Wolken verlor. So war sein „Amt fragen, nicht Bescheid zu geben“. Er führte die Konflikte der suchenden, tastenden Seelen zu Katastrophen und nicht zu fest verankerten Lösungen. Aber trotzdem weht nicht der Todeshauch müder Verzweiflung aus seinen Werken, vielmehr der hoffnungsstarke Glaube an eine Zukunft befreiten Menschentums. Dieser Glaube rankt nicht an den Siegen der Helden und Heldinnen empor, er saugt seinen lebendigen Zauber aus der Sehnsucht nach Schönheit und Kraft des persönlichen Lebens, welche die Menschen auch noch inmitten des Schmutzes eines lügenhaften, fieberhaft-pathologischen Daseins empor treibt als Wollende und Ringende, Bekräftigungen des uralten und doch ewig jungen Menschentraums, „den Göttern gleich zu sein“. Die Sehnsucht, welche den Kampf gebiert, und nicht die greifbare Frucht des Kampfes war für Ibsen das Unterpfand des unaufhaltsamen Aufstiegs der Menschheit.

In dieser Wertung begegnet er sich mit Lessing, welcher entgegen den satt-trägen und selbstgerechten Erbpächtern „ewiger Wahrheiten“ das Suchen der Wahrheit über den Besitz der Wahrheit stellte. Sie hat seinen Zweifel gesund und stark erhalten, so dass er fruchtbar geworden ist. Sie hat ihm inmitten der Zerstörung und Fäulnis einer verfallenden Welt den Glauben unversehrt bewahrt an ein kommendes drittes Reich1, an den befreienden und beglückenden Triumph einer neuen Weltanschauung, welche die Leiber und Geister knechtende Herrschaft von „Kaiser und Galiläer“ überwindet. Langsam sah Ibsen im Schoße der Zeiten diese Weltanschauung heranreifen als Synthese der historisch lebensfähigen, geistig-sittlichen Werte, welche die Antike einerseits, das Christentum andererseits der persönlichen Lebensentfaltung und damit der Menschheitsentwicklung gebracht hat, aber doch in ihrer harmonischen Geschlossenheit ein Neues, von beiden wesensverschieden. Für ihren Sieg kämpfte er mit seiner Kunst, und wenn schon er in den Tagen des Alters immer üppiger einen rätselvollen Symbolismus um seine Gedankengänge wuchern ließ, so ist er doch dagegen gefeit geblieben, Richard Wagner gleich auf dem geraden Wege über Schopenhauerschen Pessimismus in das Dunkel eines christlichen Mystizismus zu flüchten.

Um seiner Sehnsucht und seines Glaubens willen ist Ibsen uns teuer geworden. Ist nicht der proletarische Klassenkampf die klassische historische Form des unsterblichen Verlangens der Menschheit, als entfesselter Prometheus zur Sonnenhöhe emporzusteigen, und wird er nicht von der zukunftsfrohen Zuversicht getragen, dass er der Erfüllung dieses Sehnens die Tore öffnet?

Aber so nahe auch in dieser Beziehung Ibsen dem kämpfenden Proletariat kam, er schritt dem gemeinsamen Ziele auf einsamen Pfaden zu, abseits von dem historischen Blachfelde, das unter dem Massenschritt der Arbeiterbataillone erdröhnt. Von den Säften der modernen Weltkultur genährt, war seine Persönlichkeit riesengroß über die Enge und Kleinlichkeit des heimatlichen Milieus emporgewachsen, jedoch selbst ihre strotzende, trotzige Kraft hatte nicht völlig die Schranken zu brechen vermocht, die dieses ihrer Entwicklung gezogen. Der junge Ibsen lernte in Norwegen kein modernes Proletariat großer Stufenleiter kennen, dessen Klassenkämpfe wie reinigende Gewitter durch die Welt fuhren, und das in ihrem Blitzen und Wettern eine neue Weltanschauung über die tosenden Wasser trug. Die geistige Atmosphäre, die er atmete, war durchtränkt mit einem Pietismus, der für alle sozialen Probleme und persönlichen Konflikte nur die eine Lösung predigte: die religiös-sittliche Wiedergeburt im Geiste, die Läuterung des inneren Lebens. Und der Jüngling, lange noch auch der Mann, blieb ein Einsamer, der sein Allerheiligstes, seine künstlerische Mission allein gegen eine Welt von Unverständnis und Feindseligkeit verteidigen musste. So glitt Ibsens Blick über die geschichtlichen Notwendigkeiten hinweg, welche das Ringen für die Weltanschauung einer neuen Gesellschaftsordnung des dritten Reiches mit dem proletarischen Klassenkampf gegen die bürgerliche Ordnung zusammenschweißen und das Erlösungswerk aus den Händen Einzelner nehmen, um es der organisierten Aktion der Massen zu übertragen. Aus dem gärenden Chaos geistig-sittlicher Konflikte, losgelöst von der irdischen Schwere sozialer Kämpfe um die ökonomische und politische Macht, ließ der nordische Meister die neue Weltanschauung geboren werden, und als ihre Geburtshelfer rief er die starken und schönen Persönlichkeiten auf, die mit dem schöpferischen Zauber ihres eigenen Adelsmenschentums und kraft der höchsten Anforderungen, die sie an sich selbst stellen, Adelsmenschen zu erziehen vermöchten. Darum war auch sein „Reich nicht von dieser Welt“, wenngleich er es im Gegensatz zu Schiller nicht als ästhetisches Schattenspiel träumte, vielmehr als lebensvolle Wirklichkeit.

Allein, was Ibsen vom kämpfenden Proletariat trennt, bringt ihn doch nicht in einen unüberbrückbaren, feindseligen Gegensatz zu diesem. Der Sozialismus, um dessen Verwirklichung der Kampf geht, ist wahrlich mehr als bloß ein ökonomisches und politisches Programm. Er ist eine Weltanschauung, die weit spannendste und einheitlichste, welche die Geschichte bis heute kennt. Er schafft daher der Menschheit die reichsten objektiven und subjektiven Entwicklungsmöglichkeiten. Als Kind der Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften muss die sozialistische Weltanschauung die Herrschaft Cäsars wie des Nazareners brechen. Das dritte Reich, das Ibsen geschaut, als seine revolutionäre Sehnsucht den höchsten Flug genommen, kann nur das Reich des Sozialismus sein. Die zwingende Logik innerer Zusammenhänge legte dem sorgfältigen Wäger seiner Worte die Erklärung auf die Lippen, dass er durch die Beobachtung von Menschencharakteren und Menschenschicksalen, „ohne es bewusst und unmittelbar erstrebt zu haben, zu dem gleichen Ergebnis gekommen sei, wie die sozialistischen Moralphilosophen durch wissenschaftliche Forschung“. Sie ließ dem kämpfenden Proletariat die meisten und heißesten Schlachten frommen, in denen er mit den Lebenslügen der bürgerlichen Gesellschaft rang.

Ibsen belud die Persönlichkeiten mit vielen teuren Hoffnungen, nicht weil er die Massen verachtete, sondern weil er an ihre schlummernden Kräfte glaubte. Durch die geforderte höchste Entfaltung der Individualität wollte er die Aktion der Vielen nicht ausschalten, wohl aber fruchtbarer gestalten: der höhere geistig-sittliche Wert jedes Einzelnen sollte die wirkende Macht der Gesamtheit steigern. Er wog daher die Stimmen und zählte sie nicht; höher als die feste Geschlossenheit, einer Vielheit wertete er den Geist, der in ihr lebendig ist, und er übersah dabei, dass auch in den geschichtlichen Entwicklungsprozessen die Quantität in die Qualität umschlägt. Aber von dem Übersehen dieses Gesetzes bis zu einer individualitätsprotzigen Abkehr von der Gesamtheit ist ein weiter Schritt, den Ibsen nie getan hat. Nietzsche stellte seinen Übermenschen – nebenbei bemerkt nicht der vollsaftige Sohn seiner eigenen Lenden – in eisige Einsamkeit, damit er mitleidslos über die Menge herrsche. Ibsens Adelsmensch bleibt mitten unter dieser, damit er sie erziehe, nachdem er sich selbst in schmerzensreichem Ringen geläutert und erzogen hat. Er will frei sein, nicht um zu herrschen, sondern um nicht beherrscht zu werden, weder von anderer Stärke noch von der eigenen Schwäche. In seinem Werden und Wirken fühlt er sich mit dem Sein und Kämpfen der Masse verbunden. Das Recht freier Lebensbetätigung, das der Dichter für die Persönlichkeit heischt, ist der Anfang ihrer Pflichterfüllung gegen andere. Nur wer selbst zu reifer Kraft herangewachsen ist, darf und kann diesen etwas sein. Die Treue gegen sich selbst ist daher das oberste Pflichtgebot der Persönlichkeit, welche unter den Geißelhieben innerer Nöte die Augen aufschlägt und an der Lösung der großen Zeitprobleme arbeiten will. In diesen Gedankengängen wurzelt Ibsens viel berufener „Individualismus“, innig verschmolzen mit einem gewissensstrengen, tatbereiten Altruismus. Und in diesem Zusammenhang konnte er 1885 im Verein der Drontheimer Arbeiter sagen – ohne an seiner Auffassung zu deuteln oder sich in Widerspruch mit ihr zu sehen –, dass er die wirkliche Freiheit von dem Vordringen eines Adels des Charakters, des Willens und der Gesinnung erwarte, der von den Arbeitern und den Frauen komme.

Es ist im Rahmen dieses Artikels nicht möglich, den ganzen Künstler Ibsen zu würdigen, der als Ebenbürtiger neben den größten Dramatikern aller Zeiten und Völker steht, und dessen Werk tiefe, nachhaltige Furchen in der gesamten zeitgenössischen Literatur gezogen hat. Wir behalten das einer späteren Arbeit vor, die an den bedeutendsten Schöpfungen Ibsenscher Kunst nachweisen soll, was wir jetzt nur flüchtig skizzieren konnten: ihren revolutionären und erzieherischen Gehalt. Ibsens Kunst scheuchte in den bürgerlichen Kreisen Gewissen vom Ruhepfuhle träger Gedankenlosigkeit und stellte sie vor Probleme, welche den moralischen Lebenslügen der heutigen Gesellschaftsordnung den verhüllenden Schleier abreißen. Mit der Explosivkraft des Dynamits wirkte sie besonders in der bürgerlichen Intelligenz, welche die geistige Schutztruppe des Kapitalismus stellt. Sie trug damit Unruhe, Verwirrung, Zwiespalt und Empörung in die bürgerliche Welt und schwächte ihre Widerstandskraft gegen den Ansturm des Proletariats. Sie löste aber auch Proletarier aus dem Bann, den verlogene bürgerliche Ideologien um sie gesponnen. Sie schärfte den Blick für die Gebresten und Verbrechen der bürgerlichen Ordnung und gab der Kritik und dem Hass gegen sie neue Nahrung. Und Ibsens Kunst schreitet durch die Zeit, eine hehre Erzieherin zur in sich gefestigten und reinen Persönlichkeit. Sie fasst mit ehernem Griffe den Einzelnen und zwingt ihn, mit seiner Umwelt und seiner Innenwelt Abrechnung zu halten, Pflichten und Rechte gegeneinander abzuwägen. Sie stellt ihn Auge m Auge mit seinen Taten, mit seinem Wollen und Wünschen, mit seinen Leidenschaften und Träumen. Sie zieht unter der Schwelle seines Bewusstseins hervor, was er als Geheimnis vor sich selbst verbergen möchte, und sie lässt keine gestammelten Ausflüchte, keine fein ersonnenen Entschuldigungen gelten. „So bist du! Was sollst du sein, und was kannst du sein?“ ruft sie ihm zu, bis er den Weg der Erhebung zu wandern oder wenigstens tastend zu suchen beginnt. Das Proletariat kann für seine Kämpfe und seine Siege am wenigsten der Persönlichkeit entraten, die das Recht der Selbstbehauptung mit der Pflicht der Selbstverleugnung vereinigt. Der erzieherische Wert der Ibsenschen Kunst für das Proletariat wird mit den steigenden Aufgaben des Emanzipationskampfes und dem aufblühenden Kulturleben der Massen wachsen. Ibsen, der Empörer, wird leben, solange es noch eine bürgerliche Gesellschaft gibt, Ibsen, der Künstler, der Erzieher wird deren Existenz überdauern.

1 Clara Zetkin verwendet diesen Terminus mehrfach im Sinne von „neue, bessere Welt“, „Sozialismus“ – siehe auch im folgenden Absatz.


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