[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 16. Jahrgang Nr. 8, Stuttgart, 18. April 1906]
Einen seiner Besten hat das kämpfende Proletariat Deutschlands zu Grabe geleitet. Genosse Heinrich Meister ist am 5. April, fast vierundsechzigjährig, doch viel zu früh für die klassenbewusste Arbeiterbewegung, einem schweren Herzleiden erlegen. Vier Jahrzehnte lang hat er kämpfend, führend in ihren vordersten Reihen gestanden, allzeit der Gleiche an Überzeugungs- und Pflichttreue, an Eifer und Selbstlosigkeit, an geradem Sinn und Zuverlässigkeit.
Heinrich Meister hat das unsterbliche geschichtliche Leben des zeitgenössischen Proletariats bewusst mit gelebt und mit geschaffen. Als Sohn eines kleinen Mannes, eines Organisten und Pianisten zu Hildesheim am 2. Oktober 1842 geboren, erlernte er zuerst die Buchbinderei, dann das Zigarrenmachen. Das kärgliche geistige Brot der Bürgerschule hatte den heißen Wissenshunger des geweckten Knaben nicht zu befriedigen vermocht. Mit eisernem Fleiß, unter harten Entbehrungen arbeitete der Jüngling an seiner Selbstbildung. Nicht selten wanderten die letzten Pfennige für eine Schrift fort, die in langer Winternacht im ungeheizten Zimmer bei schwelendem, trübem Licht studiert wurde. Die Lektüre gab dem jungen Mann den Schlüssel zum Verständnis der vielerlei Rätselfragen, die ihm aus dem sozialen Leben entgegen starrten und sein Nachdenken reizten. Und so reifte er durch Studium und Beobachtung zum klassenbewussten Arbeiter heran, der die geschichtliche Mission des Proletariats begriff, im Kampfe gegen die kapitalistische Ordnung sein eigener Erlöser zu sein. Sehr bald fand er den Anschluss an die junge gewerkschaftliche und politische Arbeiterbewegung, und die eine wie die andere wurde ihm ein Feld unermüdlichster, opferbereiter Tätigkeit 1865 zahlte er zu den Gründern des Tabakarbeitervereins, dessen stellvertretender Vorsitzender er unter Fritzsche von 1867 bis 1878 war, wo auf Grund des Sozialistengesetzes die Auflösung der Organisation erfolgte. Seit der Gründung des jetzigen Tabakarbeiterverbandes im Jahre 1882 bis zur letzten Generalversammlung desselben war Meister Vorsitzender des Ausschusses. Er hat sein redlich Teil agitatorischer und organisatorischer Arbeit zur Entwicklung dieser Gewerkschaft wie zum Aufblühen der Gewerkschaftsbewegung überhaupt beigetragen. Zur politischen Arbeiterbewegung, die Lassalle ins Leben gerufen hatte, stieß Meister ebenfalls 1865. Zwei Jahre später gründete er in Hannover mit 16 Gesinnungsgenossen zusammen eine Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die zum Grundstein der so kraftvollen Parteibewegung daselbst geworden ist. Von 1872 an, wo er, dem Drangen seiner Freunde nachgebend, zum ersten Mal öffentlich als Redner auftrat, wirkte er rastlos als Agitator und Organisator im Dienste der Sozialdemokratie. Die rasche Ausdehnung, der feste Ausbau der Partei in Hannover ist zum großen Teil die Frucht seiner persönlichen Arbeit. Aber auch über den Rahmen seiner Heimat hinaus hat er schon vor dem Sozialistengesetz praktisch wagend und begeistert zugleich an der äußeren und inneren Entwicklung der Sozialdemokratie mitgearbeitet. Ihm fällt unter anderem ein wesentliches Verdienst an der Einigung der Eisenacher und Lassalleaner zu. Nachdem er in zwei Wahlkämpfen als Kandidat der Sozialdemokratie das rote Banner vorangetragen hatte, wurde „der Zigarrendreher“ – wie ihn die Gegner höhnend nannten – 1884 von der ehemaligen Hauptstadt Hannover in den Reichstag entsendet. Er hat ihm bis zu seinem Tode angehört Von dem Jahre seines Eintritts in das Parlament ab ist Meister Vorstandsmitglied der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gewesen und damit zugleich bis zum Fall des Sozialistengesetzes Mitglied der Parteileitung. 1891 wurde er zum ersten Mal Mitglied und Vorsitzender der Kontrollkommission. Mit welch strengem Gerechtigkeitssinn und großem Taktgefühl er diesen arbeitsreichen und undankbaren Posten verwaltet hat, erhellt daraus, das jeder Parteitag sein Mandat erneuerte.
In der Person und dem Wirken Meisters hat die innere, organische Einheit des politischen und gewerkschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse einen geradezu vorbildlichen Ausdruck gefunden. Meister kannte zwar verschiedene Arbeitsgebiete, verschiedene Tagesaufgaben der Partei und der Gewerkschaften, aber er ließ keine Gegensatze zwischen beiden Seiten des proletarischen Emanzipationsringens gelten. Beide vereinigten sich für ihn zu der höheren Einheit der klassenbewussten revolutionären Arbeiterbewegung, und dieser seiner Auffassung entsprechend hat er seine besten Kräfte, ohne nach Opfern und Gefahren, nach Lob und Lohn zu fragen, rückhaltlos für die Partei und die Gewerkschaften eingesetzt. Solange wir Meister kennen, ist er auch ein aufrichtiger Freund unserer proletarischen Frauenbewegung gewesen. Maßregeln, die geeignet schienen, sie zu fordern, waren in der Parteileitung wie auf Parteitagen und im Tabakarbeiterverband seiner Sympathie und Unterstützung sicher. Noch auf der letzten Generalversammlung der genannten Organisation hat er eindringlich die Anstellung einer Beamtin gefordert, welche sich insbesondere der Agitation unter den Arbeiterinnen widmen sollte. Der Verlust, den die kämpfende Arbeiterklasse durch den Tod Meisters erleidet, ist schwer, ja in mancher Beziehung geradezu unersetzbar. Um ihn ganz würdigen zu können, genügt es nicht, den Blick über die reiche Lebensarbeit gleiten zu lassen, die Meister bis zu den höchsten Ehrenämtern führte, welche das politisch und gewerkschaftlich organisierte Proletariat zu vergeben hat. Dazu muss man auch seines persönlichen Wesens gedenken. Meister war sicherlich der Typus des kämpfenden Proletariers, zugleich aber eine scharf umrissene Charaktergestalt von starkem persönlichem Gepräge. Gewiss: wohl nie hat die bürgerliche Welt sich mit ihm als „einer interessanten Individualität“ beschäftigt. Jedoch wie kraftvoll hat er seine Persönlichkeit in der Arbeit, im Kampfe für die Emanzipation des Proletariats gegen Schwierigkeiten und Gefahren durchgesetzt, die es mit kühlem Blick und kühnem Sinn, mit Ausdauer und Opferbereitschaft zu überwinden galt. Wie fest hat er nicht auch seine Überzeugung im Kampfe der Meinungen in Partei und Gewerkschaften vertreten. Nie hat er zu denen gehört, die immer auf der Seite stehen wollen, nach der sich der Erfolg neigt, er vertrug es, in der Minorität zu bleiben, und er stand lieber allein, als das er dem etwas vergab, was ihm Recht und Wahrheit dünkte. Zum Eigenbrötler oder gar Quertreiber ist Meister trotz alledem nie geworden. Seine knorrige Eigenart beugte sich vor dem lebendigen Bewusstsein der Kampfestreue, welche die große Sache fordert, der er sein Leben geweiht.
Dieser Mann war ganz aus einem Stück geschnitzt, aus dem besten Kernholz. Furchtlos und treu nach oben und unten konnte er weder einflussreichen Persönlichkeiten noch den Massen schmeicheln. Wenn er es für nötig hielt, polterte er auch dem besten Freunde, dem verehrtesten Kampfesgenossen zehn kernige Grobheiten ins Gesicht, jedoch er hatte niemand Achtung bezeugt und Lob gespendet, der dies seines Erachtens nicht verdiente. Für Komplimente war er völlig unempfänglich, er geizte nicht nach Anerkennung, das Bewusstsein gewissenhafter Pflichterfüllung war ihm Lohnes genug. Das Lob der bürgerlichen Welt schob er für seine Person wie für Partei und Gewerkschaften geringschätzig und mit höchstem Misstrauen zur Seite. Sein Maßstab für Wert und Unwert von Theorien und Taten war die Wirkung auf die proletarischen Massen. Aufrecht und geradeaus ist Meister jederzeit seine Straße gegangen, er verschmähte, auf Schleichwegen zu erreichen, was nicht offen durchgesetzt werden konnte. An diesem Wahrhaftigen war alles echt; keine Pose, kein Kokettieren mit modischen Strömungen und Schlagwörtern.
Meister war ein Mann der Praxis, und weil er das im besten Sinne des Wortes war, ist er stets fest mit beiden Füßen auf dem Boden des proletarischen, revolutionären Klassenkampfes geblieben, für überschlau sein wollende Staatsmännelei oder Leisetreterei hat er nie etwas übrig gehabt. Für ihn gingen Theorie und Praxis Hand in Hand, wie bei ihm Überzeugung und Tun eins war. Wenn seine theoretische Schulung in Fragen des Parteilebens versagte, da half ihm seine reiche praktische Erfahrung auf den Weg, und ein geradezu untrüglicher proletarischer Klasseninstinkt war ihm jederzeit ein zuverlässiger Berater, sowohl Strömungen wie Persönlichkeiten gegenüber Alles Unechte, Schielende, Selbstsüchtige war ihm in tiefster Seele verhasst, mochte es auch in prächtig gleißendem Gewand auftreten. Wenn Meister sich mit ihm auseinanderzusetzen hatte, geriet er in eifernden Grimm, der sich in bitteren Sarkasmen entlud, die fast stets den Nagel auf den Kopf trafen. Die Überzeugung war ihm ein heiliger Opferdienst und keine Laufbahn, er hat für sie jederzeit seine ganze Person mit der Uneigennützigkeit eines Apostels eingesetzt. Das Ideenfeuer der sozialistischen Jugendzeit, die mit seiner eigenen Jugend zusammenfiel, hat er durch die Stürme des Sozialistengesetzes getragen, wie durch die ruhige, aber oft dumpfige Atmosphäre der Jahre seither. Und so ist er jung geblieben in der Überzeugung, im Wollen und im Kämpfen, bis ihn der Tod von den Schanzen riss.
Nicht nur, was Heinrich Meister geleistet, auch was er gewesen läst seinen Tod als einen außerordentlich herben Verlust empfinden, schreibt aber auch seinen Namen mit leuchtenden Zügen in die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Mochte die allgemeine Würdigung, die seinem Werke und seiner Persönlichkeit zuteil wird, etwas Trost für das treue Weib sein, das seinen redlichen Teil zu unseres Freundes Lebensarbeit beigetragen hat, eine jener ungenannten Heldinnen des Proletariats, die schweigend den Löwenanteil des Kampfes um die Existenz der Familie auf sich nehmen, damit der Mann sich rückhaltlos dem Kampfe für die Emanzipation der Klasse widmen kann.
Unversehens ist das, was wir dem sturmerprobten Kampfesgenossen, dem treuen Freunde über das Grab hinaus nachrufen wollten, über den Rahmen des üblichen Nekrologs hinausgewachsen. Mag man das der verzeihen, die in elfjähriger Zusammenarbeit Hein Meisters schlichte Größe immer besser verstehen, immer höher achten lernte; mag man das der Mutter zugute halten, welche der Tausenden und Abertausenden proletarischer Mütter gedenkt, die das sozialistische Ideal in ihrem Herzen bewegen und ihren Kindern nicht bloß Worte sagen, sondern Beispiele zeigen mochten; der Kämpferin, die jedes mal, wenn der Tod einem der alten Garde in das Schattenreich winkt, sorgend in die Zukunft späht, ob dem Proletariat nicht bloß neue, vielmehr auch ebenbürtige „Soldaten der Revolution“ heranwachsen. Der Sozialismus kann sich nicht mit Stimmen begnügen, er heischt ganze Menschen. Ein ganzer Mensch zu sein, als ganzer Mensch zu leben und zu kämpfen, das lehrt das Sein und Wirken unseres unvergesslichen Heinrich Meister.
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