Franz Mehring: Krone und Junkertum

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, I. Band, Nr. 18, S. 545-548]

f Berlin, 22. Januar 1896

Die diesjährige Verhandlung über den Antrag Kanitz war die bedeutsamste Debatte, die der deutsche Reichstag seit langer Zeit geführt hat, Nicht wegen des sachlichen Wertes der Argumente, die von hüben und drüben vorgebracht wurden, denn da konnte es sich nur um scheinbare oder wirkliche Gründe handeln, die längst zu Gemeinplätzen geworden sind. Aber der harte Zusammenstoß zwischen den Junkern und den Ministern zeigte die historischen Mächte des altpreußischen Staates in hellem Hader entbrannt, und das eröffnet sehr interessante Perspektiven.

Überraschend kam der Ausbruch allerdings für Niemanden, der die Zeichen der Zeit mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat. Eine Reihe der unzweideutigsten Symptome deutet darauf hin, dass die neudeutsche Koalition der großen Industriellen und Latifundienbesitzer das altpreußische Junkertum aus der Gunst der Krone mehr und mehr verdrängt hat. Man kann vollkommen dahingestellt sein lassen, ob die persönlichen Gründe und Zusammenhänge, die dafür in der ausländischen Presse angeführt worden sind, den Tatsachen entsprechen oder nicht. Selbst wenn sie ihnen entsprächen, würden sie historisch doch nicht mehr beweisen, als dass die Krone sich der wachsenden Macht der großen Industrie nicht länger zu Ehren und Gunsten des keinen Junkertums entziehen kann.

Auf der anderen Seite kommt auch nicht viel darauf an, ob die Minister Marschall und Hammerstein in ihrer Polemik gegen die Rechte etwas über die Schnur gehauen, ob sie im Eifer des Gefechts ein Wort mehr gesagt haben, als gerade den Absichten und Wünschen der Krone entsprach. Die preußischen Junker sind viel zu praktische Leute, als dass sie viel auf die abwiegelnden Erklärungen geben sollten, wonach der Kaiser namentlich dem Landwirtschaftsminister v. Hammerstein wegen seiner allzu heftigen Äußerungen starke Vorwürfe gemacht haben soll. Ein Wort mehr oder weniger – das ist vollkommen gleichgültig gegenüber der Tatsache, dass der Krieg zwischen Krone und Junkertum erklärt worden ist. Die Junker wissen sehr genau, woran sie sind, und durch formelle Höflichkeiten lassen sie sich nicht darin beirren, den hingeworfenen Handschuh aufzunehmen und den Krieg zu führen, so gut sie ihn verstehen.

Der Krieg selbst ist nicht der erste seiner Art. Die innere Geschichte des altpreußischen Staats ist überhaupt Jahrhunderte lang nichts Anderes gewesen, als ein Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum.. Aber auch in seiner modernen Form ist der Krieg schon wiederholt entbrannt, so am Ende der fünfziger und im Anfang der siebziger Jahre. Bisher hat er stets mit dem Siege des Junkertums geendet, und nichts ist begreiflicher, als die trotzige Siegeszuversicht, womit die Junker auf die Fehdebriefe der Minister antworten. Die liberale Legende, dass die Junker nichts seien ohne die Krone, mag gut genug sein, die hiesigen Weißbierphilister in ihren schläfrigen Bezirksvereinen zu ergötzen, kann aber sonst Niemanden täuschen. Stände der Kampf einfach zwischen Krone und Junkertum, so wäre auch heute kein Zweifel daran möglich, wer den Sieg davontrüge. Aber so steht es tatsächlich nicht, Hinter der Krone steht die große Industrie und der große Grundbesitz in seiner modernen bürgerlichen Form, und da sind die Aussichten für das kleine, im Grunde noch feudal gefärbte Krautjunkertum nichts weniger als glänzend.

In jedem Falle wird es ein heftiger und vermutlich auch langwieriger Kampf werden. Das Krautjunkertum gebietet noch über eine sehr starke Kraft, ja eigentlich über alle wichtigen organisierten Machtmittel des Staats. Es herrscht in der Armee und in der Bürokratie. Aber die ökonomische Entwicklung zerschneidet ihm die Wurzeln seiner Existenz eine nach der anderen, und dagegen ist auf die Dauer nichts zu machen. Der Todeskampf mag sich in noch so krampfhaften Konvulsionen vollziehen, er mag sich noch so lange hinschleppen: sein Ende ist doch der Tod. Es ist kein Gegenbeweis, dass die Junker selbst nicht daran glauben wollen. Eine Klasse, die Jahrhunderte lang, sei es auch nur auf beschränktem Terrain und unter rückständigen Verhältnissen, geherrscht hat, ergibt sich nicht freiwillig, um so weniger freiwillig, je beschränkter und rückständiger sie ist. Was die Junker an Machtmitteln in der Hand haben, werden sie rücksichtslos gebrauchen; jeden Trumpf, den sie ausspielen können, werden sie ausspielen. Sentimentalität haben sie nie gekannt und wie alte Betschwestern werden sie nicht sterben.

Damit, dass sie klar zum Gefechte machen, hängt es innerlich zusammen, dass sie das christlich-soziale Tauwerk kappen, womit sie ihr Schiff ohne besonderen Nutzen beschwert haben, Herr Stoecker hat die kategorische Aufforderung erhalten, sich zum Junkerknecht sans phrase zu bekennen, und der teure Gottesmann ist von seiner sonstigen Pfiffigkeit verlassen, wenn er sich jetzt noch in einer öligen Erklärung als Junkerknecht avec phrase durchschwindeln will. Für dergleichen Humbug haben die Junker keine Zeit mehr; auf einem scheiternden Schiff spielt man nicht mit dem Feuer.

Die Krone ist von ihrem Standpunkt aus augenscheinlich gut beraten, wenn sie trotz aller früheren Erfahrungen den Bruch mit dem Junkertum nicht scheut. Die Annahme des Antrags Kanitz würde sie, an Händen und Füßen gefesselt, einer trotz alledem untergehenden Klasse in die Hände liefern, die Minister, die dem Könige diesen Rat erteilen würden, verdienten als königliche Diener gehängt zu werden. Es ist trotzdem ein schwerer Entschluss, und wie die Waagschale schwankt, mag man daraus sehen, dass ein so schlauer Rechner, wie Herr Miquel, das Junkertum noch immer möglichst bei guter Laune zu erhalten sucht. Doch liegt die Sache jetzt ganz anders, als sie am Ende der fünfziger und im Anfang der siebziger Jahre lag. Was sich der Krone setzt als Stütze anbietet, ist nicht mehr eine schwächliche Bourgeoisie, die im Irrgarten liberaler Velleitäten hin und her taumelt, sondern der große Monopolbesitz in Stadt und Land, die herrschende Klasse der modern bürgerlichen Gesellschaft, die dem freundwilligen Absolutismus ganz andere Aussichten zu bieten vermag als das bankrotte Krautjunkertum, dessen Zeiten sich erfüllet haben, und dessen Vormundschaft oft mehr lästig als förderlich war.

Für das klassenbewusste Proletariat hat diese Entwicklung ein hohes Interesse, wenn auch nicht in dem Sinne, als ob es sich an dem Kampfe der streitenden Parteien beteiligen könnte oder müsste oder auch nur dürfte. Es hat dem Junkertum, aus dessen Reihen seine ärgsten Peiniger hervorgegangen sind, keine Träne nachzuweinen, auch dann nicht, wenn ihm in der Ära Stumm, die vernehmlich an die Tore des Reiches pocht, noch ärgere Peiniger erwachsen sollten. Ein bezeichnender Zufall fügte, dass gleichzeitig mit der Kriegserklärung der Minister Hammerstein und Marschall an das Junkertum dem ungerechtesten Richter der Gegenwart, der eben, ein anderer Jeffreys, in wilden Wahnsinnsdelirien verschieden war, der Rote Adler verliehen wurde, Dieser Vogel kündete für das deutsche Proletariat ähnliche Stürme an, wie einst im Jahre 1815 jener andere rote Vogel, der in das Knopfloch des Denunzianten Schmalz nieder flatterte, für die bürgerlichen Klassen. Es ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, um nicht zu sagen gewiss, dass wenn die Stumm über die Manteuffel siegen, eine neue Ära der Verfolgung über die deutsche Arbeiterklasse hereinbrechen wird, die selbst das Sozialistengesetz noch in Schatten stellt.

Gleichwohl vollzieht sich in der Niederlage der Junker ein historischer Fortschritt, der nicht nur notwendig und unabwendbar ist, sondern namentlich auch im Interesse des Proletariats liegt, Mit dem Verschwinden des Junkertums hebt sich das Deutsche Reich vollends auf die Höhe der modernen bürgerlichen Gesellschaft; die letzten Wurzeln feudalen Unkrauts werden ausgerissen, und der große Kampfplatz wird geebnet, auf dem sich die entscheidende Schlacht zwischen Bourgeoisie und Proletariat vollziehen wird. Mag dieser historische Fortschritt auch zunächst sein unfreundliches Gesicht dem Proletariat zukehren, mag er sich scheinbar ausschließlich zu Gunsten der großen Bourgeoisie vollziehen: er bleibt deshalb nicht weniger, was er ist. Selbst die brutale Heftigkeit, womit eine Ära Stumm ohne Zweifel einsetzen würde, müsste zu einer Abkürzung und Vereinfachung der Klassenkämpfe führen. Sie würde eine Masse von Illusionen zerstören, die heute no die wirkliche Lage der Dinge für breite Schichten der Bevölkerung verschleiern, und das alte historische Gesetz, dass mit dem Drucke der Bourgeoisie in verstärktem Umfange der Gegendruck des Proletariats wächst, würde sich von Neuem bestätigen.

Inzwischen – das ist noch Zukunftsmusik, und einstweilen hat erst der Kampf zwischen Krone und Junkertum begonnen. Es ist unwahrscheinlich, dass er sich schnell abwickelt, und er kann noch zu sehr überraschenden Wechselfällen führen. Immer aber wird er sich als eine aufräumende, und je länger je mehr aufräumende Vorarbeit erweisen, der wir nur den gedeihlichsten Fortgang wünschen können, Eine hübsche Masse von ehrwürdigem Krimskrams, der das klassenbewusste Proletariat zwar längst nicht mehr, aber doch andere Schichten der Arbeiterklasse, die noch nicht zum Klassenbewusstsein erwacht sind, allzu sehr blendet, wird dabei in Scherben gehen. Manch ein Augenblick wird in diesem Kampfe kommen, in dem die Kämpfenden mit Entsetzen erkennen werden, wen sie zum lachenden Dritten haben. Dann werden sie krampfhaft nach den Mitteln und Möglichkeiten eines faulen Friedens suchen, um ihn trotz allem angstvollen Suchen nicht zu finden. Denn gegen den ökonomischen Bankrott des Krautjunkertums ist kein Kraut gewachsen, und die moderne bürgerliche Gesellschaft samt ihrem politischer Apparat wird sich hüten, mit ihm in den Abgrund zu setzen. Es wäre auch eine unbillige Zumutung, denn indem sie die letzten feudalen Reste ausstößt, tritt sie erst in die Mittagshöhe ihres historischen Daseins.

Freilich fallen auf diesen Mittag schon die Schatten der Nacht, und der feudale Junker kann mit dem süßen Trost ins Grab steigen, dass der moderne Bourgeois ihm bald folgen wird, Je länger der feudale Junker die deutsche Nation geknechtet hat, um so kürzer wird der moderne Bourgeois sie knechten: das ist die ausgleichende Gerechtigkeit der Geschichte.


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