[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 2, 22. Januar 1896, S. 9 f.]
Die organisierten Schneider und Näherinnen Deutschlands haben die zum Besten der Konfektionsarbeiterschaft bereits im vorigen Jahre eingeleitete Bewegung einen weiteren, entscheidenden Schritt vorwärts geführt. Gemäß der Anregungen und Beschlüsse der Berliner Konferenz vom 13. Januar und der Erfurter Konferenz vom 24, und 25. November 1895 fanden am letzten Montag in fast allen Mittelpunkten der Konfektionsindustrie große öffentliche Versammlungen statt, in welchen die Arbeiter und Arbeiterinnen der Branche die Errichtung von Betriebswerkstätten und die Einführung fester Lohntarife forderten. Die Forderungen kommen dem Unternehmertum nicht überraschend, die gewerkschaftliche Aktion bedeutet ihm keine Überrumpelung. Bereits im Januar vorigen Jahres erklärten die Vertreter der Konfektionsarbeiterschaft die Errichtung von Betriebswerkstätten für eine dringend nötige Reform, und die Massenversammlungen vom 6. Mai pflichteten durchaus dieser Ansicht bei, ließen den Konfektionären ihre diesbezügliche Forderung zur Kenntnis bringen und setzten den 1. Februar 1896 als Termin für die Einführung der Neuerung fest. Was aber das Verlangen nach höheren Löhnen und festen Lohntarifen anbetrifft, so ist es seit Jahren nie verstummt, hier und da, nun und jetzt wieder und wieder formuliert worden.
In brennender Dringlichkeit wachsen die erhobenen beiden Forderungen aus den Arbeitsbedingungen der Konfektionsarbeiterschaft hervor; aus Arbeitsbedingungen, welche mit eisernem Druck die Lebenshaltung vieler Zehntausende auf einem denkbar niedrigen, kulturunwürdigen Niveau festklammern. Und dies während einer handvoll Konfektionäre millionenreicher Gewinn zufällt, eine mehr als auskömmliche Existenz anderen ihresgleichen, mitsamt einer Anzahl besonders geriebener Zwischenmeister, Welches denn sind die vorstehendsten Züge dieser Arbeitsbedingungen?
Löhne, die an der Hungergrenze hin- und herpendeln und sehr oft unter dieselbe sinken. Ein nicht bloß kärglicher, sondern im höchsten Grade unsicherer und unregelmäßiger Verdienst, der ausbleibt und schwankt je nach der Saison, den Marktverhältnissen und dem willkürlichen Belieben der Konfektionäre und Zwischenmeister. Ein anhaltendes sinken der Löhne, ganz besonders in Folge der unheilvollen Rolle, welche der Schwitzer als Werkzeug der Ausbeutung und Ausbeuter spielt. Ungemessen lange und ungeregelte Arbeitsdauer, ohne feste Abgrenzung der Zeit für Essen, schlafen, Erholung und Erfüllung der Aufgaben gegenüber Familie, Klasse, Gesellschaft. Eine Beschlagnahme der Nachtstunden, der Sonn- und Feiertage während der Saison, ein fast oder ganz vollständiges Feiern während der Flaue. Als Zugabe zu diesen Herrlichkeiten kapitalistischer Ordnung aber die Fron in Räumlichkeiten, die in der Regel gleichzeitig Werkstatt, Wohnung, Schlafzimmer, Küche, Waschhaus sind, eventuell auch Kranken-, Geburts- und Sterbezimmer; die Fron unter Verhältnissen, welche allen Anforderungen der Hygiene Hohn sprechen, direkte Ursache oder fruchtbarer Nährboden körperlicher Leiden sind, welche Gesundheit und Lebenskraft vorzeitig brechen. Es mangelt der dürftige gesetzliche Schutz gegen übermäßige Ausbeutung, es mangelt die geringfügige staatliche Hilfe im Falle von Krankheit, Alter, Unglücksfall, Schutz und Hilfe, auf die das Fabrikproletariat rechtlichen Anspruch hat. statt deren für die Konfektionsarbeiter – dafern sie Heimarbeiter sind – der Zwang, einen Teil der Betriebskosten aus dem eigenen schmalen Beutel zu decken.
Auf Erwerbsverhältnissen jämmerlichster Art baut sich für die Arbeiter und Arbeiterinnen der Konfektion eine Existenz jämmerlichster Art auf. Tagtäglich schreibt die äußerste, Leib und Leben schädigende Dürftigkeit den Küchenzettel, stets hockt die graue Sorge gespenstig am häuslichen Herde, sehr oft tritt der Hunger über die Schwelle des armseligen Heims. Die Erwerbsarbeit saugt jede Minute Zeit, jedes Tröpfchen Kraft auf, verwandelt Menschen, fühlende, denkende, sich sehnende Menschen in Arbeitsmaschinen, regelt warmes menschliches Leben nach der Nadel Stich. Wochenlang kein ordentliches Ausspannen und gründliches Ausruhen, keine Möglichkeit, frischen Geistes und fröhlichen Herzens den seinigen zu leben, den Freunden, den sozialen Pflichten, sich selbst; keine Möglichkeit zu bescheidener Erholung, zur Befriedigung des vielleicht heiß empor quellenden Bildungsdranges. Und das vereinzelte Schaffen, ohne stete Berührung und innige Fühlung mit größeren Gruppen von Arbeits- und Leidensgenossen lässt das Elend als individuell lastendes Verhängnis auffassen, hindert die Erkenntnis der wirtschaftlichen Wurzeln der Not, die Erkenntnis der Klassenlage und des Klasseninteresses, hemmt die Entwicklung des sittlich erneuernden und stärkenden Solidaritätsgefühls, das Bewusstsein von der unabwendbaren Notwendigkeit des Klassenkampfes. stumme, dumpfe verzweifelnde Resignation herrscht noch in breiten Kreisen der Konfektionsarbeiterschaft, während andere proletarische Schichten mächtig von neuen Menschheitshoffnungen bewegt sind, die sich zum bewussten Kampfe für klar erkannte Ziele, für ein volles Kulturleben verdichtet. Noch verzehren sich hier viele Einzelne in fruchtlosen Versuchen, im Kampfe gegen sich selbst durch doppeltes Darben und Entsagen, durch übermenschliches Rackern von Tag zu Tag das Elend niederzuringen, noch bürden sie sich dadurch in törichter Verblendung schwerere Lasten auf, während dort seit langem die Brüder und Schwestern aufgeklärt und organisiert im Kampfe gegen die Ausbeutung und ihrem Staat Linderung der Not in der Gegenwart, Befreiung in der Zukunft erstreben.
Offensichtlich arbeiten die Verhältnisse darauf hin, die Konfektionsarbeiter der körperlichen Degeneration zu überliefern, dem geistigen Verkümmern, dem sittlichen Verfall. Am unzweideutigsten tritt diese Tendenz an den Angehörigen der Branche in Erscheinung, welche am widerstandsunfähigsten sind, am gewissenlosesten ausgebeutet werden: an den Arbeiterinnen. Wer kennt sie nicht, die trostlosen weiblichen Gestalten, die vor der Zeit dahinwelkend, noch ehe sie zu kraftstrotzender Jugend erblüht, engbrüstig, mit tiefliegenden Augen, rot umränderten Lidern, fahlen, hohlen Wangen, den großen Packen Arbeit auf dem Arm durch die Straßen der Großstadt eilen? Und welcher Sozialpolitiker leugnet heutzutage noch die Tatsache, dass gerade viele Hunderte von Konfektionsarbeiterinnen durch die Not gezwungen in der Prostitution einen ständigen Nebenerwerb oder einen zeitweiligen Haupterwerb suchen? Wie sagt doch der Regierungsbeamte von Posen in den 1887 von den Bundesregierungen dem Reichstag vorgelegten Ermittlungen über die Lage der Wäsche- und Konfektionsarbeiterinnen?
„Die Wohnungsverhältnisse sind je nach den Nebeneinkünften von der Prostitution besser oder schlechter. … Bei Arbeiterinnen bildet, solange sie sich nicht der Prostitution ergeben haben, die Kartoffel das hauptsächlichste Nahrungsmittel.“ Und aus allen übrigen Erhebungsbezirken wird mehr oder weniger offenherzig oder geheimrätlich verklausuliert das Gleiche berichtet.
Wahrlich, das Elend der Konfektionsarbeiterschaft kann dreist und ohne das es sich auf die Zehenspitzen zu stellen braucht, neben das sprichwörtlich gewordene Weberelend treten. Was dort die übermächtige Konkurrenz der Maschine und des Großbetriebs bewirft, das zeitigt hier die durch die Heimarbeit ermöglichte schrankenlose, gesetzlich nicht eingedämmte Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, zumal der billigen weiblichen und jugendlichen Arbeitskraft; die durch die Heimarbeit ermöglichte Schmutzkonkurrenz rückständigere Bevölkerungsschichten; die mit der Heimarbeit stehende und fallende Funktion des Schwitzers.
Nicht erst seit gestern und ehegestern fordert das Proletariat zum Nutz und Frommen der Konfektionsarbeiterschaft – wie der Heimarbeit überhaupt – die Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen und der Fabrikinspektion auf die Hausindustrie. So lange jedoch die politische Situation im Zeichen des „Scharfmachens gegen den Umsturz“ steht, ist auf eine Verwirklichung seiner diesbezüglichen Forderung nicht zu rechnen, wenngleich Tatsachen über Tatsachen ihre Dringlichkeit erhärten, das Beispiel Englands ihre Durchführbarkeit erweist. Was die politische Aktion des Proletariats unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zu erringen vermag, das soll der Konfektionsarbeiterschaft der gewerkschaftliche Kampf bringen: ein etwas weniger an kapitalistischer Ausbeutungsfreiheit, ein etwas mehr an Lohn, Zeit, Kraft, Gesundheit, an Bildungs- und Kampfesmöglichkeit, an freiem Menschentum.
Die gesamte Gesellschaft ist an dem siegreichen Ausgange der eingeleiteten Bewegung interessiert. Auch ihr kommt es zugute, wenn Zustände gemildert werden, die eine bittere Verhöhnung der zeitgenössischen Kultur bedeuten, wenn eine große Schicht des werktätigen Volks dem traurigsten Vegetieren entrissen und hinauf gehoben wird zu höherer Lebenshaltung und freierer Kräfteentfaltung. Aber nur ideologische Wolkenwandelei kann wähnen, die kapitalistische Gesellschaft werde über dieser Erwägung auch nur einen Augenblick ihren „heiligen Goldhunger“ vergessen. sie lebt, webt und wird sterben mit dem Motto: „Nach mir die Sintflut“, und als einsame Eigenbrötler werden die sich müde predigen, welche an die Einsicht dieser Gesellschaft appellieren, um die schauerlichen Zustände in der Konfektionsindustrie zu bessern. Auf tatkräftige Unterstützung ihrer Forderungen kann die Konfektionsarbeiterschaft nur rechnet von Seiten ihrer Klassengenossen. Das Proletariat hat ein Lebensinteresse, das Interesse an künftigen Siegen daran, das alle seine Glieder körperlich, geistig, sittlich gesund kämpfend in Reih und Glied stehen. Es kann nicht mit in den Schoß gelegten Händen zuschauen, das das Elend eine breite Schicht seiner Angehörigen aus einer treibenden Kraft des Klassenkampfs in ein Hindernis desselben verwandelt. soweit Proletarier und Proletarierinnen die geschichtliche Aufgabe ihrer Klasse erkennen, müssen sie tatkräftig Hand anlegen zur Unterstützung ihrer kämpfenden Brüder und Schwestern. Ans Werk!
Schreibe einen Kommentar