[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 17, 14. August 1901, S. 129 f.]
Für Brot, Bildung und Freiheit drängt sich in diesen Tagen den arbeitenden Massen Deutschlands ein heißer Kampf auf, bei dem die proletarischen Frauen energievoll und begeistert in den ersten Reihen fechten müssen.
Die längst drohende Gefahr von Wucherzöllen auf Brot und anderen unentbehrlichen Lebensmitteln hat feste Gestalt gewonnen. Wissende plauderten aus der Schule. Sie enthüllten durch Angaben über einzelne geplante Zollerhöhungen, dass die Regierung Willens ist, die Interessen der millionenköpfigen arbeitenden Bevölkerung der Nimmersatten Gefräßigkeit einer Handvoll Junker zu opfern. Die Regierung hat in der Folge – der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb – im „Reichsanzeiger“ den Entwurf eines Zolltarifgesetzes nebst dem dazu gehörigen Tarif veröffentlicht.
Bestätigt sind nun die allerschwärzesten Befürchtungen, welche betreffs einer künstlichen Verteuerung der Lebensmittel und einer schweren Störung des nationalen Wirtschaftslebens in den letzten Monaten die Massen durchzittert haben. Nicht nur Brot, Mehl und aus Mehl hergestellte Nahrungsmittel sollen durch eine gemeingefährliche Erhöhung der Zölle noch weiter verteuert werden. Die Regierung will vielmehr, dass fortan bedeutend gesteigerte Zollsätze auch die Preise für Vieh, Fleisch, Grieß, Graupen, Hülsenfrüchte, getrocknetes Gemüse, frisches und trockenes Obst, Eier, geschlachtetes Federvieh, Hopfen, Petroleum etc. zu unerschwinglicher Höhe emportreiben. Ebenso sollen viele Industriezölle wesentlich erhöht werden.
Teuerungspreise, Hungerpreise für die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse grinsen der Proletarierin aus allen Bestimmungen des Entwurfes entgegen. Und neben ihnen lauert noch eine andere, fürchterliche Plage. Die der Zollkriege mit den Staaten, deren Einfuhr nach Deutschland unter den Wucherzöllen leiden müsste. Zollkriege oder auch nur beträchtlich erschwerte und gestörte wirtschaftliche Beziehungen mit anderen Ländern schlagen aber dem Wirtschaftsleben des deutschen Volkes, zumal aber der deutschen Arbeiterklasse, die tiefsten, brennendsten Wunden. Kein Absatz mehr oder nur geringer Absatz von deutschen Waren nach dem Ausland, und es stockt Handel und Wandel im Reiche. Die Arbeitsgelegenheit wird seltener, es sinken die Löhne, Tausende und Zehntausende von Lohnsklaven fliegen beschäftigungslos, brotlos aufs Pflaster. Werden die Zölle erhöht, so brausen also von zwei Seiten her Riesenwogen von Sorgen und Nöten der schlimmsten Art über die deutsche Arbeiterklasse herein.
Teuerungspreise und Flaue [Flaute?], d.h. geringeres Einkommen, vielleicht gar kein Einkommen, und der Masse der frondenden Habenichtse wird im buchstäblichsten Sinne des Wortes das Stück Brot vom Munde gerissen, sie wird dem Hunger preisgegeben, es steigen ihre Entbehrungen, es wächst ihre Pein. Und was bedeutet das anders, als eine Einbuße an Lebensfreude, Gesundheit und Lebenskraft für Die, denen dies alles ohnehin recht spärlich zufällt!
Das Brot bedroht und mit ihm die Bildung bedroht, die Freiheit bedroht! In der Tat: jeder Pfennig mehr, den die Männer und Frauen der Arbeit für des Leibes Nahrung und Notdurft ausgeben müssen, mindert den schmalen Betrag, den sie für Bildungszwecke aufwenden können. Die steigende Last an Sorgen, Entbehrungen und Hunger drückt die Frische und Empfänglichkeit des Geistes herab, lähmt die Kraft des Willens. Matt und kraftlos lässt das drängende Begehren nach Aufklärung und Wissen, nach höherer Kultur und Freiheit die Flügel hängen. Bildung und Freiheit gefährdet, nicht bloß durch die unvermeidlichen wirtschaftlichen Ergebnisse der Wucherzölle, sondern auch durch ihre politischen Folgen! Die Teuerungspreise stärken mit der Mammonsgewalt auch die politische Macht des Junkertums. Das Junkertum hasst aber Bildung und Freiheit des arbeitenden Volkes gleich Todsünden. Entreißen sie doch die robotenden Massen der Ausbeutung der blaublütigen Sippe. Kein Zweifel deshalb; diese wird ihre gekräftigte politische Herrenstellung brauchen und missbrauchen, um auf allen Gebieten Bildung und Freiheit Derer zu beschneiden, die ihr zins- und tributpflichtig bleiben sollen.
Brot, Bildung, Freiheit in Gefahr – Güter, welche die ausbeutenden und herrschenden Klassen so wie so schon den Ausgebeuteten und Unterdrückten recht kärglich zumessen –, dieser Ruf müsste auch die letzte Arbeiterin, die letzte Arbeiterfrau in die Reihen der Kämpfer wider die Wucherzölle treiben.
Wen drückt die Sorge um das tägliche Brot schwerer, als die Lohnsklavin, die von dem profithungrigen Unternehmer für ihr Mühen mit Bettelpfennigen abgefunden wird; als die proletarische Hausmutter, die mit winzigem Wirtschaftsgelde zahlreichen Essern den Tisch bestellen muss. Schon jetzt kann sich die Eine kaum satt essen, auch wenn sie tagaus tagein in Zichorienbrühe „schlemmt“ und bei Kartoffeln und Hering „prasst“. Schon jetzt kann die Andere kaum die nötigen Rücklagen für Wohnung, Kleidung, Schuhwerk, Steuern etc. ermöglichen, auch wenn sie mit der raffiniertesten „Sparsamkeit“ die dürftigsten Gerichte auftischt.
Und sind in unseren Zeiten nicht auch im Innern der Arbeiterin, der Arbeiterfrau Stimmen lebendig geworden, die sehnsüchtig, eindringlich nach Aufklärung und Geisteslicht, nach höherer, voller Entwicklung der Persönlichkeit, nach Freiheit verlangen! Die denkende Proletarierin will aus einer sozial Unmündigen zur gleichberechtigten Gesellschaftsbürgerin werden, aus einer ausgesaugten und geknechteten Lohnsklavin zur freien Arbeiterin in einem Gemeinwesen, von freien, gleichberechtigten Arbeitern. Sie weiß, dass sie Bildung und Freiheit bedarf, um in der einen und anderen Beziehung ihre Gleichberechtigung zu erkämpfen. Und fordert nicht das Mutterherz stürmisch, dass den Kindern an Bildung, Freiheit, Gleichberechtigung zuteil werden soll, was der Frau heute versagt bleibt!
Kein Wunder deshalb, dass neben dem Proletarier die proletarische Frau in dem Kampfe gegen die Wucherzölle, gegen die Wucherpolitik erscheint. Sie hat in dem Kampfe nicht bloß ihre wichtigsten materiellen und ideellen Tagesinteressen zu schützen. Sie muss vielmehr ihre gesamten Klasseninteressen gegen die ausbeutenden Klassen und ihren Staat verteidigen. Denn wie liegen die Dinge? In der gleichen Zeit, wo der deutsche Kapitalistenstaat sich anschickt, den Hunger der Arbeiterklasse den Krautjunkern zur Ausplünderung zu überliefern, ist er am Werke, durch Stillstand und Rückwärts auf dem Gebiete der Sozialreform, durch Meuchelung der wirtschaftlichen und politischen Bewegungs- und Kampfesfreiheit des Proletariats die proletarische Arbeitskraft den Schlotjunkern zur schrankenlosen Ausbeutung zu überantworten. Wucherpolitik und Arbeitertrutzpolitik gehen einträchtig Hand in Hand als legitime Kinder der Klassenherrschaft der Besitzenden über die Besitzlosen. Keine Täuschung deshalb darüber, dass in dem Kampfe gegen die Wucherpolitik der junkerfrommen Regierung die Männer und Frauen des werktätigen Volkes nur auf sich selbst zählen dürfen und auf ihre eigene Partei: die Sozialdemokratie. Der Kampf für Brot, Bildung und Freiheit trifft über den Tagesfrevel der Wucherzölle hinaus die Gesellschaftsordnung der frevelhaften Auswucherung der proletarischen Arbeitskraft. Je inbrünstiger die Proletarierin das Ende dieser Gesellschaftsordnung herbeisehnt, mit um so leidenschaftlicherem Eifer muss sie auch im entbrannten Streite ihre volle Schuldigkeit tun.
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