August Bebel: Deutschland

[Nr. 1038, Korrespondenz, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, I. Jahrgang, Nr. 6, 27. September 1889, S. 8]

Berlin, 3. September. Die Arbeiterausstände dieses Frühjahres und Sommers haben unsere Kartellpresse ganz aus der Fassung gebracht. Seit Wochen leitartikeln sie Tag für Tag, in welcher Weise dem Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter am besten und bequemsten der Hals umgedreht werden könne. Wie Herr v. Puttkamer seligen Angedenkens hinter jeder Arbeitseinstellung die „Hydra der Revolution“ erblickte und seinen Untergebenen riet, mit der Schärfe des Sozialistengesetzes drein zu fahren, so brüllt jetzt die ganze Bourgeoispresse im Chorus, dass soziale Ordnung, Eigentum und Vaterland in Gefahr seien, könnten die Arbeiter so weiter sich bewegen wie bisher. Die schon früher so oft erörterte Frage der Bestrafung des Kontraktbruches wird wieder ausgegraben und mit einem Scharfsinn, der würdig einer besseren Sache wäre, nach allen Seiten beleuchtet.

Das Geschrei unserer Presse hört sich sehr gefährlich an, dessen ungeachtet glauben wir nicht, dass die Suppe so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Der „Kontraktbruch“, den z. B. nach der Versicherung unserer ostelbischen Junker ihre ländlichen Arbeiter jedes Frühjahr in Massen aufs Neue verüben, indem sie in Scharen nach dem Westen wandern, wo höhere Löhne und bessere Behandlung ihnen winkt, kommt unseren westelbischen Grundherren sehr zustatten, und sie hüten sich Gesetzesmaßregeln ihre Zustimmung zu geben, die ihnen selbst ins Fleisch schneiden. Stellen die Arbeiter an einem Ort die Arbeit ein, so haben die konkurrierenden Bourgeois aller anderen Orte einen bald mehr bald weniger großen Vorteil daran.

Dieser Interessengegensatz innerhalb der Bourgeoisie selbst ist also bis zu einem gewissen Grade ein Sicherheitsventil für die Arbeiter. Allerdings sind auch noch andere Gründe vorhanden, welche die Bestrafung des Kontraktbruches erschweren. Es ist doch ein Ding der Unmöglichkeit. Tausende, die plötzlich die Arbeit einstellen, allesamt mit Gefängnis zu bestrafen. Auch hat man mit dem sehr lebhaft gewordenen Klassenbewusstsein der Arbeiter zu rechnen, das bei den bevorstehenden Wahlen recht unbequem werden könnte. Sicher wird die nächste Reichstagssession solche Ausnahmegesetze noch nicht reifen, dagegen dürfte eher die Zeit herangekommen sein, wenn die nächsten Wahlen vorüber sind und der dann auf 5 Jahre gewählte Reichstag ohne Scheu vor dem Misstrauensvotum der Wähler sich an die Arbeit machen kann. Hier gilt’s also die Augen aufzuhalten. Immerhin gibt es gegen Kontraktbruchsgesetze ein sehr probates Mittel. Die Arbeiter lassen sich auf Kündigungsfristen überhaupt nicht mehr ein, wie dieses die Unternehmer tatsächlich für sich vielfach schon abgeschafft haben.

Man braucht gar keine Sorge zu haben, dass klassenbewusste Arbeiter allen Hindernissen zu trotzen wissen werden und ihnen auf die Dauer kein Gesetz die Eroberung ihrer Rechte unmöglich machen kann. Das zeigt die Geschichte des Sozialistengesetzes in Deutschland.

Augenblicklich ist großes Wehklagen in der bürgerlichen und offiziösen Presse über das Schicksal der Klassengenossen unserer Bourgeoisie in London, die dort der „Tyrannei“ der Dockarbeiter ausgesetzt sind. Man schimpft auf die englische Regierung und auf die englische Polizei, die diesen „Terrorismus“ zulässt, ohne mit Flinte und Säbel dazwischen zu fahren und prophezeit dem bürgerlichen England den baldigen Untergang.

Man lebt hier des naiven Glaubens, diese Heulmeierei werde die Engländer stutzig machen und sie würden sich zur Höhe der Anschauung preußisch-deutscher Staatsweisheit erheben und recht bald zu einem Ausnahmegesetz greifen.

Das wäre für unsere leitenden Klassen ein gefundenes Fressen; sie sind in Verzweiflung, wie sie die Verlängerung des Sozialistengesetzes vor dem nächsten Reichstag rechtfertigen sollen, und da müssen die Motive für die furchtbare Gefahr, welche der Gesellschaft ohne das Sozialistengesetz drohe aus – dem Auslande bezogen werden. Leider ist auch in England kein Boden für deutsche Hetz- und Lockspitzel, wie dieser in der Schweiz und in Belgien so leicht zu finden war, und außerdem dürfte man in England gegebenen Falles die Natur von Kuckuckseiern leichter erkennen, als in den genannten beiden Ländern und nicht geneigt sein in gelegte Fallen zu gehen. So wird sich also unsere bürgerliche und offiziöse Presse vergebens die Kehle nach Gewaltmaßregeln in England heiser schreien. Für die Naturgeschichte unserer Bourgeoisie ist aber der Fall wieder kennzeichnend. Es bleibt dabei: die feigste, erbärmlichste und charakterloseste Bourgeoisie besitzt Deutschland. (Unser Korrespondent hat nie in Österreich gelebt! Anmerkung der Redaktion.)


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